Nun baten wir Sampo Singi, das Schaf zu schlachten und zu zerlegen,

dann sollte er als Lohn für seine Gastfreiheit und für die uns

erwiesene Freundlichkeit das Fell behalten dürfen; hiermit war er sehr

zufrieden. Ich beobachtete mit diplomatischer Gleichgültigkeit, wie

er dabei vorging. Er legte das Tier auf die linke Seite und band ihm

drei Beine zusammen, das linke Vorderbein aber ließ er frei. Dann

schnürte er ihm einen dünnen, weichen Lederriemen mehreremal sehr fest

um das Maul. Darauf legte er den Kopf des Schafes so, daß die beiden

wagerechten, Korkzieher ähnlichen Hörner den Boden berührten, und

stellte sich auf sie. Das Schaf lag jetzt wie in einem Schraubstock

mit seinem Kopfe am Boden festgenagelt. Als Sampo Singi so weit war,

steckte er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in die Nasenlöcher

des gefangenen Schafes, um es durch Ersticken zu töten. Ich sah

heimlich nach der Uhr, wieviel Minuten hierzu erforderlich sein würden,

vergaß nachher aber, das Resultat aufzuschreiben; doch erinnere ich

mich, daß es eine geraume Zeit dauerte und für mich eine entsetzliche

Pein war, das arme Tier zappeln und zucken zu sehen, während seine

Augen immer weiter aus ihren Höhlen traten. Die ganze Zeit über betete

der Alte mit verzweifelter Zungengeläufigkeit „Om mani padme hum“, was

mich an die Art der Muselmänner, Schafe zu töten, erinnerte. Wie um ihr

eigenes Gewissen zu beruhigen und dem Schöpfer zu schmeicheln, plappern

auch sie Gebete zum Lobe des Ewigen her, während sich der kalte Stahl

von unschuldigem Blute rötet.

Endlich wurde das Schaf still, seine Beine fielen schlaff nieder,

und Sampo Singi richtete sich auf. Es war hart, diese Tierquälerei

mitanzusehen, ohne sie verhindern zu dürfen. Ich hütete mich aber

wohl, mich und meine Gefühle zu verraten, und im übrigen ist auch jede

Einmischung in alte, feststehende Gebräuche völlig nutzlos.

Sodann frühstückten wir miteinander von den gekauften Milchspeisen,

und die Hunde erhielten zum Lohn für ihren tadellosen Wachtdienst

eine tüchtige Portion Fleisch. Die Frau war von ihrem Zeuge derart

entzückt, daß sie ganz den Appetit verloren hatte und nur bald diesem,

bald jenem von uns freundlich zunickte. Ihre Kleidung war die der

Männer; das struppige schwarze Haar war in zwei Zöpfe geteilt, stand

aber eigentlich in rattenschwanzähnlichen Büscheln nach allen Ecken

und Enden. Sie trug Filzstiefel mit einfacher Buntstickerei, die einst

recht hübsch gewesen war. Wie sie es angefangen hatte, so fabelhaft

schmutzig zu werden, wie sie war, begriff ich nicht, beneidete sie aber

aufrichtig darum. Meine vermutlich feinere Haut wurde unaufhörlich vom

Regen „rein“ gewaschen, auf ihrer Haut aber saß die Schmutzschicht

so dick und kompakt, daß sie mit Aussicht auf Erfolg als Treibbeet

für Frühkartoffeln hätte benutzt werden können. Die Poren in der

Gesichtshaut der Tibeter müssen verschwunden sein; jedenfalls ist es

sicher, daß ihre Öffnungen beständig verstopft bleiben.

Sampo Singi half uns bereitwillig beim Beladen unserer Tiere. Das Zelt

war von all den Regenschauern, die es eingesogen hatte, doppelt so

schwer geworden.

