das Wort „Schwed“ auf irgendeine Weise zu Ohren gekommen war, aber
ohne daß sie wußten, was es bedeutete. Es wurde jedoch durch das
Wort „Peling“ verdeutlicht, welches Europäer heißt und wohl von dem
persischen „Fereng“ oder „Ferengi“ ins Tibetische übergegangen sein mag.
[Illustration: 250. Ein junger tibetischer Hirt. (S. 199.)]
[Illustration: 251. Älterer Tibeter. (S. 199.)]
[Illustration: 252. Eine Gruppe Tibeter. (S. 199.)]
[Illustration: 253. Der Lama im Gespräch mit Tibetern. (S. 210.)]
[Illustration: 254. Die tibetischen Reiter. (S. 212.)]
Ich konnte mit dem besten Willen nicht die Überzeugung gewinnen, daß
der Lama ein Verräter sei. Ich konnte es weder damals noch später.
Der kleine Schein von Verdacht, der einen Augenblick auf ihn fiel,
verschwand bald, und ich ließ ihn nie auch nur mit einem Worte
ahnen, daß von solchem Verdacht überhaupt die Rede gewesen war.
Vielleicht bewies er mir dafür während der langen Reise bis Astrachan
eine Anhänglichkeit und Treue, die danach strebte, einen Augenblick der
Schwäche abzubüßen und die Erinnerung an eine Feigheit auszulöschen,
die mich bloßgestellt hatte, ihm aber einen Rückzug sicherte?
+Eine+ Sache sprach durchaus zu seinen Gunsten, und das war, daß es
ebensosehr in seinem eigenen wie in unserem Interesse lag, die Kette
von Wachtposten und Spähern, die alle von Norden nach Lhasa führenden
Wege bewachte, ~incognito~ zu durchbrechen. Denn wurden wir entdeckt
und festgenommen, so war seine Lage viel schlimmer als die unserige.
Hielt ich es für geraten, die Maske zu lüften und mich als Europäer zu
erkennen zu geben, so würde keiner es wagen, mich auch nur anzurühren,
aber der Lama, der wissentlich einen verkleideten Europäer begleitet
hatte, würde hierfür zur Verantwortung gezogen und vielleicht zu Tode
gemartert werden. Daher glaube ich nicht, daß er uns den Tibetern
preisgegeben hat.
Daß man uns vor dem Abend des 5. August schon erwartete, ist höchst
wahrscheinlich. Bei einem Zelte hatte ein Mann gefragt, ob wir
unterwegs Europäer gesehen hätten, und einer von den Leuten der
Teekarawane hatte mich ja einfach „Peling“ genannt.
Die Stunden vergingen, und meine Nachtwache schrumpfte zu kurzer Zeit
zusammen. Ich freute mich wirklich, daß ich einen Ruhetag vor mir
hatte und daß unsere unsichere Lage jetzt ein Ende nehmen würde. Daß
uns etwas bevorstand, war klar; aber was? Wenn je, so waren wir jetzt
mitten in einem Abenteuer, und jetzt sollten wir unser Urteil hören.
Da wir auf allen Seiten so viele Nachbarn hatten, meinten wir, uns
einigermaßen gegen einen Überfall gesichert fühlen zu können, aber --
keiner konnte wissen, was das für Leute waren, und einstweilen war es
noch das Klügste, die Augen offenzuhalten. Die Tiere blieben daher
festgebunden, und der Wachtdienst wurde gewissenhaft verrichtet.
Die ganze Nacht bellten die Hunde in den Nomadenlagern ringsumher. Der
Lama glaubte, daß die Nomaden von Zelt zu Zelt gingen, von uns und
unserer Ankunft sprachen und sich auf etwas vorbereiteten. An mehreren
Stellen sah man Feuer durch das nächtliche Dunkel lodern.
Siebzehntes Kapitel.
In Gefangenschaft der Tibeter.
