In diesem Lager wurde beschlossen, daß Ördek uns noch einen Tag

begleiten sollte, denn dem Lama ging es sehr schlecht; er schwankte im

Sattel und mußte oft absteigen, um eine Weile auf der Erde zu liegen.

Das Terrain ist in dieser Gegend vorzüglich, und wir legten auf dem

festen Boden mit größter Leichtigkeit beinahe 40 Kilometer zurück. Die

Hügel und Täler, die wir hierbei passieren, sind arm an Gras, aber

desto reicher an Kulanen und Yaken, die bei verschiedenen Gelegenheiten

zu Hunderten auftraten. Sie nehmen aber auch mit Moosen und Kräutern

vorlieb, die unsere zahmen Tiere nicht fressen würden. Spuren von

Menschen fehlen noch. Von Zeit zu Zeit reitet einer von uns auf den

nächsten beherrschenden Hügel hinauf, um Umschau zu halten. Jetzt

würden wir freilich, wenn wir Reiter oder ein Nomadenlager sähen, als

ehrliche Pilger direkt dorthin reiten, aber wir mußten doch Ördek

Gelegenheit geben, vorher unbemerkt zu verschwinden und nach dem Lager

Nr. 44 zurückzureiten.

Die Richtung ist Ostsüdost. Im Osten erhebt sich ein gewaltiges

Schneemassiv, und diesseits desselben liegt ein See von reinblauer

Farbe. Am Seeufer, längs dessen wir nach Südosten hatten ziehen

wollen, stiegen senkrechte, wie immer ziegelrote Sandsteinfelsen, das

gewöhnliche Kennzeichen der tibetischen Landschaft, unmittelbar aus

dem Wasser empor. Sie zwangen uns zu einem verdrießlichen Umwege nach

Südwesten über beschwerliche Hügel, hinter denen wir wieder ans Ufer

gelangen und an ihm auf viel bequemerem Terrain weiterziehen konnten.

Konzentrisch längs des Ufers geordnete Absätze und Wälle lassen auf

den ersten Blick erkennen, daß dieser Salzsee im Austrocknen begriffen

ist.

Allzuweit konnten wir nicht reiten, um unsere schon angegriffenen Tiere

nicht zu ermüden, und es wurde Zeit, ans Lagerschlagen zu denken.

Trinkwasser schien es in der Nähe dieses Salzsees nicht zu geben. Wir

folgten einem Kulanpfade zwischen zwei Uferwällen in der Hoffnung, daß

er uns zu einer Quelle führen würde.

Im Süden des größeren Sees schimmerte jetzt der Spiegel eines kleineren

Gewässers, das merkwürdigerweise süß war, obgleich seine Ufer ebenso

flach und kahl aussahen. Obschon es hier sowohl mit der Weide wie mit

der Feuerung schlecht bestellt war, wählten wir hier doch einen Platz

für das zweite Nachtlager aus.

Der Lama fühlte sich besser, und die Stimmung war sehr gut. Wir saßen

plaudernd um das Feuer und entwarfen unsere Pläne für die Weiterreise

nach der heiligen Stadt. Ich berechnete die Marschroute des Tages und

teilte den anderen mit, wie lang unser Weg noch sei. Der Lama erzählte

von der Strenge, mit der die Tibeter in Nakktschu alle Pilger, die aus

der Mongolei kommen, untersuchen. Wir hielten es daher für das Klügste,

diesen Ort zu vermeiden und uns auf gebahnten oder ungebahnten Wegen

nach dem Ostende des Tengri-nor zu begeben, um von dort nach dem Passe

Lani-la zu gehen. Wir würden auf diese Weise die großen Pilgerstraßen

zwischen Nakktschu und Lhasa erreichen und unter den übrigen Pilgern

verschwinden.

Darauf folgte eine komische Szene. Mein Kopf sollte rasiert werden.

