Der Abend war herrlich. Die Sonne schien ordentlich heiß, und wir

breiteten alle unsere Kleidungsstücke, Pelze und anderen Sachen zum

Trocknen aus, wobei eine leichte Süstostbrise half. Das Zelt trocknete

am besten in aufgeschlagenem Zustande; die Sattelkissen wurden bald mit

der einen, bald mit der anderen Seite in die Sonne gelegt.

Der Lama brachte seine Patentlampe, auf der das Abendessen gekocht

werden sollte, in Ordnung. Lange hatten wir jedoch noch nicht gesessen,

als wieder ein Gewitter mit betäubenden Donnerschlägen heraufzog,

und ein ungeheuer heftiger Hagelschauer das Zelt beinahe zu Boden

schlug. Die meisten Donnerschläge riefen einen eigentümlichen,

metallischklingenden Ton hervor, der langsam in der Ferne erstarb und

dem Klange einer Kirchenglocke glich. Ich habe dergleichen noch nie

gehört.

Wir blieben an diesem Abend noch lange auf, plauderten und berieten

uns über unsere Lage. Wenn wir nur Gelegenheit hätten, unsere Tiere

durch einen ehrlichen Tausch loszuwerden, dann würden wir mit den neuen

wieder lange Tagemärsche machen können. Ja, es wäre sogar noch besser,

Yake zu haben als unsere erschöpften Maulesel und Pferde, und wir

beschlossen, uns bei der nächsten Gelegenheit Yake zu verschaffen.

Während der letzten Tage war in unserer Nähe nichts Verdächtiges

vorgefallen, aber der Lama glaubte, daß die Yakjäger den Gouverneur von

Nakktschu benachrichtigt hätten, der in diesem Falle sogleich Eilboten

in alle Teile seiner Provinz mit dem Befehle schicken würde, daß auf

allen nach Lhasa führenden Wegen Ausguck zu halten sei. Kämen wir nur

erst in die dichter bewohnten Gegenden, wo die Leute an Pilger gewöhnt

seien, so würden wir nicht länger besondere Aufmerksamkeit erregen.

Nachts wurde strenge Wache gehalten, denn die mit mindestens zehn

Flinten bewaffnete Eskorte der Teekarawane sah nichts weniger als

vertrauenerweckend aus. Hätten sie es gewollt, so hätten sie uns in

der Dunkelheit überrumpeln können, und wir wären in verzweifelter Lage

gewesen.

Obwohl es im höchsten Grade wünschenswert war, daß wir uns so sehr

wie nur irgend möglich beeilten, ehe unser schleichender Zug auffiel,

beschlossen wir dennoch, am 3. August in dieser Gegend, welche die

Tanguten +Amdo-motschu+ nannten, zu bleiben. Ihrer Meinung nach hatte

eine Yakkarawane von hier noch fünf Tagereisen bis Nakktschu und sieben

bis Lani-la.

Nach einer ruhigen Nacht wurde ich von meinen Reisegefährten um 9 Uhr

geweckt, -- es war zu herrlich, einmal wirklich ausschlafen zu dürfen!

Sie sagten, die Teekarawane ziehe heran und sei wirklich sehenswert.

[Illustration: 248. Lager der drei Pilger. (S. 184.)]

[Illustration: 249. Auf dem Wege nach Lhasa in strömendem Regen. (S.

192.)]

Es war auch in der Tat ein höchst origineller, malerischer Anblick.

Die Karawane zog in militärischer Ordnung vorbei, und es dauerte eine

geraume Zeit, bis die letzten unser Zelt hinter sich hatten. Sie

marschierten in verschiedenen Abteilungen von je 30 oder 40 Yaken, und

jede solche Gruppe wurde von ein paar Leuten getrieben. Die Yake

gingen langsam, mit kleinen, trippelnden Schritten, beobachteten aber

eine vorzügliche Ordnung und machten den Leuten, die sie durch scharfe

Pfiffe und kurze, abgerissene, gellende Rufe antrieben, nicht allzuviel

Mühe. Wenn ein Yak sich von dem Haufen trennte, so brauchte einer der

Treiber nur mit dem Arme nach derselben Richtung zu schlagen und einen

gellenden Pfiff auszustoßen, um das Tier zu veranlassen, sofort nach

seinem Platze im Gliede zurückzukehren.

