Das Allerschlimmste aber war der Regen, der die Erde peitschte und

wolkenbruchartig herniederströmte. Nie ist mir ein so entsetzlicher

Regen vorgekommen. Er schmetterte und prasselte auf das Zelt, das

einzufallen drohte und durch dessen Tuch ein feiner Staubregen in

das Innere sprühte und sich dabei verteilte wie die Dusche einer

Spritzflasche Eau de Cologne. Alles wurde durchnäßt, aber die

Schlafenden kümmerten sich nicht um den Regen, sondern krochen

nur tiefer unter ihre Pelze und fuhren fort Bretter zu sägen. Die

Regentropfen trommelten lustig auf die mongolische Kasserolle und

ihren Deckel, die wir beim Feuer hatten stehenlassen. Ich setze den

schlüpfrigen Spaziergang zwischen den Hunden noch eine Weile fort,

suche dann aber, naß wie eine ersäufte Katze, in der Zelttür Schutz.

Von dem Mondschein hatte ich keinen Nutzen, denn die Wolken waren

trostlos kompakt, und es sah aus, als wollte der Regen überhaupt nicht

aufhören. Ganz undurchdringlich bleibt jedoch das Dunkel nicht; der

Mond liefert wenigstens eine sehr schwache, diffuse Helle, in der sich

die Umrisse der Karawanentiere ein wenig schwärzer als die Nacht um sie

her abzeichnen, so daß ich von Zeit zu Zeit ihre Rücken zählen kann.

Ich zünde eine Pfeife und einen Lichtstumpf an, den ich in eine kleine

Holzschachtel stelle; bei seinem Schein schreibe ich meine nächtlichen

Betrachtungen nieder. Immer nur einen Satz, dann wieder eine Runde

um das Lager. Es trieft mir von den Ärmeln, und die Mütze sitzt wie

festgekleistert auf meinem kahlen Schädel. Nach den Abspülungen

erinnerte mein geschminktes Antlitz sehr an das Fell eines Zebras. Die

Temperatur sank nicht unter +4°, und von Kälte war daher keine Rede.

Der Regen strömt ohne Unterbrechung nieder, und sein eintöniges

Plätschern übertönt alle anderen Geräusche. Doch was war das? Ein

klagender Ton in der Ferne! Sollten die Tibeter gerade so ein

Hyänenkonzert anstimmen wie 1896 die Tanguten bei Karascharuin-kubb?

Nein, bewahre, es war Jollbars, der vor Ärger heulte, weil er draußen

liegen und sich vollregnen lassen mußte. Und was war dies wieder für

ein Lärm? Nur ein entfernter Donnerschlag. Der Donner und der Regen

täuschen mich unaufhörlich. Ich eile mit dem Revolver unter dem Mantel

ins Freie, stehe und warte dort eine Weile in der Nässe, horche

angestrengt nach allen Seiten, da aber „im Schipkapasse alles ruhig“

ist, kehre ich zu meinem Lichtstumpfe zurück; die Pfeife will nicht

mehr brennen, alles ist naß.

Die Stunden vergehen immer langsamer, und der Regen läßt nicht nach.

„Das wird morgen ein schöner Ritt werden!“ dachte ich. Das einförmige

Atmen der halbschlafenden Maulesel wirkt einschläfernd, und die Lider

fangen an mir schwer zu werden. Es passierte mir aber nie, daß ich auch

nur fünf Minuten einschlummerte. Sollten wir noch einmal überlistet

werden, so sollte es wenigstens nicht während meiner Wache geschehen;

ich hätte mich vor meinen Kameraden wie ein Hund geschämt und mich

selbst verachtet.

Dann und wann schlagen die Tiere mit den Schwänzen, wenn der Regen

ihre Seiten kitzelt. Die Hunde knurren bisweilen dumpf, und ich

mache dann sofort die Runde um das Lager. Um 11½ Uhr streifte

ich in der Dunkelheit umher, fest entschlossen, nicht eher ins Zelt

zurückzukehren, als bis die Mitternachtsstunde geschlagen hätte und

damit die Stunde meiner Befreiung gekommen wäre.