Am 6. August sollte sich unser Schicksal entscheiden. Schon gleich nach
Sonnenaufgang besuchten uns drei Tibeter, aber andere als die gestrigen
Inquisitoren. In gebührender Entfernung banden sie ihre Pferde, indem
sie ihnen mit einem Stricke die Vorderbeine zusammenschnürten, nahmen
dann am Feuer Platz und stopften ihre Pfeifen mit hellem, trockenem,
feinkörnigem Tabak von wenig aromatischem Duft. Ihr eigentliches
Anliegen schien Untersuchung meiner Augen zu sein, denn sobald ich
mich zwischen zweien von ihnen niedergelassen hatte, baten sie mich,
meine schwarze Brille abzunehmen. Nun hatten sie wohl gedacht, daß alle
Europäer blond sein und blaue Augen haben müßten, denn sie konnten
ihre Verwunderung darüber, daß meine Augen ebenso rabenschwarz waren
wie ihre eigenen, nicht unterdrücken. Sie waren sichtlich „betroffen“,
nickten mir freundlich zu und sprachen schnell und eifrig miteinander.
Ihre Bitte, unser Arsenal sehen zu dürfen, wurde mit dem größten
Vergnügen bewilligt, da unsere Waffen ihnen ohne Zweifel imponieren
würden. Schagdur beschrieb sein Magazingewehr, und ich den
Offizierrevolver. Als wir ihnen zeigten, wie die Patronen eingeschoben
wurden, schüttelten sie den Kopf und baten uns, unsere Mordwaffen
wegzulegen.
Bald darauf hielten sie es für das Sicherste, sich zurückzuziehen.
Doch teilten sie uns vorher noch mit, daß es von hier bis Lhasa eine
Reise von drei Monaten sei, -- um uns gründlich vom Weiterziehen
abzuschrecken, möglicherweise aber auch in der Hoffnung, daß wir
dadurch bewogen würden, freiwillig umzukehren. Ich bat den Lama, ihnen
zu sagen, daß es uns nicht eingefallen sei, uns darüber Auskunft zu
erbitten, da wir im Lande reichlich so gut Bescheid wüßten wie nur
einer von ihnen (Abb. 253). Sie gingen langsam, vorsichtig und --
rückwärts zu ihren Pferden und führten diese, bis sie sich außer
Schußweite glaubten; anscheinend waren sie der Meinung, daß wir unsere
Flinten an ihnen erproben würden.
Dann wurden wir eine halbe Stunde in Ruhe gelassen. Hierauf erschienen
vier Männer, die sich unserem Zelte zu Fuß näherten. Drei von ihnen
hatten langes schwarzes Haar, sahen schmutzig aus und waren mit
Säbeln und Pfeifen versehen, der vierte aber war ein hochgewachsener,
kurzgeschorener, grauhaariger Lama in rotem Gewande mit gelber Mütze.
Er machte den Eindruck eines wackeren Mannes; eines solchen bedurften
wir gerade unter den jetzigen mißlichen Verhältnissen zur Verhandlung.
Er musterte mich durchaus nicht mit indiskreten Blicken und erlaubte
sich keine dreisten Fragen. Das einzige, was er wissen wollte, war die
Stärke unseres Hauptquartiers, und darüber wurde ohne Umschweif Bericht
erstattet.
Der alte Mann, der ein erfahrenes, respektables Aussehen hatte,
erklärte mit verblüffender Sicherheit:
„Ihr müßt drei oder höchstens fünf Tage hierbleiben. Heute früh haben
wir Kuriere an den Gouverneur von Nakktschu geschickt und angefragt,
ob ihr weiterreisen dürft oder nicht. Als Antwort auf unser Schreiben
trifft entweder ein Brief mit Verhaltungsbefehlen ein oder Kamba Bombo,
der Gouverneur, kommt selbst, und bis dahin seid ihr in jedem Falle
unsere Gefangenen. Es würde uns das Leben kosten, wenn wir euch hier
durchließen und es sich nachher herausstellte, daß ihr Leute seid,
die zu der Reise nach Lhasa nicht berechtigt sind. Der Gouverneur von
Nakktschu ist unser nächster Vorgesetzter, dem wir zu gehorchen haben,
und wir müssen seine Befehle einholen.“
Mein Vorschlag, durch einen besonderen Kurier in Lhasa anfragen zu
lassen, wurde verworfen, da es einen Monat dauern könne, bis die
Antwort käme. Ebensowenig Lust hatten sie, auf meinen Vorschlag, daß
wir selbst nach Nakktschu reiten könnten, einzugehen. Wahrscheinlich
sagten sie sich, daß wir, einmal in Freiheit, Nakktschu vermeiden und
nach Lhasa weiterreiten würden. Alle Unterhandlungen waren unnötig; sie
wußten, was ihnen zu tun oblag, und wir waren in ihrer Gewalt.