Der ehrliche Nomade wünschte uns glückliche Reise nach Lhasa und

angenehmen Aufenthalt in dieser Stadt, und der Lama versicherte, er

habe dies in so manierlicher Weise getan, daß ihm die lamaistischen

Finessen sichtlich nicht fremd seien. Es war ihm augenscheinlich nicht

darum zu tun, uns noch hier zu behalten; sonst hätte er uns gewiß vor

dem bevorstehenden Tagemarsche gewarnt. Er sagte nur, daß wir einen Paß

zu überschreiten hätten und daß der Weg nach Lhasa überall deutlich

erkennbar sei, weiter nichts. Wir versprachen, ihn auf dem Rückwege

wieder aufzusuchen. Wir taten dies auch, aber ohne Erfolg, denn er

hatte seine Penaten bereits nach anderen Weideplätzen geflüchtet.

In halber Dämmerung brachen wir um 9 Uhr auf; der Himmel verhieß uns

wenig Gutes, und bleischwer hingen die Wolken über der Erde. Über Hügel

und Bergausläufer näherten wir uns dem Flusse +Gartschu-sängi+, der

bei näherer Besichtigung nichts weniger als einladend aussah. Sein Tal

drängt sich zusammen, und die schwere Wassermasse rauscht dumpf unten

zwischen den Felsen, während wir oben dem oft ziemlich beschwerlichen

und gefährlichen Wege über Pässe und Höhen folgen. Murmeltiere und

Hasen kommen hier besonders häufig vor, und die Hunde machen sich mit

ihrer Verfolgung viele unnötige Mühe.

Fünf Minuten, nachdem wir Gom-dschima verlassen hatten, brach die

heutige Regenflut los, und peitschte die Erde wie mit Ruten; bald waren

wir wieder pudelnaß (Abb. 249).

Nachdem wir über einen letzten kleinen Paß und einen steilen Abhang

hinuntergegangen waren, erweiterte sich die Landschaft, und vor uns

dehnte sich ein ebener Talgrund aus, der im Süden, soweit man vor dem

Regen sehen konnte, nicht von Bergen begrenzt wurde. Den Gartschu-sängi

verloren wir auf der linken Seite aus den Augen.

In zähem Schlamme geht es nach Südosten weiter, und wir hüten uns, den

Weg aus dem Auge zu verlieren. Der Regen spült über die Erde, unsere

Sättel rutschen in der Nässe hin und her, unsere förmlich am Leibe

klebenden Anzüge glänzen von Wasser, und aus den Mähnen der Pferde

rieselt es. Wenn die Hunde stehenbleiben, um sich zu schütteln, sind

sie von einer Wolke sprühender Tropfen umgeben.

Eine Strecke weit ist das Terrain wieder etwas kupiert, das Gras ist

gut, und man sieht oft verlassene Lagerplätze.

Jetzt führte der Weg gerade nach dem rechten Ufer eines so breiten,

gewaltigen Flusses, daß wir ihn von fern für einen See hielten, dessen

gegenüberliegendes Ufer vom Regen verschleiert wurde. Doch das laute

Aufschlagen der Regentropfen auf der Wasserfläche wurde bald durch ein

dumpferes Getöse wie vom Heranwälzen großer Wassermassen übertönt.

Auch die gelbe, trübe Farbe verriet einen Fluß, und als wir am Ufer

standen und die Wellen nach Westsüdwesten rollen sahen, war unser

Schicksal deutlich besiegelt, denn hinüber mußten wir um jeden Preis.

[Illustration: 246. Ein nächtlicher Überfall. (S. 174.)]

[Illustration: 247. Die drei Pilger. (S. 178.)]

Der Fluß, der kein anderer war als der +Satschu-sangpo+, den schon

Bonvalot, Prinz Heinrich von Orleans und Rockhill vor mir in derselben

Gegend überschritten hatten, war infolge des ewigen Regens zu

ungeheuren Dimensionen angeschwollen und teilte sich in seinem breiten

Bette in 20 Arme, von denen jeder an und für sich schon einen ziemlich

großen Fluß bildete. Vier Arme waren kolossal, und es erschien mir fast

unmöglich, sie zu durchwaten. Doch ohne einen Augenblick zu zögern und

ohne die Furt erst genauer zu untersuchen, ging der Lama, der stets

voranritt, gerade in das Wasser hinein, und die beiden anderen Pilger

folgten ihm. Es lief noch glücklich ab, und nur ein paarmal betrug die

Tiefe mehr als einen Meter. Ich erwartete immer, den Lama, der den

kleinsten Maulesel ritt, in den trüben Wellen verschwinden zu sehen.