Es war denn auch 12 Uhr vorbei, als ich mich wieder bei meinem

Lichtstumpfe niederließ. Jetzt rieselte es vom Pelze herunter, und

die Stiefeln waren klatschnaß. Schagdur schlief so fest, daß es mir

widerstrebte, ihn zu wecken, und ich hatte mich selbst überredet,

seine Wache um eine halbe Stunde abzukürzen, als beide Hunde auf

einmal wütend zu bellen begannen. Der Lama erwachte und eilte mit

seiner Flinte hinaus, ich folgte ihm mit dem Revolver, das Licht wurde

ausgelöscht, und wir schlichen uns gegen den Wind nach der verdächtigen

Stelle hin. Dort hörte man deutlich Pferdegetrappel, und in einer

anderen Richtung glaubte der Lama Hundegebell zu vernehmen. Er wollte

schießen, aber ich wollte unter keinen Umständen derjenige sein, der

anfing; gefiel es den Tibetern, uns den Krieg zu erklären, dann sollte

ihnen freilich mit gleicher Münze heimgezahlt werden!

Daß sich einige hundert Meter von uns Reiter aufhielten, unterlag

keinem Zweifel. Ich ließ den Lama beim Zelte bleiben, weckte Schagdur

und ging mit ihm leise und vorsichtig in der Windrichtung, dann und

wann lauschend. Da hörten wir, wie sich das Pferdegetrappel hastig

entfernte; darauf wurde alles ruhig, und die Hunde stellten ihr Gebell

allmählich ein.

Jetzt war die Reihe an Schagdur. Ich hörte seine Schritte draußen in

dem Schmutz, als ich unter meinen feuchten Pelz kroch. Solche Nächte

bringen mehr Spannung als Ruhe und sind mehr interessant als gemütlich.

Aber man gewöhnt sich wohl daran, dachte ich, und nach einer Weile

schlief ich gut und fest.

Schon um 5 Uhr weckte uns der Lama, der die letzte Wache hatte und es

wohl für besser hielt, weiterzureiten als in den Tag hineinzustarren.

Behaglich und vergnügt ist einem nach einer solchen Nacht gerade

nicht zumute, nein, ungemütlich, steif, naß und frostig! Alles riecht

schlecht und sauer; aber das gehört natürlich zur Sache und trägt

dazu bei, den Eindruck der Echtheit zu erhöhen. Von wohlriechenden

Lhasapilgern hat man noch nie reden hören! Und was mich betrifft, so

fand ich, daß das Ganze sich gut anließ. Unter Verhältnissen wie den

unsrigen wird die Stimmung außerordentlich von der Sonne beeinflußt.

Man sehnt sich danach, sich umsehen zu können; die Nacht mit ihren

heimtückischen Schatten ist auch dem unangenehm, der sich im Dunkeln

nicht fürchtet.

Meine Muselmänner hatten mich entschieden für unzurechnungsfähig

gehalten, als ich auf dieses wahnsinnige Unternehmen auszog. Es war in

der Tat wahnsinnig, das läßt sich nicht leugnen, so viel zu wagen, ja

das Leben zu riskieren, nur aus Lust, Lhasa zu sehen, das in seiner

Topographie und seinem Aussehen durch Beschreibungen, Karten und

Photographien von Punditen und Burjaten weit besser bekannt ist als

die meisten Städte des innersten Asien. Doch ich muß ehrlich gestehen,

daß ich mich nach den zwei Jahren ruhiger, friedvoller Wanderungen

durch unbewohnte Teile des Kontinents und nach all meiner strebsamen

Arbeit nun einmal nach einem wirklich haarsträubenden Abenteuer sehnte.

Ich fühlte das unwiderstehliche Bedürfnis, meine Person in eine Lage

zu bringen, in der das Leben auf dem Spiele stand, eine Situation,

die Geschicklichkeit und Umsicht erforderte, wenn sie nicht zu einer

Niederlage werden sollte, und in die wir uns so tief verwickeln würden,

daß es noch schwerer wäre, sich mit heiler Haut wieder herauszuwickeln.

Tatsächlich sehnte ich mich mehr nach dem Abenteuer als gerade nach

Lhasa. Der Lama hatte mir die Stadt so gründlich beschrieben, daß ich

sie schon satt bekommen hatte. Ich wollte die Tibeter sehen, mit ihnen

reden und ausfindig machen, weshalb sie die Europäer so verabscheuen.