Daß wir zu der großen Karawane, die von Norden gekommen war, gehörten,
war ihnen klar, ebenso erkannten wir deutlich, daß sie damit bereits
vertraut waren und uns nur auf die Glaubwürdigkeit unserer Aussagen
prüfen wollten.
Inzwischen kaufte uns der Alte eine Teetasse ab und teilte uns mit, daß
uns alles, dessen wir bedürften, zur Verfügung gestellt werden würde.
Im Laufe des Gesprächs erwähnte der Greis seinen Rang als Lama, was
unserem guten Schereb Lama sichtlich außerordentlich imponierte,
denn er erhob sich, drückte seine Handflächen gegeneinander und
berührte die Stirn des Alten mit der seinen. Von beiden Seiten
wurden die gebräuchlichen Höflichkeitsbezeigungen beobachtet und mit
Versicherungen von Freundschaft und Achtung nicht gegeizt. Nach einer
Weile entfernten sich auch diese Gäste.
Jetzt glaubten wir, daß man uns für heute in Frieden lassen werde;
doch schon nach ein paar Minuten ereignete sich etwas, das uns mit der
größten Unruhe erfüllte. Von allen Seiten versammelten sich bei dem
kleinen Zeltlager, das einen Kilometer von dem unsrigen aufgeschlagen
war, kleine Gruppen von Reitern, die bis an die Zähne mit Spießen,
Lanzen, Säbeln und langen, schwarzen Gabelflinten bewaffnet waren (Abb.
254). Einige trugen hohe, weiße Filzhüte mit Krempen, andere dunkle
Binden, und alle waren sie in Mäntel gehüllt, die braun, rot, schwarz
oder grau waren. Sie sahen wie richtige Banditen aus, waren aber
entschieden Soldaten, die mobilgemacht wurden, um das südliche Tibet
gegen unseren drohenden Einfall zu verteidigen. Woher kamen sie, wie
hatten sie so schnell bereit sein können? Sie schienen wie Pilze aus
der Erde zu schießen; es wurde ganz schwarz um die Zelte herum, und wir
konnten eine Kavallerietruppe von 53 Mann zählen. Sie berieten sich
unter lebhaften Gesten, saßen ab, schlugen ein großes, weißes Zelt auf
und ließen sich in einzelnen Gruppen an den Feuern nieder, uns drei
arme Pilger schienen sie aber nicht weiter zu beachten.
Mit der größten Spannung beobachteten wir sie durch das Fernglas. Der
Lama war sehr niedergeschlagen und glaubte, man habe die Absicht, uns
umzubringen. Freilich kamen wir uns einer solchen Übermacht gegenüber
begreiflicherweise alle drei recht ohnmächtig vor, aber ich glaubte
doch, daß es, falls wirklich die Absicht uns zu töten vorlag, hierzu
nicht eines so großen Truppenaufwandes bedürfte und es sich überdies
auch viel besser durch einen nächtlichen Überfall bewerkstelligen ließe.
Der Tag war regnerisch und rauh, und manchmal verhüllten Nebel und
Regen die Aussicht. Wir wunderten uns und besprachen uns über die
Bedeutung der Maßnahmen der Tibeter. Wie als Antwort auf unsere
Fragen führten sie jetzt eine Bewegung aus, die nicht geeignet war,
uns zu beruhigen. Nachdem sieben Reiter in schnellem Trab nach Osten,
wahrscheinlich nach Nakktschu, und zwei nach der Seite von Lhasa
fortgeritten waren, sprengten die übrigen in dichtem Haufen über die
Ebene des Kesseltales gerade auf unser Zelt los. Einen Augenblick
sah ich unsere Lage wirklich für mehr als kritisch an. Wir hielten
daher unsere Waffen bereit und saßen oder standen am Eingange unseres
Zeltes. Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über dem Kopfe
und heulten wie die Wilden (Abb. 255); sie stürmten einher wie zu
einem Reiterangriff, die Hufe der Pferde klappten auf dem durchnäßten
Boden, und der Schmutz spritzte von der rasenden Bewegung nach allen
Seiten. Einige Männer schwangen ihre Säbel und schienen Kommandorufe
auszuteilen.