Ich setzte mich neben dem Feuer auf die Erde, und Schagdur hauste

mit der Schere wie ein Vandale in meinen Haaren. Nachdem ich auf

diese Weise geschoren war, wurde mein Kopf eingeseift. Ördek kam

mit dem Rasiermesser, und nach einer Weile glänzte mein Schädel wie

eine Billardkugel. Schagdur und der Lama schauten zu und fanden

die Situation höchst interessant. Schließlich nahm ich selbst den

Schnurrbart vor, der ebenfalls ohne Erbarmen entfernt wurde, obgleich

ich es eigentlich für jammerschade hielt, mein sonst ganz vorteilhaftes

Aussehen auf solche Weise zu verschimpfieren. Ich tröstete mich damit,

daß ich die Brauen und Wimpern behalten durfte.

Nachdem die Verwüstung so über mein Haupt hingegangen war, sah ich

gräßlich aus. Doch hier war ja niemand, mit dem ich zu kokettieren

brauchte, und es war schließlich einerlei, wie man in diesen ebenso

glattrasierten Gebirgsgegenden aussah.

Meine Behandlung war jedoch noch nicht fertig. Wie ein alter, geübter

Quacksalber begann der Lama mit sachverständiger Miene unter seinen

Papieren, Beuteln und Medikamenten umherzusuchen und schmierte mir

dann das Gesicht mit Fett, Ruß und brauner Farbe ein. Bald war das

Werk getan, und nun glänzte ich wie eine Kanonenkugel in der Sonne.

Ein kleiner Handspiegel überzeugte mich, daß ich wirklich schön echt

aussah. Mir konnte vor mir selbst Angst werden, und ich mußte eine

gute Weile in das Glas starren, ehe ich völlig davon überzeugt war,

daß dieser mongolische Pavian wirklich mit meiner eigenen Person

identisch war. Als die Salbe trocken war, nahm meine Haut eine mehr

grauschmutzige Schattierung an.

Unser Lagerplatz lag offen auf der schmalen Landenge zwischen den

beiden Seen; nur im Südwesten erhoben sich einige niedrige Hügel.

Die Gegend konnte für vollkommen sicher gelten, denn weder alte

noch frische Menschenspuren waren irgendwo zu sehen, und die Hunde

verhielten sich ruhig. Gegen 5 Uhr erhob sich ein Nordsturm, der

Wolken von Sand und Staub über den Salzsee und unser Lager jagte. Wir

nahmen unsere Zuflucht zu der Jurte, und bereits um 8 Uhr fanden wir,

daß es Schlafenszeit sei, und krochen auf dem Filzteppiche des Zeltes

in unsere Pelze. Ördek bewachte die Pferde und Maulesel ungefähr 200

Schritte vom Lager entfernt. Er sollte die ganze Nacht wachbleiben,

damit wir noch einmal gründlich ausschlafen könnten; am Morgen sollte

er dann auf einem der vier Pferde nach dem Lager Nr. 44 zurückreiten.

Um Mitternacht wurde das Zelttuch auseinandergeschlagen. Ördek

steckte den Kopf herein und flüsterte mit angsterfüllter Stimme: „Bir

adam kelldi“ -- ein Mann ist gekommen! Seine Worte wirkten wie ein

Donnerschlag. Alle drei stürmten wir mit den Flinten und dem Revolver

in die Nacht hinaus (Abb. 246). Der Sturm tobte noch immer, und der

Mond schien bleich durch zerrissene, schnell hinjagende Wolken. Ördek

zeigte uns den Weg und berichtete, daß er zwischen den am entferntesten

weidenden Pferden eine dunkle Gestalt habe umherhuschen sehen. Dies

hatte ihn so erschreckt, daß er nach dem Zelte gelaufen war, anstatt

Alarm zu schlagen.

Die Folge davon war natürlich, daß wir zu spät kamen. In dem matten

Lichte des verschleierten Mondes sahen wir gerade noch, wie einige

dunkle berittene Gestalten davonsprengten und zwei Pferde vor sich

herjagten. Einen Augenblick darauf verschwanden sie hinter den Hügeln.