Von der Tiefe kann man sich bei so trübem Wasser vorher natürlich

keinen Begriff machen.

Wir hatten uns über die halbe Anzahl von Armen hinübergearbeitet und

rasteten einige Minuten auf einer Schlammbank mit kaum fußtiefem,

langsam fließendem Wasser. Man atmet von seiner Angst um die kleine

Gesellschaft auf und freut sich, so weit gekommen zu sein. Die

Annehmlichkeit der Lage ist jedoch zweifelhaft. Hinter uns der halbe

Fluß, vor uns die andere Hälfte, und wir stehen mitten in dieser

rauschenden, tosenden Wassermasse, die vom Tale herunter auf uns

losstürmt und die Absicht zu haben scheint, uns zu überwältigen und

mitzureißen. Es schwindelt einem vor den Augen; die ganze ausgedehnte

Wasserfläche ist auf allen Seiten in Bewegung, doch uns kommt es vor,

als wären wir es, die durch das Tal jagen. Die Ufer sind vor dem

Regen, der die Wasserfläche peitscht, nicht zu sehen; jeder Bach, jede

Rinne in der Nachbarschaft trägt zum Anschwellen des Flusses bei,

jeder Tropfen liefert seinen Tribut zum unwiderstehlichen, gewaltsamen

Vorwärtsstürmen der Wassermasse.

Der Lama stemmte seinem Maulesel die Fersen in die Seite und begab

sich wieder in tiefes Wasser hinein. Er hatte noch nicht zehn Schritt

zurückgelegt, als es dem Maulesel schon bis an die Schwanzwurzel

ging und der Reiter die Knie hochziehen mußte, um wenigstens die

Stiefelschäfte über dem Wasser zu haben. Der Maulesel, der unsere

beiden mit Leder überzogenen Kisten trug, geriet in eine höchst

bedenkliche Lage. Die Kisten wirkten, bevor das Wasser in sie hatte

eindringen können, wie Korkkissen, und das Tier verlor infolgedessen

den Boden unter den Füßen, beschrieb dabei einen halben Bogen und wurde

mit unwiderstehlicher Kraft von der Strömung ergriffen. Der Strudel

riß das Tier natürlich in den schnellsten Strömungslauf, wo nur

noch sein Kopf und die beiden Kisten über dem Wasser sichtbar waren.

Ich gab es verloren, aber es zog sich auf bewunderungswürdige Weise

aus der Geschichte. Beim Herumtasten im Flusse stieß es schließlich

wieder auf festen Grund und es war gerade so dicht an das linke Ufer

getrieben worden, daß es selbst hinaufkletterte, wobei es die jetzt

halb mit Wasser gefüllten Kisten noch immer im Gleichgewichte auf dem

Rücken hatte. Die Strömung hatte das Tier aber schon so weit abwärts

getrieben, daß es ziemlich lange Zeit erforderte, um es wieder zu holen.

Sobald wir das Manöver des Maulesels gewahrten, schrien wir dem Lama

verzweifelt zu, er solle umkehren; er hörte aber keinen Ton. Das Wasser

wirbelte und schäumte um ihn herum wie unterhalb eines Mühlrades, er

setzte sich aber nur höher in den Sattel und trieb seinen Maulesel an,

der immer tiefer sank. Seine Todesverachtung war bei dieser Gelegenheit

großartig, wenn man bedenkt, daß er, wie wir, mit einem schweren,

tropfnassen Schafpelze bekleidet war und obendrein überhaupt nicht

schwimmen konnte. Ich hatte die Leibbinde abgenommen und den Pelz

aufgeknöpft, damit ich ihn jeden Augenblick abwerfen konnte, und ich

war vollständig auf ein Bad vorbereitet, obgleich ich durchaus keine

Sehnsucht danach verspürte. Man wird in der nebelkalten Luft steif und

unlustig, und das Wasser ist zu kalt, um einladend zu sein, wozu noch

kommt, daß jetzt alles, was Waschen und Reinlichkeit heißt, unseren

mongolischen Prinzipien widerstreitet.