Die Schar war nicht mehr weit vom Zelt entfernt, als die Reiter ihre
Pferde herumwarfen, teils nach rechts, teils nach links, um in zwei
Gruppen nach dem Ausgangspunkt zurückzukehren. Dasselbe Manöver wurde
ein paarmal wiederholt, und einige kleinere Gruppen umkreisten unseren
Lagerplatz. Es lag entschieden die Absicht vor, uns gebührenden Respekt
einzujagen, was uns um so klarer wurde, als sie wieder absaßen und
mit ihren langen schwarzen Gabelflinten nach der Scheibe zu schießen
begannen.
Um 2 Uhr wurde uns noch eine Vorstellung gegeben. Die Tibeter saßen
wieder auf, wickelten sich in ihre Mäntel und ritten, während der
Regen in dicken Strahlen auf die Erde fiel, nach Nordwesten, d. h.
nach der Seite, von der sie gekommen waren. Jetzt wurde ich wirklich
unruhig und fürchtete, daß sie beabsichtigten, das Hauptquartier zu
überfallen, während wir von ihm abgeschnitten waren, und ich empfand
große Sehnsucht, zu den Unsrigen zurückzukehren.
Nachdem das Feld geräumt war und wir wenigstens in unserer
unmittelbaren Nähe wieder Ruhe hatten, tauchten zwei Nomaden auf, die
uns vom nächsten Zeltdorfe Fett und saure Milch brachten und erklärten,
daß ihr Häuptling ihnen verboten habe, sich dafür bezahlen zu lassen.
Als wir ihnen eine Porzellantasse schenken wollten, sagten sie, daß
sie das Geschenk ohne Erlaubnis des Häuptlings nicht annehmen könnten,
kamen aber später mit dem Bescheid wieder, daß ihm der Tausch recht sei.
Auf diese Weise sorgten unsere Nachbarn den ganzen Tag für unsere
Unterhaltung. Die letzten und ausdauerndsten waren jedoch vier Männer,
die uns gegen 3 Uhr besuchten. Einer von ihnen war ziemlich frech
und untersuchte alle umherliegenden Sachen. Dabei kam ein Kompaß zum
Vorschein, der bei ihm großes Interesse erregte. Er fragte, was das
sei, und erhielt eine genaue Beschreibung, wobei er sagte:
„Freilich, freilich, solche haben die Chinesen auch.“
Ein paarmal zeigte er auf mich und erklärte:
„Der da ist kein Burjate.“
Er war außergewöhnlich zudringlich und fragte, wie es komme, daß wir
diese kleine Seitenstraße eingeschlagen hätten, statt dem großen
Pilgerwege zu folgen.
„Wißt ihr nicht, daß es euch den Kopf kosten kann, daß ihr diesen Weg
gegangen seid? Alle, die auf diesem Wege nach Lhasa gehen, werden
hingerichtet.“
Der Lama versuchte die Situation zu retten, indem er erklärte, daß
wir die große Karawane vom Lop-nor an begleitet hätten und es unsere
Absicht sei, von hier nach Lhasa zu gehen. Der Mann erwiderte darauf,
daß nur der Gouverneur von Nakktschu die Erlaubnis dazu erteilen könne.
Im übrigen waren sie freundlich und ungezwungen und versprachen uns
morgen allerlei Lebensmittel zu schenken. Als wir diese lästigen
Spione gar nicht loswerden konnten, gingen wir ins Zelt und legten uns
schlafen. Aber nicht einmal das half. Der Himmel war wieder dunkel
und die Wolkendecke dichter geworden, und als wieder ein Platzregen
herabströmte, krochen sie alle vier in das Zelt, wo wir es selbst unter
gewöhnlichen Verhältnissen ziemlich eng hatten. Erst in der Dämmerung
gingen sie ihrer Wege.