Ein unkritischer junger Mann hat vor einigen Jahren erzählt, daß er in

Tibet gefoltert worden sei, aber seine haarsträubenden Beschreibungen

schreckten mich nicht ab -- aus dem einfachen Grunde, weil ich ihnen

keinen Glauben schenke. Es wäre wirklich ein großer Gewinn für die

Menschheit, wenn Personen, denen es schwer wird, bei der Wahrheit zu

bleiben, das Bücherschreiben bleiben lassen wollten!

Fünfzehntes Kapitel.

Die ersten Nomaden.

Der Appetit ist so früh am Morgen schlecht. Das Frühstück besteht nur

aus Brot und Tee (Abb. 248); doch sobald die Pfeife angezündet ist

und man im Sattel sitzt, geht der Tag seinen ebenen Gang, obwohl das

Zeichnen der Marschroute die Geduld auf die Probe stellt, wenn man ein

Pferd hat, das sich wie eine alte abgenutzte Dreschmaschine bewegt.

Der Tag war ebenso trübe und düster wie die Nacht. Die Sonne läßt sich

überhaupt nicht blicken; schwere, schwarze Wolken hängen überall,

Vorhängen vergleichbar, und sie sehen so schwer aus, daß man meint, sie

müßten herunterfallen und zerreißen.

Der Lama glaubte am Morgen, im Südwesten ein schwarzes Zelt zu sehen,

und stimmte dafür, daß wir dorthin reiten und Erkundigungen einziehen

sollten; ich zog es jedoch vor, geraden Weges auf den nächsten Paß in

den südlichen Bergen, die jetzt von Hagel und Schnee kreideweiß waren,

loszugehen.

Sobald wir in das Tal, in welchem ein Bach strömte, eintraten, nahm die

Steigung zu und wurde bald steil. Wir verließen das Tal und ritten über

Hügel von rotem, pulverisiertem Sandstein im Zickzack zum Passe hinauf.

Von dort kamen wir einen steilen Abhang hinunter in ein ziemlich

breites, südostwärts führendes Tal.

In einer Talweitung lag der Kadaver eines Schafes mit seiner Last, die

aus Salz in einem zweiteiligen Beutel bestand. Wahrscheinlich hatte

eine tibetische Schafkarawane unsere kleinen Räuberseen besucht, wo

das Salz an einigen Stellen offenliegt und leicht erreichbar ist und

wo wir auch Spuren einer Herde gesehen hatten. Feuerstätten werden

immer häufiger; von tibetischen Mahlzeiten übriggebliebene Knochen und

Schädel liegen umher.

[Illustration: Kosak Schagdur, der Verfasser und der Lama Schereb als

mongolische Pilger.]

[Illustration: Der Verfasser als mongolischer Pilger verkleidet.]

Als unser Tal nach Südwesten abschwenkte, verließen wir es und

ritten über die nächste Bergkette, wo Schagdur bald einen ziemlich

stark benutzten Weg entdeckte. Von dem Passe hatten wir wieder eine

umfangreiche, obgleich wenig aufmunternde Aussicht: Berge und Kämme

überall, soweit der Blick nach Süden und Südosten reichte. Kein Mensch,

kein schwarzes Zelt in Sehweite! Wir hatten also noch eine Frist vor

neugierigen Blicken; aber wir ahnten doch, daß verborgene, schleichende

Späher uns nicht aus den Augen ließen.

Der Himmel ist bleischwer und düster, und die Stunden vergehen langsam

und ermüdend. Auch der Tag hat seine Spannung; wir wissen nichts von

diesem Lande und seinen Verhältnissen, aber wir sind überzeugt, daß

früher oder später etwas Außergewöhnliches eintreten wird. Wir müssen

jede Minute auf unserer Hut sein, sonst wird uns ein Streich gespielt,

wenn wir es am wenigsten erwarten.

Von dem Passe folgten wir einem deutlich ausgetretenen Wege, der in

ein an Sümpfen, Tümpeln, Quellen, Bächen und üppiger Weide reiches

Tal hinunterführte. Der in Hülle und Fülle vorhandene Yakdung war

hier umgedreht worden, um besser zu trocknen; man beabsichtigte also,

wiederzukommen und ihn zu holen. Überall waren Spuren von Nomadenlagern

sichtbar.