Eine ihnen von Schagdur nachgeschickte Kugel richtete keinen Schaden

an. Er, der Lama und Ördek verfolgten die Spur, während ich im Lager

blieb, das vielleicht von einer ganzen Bande umringt war. Nach einer

Stunde kehrten sie zurück, ohne etwas Weiteres gehört oder gesehen zu

haben.

Jetzt berieten wir uns sofort über die Sachlage. Zunächst zählten wir

unsere Tiere; alle Maulesel und die beiden schlechtesten Pferde waren

noch da und weideten in größter Ruhe. Aber die beiden besten Pferde,

mein lieber Schimmel und Schagdurs Falbe, waren fort. Aus den Spuren

ergab sich, daß die Räuber drei berittene Männer gewesen waren, die

sich, direkt gegen den Wind, an das Lager herangeschlichen hatten. Sie

waren zu Fuß gegangen und hatten ihre Pferde in einer gut versteckten

Bodensenkung geführt, in der zuzeiten Wasser nach dem großen See

strömt. Von dort war einer der Männer allein auf allen vieren weiter

gekrochen, bis er sich ganz in der Nähe der hintersten Pferde befand.

Er hatte sie durch sein Aufspringen scheu gemacht und nach dem Ufer

hinabgejagt, wo ihm die beiden anderen Männer mit den tibetischen

Pferden entgegengekommen waren. Alle waren im Handumdrehen aufgesessen

und dann über die Hügel gejagt, bei denen sie schon angekommen waren,

als wir, noch ganz schlaftrunken, aus dem Zelte stürzten.

Ich glaube nicht, daß ich mich in meinem ganzen Leben je so geärgert

habe wie diesmal. Sich seine Pferde vor der Nase der Nachtwache

fortstehlen zu lassen, wenn man obendrein noch zwei große, bissige

Hunde hat! In der ersten Wut wollte ich die ganze Reise nach Lhasa bis

auf weiteres aufschieben und die Diebe ihren Streich teuer bezahlen

lassen. Ich wollte sie wochenlang verfolgen, bis wir sie in Sicht

hätten, und sie dann ebenso überfallen. Den einfältigen Ördek, der

früher stets so tüchtig gewesen war, auszuzanken, vergaß ich dabei

vollständig. Aber sein Mut beschränkte sich auf die Wüsten und andere

unbewohnte Gegenden, und er mochte gewissermaßen recht darin haben, daß

+Menschen+ von allem, womit man zu tun haben kann, das Schlimmste sind,

viel schlimmer als Tiger und Sandstürme.

Nach und nach bekämpfte ich meinen Verdruß und erwog mit

wiedergewonnener Ruhe unsere Lage. Wir folgten der Spur noch einmal bis

auf die Höhen der Hügel, wo sie im harten Gruse verschwand. Schagdur

wollte sich durchaus auf die Verfolgung machen, das Magazingewehr

brannte ihm in den Händen. Er wollte sein Pferd, das er die ganze

Zeit wie sein Kind gepflegt hatte, unter keiner Bedingung einbüßen.

Doch auch er beruhigte sich, als ich ihn daran erinnerte, daß diese

Männer, waren sie nun gewerbsmäßige Räuber oder nur Yakjäger, die sich

die Gelegenheit nicht hätten entschlüpfen lassen wollen, ganz gewiß

nicht vor dem nächsten Abend Halt machen würden. Wir hatten gar keine

Aussicht, sie mit unseren müden Tieren einzuholen; sie hatten unsere

besten Pferde, die ledig liefen, genommen, und ihre eigenen waren ganz

gewiß kräftig und an die Bergluft gewöhnt.

Ferner kannten sie das Terrain, wir aber nicht. Sie konnten den

Flußlauf und Schuttbetten, wo sich keine Spur verfolgen ließ, benutzen

und uns auf diese Weise leicht irreführen.

Und schließlich, wenn zwei von uns die Verfolgung aufnahmen und zwei

zurückblieben, so zersplitterte sich unsere kleine, an und für sich

zu schwache Truppe, und die Klugheit verbot uns entschieden, einen so

abenteuerlichen Plan auszuführen. Wir mußten froh sein, daß die Diebe

sich mit zwei von unseren Tieren begnügt hatten, und ich tröstete

Schagdur mit der Bemerkung, daß ich, wenn ich einer der Tibeter gewesen

wäre, +alle+ unsere Tiere gestohlen hätte, um uns jegliche Verfolgung

ganz unmöglich zu machen.