Der Regen stürzte hernieder, mit Hagel und Schnee untermischt. Der
Boden war da, wo das Zelt stand, ein wenig abschüssig, und ein kleiner
Bach bildete sich zwischen den Zeltstangen längs der Filzdecke, auf der
ich lag. Wir mußten in die Nässe hinaus und Kanäle graben, um nicht
ganz überschwemmt zu werden.
Wir saßen dann noch bis 10 Uhr plaudernd und rauchend bei unseren
Holznäpfen mit saurer Milch. Ein kleines Talgflämmchen verbreitete
ein schwaches Licht in unserer ungemütlichen Wohnung. Eintönig schlug
der Regen auf das Zelttuch. Draußen war es so finster wie in einem
Sack, und die Hunde waren verdrießlich über das schlechte Regenwetter.
Infolge der Versicherungen des alten Lamas ließen wir unsere Tiere
diese Nacht ohne Aufsicht draußen umherlaufen. Ich sagte mir, daß
keiner Lust haben würde, uns der Möglichkeit zu berauben, das Land zu
verlassen; es lag ja in ihrem eigenen Interesse, uns möglichst schnell
loszuwerden. Doch als er uns angeboten hatte, vier Wächter vor unser
Zelt zu stellen, hatten wir uns für solche Auskundschafterei bedankt.
In weiterer Entfernung wurden wir jedoch von -- wie wir später hörten
-- 37 Wachtposten bewacht! Nachts sah man, besonders auf dem Wege nach
Lhasa, die Lagerfeuer derselben schwach durch den Regennebel leuchten.
Jetzt schliefen wir alle drei gleichzeitig, ohne uns um die Tiere oder
den Regen zu kümmern. Die Müdigkeit infolge des forcierten Rittes
machte sich geltend. Ich wurde bei Tagesanbruch durch das Stimmengewirr
der ersten heute zu Besuch kommenden Tibeter geweckt. Im Laufe des
Tages (7. August) kamen sie gruppenweise, so daß wir kaum eine halbe
Stunde allein sein konnten. Beständig tauchen neue Gesichter auf,
und selten kommt derselbe Mann zweimal. Es ist, als würde die Wache
beständig abgelöst. Nur der Dreiste von gestern machte uns auch heute
einen Besuch und schenkte uns einen Napf voll saurer Milch, einen Sack
voll trocknen, vortrefflichen Argols und einen Blasebalg, der uns
besonders nötig war.
Ein anderer Tibeter blieb volle drei Stunden bei uns, trank Tee und aß
Tsamba mit uns, rauchte und tat, als sei er hier zu Hause. Sein Gesicht
war von einem förmlichen Urwalde schwarzer, zottiger Haarsträhnen ohne
eine Spur von Ordnung umgeben. Die „Locken“, die die Augen verdecken,
sind gestutzt und tragen keineswegs zur Verschönerung des Ganzen
bei; ein Teil des Nackenhaares ist jedoch in einen Zopf geflochten.
Dieser ist unten mit einem mit Perlen oder gefärbten Steinen besetzten
Bande zusammengebunden und mit einem oder mehreren „Gavo“ oder
Götzenbilderfutteralen geschmückt. Beim Reiten wird der Zopf um den
Kopf oder Hut gewunden.
Dieser Mann, der nicht wieder gehen wollte, verriet uns zu deutlich,
daß er ein Spion war, der den Auftrag erhalten hatte, uns in der Nähe
zu beobachten. Er war aufrichtig genug, uns zu bitten, über Nacht
nicht durchzubrennen, da es ihm sonst das Leben kosten würde. Nach
Lhasa seien es noch fünf Tagereisen, sagte er. Doch gibt es dorthin
entschieden auch eine organisierte reitende Post mit Pferdewechsel,
denn wir machten später ausfindig, daß ein dorthin gesandter Eilbote
in zwei Tagen Antwort brachte, also einen Tag bis Lhasa und einen Tag
von Lhasa gebraucht hatte. Das Tal, in dem wir uns befanden, hieß
+Dschallokk+ und der uns im Westen zunächstliegende Berg +Bontsa+.