Das Glück steht jedoch dem Kühnen bei. Bald sahen wir den Maulesel sich

höher aus dem Wasser erheben, und der Lama konnte die Stiefel wieder

in die Steigbügel stecken. Für uns, die wir auf unseren hohen Pferden

saßen, war der Übergang weniger gefährlich.

Der Satschu-sangpo hatte jedoch beschlossen, mich zur Strafe für unser

dreistes Unterfangen nicht ohne eine kleine Taufe zu entlassen. „Wagst

du es zu versuchen, nach dem Allerheiligsten von Tibet vorzudringen, so

sollst du wenigstens nicht vergessen, daß du dem Hindernisse, das ich

dir in den Weg gelegt habe, Trotz geboten hast.“

Der letzte Arm, einer der vier größten, war nur 30 Meter breit, aber

tief, schäumend und reißend. Ich war ein wenig zurückgeblieben und

hatte nicht gesehen, wo die anderen, die sich bereits am Ufer befanden,

hinübergewatet waren. Daher ritt ich gerade auf ihren Landungsplatz

zu. Das Wasser stieg um mich herum immer höher, und der Schimmel

sank immer tiefer. Mir wurde schwindlig, als das Wasser mir über die

Stiefelschäfte ging, dann aber stieg es über die Knie, über den Sattel,

und bald guckten nur noch Hals und Kopf des Pferdes aus den um mich

herumschäumenden Wellen hervor. Der Lama und Schagdur standen am Ufer,

brüllten mir etwas zu und zeigten, wo die Furt ging; ich aber hörte

nichts als das Tosen der Wassermassen. Nun ging mir das Wasser schon

bis an die Rippen, und es wurde Zeit, das Pferd seinem Schicksal zu

überlassen. Doch gerade in diesem Augenblick verlor es den festen

Boden unter den Füßen und begann zu schwimmen, und ich hielt mich

unwillkürlich an seiner Mähne fest. Dies war klug, denn bald hatte das

Pferd wieder Grund gefaßt und erkletterte schließlich mit verzweifelter

Anstrengung das steile Ufer, wo das Wasser von Roß und Reiter nur so

herabströmte. Mein Bad hatte ich bekommen, und zwar gründlich, und vor

Aufregung zitterten mir noch eine ganze Weile die Knie.

An und für sich hatte die Taufe wenig zu sagen, denn wir waren schon

vom Regen durchnäßt, aber letzteren ziehe ich doch dem direkten

Untergetauchtwerden vor. Alle unsere Sachen, Zelt, Kisten, Kleider und

Proviant, waren ebenso übel daran. Waren die Lasten an diesem Tage

schon von oben herab angefeuchtet worden, so wurden sie durch die

Berührung mit dem Flusse auch noch von unten gründlich eingeweicht.

Nach dieser Wasserprobe sah unsere kleine Schar am Ufer noch

jammervoller aus als je zuvor. Wir waren aber doch froh, den Übergang

bewerkstelligt zu haben, denn keiner konnte wissen, wie lange es noch

zu regnen fortfahren würde, und vor Beendigung der Regenzeit würde der

Fluß sicherlich nicht fallen.

Es hatte uns 26 Minuten gekostet, über das ganze Flußbett

hinüberzugelangen, aber es war auch langsam gegangen, und zwischen

den Armen war das Bett teilweise wasserfrei. Mein Pferd machte, wenn

ich nur die wasserführenden Teile der gigantischen Rinne rechne, 716

Schritte, also ungefähr 500 Meter. An eine Berechnung der Wassermenge

ist bei einem so zersplitterten Flusse und unter so schwierigen

Verhältnissen nicht zu denken, und ich hatte auch -- im Pilgergewande

-- wenig Ruhe und Lust dazu. Ich taxiere sie jedoch annähernd auf

200-250 Kubikmeter in der Sekunde. Nur während der Regenzeit, und auch

dann nur selten, steigt der Satschu-sangpo zu so kolossalen Dimensionen

an. Er ist jedenfalls einer der größten Flüsse im inneren Tibet.