Im Verhältnis zur Stärke der Tiere waren die Lasten leicht. Alle Männer

gingen zu Fuß, und zehn von ihnen trugen Flinten auf der Schulter. Sie

waren nicht im geringsten zudringlich. Obwohl sie dicht an unserem

Zelte vorbeizogen, guckte doch keiner von ihnen hinein; sie waren

ausschließlich damit beschäftigt, die Karawane in Ordnung zu halten.

Der Lama sprach mit einigen von ihnen. Der Abwechslung halber hatten

sie auch in der Nacht geruht und sagten, daß nun, da sie Gegenden

mit besserem, üppigerem Grase erreicht hätten, die Yake auch nachts

weiden könnten, besonders wenn Mondschein herrschte. Sie baten wieder,

wir möchten uns doch fertigmachen und mit ihnen nach ihrem nächsten

Lagerplatze ziehen.

Es war wirklich interessant, diese wandernde Gesellschaft aus Kum-bum

zu sehen, diese Tanguten, die mit den Tibetern eines Stammes sind und

auch dieselbe Sprache sprechen. Die ganze Gesellschaft war kohlschwarz,

die Yake, die Männer, ihre Kleider, ihre Flinten, ihre Hunde, und sie

warfen sogar schwarze Schatten, denn jetzt stand die Sonne am Himmel

und beleuchtete den Zug. Ein Schattenspiel, ein Karneval von Dämonen --

ihnen stand der Weg offen nach Taschi-lumpos heiligen Tempeln und den

Basaren von Schigatse, wo der Tee verkauft werden sollte.

Wir hatten den ganzen Tag vor uns und sollten uns gründlich ausruhen,

aber ich konnte nicht mehr schlafen, ich hatte das Bedürfnis, die Sonne

zu sehen und mich an der lachenden Landschaft zu erfreuen. Ich saß mehr

als leicht gekleidet da und ließ mich vom Sonnenschein trocknen; um 1

Uhr hatten wir +14,6 Grad im Schatten, und die Wärme war fühlbar. Jetzt

hatten wir endlich Gelegenheit, alle unsere Habseligkeiten wirklich

trocknen zu lassen. Kleinere Sachen wurden auf Pelzen und Mänteln

ausgebreitet. Der Lama beschäftigte sich mit seinen Medikamentbeuteln,

und es stellte sich heraus, daß er der glückliche Besitzer eines

ziemlich großen Beutels mit Rosinen war, den er von Tscharchlik

mitgenommen hatte und der erst jetzt zum Vorschein kam. Die Packsättel

wurden fleißig umgedreht und trockneten im Laufe des Tages. Die Stiefel

wurden mit trockenem, warmem Sand gefüllt, der sie ausspannte und ihnen

ihre richtige Form wiedergab.

Zweimal hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, uns Mittag kochen zu

müssen, was ~con amore~ geschah; die frischen Fleischstücke wurden

in dünne Scheiben geschnitten, die ich in Butter briet, die uns Sampa

Singi geliefert hatte, und das mit Käsepulver und Salz gewürzte Gericht

schmeckte delikat. Die sauere Milch war leider zu Ende, aber wir

hatten zum Nachtisch Tee und Rosinen. Eine Pfeife Virginia schmeckte

hinterdrein vorzüglich, und dann streckte man sich wieder in der Sonne

aus, den Sattel als Kopfkissen benutzend. Selten bin ich so faul

gewesen wie an jenem 3. August 1901.

Schagdur und der Lama schliefen dann und wann. Unsere Tiere grasten so

nahe, daß wir sie jeden Augenblick zählen konnten, und wir verloren sie

nicht aus den Augen.

Als Kunstkenner bemalte mir der Lama wieder den Kopf vorn und hinten,

den ganzen Hals und die Ohren außen und innen. Ich hatte eine

kleine Dose mit brauner Farbe, einen Wattebausch und als Spiegel

meine Uhrkapsel, so daß ich, wenn es nötig war, den Anstrich selbst

auffrischen konnte. Es ist nur ärgerlich, daß, sobald die Haut

abblättert, augenblicklich eine rosa Stelle inmitten des orthodoxen

Farbentones erscheint, ungefähr als wenn ein Flicken von dem Kleide

einer Balldame auf der Nase eines Schornsteinfegers haften geblieben

wäre!