Als der lästige Gast uns endlich verlassen hatte, um nach seinem
Zeltdorfe zurückzukehren, begegnete er drei Reitern, die sich wohl eine
halbe Stunde mit ihm unterhielten. Sie fragten ihn sicher darüber aus,
was für Beobachtungen er habe machen können und was für Fragen wir an
ihn gerichtet hätten. Sie machten sich daher nicht mehr die Mühe, uns
ebenfalls zu besuchen, sondern kehrten wieder um, nachdem sie unsere
Maulesel und Pferde nach einem anderen Weideplatze getrieben hatten.
Frühmorgens konnten wir unsere Tiere nicht finden, aber vormittags
kamen sie wieder ins Lager, wahrscheinlich von irgendeinem entfernteren
Platze, wohin man sie für die Nacht gebracht hatte. Vermutlich sollte
uns dadurch, daß man die Tiere nachts von uns entfernt hielt, jegliche
Möglichkeit zum Entfliehen genommen werden.
Unter den heutigen Gästen war ein langhaariger Greis, dem die anderen
mit einer gewissen Achtung begegneten. Er redete viel und gern und
wurde mit der größten Aufmerksamkeit angehört. Der Lama fing einiges
von seinen zur Hälfte geflüsterten Reden auf.
„Diese drei Männer“, sagte er, „sind nicht von der allerbesten Sorte;
nach Lhasa dürfen sie natürlich nicht. Kamba Bombo kommt in zwei, drei
Tagen, und dann wird man ja sehen. Inzwischen müssen wir dafür sorgen,
daß es ihnen an nichts fehlt; alles, was sie brauchen, soll ihnen
geschenkt werden, und keiner darf Bezahlung annehmen. Wenn sie zu
entfliehen suchen, sei es bei Tag oder bei Nacht, sollen die Wächter
es mir sofort melden. Amgon Lama hat die heiligen Bücher befragt und
gefunden, daß diese Männer zweideutige Persönlichkeiten sind, die nicht
nach Lhasa dürfen. Der Jäger Ondschi hat sie vor langer Zeit im Gebirge
in der Gegend von Merik-dschandsem gesehen und gesagt, die Karawane sei
bedenklich groß. Nachricht hiervon wurde sogleich nach Lhasa geschickt.“
„Glaubte Amgon Lama, daß der da ein Burjate ist?“ fragte einer, auf
mich zeigend.
„Er sagte, daß er dies nicht feststellen könne“, antwortete der Alte.
Jede Auskunft von seinen Lippen beantworteten die anderen mit „Lakso,
lakso“, welches Wort Ehrfurcht, Gehorsam und Folgsamkeit ausdrückt.
Unser armer Lama Schereb gebraucht es unausgesetzt, wenn er mit den
Tibetern redet, vor denen er fast zittert und mit denen er in einem
weinerlichen, unterwürfigen Tone spricht. Er sieht unser Schicksal in
den allerschwärzesten Farben und befürchtet das Schlimmste.
Auch heute streiften Reiter in der Gegend umher. Bald kamen sie an,
bald ritten sie fort. Die größte Schar zählte 10 Mann. Es hatte
entschieden eine vollständige Mobilmachung stattgefunden. Einer unserer
Gäste gestand aufrichtig ein, daß sie gegen unser großes Lager im
Gebirge gerichtet sei. Ein anderer sagte, es seien nur Patrouillen und
Kundschafter, die das Land zu bewachen und aufzupassen hätten, daß sich
keine Feinde einschlichen. Um uns selbst war ich nicht im geringsten
in Sorge, wohl aber des Hauptquartieres wegen. Wären wir nicht die
Gefangenen der Tibeter gewesen, so hätte ich dorthin zurückkehren
mögen, um eventuell zu seiner Verteidigung beizutragen.
8. August. Die ganze Nacht regnete es in Strömen. Ich erwachte halb
erstickt von dem gräßlichen Rauche, der das Zelt füllte, durch dessen
Tuch die Regentropfen wie feiner Sprühregen drangen. Der Morgen war
naßkalt und die Luft wie in einem Keller. Und dabei sollte noch Brot
gebacken werden! Fort mit dem Zelttuch und frische Luft hereingelassen,
wenn es auch noch so sehr regnet! Recht bequem ist es, daß man sich
bloß aufzurichten braucht, um gleich fertig zu sein; ein weiteres
Toilettemachen kommt überhaupt nicht in Frage. Eine dicke Rußschicht
hat sich auf dem Fette, mit dem mein Gesicht zuletzt eingerieben worden
ist, abgelagert.