Weiter abwärts schien die Weide abzunehmen. Als wir einen strategisch

geeigneten Platz fanden, beschlossen wir daher, für die Nacht hier zu

bleiben. Auf der 70 Meter breiten Landenge zwischen zwei kleinen Seen

wurde unser nasses Zelt aufgeschlagen. Wir sehen der bevorstehenden

Nacht mit einem gewissen Unbehagen entgegen und fragen uns, was sie

wohl bringen werde.

Schon um 8 Uhr wurden die Tiere in gewöhnlicher Weise gebunden. Die

Luft war ruhig, aber alle Himmelsrichtungen konnten als gleich unsicher

gelten. Diese Nacht war noch ärger als die vorige; es war, als ob

Tausende von Dachrinnen ihren Inhalt über unser Lager ausschütteten.

Aber die hierzulande vorgeschriebene Regenzeit war da, und wir hatten

kein Recht, uns zu beklagen. Wenn man, wie ich diesmal, vier Stunden

Wache hält und bis auf die Haut naß wird, so weiß man ganz genau, wie

ein richtiger, ehrlicher Regen beschaffen sein muß.

Von Zeit zu Zeit saß ich, einigermaßen geschützt, in der Zelttür. Es

klatscht in den Packsätteln der Maulesel, von deren Ecken das Wasser in

dicken Strahlen rinnt, wie in einer Waschmaschine. Die Tiere schütteln

sich, daß die Tropfen nach allen Seiten spritzen. Bisweilen spitzen sie

die Ohren, und die Hunde knurren dumpf. Malenki darf frei umherlaufen

und schnüffelt auf einem alten Lagerplatze nach Knochen, denn er und

Jollbars haben seit ein paar Tagen nichts als Brot bekommen.

Auf einmal fing der eine zu bellen an, und der andere stimmte bald ein.

Es war nur ein Schreckschuß, denn nur einer der Maulesel hatte sich

losgemacht und spazierte einen Abhang hinauf. Mir blieb nichts übrig,

als ihn wieder einzufangen; aber dies war leichter gesagt als getan.

Er war munter und lebhaft und sprang umher, und es dauerte lange, ehe

ich ihn bei der Halfter packen konnte. Sein Betragen demoralisierte

einen seiner Kameraden, der das Manöver wiederholte und gleichfalls mit

großer Mühe eingefangen wurde.

31. Juli. Als ich nach mehrstündigem Schlafe geweckt wurde, um beim

Einpacken und Beladen zu helfen, stürzte der Regen noch ebenso lustig

nieder wie bisher, aber hier gab es keine Gnade: hinauf in den Sattel,

sobald der Tag anbrach, und fort nach Südosten über beschwerliches,

stark kupiertes Terrain. Jetzt hatte unsere kleine Gesellschaft keinen

trockenen Faden mehr an sich, so daß uns der Regen eigentlich wenig

genierte; aber wir sehnten uns danach, daß die Sonne sich einmal über

uns erbarmte und uns trocknete.

Als ich mich auf meinen weichen, gepolsterten Sattel setzte, tropfte

das Wasser aus ihm; nachher erhielt ich vom Regen eine so gründliche

Dusche, daß das Wasser von meinen Kleidern in die Stiefel rann, in

denen es bei der geringsten Bewegung plätscherte. Erhob ich meinen Arm,

so klang es ungefähr, als ob ein Spüllappen ausgerungen werde. Das

Ganze war recht betrübend; wenn es doch lieber geschneit hätte!

Der Weg, dem wir noch immer folgten -- schon jetzt war deutlich zu

erkennen, daß er nach Lhasa führte --, ging über fünf Pässe, von denen

jedoch die beiden letzten nur in kleineren Abzweigungen zwischen Tälern

lagen, deren Bäche einem Haupttale zuströmten. Im Osten sah man den

sich schlängelnden Fluß.

Unser Weg vereinigt sich mit einem anderen, von links kommenden. Er ist

deutlich ausgeprägt, weil eine große Yakherde ihn benutzt hat. Infolge

des heftigen Regens, der alle Spuren bald vertilgen mußte, konnten wir

annehmen, daß die Tiere hier ganz kürzlich, vielleicht erst am Morgen,

vorbeigezogen waren, und wenn wir uns beeilten, mußten wir die Karawane

noch einholen können.