Ich spreche dabei natürlich nicht von denjenigen, die sich ins Meer

ergießen, sondern nur von denen, die von der Quelle bis zur Mündung

innerhalb des Landes bleiben und ihr Wasser in abflußlose Salzseen

entleeren. Ich sollte später Gelegenheit erhalten, den untersten Teil

des Laufes dieses Flusses genauer kennen zu lernen.

Grau, kalt und wüst sah die Landschaft in Westsüdwest aus, wo das Tal

im Regennebel verschwand, und triefend ließen wir den Satschu-sangpo

mit Freuden hinter uns zurück. Meine Stiefel waren bedenklich mit

Wasser gefüllt, und ich fand bald, daß es unnötig sei, ihren Inhalt

mitzuschleppen, obgleich es nicht das erstemal war, daß ich in den

Stiefeln Wasser trug. Doch als dies 1895 in der Wüste Takla-makan

geschah, sollte ich damit einem Menschen das Leben retten, während wir

jetzt durchaus keine Veranlassung hatten, über Wassermangel zu klagen.

Ich hielt daher, leerte die Stiefel aus, band sie hinten an den Sattel

und ritt barfuß weiter. Die Kisten waren weniger dichte Wasserbehälter;

als wir lagerten, war die ganze Flüssigkeit aus ihren unteren Ecken

herausgetropft.

Es dauerte nicht besonders lange, bis wir lagerten, denn für heute

hatten wir genug. Wir blieben an einem kleinen Bache auf einem

grasreichen Hügel, wo der Regen ohne Schlammbildung in den Boden

eingesickert war. Der Bach schwoll vor Einbruch der Dunkelheit wohl

dreimal so hoch an, wie er ursprünglich war, und ich seufzte bei dem

Gedanken an das jetzige Aussehen des Flusses erleichtert auf; jetzt

wäre es absolut unmöglich gewesen, ihn zu überschreiten. Sampo Singi

hatte uns gewiß mit Fleiß nicht gewarnt, weil er vielleicht gefürchtet

hatte, daß wir in solchem Falle zu lange auf seinen Weideplätzen

bleiben würden, oder er mochte auch keine Lust gehabt haben, uns zu

begleiten und uns die beste Furt zu zeigen.

Unser Lager mußte sich diesen Abend mit einer Zahl, Nr. 50, begnügen,

denn wir wußten nicht, wie die Gegend hieß. Es war ein recht angenehmes

Lager! All unser Gepäck war durch und durch naß und verschiedene Sachen

ruiniert. Der Lama war hauptsächlich über seine Apotheke, d. h. seine

in Papieren und Beuteln verwahrten Medikamente und heilbringenden

Samen, betrübt.

Wie sollte es unter diesen Umständen mit dem Feueranmachen gehen?

Yakdung lag zur Genüge umher, aber er war ebenfalls naß. Nach

mehreren ebenso energischen wie vergeblichen Versuchen glückte es uns

schließlich doch. Der Dung wurde von seiner feuchtesten Oberschicht

befreit, und mit Aufopferung einiger Papierstücke brachte ich ihn

zum Brennen. Unsere Tiere liefen, solange es hell war, frei auf der

Weide umher; wir selbst hatten alle Hände voll damit zu tun, unsere

Kleidungsstücke wenigstens von der Hauptmasse des Wassers zu befreien.

Ich zog mich aus und kauerte vor der nichts weniger als aromatisch

duftenden Argolglut, an der ich meine Kleider trocknete, nachdem ich so

viel Wasser wie nur irgend möglich aus ihnen herausgerungen hatte.

Wir wechselten einander als Blasebalg beim Feuer ab, sonst wäre es bald

erloschen. Es ist eine wenig dankbare Aufgabe, bei Regenwetter Kleider

zu trocknen, aber auf die Gefahr hin, sie anzusengen, gelang es uns

doch, die Feuchtigkeit einigermaßen aus ihnen herauszubringen.