[Illustration: 255. „Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über
dem Kopfe und heulten wie die Wilden.“ (S. 212.)]
[Illustration: 256. Zelte tibetischer Häuptlinge. (S. 221.)]
Die Visiten wurden in gewohnter Weise fortgesetzt und stellten unsere
Geduld auf die Probe. Zuerst erschienen fünf Leute mit einem Schafe
und fragten, ob wir sonst noch etwas wünschten. Wir bestellten Fett,
Butter, süße und sauere Milch und erhielten sofort alles in viel
größeren Mengen, als wir bewältigen konnten, selbst wenn wir uns von
den Hunden helfen ließen. Sie fragten uns, ob unser großes Lager
auch nahe genug bei einem Nomadenlager liege, so daß die Unseren
alles, was sie an Proviant brauchten, erhalten könnten. Dies klang
wenigstens beruhigend, und ich begann wieder daran zu zweifeln, daß
die Mobilmachung unserem Hauptquartier gelte. Ferner war die Nachricht
gekommen, daß Kamba Bombo von Nakktschu und Nanso Lama unterwegs seien
und morgen hier eintreffen würden.
Darauf begann das Kreuzverhör von neuem, aber jetzt erklärte ich rund
heraus, daß sie sich gefälligst gedulden möchten, bis Kamba Bombo
angelangt sei; er solle alles erfahren, was er zu wissen brauche,
sie jedoch gehe es gar nichts an, wer wir seien. Wenn sie nicht
aufhörten, uns tagtäglich mit denselben dummen, zudringlichen Fragen zu
überhäufen, würden wir sie künftig nicht mehr ins Zelt hineinlassen.
Da verbeugten sie sich ganz verdutzt, murmelten ihr höfliches „Lakso“
und schwiegen. Der Lama erklärte, daß sie fürchterlichen Respekt vor
mir hätten. Ich kam mir ungefähr vor wie Karl XII. in der Türkei. Wir
waren in ein fremdes Land eingedrungen, ein lächerlich kleiner Haufe
gegen eine erdrückende Übermacht. Die Tibeter verhinderten uns, dorthin
zu gehen, wohin wir wollten, zugleich aber war es ihnen darum zu tun,
uns möglichst schnell wieder loszuwerden. Wir waren gleichzeitig ihre
Gäste und ihre Gefangenen, und sichtlich war höheren Ortes Befehl
erteilt worden, daß wir mit größter Rücksicht behandelt werden sollten
und uns kein Leid zugefügt werden dürfe. Nur der Lama war düster und
schwermütig. Er erinnerte sich ganz genau Kamba Bombos von Nakktschu,
der die mongolische Pilgerkarawane, mit welcher der Lama nach Lhasa
gereist war, so gründlich untersucht hatte. Wenn Kamba Bombo ihn
wiedererkennen sollte, sei er verloren, und auch im entgegengesetzten
Falle sei sein Schicksal mehr als ungewiß. Er erzählte von einem
mongolischen Lama, der durch irgendein Vergehen sein Recht, die
heilige Stadt zu besuchen, verwirkt habe und der, um sein Vergehen
abzubüßen, von Da-kuren (Urga) nach Lhasa -- in Gebetstellung, d. h.
auf den Knien, gerutscht sei. Er habe sich mit den Händen auf die Erde
gestützt, die Knie nachgezogen, die Hände weiter gesetzt, und so habe
er die ganze lange Reise gemacht, zu der er sechs Jahre gebraucht habe!
Und als er nur noch eine Tagereise vom Stadttore entfernt gewesen
sei, habe ihm der Dalai-Lama das Betreten der Stadt untersagt, und
unverrichteter Dinge habe er wieder umkehren müssen. Der Lama sagte
noch, daß der Mann seinen Bußgang auf den Knien, die schließlich hart
und hornig wie die Liegeschwielen der Kamele geworden seien, noch
zweimal wiederholt habe, aber das Herz des Dalai-Lama doch nicht
erweicht worden sei.