Wir hatten eine nützliche Lehre und eine Warnung bekommen! Aus dem

Scherz war auf einmal Ernst geworden; hier galt es mehr als je die

Augen offenzuhalten! Mitten zwischen diesen öden, stillen Bergen war

eine Räuberbande, wie Gespenster in der Nacht, aus dem Schutze der

Erde aufgetaucht; nicht einmal die Hunde hatten etwas gemerkt. Mit den

Yakjägern vom Lager Nr. 38 hatten die Diebe vermutlich nichts gemein,

dagegen ist es wahrscheinlich, daß die von Sirkin in unserem Tale

gesehene Spur und der von den Muselmännern gehörte Schuß auf irgendeine

Weise mit unseren nächtlichen Gästen in Zusammenhang standen. Sie

hatten uns gewiß keinen Augenblick aus den Augen verloren, sie hatten

sich vor der großen Karawane nicht sehen lassen wollen und hatten in

irgendeinem versteckten Tale gelagert, aber stets auf eine Gelegenheit

zum Überfall gelauert, die sich ihnen früher oder später darbieten

mußte. Sodann hatten sie unsere kleine Pilgerschar beobachtet, waren

uns von fern, durch Hügel verdeckt, gefolgt, hatten uns wie Wölfe

umlauert und waren jetzt vom Sturm unterstützt worden.

Sicher war diese Erfahrung für uns nützlich. Mit einem Schlag waren

wir uns über unsere Lage klar und erkannten, daß wir künftig auf dem

Kriegsfuß leben und jeden Augenblick auf einen Überfall gefaßt sein

mußten.

Ein kleines Feuer wurde vor dem Zelte angezündet; dort ließen wir uns

nieder. An Schlaf war diese Nacht nicht mehr zu denken. Die Pfeifen

wurden hervorgeholt, wir hüllten uns in unsere Pelze und plauderten,

während der Mond von Zeit zu Zeit zwischen unheildrohenden Wolken

hervorguckte. Dann wurde Tee gekocht, der nebst Reis und Brot unser

Frühstück bildete. Beim ersten Tagesgrauen erhoben wir uns und rüsteten

uns zum Aufbruch. Ich nahm den zweiten großen Schimmel, Schagdur Ördeks

Pferd; der Lama hatte seinen Maulesel behalten.

Als die Sonne aufging, saß der arme Ördek weinend am Feuer. Er war ganz

außer sich vor Angst, jetzt allein und unbewaffnet die 70 Kilometer

nach dem Lager Nr. 44 zu Fuß zurücklegen zu müssen. Er bat und

flehte, uns begleiten zu dürfen, und versprach, ein andermal besser

aufzupassen; als ich aber unbeweglich blieb, bat er um den Revolver.

Doch das nächtliche Abenteuer hatte uns gelehrt, daß es nicht ratsam

war, in diesem Land ohne Waffen zu reisen.

[Illustration: 239. Eine magere Weide in dem großen Längentale. (S.

151)]

[Illustration: 240. Die Kamele waten durch den Fluß. (S. 152.)]

[Illustration: 241. Flußübergang. (S. 152.)]

[Illustration: 242. Die beiden Eisbänder im Tal. (S. 160.)]

[Illustration: 243. Bahnen eines Wegs von der Eisscholle hinunter. (S.

161.)]

In aller Eile schrieb ich auf ein ausgerissenes Tagebuchblatt einen

Brief an Sirkin. Ich beschrieb kurz, was geschehen war, und ermahnte

ihn, auf seiner Hut zu sein. Räuber streiften in der Gegend umher, und

da sie offenbar mit unseren Verhältnissen völlig vertraut seien, müsse

Tag und Nacht die strengste Wachsamkeit beobachtet werden. Vor allem

hätten die im Lager Zurückgebliebenen darauf zu achten, daß nicht noch

mehr Karawanentiere gestohlen würden. Ferner befahl ich ihm, die Diebe

durch Tscherdon, Li Loje und noch einen Mann verfolgen zu lassen; mehr

als eine Woche dürfe aber diesem Versuche nicht geopfert werden. Alle

weitere Auskunft werde Ördek erteilen, der auch die Stelle kenne, von

welcher die Spur ausgehe.