Erbarmungslos und grausam senkte sich die Nacht über die Erde herab,

und der Mond fand keine Gelegenheit, auch nur den allerflüchtigsten

Blick auf Tibets naß geregnete Gebirge zu werfen. Ich war nach vier

Stunden mit der gewissenhaften Verrichtung meines verantwortungsvollen

Nachtdienstes fertig. Kalt und düster, windig und dunkel war es,

und es regnete immerzu. Das Zelttuch flattert und schlägt wie ein

im Winde schwellendes Segel; ich glaube schleichende Schritte

oder herangaloppierende Reiter zu hören. Von zwei verschiedenen

Seiten schallen Rufe durch die Nacht. Vielleicht nähern sich die

Kum-bum-Pilger; aber nein, diese waren gewiß nicht so verrückt wie wir,

jetzt über den Satschu-sangpo zu reiten.

Man wird nervös von der Nachtwache und dadurch, daß der Tag ebenso

reich an Spannung ist wie die Nacht. Jetzt ist es kein Geheimnis mehr,

daß wir unterwegs sind; wir sind bereits mit den ersten Tibetern

zusammengetroffen. Unsere Lage wird mit jedem Tage kritischer; unter

wechselnden Geschicken und ungewissen Schicksalen entgegen geht unser

Weg immer tiefer in dieses geheimnisvolle Land hinein. Wir nähern

uns langsam und sicher dem Ziele, aber müde sind wir; ich sehne mich

beinahe danach, irgendwie festzusitzen, damit wir ausschlafen können.

Ich glaubte freilich, daß jetzt, nachdem wir zwei schwere Proben, den

Räuberüberfall und den Satschu-sangpo, überstanden hatten, das Glück

unsere Reise begünstigen und uns Lhasa erreichen lassen müßte. Es war

wie in einem Märchen, wo der Held erst durch Feuer und Wasser gehen

muß, ehe er den Preis gewinnt und das erträumte Ziel erreicht.

Auch in dieser Nacht rissen sich einige Tiere während meiner Wache los,

und es dauerte ziemlich lange, bis sie wieder eingetrieben waren. Meine

beiden Reisegefährten lagen in schwerem Schlaf in unserer nassen Höhle.

Der Lama ist jedoch guten Mutes und sieht unsere Aussichten in hellem

Lichte, was man ihm, der anfangs durchaus nicht mitwollte, wirklich

nicht hätte zutrauen können. Schagdur ist ruhig und ernst. Beide sind

prächtige Menschen, gerade solche Leute, wie man sie um sich haben muß,

um sich sicher zu fühlen, und deren man bedarf, wenn ein derartiges

Abenteuer nicht ein Ende mit Schrecken nehmen soll.

In dieser Mitternachtstunde wartete ich keine Minute über 12 Uhr mit

dem Wecken, sondern rüttelte Schagdur unbarmherzig wach; er kroch in

das Regenwetter hinaus, nachdem er seine Flinte untersucht hatte,

während ich in unser klägliches Nest schlüpfte. Er war zu schlaftrunken

und ich zu schläfrig, um zu reden; ohne ein Wort auszutauschen,

wechselten wir den Platz.

Sechzehntes Kapitel.

In kritischer Lage.

Der Lama benutzte am 2. August seine Nachtwache, um aus einer

Konservendose eine „Lampe“ herzustellen; den Docht drehte er aus

einem Seilende, und die Flamme wurde mit Schaffett genährt. Anderes

Feuer spendierten wir uns an diesem Morgen nicht. Heute blieben wir

merkwürdigerweise während des Marsches vom Regen verschont; der Himmel

sah allerdings drohend aus, klärte sich aber gegen Abend auf und ließ

die ersehnten Strahlen der Sonne durch.

Unsere armen Tiere sind zu erschöpft, um mehr als 25 Kilometer

zurücklegen zu können. Die beiden Pferde sind ganz zu Ende, und zwei

Maulesel haben wundgescheuerte Stellen auf dem Rücken.

Die Landschaft war wenig abwechselnd. Wir steigen durch das Tal des

Lagerbaches zu einem kleinen Passe hinauf. Rechts von unserem Wege

erscheint in einer Entfernung von einigen Kilometern ein schwarzes

Zelt, um welches herum etwa 20 Yake und 400 Schafe weiden. Über ein

Gewirr von Hügeln gelangen wir wieder auf offenes Terrain, das recht

bequem zu überschreiten gewesen wäre, wenn nicht der Regen das Erdreich

so aufgeweicht gehabt hätte. Hohe Bergrücken sieht man gar nicht, aber

man kann sich darin auch täuschen, weil dunkle Wolken über allen Kämmen

schweben.