Es dauerte auch nicht lange, so unterschieden wir ganz fern im Südosten

eine Menge schwarzer Punkte; es waren Yake, und später trat auch eine

Schafherde aus dem Halbdunkel hervor. Ein Zelt, das bisher verdeckt

gewesen war, tauchte am Ufer eines Baches auf. Schagdur und ich

ritten weiter, während sich der Lama dorthin begab. Wir nahmen als

selbstverständlich an, daß die Besitzer des Zeltes mongolische Pilger

seien, und hatten beabsichtigt, uns ihnen anzuschließen; es stellte

sich jedoch heraus, daß es Tanguten waren, die nach dem berühmten

„Tempel der zehntausend Bilder“ in Kum-bum pilgerten. Sie blieben auf

jedem Lagerplatze einen oder mehrere Tage, reisten sehr langsam und

waren, ihrer Meinung nach, noch eine Monatsreise von Lhasa entfernt.

Sie zeigten bedenklich viel Interesse für uns und wollten alles wissen,

wer und wie viele wir seien, woher wir kämen, wohin wir zögen usw. Sie

hatten 50 Yake, einige Pferde und drei Hunde, die von Jollbars und

Malenki greulich zerzaust wurden.

Die Schafherde zählte nicht weniger als 700 Tiere und wurde von einer

alten Frau gehütet, die augenscheinlich an Pilger gewöhnt war, denn

sie zeigte keine Furcht. Nach all dem Regen, Schmutz und Dreck sahen

wir wie leibhaftige Vagabunden aus, und kein Ritter von der Landstraße

brauchte sich mehr vor uns zu schämen. Die Eleganz war gewissenhaft

abgespült worden.

Die Alte teilte uns mit, daß wir im nächsten Tal ein schwarzes Zelt

finden würden, wo man uns alles, dessen wir bedurften, vor allem

Auskunft über den Weg nach Lhasa geben könne.

Einen Kilometer von dem Zelte, das sich richtig an der angegebenen

Stelle befand, lagerten wir, der Vorsicht halber noch immer auf freiem

Felde.

Der Lama begab sich sofort zu den Tibetern und kehrte sehr befriedigt

zurück. In dem Zelte, das von Hunden bewacht war, hatte er einen

jungen Mann und zwei Frauen angetroffen, die sich entschuldigten, uns

heute Schafe, Milch, Fett und Tsamba nicht verkaufen zu können, da es

Feiertag sei; wenn wir uns aber bis morgen geduldeten, so sollten wir

erhalten, was sie abgeben könnten. Womit sie uns aber gleich versehen

könnten -- weil wir friedliche Mongolen seien --, sei trockener

Yakdung. Der Lama brachte einen ganzen Sack voll mit; es war zu schön,

denn sonst wäre es uns in der ewigen Nässe kaum möglich gewesen, ein

Feuer anzumachen. Auf die Frage, ob sie uns zwei Pferde verkaufen

würden, hatte er die Antwort erhalten, daß darauf nur der Hausherr, der

ausgegangen sei, Bescheid geben könne.

Der Lama hatte kaum über seine Mission Bericht erstatten können, als

auch schon der in Frage stehende Mann in eigener hoher Person auf

einem Hügel erschien, wo er in gebührender Entfernung stehenblieb und

uns betrachtete. Ohne Ziererei oder Furcht kam er mit, als der auf

ihn zugehende Lama ihn zu uns einlud, und setzte sich vor der offenen

Zelttür auf den nassen Boden.

Dieser unser erster Tibeter mochte ein Mann von 40 Jahren sein;

sein Name war Sampo Singi. Ein mehr schwarzes als sonnverbranntes,

bartloses, runzeliges Gesicht; rabenschwarzes, schmutziges Haar in

zottigen Strähnen, aus denen das Regenwasser auf den zerlumpten,

sackähnlichen Mantel niedertropfte, Stiefel von grobem, ursprünglich

weißem Filz, eine Leibbinde mit daranhängendem Tabaksbeutel und einer

Pfeife, alles greulich schmutzig; dies war seine äußere Erscheinung.

Sampo Singi war barhäuptig und, bis auf die Stiefel, barbeinig; mit

anderen Worten, er hatte keine Hosen an. Es muß erfrischend sein, unter

solchen Umständen bei Regenwetter zu reiten!

Unaufhörlich schneuzte er sich mit den Fingern mit einer

bewundernswerten Energie; der Sicherheit halber machten wir es ebenso,

da man ja nicht genau wissen konnte, ob die tibetische Etikette

derartige demonstrative Handgreiflichkeiten in Gegenwart von Fremden

nicht geradezu vorschrieb. Das Bild, das wir bei dem Regenwetter boten,

muß ein Anblick für Götter gewesen sein; schade, daß es weiter niemand

sehen konnte.