Kein Wort Russisch durfte über Schagdurs oder meine Lippen kommen, nur

Mongolisch ertönte in unserem Lager, und wir bereiteten uns jetzt auf

die Antworten vor, die wir auf eventuelle inquisitorische Fragen geben

wollten. Wir waren alle Burjaten aus Sachir und hatten das Land der

Chalchamongolen und Zaidam durchreist. Der Lama wollte unter keiner

Bedingung für einen Mongolen gelten; er war ein Burjate, und, um nicht

von denen, die er früher in Lhasa getroffen hatte, wiedererkannt zu

werden, trug er gleich mir eine schwarze Schneebrille und wollte im

übrigen allen seinen Bekannten aus dem Wege gehen. Besondere Angst

hatte er vor dem Oberlama des Tempels, in welchem er seine Studien

betrieben hatte. Würde er erkannt, so glaubte er, daß die Folgen für

ihn verhängnisvoll sein würden. Man würde uns umkehren lassen, ihn aber

unter dem Vorwand, er sei ein Lama von Lhasa, zurückbehalten und dann

als Verräter, der Spione in das verbotene Land geführt habe, bestrafen.

Während all der Tage, gleichviel ob wir stillagen oder über unbekannte

Berge ritten, plapperte er seine Gebete an die ewigen Götter und

unterhandelte mit seinem Gewissen.

Er hegte großes Interesse für das Christentum und bat mich oft, ihm

meinen Glauben auseinanderzusetzen; nach seiner Ansicht hatten wir so

viele Berührungspunkte, daß ich eigentlich ebenso berechtigt war wie

irgendein Buddhist, die Wallfahrt zu machen. Er selbst kannte nichts

weiter als die heiligen Bücher Tibets und der Mongolei, und da er mich

während unserer Reise mit so vielen Arbeiten, von denen er früher

keine Ahnung gehabt hatte, beschäftigt gesehen und beobachtet hatte,

wie ich an der Erforschung der Erdrinde arbeitete, die Himmelskörper

beobachtete und abends in Büchern las, war er zu dem Schlusse gekommen,

daß ich mindestens ebenso gut sei wie ein Lama und daß sie sich in

Lhasa freuen könnten, wenn ich sie besuchte. Der Dalai-Lama war

allwissend. Er wußte, wer wir waren, mit was für Absichten wir kamen,

ja, er wußte, was wir jeden Tag miteinander redeten. Und er würde

nicht zulassen, daß mir etwas Böses widerfahre; wie er sich aber zu

dem Lama selbst stellen würde, war eine andere Frage. Wenn ich einen

allmächtigen Gott hätte, sollte ich ihn doch bitten, daß er, der Lama,

Leib und Leben behalten dürfe, da er doch nur meinetwegen mit auf

dieses Abenteuer ausgezogen sei. Ich versicherte dem Lama, daß er ganz

ruhig sein könne, wir würden zusammenhalten, wohin es auch ginge, und

würden ihn nicht im Stiche lassen.

Eine Stunde lang war es finster wie in einem Sacke gewesen, als der

Mond aufging und still und freundlich wie ein Engel an dem mit Sternen

übersäten Himmelsgewölbe stand. Ich hatte die Wache von 8-11 Uhr, und

um 5 Uhr wollten wir aufbrechen. Schweigend und friedlich lag die

Gegend da, nah und fern störte kein Laut die Stille. Nur ein paarmal

knurrten die Hunde. Der Lama und Schagdur schliefen der Abwechslung

halber vor dem Zelte. Je mehr wir uns dem Ziele unserer Reise näherten,

desto ruhiger war mir zumute. Es ist leichter, mitten in der Gefahr zu

leben, als ihr Eintreten abzuwarten.