Von der durchwachten Nacht schmerzten mir die Augen, als die Sonne

aufging. Ördek steckte den Brief in den Gürtel und erhielt noch eine

Schachtel Zündhölzer, damit er sich bei seinem Nachtlager Feuer

anzünden konnte. Als wir uns trennten, sah er aus wie ein zum Tode

Verurteilter, der zum Richtplatze geht. Kaum aber waren wir zu Pferd

gestiegen, so sahen wir ihn halb laufend längs des Ufers verschwinden.

Er glaubte natürlich, es werde den ganzen Tag Räuber regnen und jeden

Augenblick könne eine Flintenkugel durch die Luft pfeifen. --

Später, als alle unsere Sorgen um Lhasa glücklich überstanden waren,

erzählte er selbst, wie sein Rückzug abgelaufen war. Am 29. Juli

hatte er den ganzen Tag nicht eine Minute Halt gemacht. Er hatte es

nicht gewagt, auf freiem Felde unseren Spuren nachzugehen, sondern

sich wie eine wilde Katze in trockenen Bachbetten und Rinnen, sie

mochten gerade oder krumm sein, weitergeschlichen. Den ganzen Tag über

hatte er sich nach der Dämmerung und der Dunkelheit gesehnt. Doch als

diese eingetreten war und der Regen schnurgerade herniederströmte,

erschreckte ihn auch das nächtliche Dunkel, und er glaubte, überall

Räuber zu sehen. Ein paarmal hatten ihn friedliche Kulane beinahe

um den Verstand gebracht und ihn veranlaßt, sich wie ein Igel

zusammenzurollen.

Endlich erreichte er in pechfinsterer Nacht den Eingang unseres Tales

und beschleunigte seine Schritte noch mehr. Der Fluß rauschte laut in

seinem Bette und übertönte jeden anderen Laut. Unaufhörlich glaubte

Ördek jemand hinter sich herschleichen zu hören. Jeder Stein war ein

lauernder Schurke, der nach seinem Herzen zielte. Wie er im Regen

und in der Dunkelheit über die steilen Hügel gekommen war, wußte er

selbst nicht; er war nur immer vorwärtsgeeilt, gestolpert, gefallen,

wiederaufgestanden und unzähligemal durch den Fluß, dessen Wasser ihm

bis zu den Hüften ging, gewatet.

Als er schließlich das Lager erreichte, wäre er von der Wache, die

Lärm schlug, beinahe erschossen worden. Er hatte den Mann jedoch

noch rechtzeitig angerufen, wurde erkannt und von seinen erstaunten

Kameraden sogleich mit Fragen bestürmt. Eine gute Weile konnte er

nicht antworten. Vor Müdigkeit erschöpft, brach er nach Atem ringend

zusammen. Den Brotfladen, den er als Proviant mitbekommen, hatte er

nicht angerührt, und sein Appetit kam erst wieder, nachdem er den

ganzen nächsten Tag geschlafen hatte.

Ördeks Bericht und mein Brief erschreckten natürlich die

Daheimgebliebenen, die das Schlimmste befürchteten, da es schon die

zweite Nacht war, daß unser Lager einem Attentate ausgesetzt gewesen

war. Indessen hatte die Nachricht das Gute, die Wachsamkeit aufs

äußerste zu schärfen, und hätten sich ungebetene Gäste dort in der Nähe

sehen lassen, so wären sie mit scharfen Patronen empfangen worden.

Gleich am Morgen rüstete sich Tscherdon, um unsere Diebe zu verfolgen.