Vor uns im Südosten unterscheiden wir ganz in der Ferne etwas

Schwarzes, dem wir uns langsam nähern. Es stellt sich heraus, daß es

eine Yakherde ist, deren Spur wir eine gute Weile gefolgt sind. Als

wir näherkamen, fanden wir, daß sie zu einer Karawane gehörte, die auf

einem Hügelabhange neben dem Wege lagerte. Um eine unterhalb desselben

rieselnde Quelle herum war das Gras gut, und hier hatten sich die 300

Lastyake zerstreut.

Die Männer, 25 an der Zahl, saßen unter freiem Himmel um ihr Feuer

herum; Zelte hatten sie nicht. Die Last war in einem Dutzend

Haufen aufgestapelt und bestand aus in Sackleinwand eingenähten

Ziegelteestücken, die aus der Gegend von Kum-bum nach Taschi-lumpo am

Brahmaputra befördert werden sollten. Die Karawane wollte daher bald

nach rechts, d. h. nach Süden, von der Straße nach Lhasa, die andauernd

die Richtung nach Südosten beibehält, abbiegen. Sie marschiert nur

nachts, bei Tag liegt sie still, um die Tiere weiden zu lassen. Das ist

gewiß eine ausgezeichnete Art zu reisen, wenn man den Weg kennt und

keine Karte zu zeichnen braucht! Eine Schar bissiger Hunde, die uns

anfiel, wurde von Jollbars und Malenki auf eine Weise empfangen, die

sogar den Besitzern Respekt einflößte. Als wir in größter Ruhe an ihren

Teestapeln vorbeiritten, kamen mehrere Leute nach der Straße herunter,

um uns genauer zu betrachten, und da hielten wir. Bei allen war der

braungebrannte Oberkörper völlig nackt, und der von der Leibbinde

festgehaltene Pelz hing vom Rücken herunter. Ihre erste Frage war: „Wie

viele seid ihr?“, als wollten sie sich vor allem vergewissern, wer im

Falle eines Handgemenges die größte Aussicht hätte, Sieger zu bleiben.

Dann fragen sie, ob man Waren zu verkaufen habe, woher man komme, wie

lange man unterwegs sei und wohin man wolle, und als sie erfahren, daß

wir nach Lhasa gehen, finden sie es ganz natürlich, daß wir nach dem

heiligen Orte pilgern. Ich hörte jedoch einen Mann, der seinen nächsten

Nachbarn anstieß und dabei auf mich zeigte, das Wort „Peling“ sagen,

welches Europäer bedeutet.

Sie sahen wie leibhaftige Strolche aus, und einige von ihnen waren

geradezu abschreckende Erscheinungen (Abb. 250, 251, 252). Infolge der

schmutzigbraunen Hautfarbe und des üppigen, schwarzen, oft in zwei

Flechten herabhängenden Haares erinnern sie an Indianer. Einer von

ihnen verstand etwas Mongolisch und fragte gemütlich: „Ämur sän bane?“

(Ist eure Gesundheit gut?). Die meisten blieben bei den Feuern, wo sie,

ohne uns die geringste Beachtung zu schenken, als hätten sie schon oft

Pilger vorbeiziehen sehen, Tee aus Holzschalen tranken und ihre Pfeife

rauchten. Zwei von den anderen forderten uns auf, hierzubleiben und uns

zu ihnen zu gesellen. Es war uns aber nicht um solche Nachbarschaft zu

tun, und nachdem wir uns einige Minuten mit ihnen unterhalten hatten,

ritten wir weiter.

Mein Pferd war jedoch so schlecht, daß es mit den Mauleseln nicht

Schritt halten konnte, und nach nur wenigen Kilometern mußten wir

daher an einer Quelle auf freiem Feld etwa einen Steinwurf südlich

vom Wege Halt machen. Der Weg hatte sich während dieser Tagereise zu

einer großen Landstraße entwickelt, deren schlechter Zustand von recht

lebhaftem Verkehre zeugte.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 21 / 42 段