Eine Menge kleinerer Bäche in ziemlich offener Gegend überschreitend,

zogen wir am 4. August nach Südsüdost weiter. An einem Punkte, wo der

Weg sich teilte, blieben wir ratlos stehen, kamen aber bald zu dem

Schlusse, daß der linke Weg nach Lhasa, der rechte nach Taschi-lumpo

führen müsse. Nachdem wir jedoch eine Strecke auf dem ersteren

zurückgelegt hatten, fanden wir, daß er viel zu gerade nach Osten

abbog, weshalb wir vermuteten, daß er nach Nakktschu Fuhre und die

wahrscheinliche Straße nach Lhasa wieder aufsuchten.

Hier erhielten wir bald die Bestätigung für die Richtigkeit unseres

Schlusses. Eine Karawane von 100 Yaken mit leichten Lasten kam, von

einem halben Dutzend berittener und bewaffneter Männer getrieben, von

Lhasa zurück. Die Männer trugen große, hohe, gelbe Hüte und hatten

einige Ziegen und Hunde bei sich. Sie schienen sich vor uns zu fürchten

und zogen möglichst schnell an uns vorbei.

Unsere Maulesel, die sich infolge der guten Weide und des Ruhetages

sehr erholt hatten, fanden die Yake entweder so nett oder so komisch,

daß sie ihre Gesellschaft der unseren vorzogen; sie machten kehrt und

gesellten sich zu der Karawane. Die Yake dagegen waren anderer Meinung.

Vermutlich hatten sie noch nie mit Mauleseln Bekanntschaft gemacht;

genug, sie galoppierten davon, und ihre Besitzer sowie die Maulesel

folgten ihnen auf den Fersen. Auf diese Weise kamen sie vom Wege ab und

auf das freie Feld hinaus. Die Tibeter pfiffen, wir schrien und riefen,

die Hunde hatten sich in aller Geschwindigkeit in eine heftige Beißerei

eingelassen, und die größte Unordnung herrschte auf dem so plötzlich

zur Walstatt gewordenen Grasboden. Endlich gelang es uns, die Tiere zu

bemeistern und in guter Ordnung zu trennen.

Irgendein böser Geist mußte an diesem Tag in einen unserer

Maulesel gefahren sein, der der „Dungane“ hieß, weil er von einem

muhammedanischen Chinesen gekauft war. Ohne sich irgendwie von den

Yaken stören zu lassen, lief er draußen auf der Ebene im Kreise umher,

bis alles, was er trug, am Boden verstreut lag und sein Packsattel

hinter ihm her schlenkerte. Die Sachen wurden gesammelt, und er

wurde wieder beladen; als sich aber dasselbe Manöver noch zweimal

wiederholte, mußte das muntere Tier am Stricke geführt werden. Nach

der Ruhe hatte auch mein Reitpferd sich erholt und legte seine 34½

Kilometer gut zurück. Der Lama saß schläfrig im Sattel und machte die

komischsten Verbeugungen; ich erwartete jeden Augenblick, ihn auf der

Erde liegen zu sehen, aber er verlor das Gleichgewicht nicht.

Das Wetter ist wunderschön, und nach zweitägigem Sonnenbrand ist die

Erde wieder trocken und unser Gepäck bedeutend leichter geworden.

Der Weg führt jetzt zu einem niedrigen, bequemen Passe hinauf, der

sich durch ein Steinmal (Obo) aus Sandsteinplatten mit der Inschrift

„Om mani padme hum“ auszeichnet. Der Boden ist überall unterhöhlt von

den Löchern und Gängen kleiner Feldmäuse, wodurch das Reiten erschwert

wird und die Pferde leicht stolpern. Man verabscheut diese verwünschten

Tierchen, die ihr dreistes Untergraben der Straße manchmal mit dem

Leben bezahlen müssen. Die Hunde jagen sie unverdrossen. Malenki frißt

sie mit Haut und Haar, während sich Jollbars damit begnügt, sie im

Genick zu packen und hoch in die Luft zu schleudern.

Auf beiden Seiten des Passes ritten wir an mehreren, von Yak- und

Schafherden umgebenen schwarzen Zelten vorbei. Da sich jedoch keine

Menschen zeigten, hielten wir uns nicht weiter auf. Wir erreichten ein

offenes, in ziemlich weiter Ferne von Bergen umschlossenes Kesseltal.