Er nahm Turdu Bai und Li Loje mit; Ördek konnte nicht mitgehen. Trotz

des Regens war unsere Spur auf dem ganzen Wege deutlich erkennbar

gewesen, und auch die Spur der Diebe wurde gefunden. Sie hatten am

Morgen in einer Entfernung von 30-40 Kilometer vom Salzsee gerastet

und waren dort von mehreren der Ihren mit 15 Yaken erwartet worden.

Dann hatten sie den Ritt eine so lange Strecke auf Grus und im Wasser

fortgesetzt, daß die Spur völlig verschwand und nicht wiederzufinden

war. --

Doch kehren wir zu unserer Pilgerfahrt zurück. Nachdem wir von Ördek

Abschied genommen hatten, zogen wir nach Südosten und Ostsüdosten und

legten auch an diesem Tage beinahe 40 Kilometer zurück (Abb. 247). Die

Maulesel hätten noch weitermarschieren können, aber wir mußten die

Pferde schonen. Zwischen dem Lagertümpel und einem anderen Gewässer,

an dessen Ufern wir ziemlich frische Spuren von Schafherden sahen,

zogen wir ein breites, grasreiches Tal hinauf. Rechts von unserem Wege

ließen wir eine kleine hügelige Paßschwelle liegen, deren Ecke von ein

paar Hundert Yaken rabenschwarz erschien. Wir musterten sie mit dem

Fernglase und erwarteten ihren Wächter zu sehen, denn die Tiere machten

keine Miene zu entfliehen. Vielleicht waren sie zahm. Doch als wir uns

der Herde näherten, ergriff sie die Flucht, und Menschen zeigten sich

nicht. Demnach konnten wir darauf rechnen, noch ein paar Tage lang

keine Nomaden zu treffen, denn die wilden Yake halten sich nicht in der

Nähe menschlicher Wohnungen auf.

In offenem Terrain mit freier Aussicht nach allen Seiten schlugen wir

das Lager an einem kleinen Bache auf, an dem es gutes Gras und Yakdung

zum Feuern in Fülle gab. Jetzt waren wir nur noch drei, und ich mußte

beim Abladen, Zeltaufschlagen und allerlei gröberen Arbeiten helfen,

was ich sonst nie nötig gehabt hatte, außer im Jahre 1886, als ich

zweimal fast allein durch Persien gereist war.

Während Schagdur und der Lama die Tiere besorgten und sie auf der

besten in der Gegend aufzufindenden Weide zur Hälfte, d. h. mit einem

Stricke zwischen dem rechten Vorder- und dem linken Hinterbeine,

fesselten, sammelte ich in meinem weiten Mantel trockenen Yakdung,

welche Beschäftigung mir höchst interessant erschien. Die beiden

anderen Pilger sprachen ihre Verwunderung darüber aus, daß es

mir gelungen war, in kurzer Zeit einen so ansehnlichen Haufen

zusammenzubringen.

Jetzt hieß es nicht mehr „Eure Exzellenz“, denn ich hatte Schagdur und

dem Lama strengstens verboten, mir die geringste Spur von Ehrerbietung

zu erweisen. Sie sollten mich im Gegenteil wie einen Stallknecht

behandeln. Schagdur sollte als der Vornehmste von uns angesehen werden

und hatte auf den Lagerplätzen seine Befehle zu erteilen. Ebenso streng

war es verboten, russisch zu sprechen; von nun an durfte nur noch

Mongolisch über unsere Lippen kommen. Schagdur spielte seine Rolle

ausgezeichnet, und dasselbe dürfte ich auch von mir sagen können.

Anfangs wurde es meinem Kosaken schwer, mich zu kommandieren, nach ein

paar Tagen ging es aber ausgezeichnet!

Der Lama brauchte nicht als Schauspieler aufzutreten; er war, der er

war, und so sollte es sein. Am schlimmsten war es für mich, der ich in

zwei Rollen zugleich auftreten mußte, als Mongole und als Handlanger.

Nachdem ich jedoch mit dem Dungsammeln zur Zufriedenheit meiner Herren

fertig geworden war, aß ich zu Mittag, trank Tee, rauchte eine Pfeife,

ging ins Zelt, legte mich nieder und schlief wie ein Stock bis 8 Uhr.