Sampo Singi untersuchte ganz ungeniert unsere Effekten -- Instrumente

und Tagebuch hatte ich rechtzeitig eingesteckt. Unsere oben engen, nach

unten weiter werdenden Holznäpfe gefielen ihm besonders, und er machte

die sachverständige Bemerkung, daß die Mongolen stets derartige Gefäße

hätten. Mir gegenüber zeigte er kein Mißtrauen, war ich doch beinahe

ebenso schmutzig wie er selber.

Nachdem die Bekanntschaft gemacht war und die Vertraulichkeit zugenommen

hatte, gelang es dem Lama, aus Sampo Singi herauszuquetschen, daß unser

gestriger Lagerplatz zwischen den beiden kleinen Seen +Merik+ hieß.

Den Fluß, den wir heute im Osten gesehen und ziemlich nahe zur Linken

gehabt hatten, nannte er +Gartschu-sängi+. Der heutige Lagerplatz trug

den Namen +Gom-dschima+, und der nächste Gebirgskamm im Südwesten hieß

+Haramuk-lurumak+. Er teilte uns auch mit, daß wir während zweier

weiterer Tagemärsche kaum Aussicht hätten, Nomaden zu treffen, auf

dem dritten aber würden wir auf viele Zelte stoßen. Wenn wir kurze,

langsame Tagereisen machten, würden wir bis Lhasa 12 Tage brauchen,

marschierten wir aber so tüchtig wie heute (42,2 Kilometer), so würden

wir die Stadt in 8 Tagen erreichen. Der Weg, auf dem wir uns jetzt

befanden, führte richtig nach dem Passe +Lani-la+.

Schagdur und der Lama pflegten zu schnupfen, und Sampo Singi nahm sich

auch eine gehörige Prise. Das hätte er jedoch lieber nicht tun sollen,

denn er geriet in ein verzweifeltes Niesen, das gar kein Ende nehmen

wollte. Er nahm es aber nicht übel, daß wir über ihn lachten. Ganz

unschuldig fragte er, ob wir unseren Schnupftabak zu pfeffern pflegten,

und ließ sich nicht in Versuchung führen, als ihm noch eine Prise

angeboten wurde.

Jetzt besann sich Schagdur auf seine Würde und brüllte mich an: „Geh

und treibe die Pferde ein, Bursche! Was hast du hier zu gaffen?“ Man

konnte nicht wissen, ob Sampo Singi Mongolisch verstand, jedenfalls

sah er nicht im mindesten erstaunt aus, als ich sofort nach den Hügeln

lief und unsere Tiere nach dem Zelte zu treiben begann. Bevor ich

weit mit ihnen gekommen war, hatte sich der Alte zum Glück entfernt,

sonst würde seine Intelligenz mehr als ausreichend gewesen sein für

die Überlegung: „Der Bursche da hat noch in seinem ganzen Leben keine

Maulesel eingetrieben!“ Hatte ich sie endlich alle auf einem Haufen,

so gefiel es dem Sarik Kullak oder „Gelbohr“, nach dem vortrefflichen

Grase, von dem ich ihn eben fortgejagt hatte, zurückzugaloppieren. Ich

mußte umkehren und das Vieh von neuem holen; aber wenn ich zum Haufen

zurückkam, hatte sich dieser zerstreut, und mit der Disziplin war es

vorbei. Schließlich erwischte ich drei Maulesel und ließ sie nicht eher

wieder los, als bis sie festgebunden waren.

Unter dem Zelttuche der schweren Wolkenmassen warf die Sonne noch beim

Untergehen einen Abschiedsblick hervor, der einige Minuten über die

Weidegründe der ersten Nomaden hinstrahlte, und gegen 9 Uhr machte uns

auch der Mond einen flüchtigen Besuch. Aber schon gleich nach 10 Uhr

erhob sich der Weststurm, und ich, der ich die Wache hatte, mußte das

Zelt, so gut es gehen wollte, festmachen. Eines der im Laufe des Tages

gezeichneten Kartenblätter flog in die Nacht hinaus, wurde aber noch

eingeholt und gerettet. Dann strömte der Platzregen wieder taktfest

und trostlos von dem gleichmäßig schwarzen Himmel herab; nur mit Mühe

konnte ich sehen, wo die Tiere standen.