Aus einem der dort stehenden Zelte kam ein alter Mann heraus; mit ihm

verhandelte der Lama eine Weile. Verkaufen oder Vermieten von Pferden

kam überhaupt nicht in Frage, der Geizhals wollte uns nicht einmal

Milch überlassen. Er habe allerdings sehr viel davon, erklärte er, aber

verkäuflich sei sie nicht, er brauche sie selbst.

Der Weg wird immer breiter und kräftiger ausgeprägt. Aber es ist

merkwürdig, daß wir nie einzelnen Wanderern oder Reitern begegnen. Man

scheint hierzulande nur in großen, hinreichend starken Gesellschaften

zu reisen. Das Gras ist vortrefflich, und man sieht jetzt auf allen

Seiten Yake, Schafe und Pferde in zerstreuten Herden, die von ihren

Hirten bewacht werden.

Die Zelte wurden immer zahlreicher und sahen aus der Ferne wie schwarze

Punkte aus; an einer Stelle lagen vierzehn beisammen. Vor jedem Zelte

sieht man gewöhnlich einen großen Haufen Yakdung zur Feuerung für den

Winter; manchmal ist er auch schichtweise ausgebreitet, um ordentlich

zu trocknen.

Links lassen wir einen ganz kleinen See liegen, an dessen Ufer sich

die große Teekarawane von gestern niedergelassen hat. Die Männer waren

nicht zu sehen; sie hatten sich wahrscheinlich nach den Zelten der

Nomaden begeben, um zu plaudern, zu rauchen und Tee zu trinken.

Um nicht zu sehr von Neugierigen überlaufen zu werden, setzten wir

unseren Weg noch eine Stunde fort und ließen uns dann in der Nähe eines

aus vier Zelten bestehenden Dorfes nieder.

Nach einem der Zelte lenkte der Lama seine Schritte und kam mit

einem Stücke Fett und einem „Domba“ (mongolischer Napf) voll sauerer

Milch wieder, wofür er eine chinesische Porzellantasse gegeben

hatte. Unterdessen hatten wir Besuch von einem jungen Tibeter, der

außerordentlich freundlich und mitteilsam war und ununterbrochen

schwatzte, obwohl wir kein Wort verstanden.

Der Lama mußte als Dolmetscher dienen. Unser ungebetener Gast gab sich

als ein Bewohner von Amdo zu erkennen, und sein Dialekt unterschied

sich wesentlich von der Sprache von Lhasa. Er nannte uns die Namen der

nächsten Berge, aber ich möchte nicht für die Zuverlässigkeit seiner

Angaben einstehen. Einen See, der sich im Südosten zeigte, nannte

er Tso-nekk, den „schwarzen See“, was uns wenigstens wahrscheinlich

erschien, denn dieser Name kommt in ganz Innerasien häufig vor, z.

B. in den Formen Kara-köll, Chara-nur usw. Der Weg, dem wir gefolgt

waren, teilte sich gerade hier in die Straßen nach Lhasa und nach

Taschi-lumpo. Ein anderer, östlicherer Weg vereinigte sich mit der

großen Pilgerstraße nach Lhasa.

Wir sehnten uns danach, den Fremdling loszuwerden, da wir ihn für einen

Spion hielten, der beauftragt war, uns in der Nähe zu beobachten. Als

uns dies nicht gelang, mußte der Lama ihn unterhalten, während Schagdur

und ich das Zelt zumachten und zu Mittag aßen. Erst in der Dämmerung

konnte er sich entschließen zu gehen. Er hatte sein Pferd grasen lassen

und mußte es jetzt wieder einfangen, aber das wollte ihm durchaus nicht

gelingen. Soweit wir mit dem Fernglase sehen konnten, lief das Pferd

nach Süden weiter, und der Mann trabte unverdrossen hinterdrein. Auf

unsere Frage, ob hier in der Gegend Räuber hausten, antwortete er: „Für

uns Tibeter gibt es keine, aber für euch, die ihr so weit her seid, ist

keine Sicherheit.“

Die Nachtluft war so still, daß ich während meiner Wache das Licht in

der Zelttür brennen lassen konnte. Von den nächsten Zeltdörfern ertönte

Hundegebell. Der Himmel war halbklar, und der Mond schien teilweise.