Ich war da allein, die anderen trieben die Tiere zur Nacht ein. Noch

eine Stunde durften diese in unserer unmittelbaren Nachbarschaft

grasen. Schagdur und der Lama waren an diesem Abend weniger heiter als

sonst. Sie hatten, während ich schlief, drei Tibeter zu Pferde gesehen,

die von einem Passe im Osten kamen und nach Nordwesten ritten, wobei

sie unserem Lager die Flanke zukehrten, so daß man nur ein paarmal

hatte sehen können, daß es ihrer drei waren. An einem Punkte hatten sie

gehalten, wie um sich zu beraten, worauf sie sich dem Lager genähert

hatten, dann aber waren sie hinter einem Hügel verschwunden, um sich

nicht wieder zu zeigen. Sie erwarteten wohl die Nacht, und ihr Benehmen

kam uns höchst verdächtig vor. Es war uns jetzt klar, daß wir von

Spionen und reitenden Späherpatrouillen umgeben waren; ob uns diese

Reiter aus eigenem Antrieb oder auf Befehl beobachteten, konnten wir

natürlich nicht wissen.

Um 8½ Uhr wurden die Tiere an ein längs der Erde zwischen zwei

Pflöcken straffgespanntes Seil gebunden, und jetzt und in Zukunft

folgender Lagerplan beobachtet. Der eine Eingang des prismatischen

Zeltes war vom Winde abgekehrt und stand weit offen; unmittelbar

davor waren die Tiere angebunden. Nächtliche Besuche kommen, aller

Wahrscheinlichkeit nach gegen den Wind, besonders da, wo sie Hunde

vorfinden.

Sobald es dunkelte, ließen wir das Feuer ausgehen und trugen die

draußen noch umherliegenden Sachen, wie Kisten, Küchengeräte und

Sättel, in das Zelt. Der große, schwarze Jollbars wurde vor den Pferden

und Mauleseln angebunden. Von ihm konnte man das erste Warnungssignal

erwarten. Malenki, ein bissiger, schwarz und weiß gefleckter

Karawanenhund, war auf der Windseite hinter dem geschlossenen schmalen

Ende des Zeltes angebunden.

Die Nacht wurde in drei Wachen, 9-12, 12-3 und 3-6 Uhr geteilt;

gewöhnlich übernahm ich die erste, der Lama die letzte.

Jetzt hatte ich meine erste Nachtwache. Es war keine Kunst wach

zu bleiben, denn teils hatte ich schon, während es noch hell war,

ausgeschlafen, teils konnte man sich jeden Augenblick auf einen

Überfall gefaßt machen. Schon vor 9 Uhr schliefen meine von den

Anstrengungen der vorigen Nacht ermüdeten Kameraden und schnarchten

laut.

Ich begann meinen Wachdienst, bald dicht bei dem Zelte, bald weit

von ihm entfernt umherschlendernd. O diese finsteren Nächte, diese

endlosen Stunden! Nie werde ich meine müden Schritte zwischen Malenki

und Jollbars hin und zurück bis ins Unendliche vergessen! Die Minuten

vergingen so langsam! Ich zählte zehn, zwanzig solche Promenaden, aber

nur einige Minuten, höchstens eine Viertelstunde hatten sie in Anspruch

genommen. Ich spielte mit Jollbars, der vor Freude heulte, wenn ich

ihn besuchte, ich klopfte den Pferden und den Mauleseln den Rücken und

ging dann weiter, um Malenki, der ganz allein hinter dem Zelte lag, zu

streicheln.

Der Morgen war warm gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte es tüchtig

geregnet, der Abend aber war einigermaßen klar. Um 9½ Uhr brach ein

Höllenwetter los. Der Himmel überzog sich mit rabenschwarzen Wolken,

die von innen heraus durch zuckende Blitze erhellt wurden, und der

Donner rollte mit infernalischer Kraft ringsumher in den Bergen und

über unserem einsamen Lager.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 19 / 42 段