In dieser Nacht fühlten wir uns bedeutend ruhiger als gewöhnlich.

Seit dem unerwarteten Zusammentreffen mit den Yakjägern hatten wir

keine Eingeborenen getroffen, wohl aber hatten wir sie wie böse

Geister um uns herumspuken gefühlt, ja sie hatten uns sogar einmal

überrumpelt. Jetzt dagegen, da wir friedliche Nomaden als nächste

Nachbarn hatten, brauchten wir kaum nächtliche Besuche zu fürchten, und

Sampo Singi hatte uns versichert, daß hier in der Gegend keine Räuber

umherstreiften. Doch für alle Fälle wurde der Nachtdienst auf dieselbe

Weise wie gewöhnlich verrichtet. Der einzige Unterschied war, daß ich

im Zelte ein kleines Feuer unterhielt, das noch mehr dazu beitrug,

unsere bereits genügend eingeschmutzten Sachen zu schwärzen.

1. August. Als ich mit den Worten: „Drei Tibeter kommen auf Besuch“

geweckt wurde, regnete es merkwürdigerweise nicht. Ich sprang auf und

versteckte die Kleinigkeiten, die einen geheimnisvollen Fremdling

hätten verraten können. Zwei Männer und eine Frau erschienen; daß

sie in friedlicher Absicht kamen, sah man schon von weitem, denn sie

führten ein Schaf am Strick und trugen verschiedene Sachen.

Sampo Singi führte wieder das Wort und reihte seine Delikatessen an

unserem Feuer auf. Ach, was für schöne Sachen; jetzt würden wir nach

der knappen Kost der letzten Tage wie Fürsten tafeln! Ein großes Stück

Fett (Mar), einen Napf saure Milch (Scho), eine hölzerne Schale mit

Käsepulver (Tschorá), eine Kanne Milch (Oma) und einen Klumpen Sahne

(Bema): konnten wir uns ein lukullischeres Frühstück wünschen?

Alles war Primaware, außer der Sahne, die beinahe an einen Bund

aufeinandergelegter, bedenklich rußiger und haariger Hautlappen

erinnerte. Das Käsepulver ist eines der Ingredienzien der „Tsamba“,

die im übrigen aus Mehl, Tee, Fett- oder Butterstücken, was man gerade

hat, alles in einer Schüssel verrührt, zu bestehen pflegt. Ich muß

gestehen, daß es mir nie gelungen ist, mich an diese von den Mongolen

hochgepriesene Delikatesse zu gewöhnen.

Um so besser wußte ich die sauere Milch zu würdigen. Sie übertraf

alles, was ich mir hatte denken können, und hätte mir ein höheres

Wesen, als sie verzehrt war, unter allen Delikatessen der Erde freie

Wahl gelassen, so würde ich ohne Zögern um noch etwas sauere Milch

gebeten haben! Sie war dick, weiß und säuerlich; in der ganzen Welt hat

die „Scho“ der Tibeter nicht ihresgleichen!

Alles dieses sowie das Schaf sollten nun bezahlt werden, und Schagdur

zog einige chinesische Silberstücke hervor. Sampo Singi wog sie

und fand sie gut, erklärte aber, nur Silbergeld von Lhasa annehmen

zu können. Da wir solches nicht besaßen, prüften wir ihn auf seine

Empfänglichkeit für blauen chinesischen Stoff, und das wirkte. Mit

wahrem Genusse strich er darüber hin und ließ ihn zwischen den Fingern

rauschen; er besah ihn in der Nähe und aus der Ferne, mit einem Worte:

er hatte angebissen. Die Schweinsaugen seiner edeln Gattin glänzten

vor Begierde. Wir hatten von diesem Zeuge zwei Pakete zu Tauschzwecken

mitgenommen, und Sampo Singi wollte das eine haben. Das asiatische

Parlamentieren und Feilschen begann, und schließlich mußte er sich mit

12 Ellen, dem dritten Teile eines Paketes, begnügen. Pferde konnte er

jedoch nicht entbehren, so sehr wir ihn auch in Versuchung führten.

Als der Handel abgeschlossen war, hielt jede Partei die andere für

übervorteilt.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 20 / 42 段