Am Montag, 5. August, ritten wir 34 Kilometer nach dem Lager Nr. 53. Es

ging nach Südsüdost, und bald kamen wir an das Westufer des +Tso-nekk+,

wo hier und dort mehrere schwarze Zelte und große Viehherden zu sehen

waren. Der Weg ging über drei Pässe.

Auf einer ziemlich ausgedehnten, überall von Bergen, die namentlich

im Süden und Südosten ziemlich hoch waren, umgebenen Ebene, auf der

wir zwölf schwarze Zelte zählen konnten, machten wir Halt. +Bis

hierher sollten wir gelangen, aber nicht weiter!+ Wir waren gerade

270 Kilometer vom Hauptquartier entfernt, wo die Unseren mittlerweile

wahrscheinlich in größter Unruhe über unser Schicksal schwebten.

Auf dem Ritte hatten wir uns darüber gewundert, daß unser Vorbeiziehen

nirgends Aufmerksamkeit erregt und niemand sich uns genährt und uns

angeredet hatte. Vor mehreren Zelten saßen Tibeter am Feuer, und Kinder

spielten mit Lämmern und jungen Hunden. Auch hier an dem kleinen Bache,

wo das Zelt aufgeschlagen wurde, zeigten sich keine Neugierigen. Wir

fühlten uns völlig ungeniert, und es war uns natürlich viel lieber, von

prüfenden Blicken und beobachtenden Besuchen verschont zu bleiben. Ich

selbst hätte allerdings unsere Nachbarn gern in ihren Zelten besucht,

hielt es aber für klüger, dies zu unterlassen.

Nach gründlichem Rasieren, Einfetten und Schminken und nach

eingenommenem Mittagsessen legte ich mich schlafen. Bei Einbruch der

Dunkelheit kam Schagdur, weckte mich und teilte mir mit, daß sich drei

Tibeter im Zwielicht unserem Lager näherten. Der Lama und er gingen

ihnen entgegen, während ich zurückblieb. Es war ganz dunkel geworden,

ein leichter Sprühregen fiel, und der Himmel war bewölkt, ich konnte

beim besten Willen weder unsere Tiere noch die Männer unterscheiden.

Meine Begleiter blieben lange fort, und ich fing beinahe schon an, mich

ihretwegen zu beunruhigen, als Schagdur endlich zurückkehrte. Er war

ruhig wie immer, aber schon, daß er mich auf russisch anredete, zeigte,

daß er der Überbringer ernster Nachrichten war.

„+Es sieht schlimm für uns aus!+“ sagte er. „Ich verstand kein

Wort von dem, was geredet wurde, hörte aber unaufhörlich die Worte

Schwed-peling, Tschanto (Muselmann), Burjate und Lhasa durcheinander.

Sie sitzen jetzt und reden, der Lama weint beinahe, ist außerordentlich

demütig und verbeugt sich unausgesetzt.“

Dann eilte der Lama, aufgeregt und erschüttert, zu uns. Er mußte sich

erst eine Weile beruhigen, ehe er sprechen konnte, und dann kam es

stoßweise heraus, in zitterndem Ton und in abgebrochenen Sätzen.

Einer der drei Männer war, nach der Kopfbedeckung zu urteilen, ein

„Noijin“ (Häuptling, Offizier). Er war höflich aufgetreten und

recht liebenswürdig gewesen, hatte aber doch in streng befehlendem,

bestimmtem Tone, der keinen Widerspruch duldete, gesprochen. Sein Blick

aber war, wie der Lama sagte, tückisch gewesen.

Der Häuptling hatte berichtet, es sei vor drei Tagen bekannt geworden,

daß ein „schwedischer Europäer“ (Schwed-peling) nach Lhasa unterwegs

sei, und einige Yakjäger, die kürzlich in Nakktschu eingetroffen seien,

hätten erzählt, daß eine Menge stark bewaffneter Europäer, Besitzer

einer großen Karawane, von Norden über die Gebirge zögen.

Nun waren dem Lama tausend Fragen um die Ohren gehagelt. Ob er etwas

von diesen Europäern wisse, ob einer von ihnen unter uns sei, wieviele

wir selbst seien, wieviele Tiere wir hätten, ob wir Waffen besäßen;

woher wir seien, wohin wir gingen, weshalb wir diesen versteckten Weg

gewählt hätten, der von Mongolen sonst nie eingeschlagen werde. „Rede

nur die Wahrheit“, hatte es geheißen, und „Wie kannst du, ein Lama,

diese unbekannten Fremdlinge begleiten?“

Darauf hatte der Lama erwidert, der Amban von Kara-schahr habe

ihm befohlen, der europäischen Karawane bis Ladak als Dolmetscher

zu dienen. Die Karawane sei neun Tagereisen von hier im Gebirge

liegengeblieben, und wir drei Pilger hätten die Erlaubnis erhalten,

während die Tiere sich kräftigten, Lhasa zu besuchen.

Der Häuptling hatte in betreff des Hauptquartiers sehr genaue Fragen

gestellt, und der Lama hatte korrekte Auskunft erteilt, da er es für

möglich gehalten, daß bereits alles ausspioniert sei. Er hatte erzählt,

wieviele Lasttiere wir hatten und daß uns dort drei Europäer und

vierzehn Muselmänner erwarteten.

Der Beschluß des Häuptlings hatte gelautet: „Ihr bleibt morgen hier!

Ich komme dann in euer Zelt, und wir werden miteinander reden. Ich

werde für einen mongolischen Dolmetscher sorgen, der mit den beiden

anderen sprechen kann. Braucht ihr Lebensmittel oder Pferde und Yake,

so werden wir das morgen besprechen.“

Es war schon spät, und wir saßen, nachdem wir unsere Pferde und

Maulesel wie gewöhnlich festgebunden hatten, noch lange in eifrigem

Gespräch an dem im Zelte brennenden Feuer. Zunächst bereiteten wir

uns auf das uns morgen bevorstehende Verhör vor; Schagdur bestand mit

großer Energie darauf, daß der Lama dann nur als Dolmetscher sprechen

solle.

Was mich am meisten interessierte, war, zu erfahren, woher sie das

Wort „Schwed-peling“ hatten. Es war denkbar, daß durch die englischen

Zeitungen in Indien irgendein Gerücht nach Tibet gedrungen sein

konnte. Aber „Schwed“ konnte nichts anderes sein als das russische

„Schwed“, Schwede. Sollte die große mongolische Pilgerkarawane, die

im Herbst 1900 unser Hauptquartier in Temirlik passierte, dieses Wort

aufgeschnappt haben? Damals hatte nicht einmal einer der Kosaken eine

Ahnung von meinen Plänen gehabt, und es ist sehr wahrscheinlich, daß

die Mongolen, die mit Schagdur und Tscherdon in ihrer eigenen Sprache

gesprochen, sich erkundigt hatten, ob ich ein Russe oder ein Engländer

sei, und die Antwort erhalten hatten, ich sei ein „Schwed“, welches

Wort sich nicht ins Mongolische übersetzen ließ. Diese Pilger haben

alles, was sie erfahren hatten, in Lhasa gemeldet, wohlwissend, daß

ihnen jede Warnung vor ungebetenen Gästen zum Verdienst gereichen

würde. Die Yakjäger, die wir beim Lager Nr. 38 getroffen, hatten die

Meldung von dem Vorhandensein und Herannahen der europäischen Karawane

bestätigt.

Eine dritte Möglichkeit ist, daß der Lama während des abendlichen

Gesprächs mit dem Häuptling derjenige gewesen sein kann, der sich

zuerst dieser Bezeichnung bedient hat, -- es war das erste und sicher

auch das letzte Mal in meinem Leben, daß ich nicht stolz darauf

gewesen bin, ein Schwede zu heißen! In solchem Falle war der Lama ein

Verräter, und Schagdur sagte mir auch, daß er unter keiner Bedingung

auf ihn bauen würde. Sein Benehmen während der Unterredung sei ihm zu

sonderbar vorgekommen, und seine Reden hätten die ganze Zeit über einen

zustimmenden Eindruck gemacht.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 22 / 42 段