Der Südabhang war zehnmal schlimmer; dort war es weder möglich, festen

Boden zu finden, noch zu Pferd zu sitzen. Ein Mann geht voraus, um

das Erdreich zu prüfen, ihm folgt Turdu Bai mit den Kamelen. Er eilt

so schnell, wie er nur kann, vorwärts, damit die Kamele nicht zu tief

in den Schlamm einsinken können. Das nützt ihm jedoch wenig. Gebrüll

ertönt; ein Seil hat sich gespannt und ist gerissen, ein Kamel ist im

Versinken begriffen. Alle Mann müssen ihm heraushelfen, nachdem ihm die

Last abgenommen worden ist; dann schreitet der Zug weiter. Es ist ein

Wunder, daß es gelingt, denn das Kamel sinkt bis an die Knie in den

Schlamm ein, der jetzt so dünnflüssig ist, daß sich die Gruben sofort

wieder schließen. Der Regen gießt herab, und die dämmerungsdunkeln

Wolken lassen nirgends ein Aufhellen ahnen. Ein Maulesel bleibt in

einem Sumpfloche stecken und kann nur mit Mühe gerettet werden. Von

Menschen und Tieren rieselt und tropft das Wasser herunter, und alle

atmen mühsam und schwer. Ein hoffnungsloses Land! Nicht genug damit,

daß uns hier die Menschen den Zutritt verweigern, auch die Elemente

und die Erde verschwören sich, um uns totzuquälen, bevor wir die

erfrischenden Weidegründe und die belebende Ruhe erreicht haben, von

denen wir nachts träumen! Wie würde es Tschernoffs elf schlechten

Kamelen hier ergehen? Ich machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß

kein einziges von ihnen die beiden Pässe und den Morast, der mit jedem

Regentage immer schlimmer wurde, überleben würde.

Endlich erreichten wir einen größeren Fluß. Woher er kam und wohin er

strömte, konnten wir bei dem jetzt herrschenden, ungeheuer dichten

Schneeregen nicht sehen. Was wir aber mit Befriedigung fühlten, war,

daß sein Kiesboden wenigstens nicht nachgab und uns nicht, wie eben

noch die Erde, zu verschlingen drohte. Alles war schon so durchnäßt,

daß es nichts mehr machte, wenn wir auch noch in diesem Flusse

plätscherten. Ein wenig weiter abwärts entdeckte ich auf dem rechten

Ufer Gras und Schagdur einen großen Tonkrug. Der Lama war der Ansicht,

daß seine Größe darauf schließen lasse, daß keine Nomaden in der Gegend

wohnten, denn im anderen Falle würden sie sich nicht mit einem solchen

Dinge geschleppt haben. Jäger, die auf ihren Gebirgswanderungen eines

festen Lagerpunktes zum Ausruhen bedürfen, hätten den Krug hier ein für

allemal zurückgelassen.

Wir waren eben mit dem Aufschlagen der Zelte fertig, als sich auch

schon die nächste Regenbö einstellte. Arme Karawanentiere! Sie mußten

die eiskalte Dusche über sich ergehen lassen.

Von den zurückgelassenen Kamelen konnte nur eines noch das Lager

erreichen. Das andere war unmittelbar unter dem Schlammpasse geblieben,

wo Hamra Kul die Nacht bei ihm zubringen wollte. Das Kamel steckte

dort buchstäblich im Schlamm, und alle Versuche, ihm herauszuhelfen,

waren fruchtlos geblieben. Es hatte seine Kräfte in der Verzweiflung

aufs äußerste angespannt, war aber nur immer tiefer in den Morast

geraten, der es nun festhielt. Hamra Kul ließ mich hiervon durch einen

Kameraden benachrichtigen und mich zugleich fragen, was er tun sollte.

Ich schickte zwei Männer mit Proviant und etwas Feuerung zu ihm. Sie

sollten alle drei die Nacht bei dem verunglückten Kamele zubringen;

am Morgen, wenn die obere Schicht des Bodens ein wenig erstarrt

war, so daß man wie auf Eis an das Kamel herangehen konnte, sollten

sie versuchen, ob sie es nicht mit Hilfe von Spaten und Filzdecken

herauszuziehen vermöchten. Alle übrigen Leute sollten ihnen zu Hilfe

kommen, da wir auf jeden Fall einen Tag liegenzubleiben beabsichtigten.

Li Loje hatte nämlich nur einen Kilometer weiter flußabwärts viel

bessere Weide gefunden, wohin die Tiere schon am Abend geführt wurden.

Alle Versuche, dieses an und für sich gesunde, fehlerfreie Tier

zu retten, mißlangen. Es sank während der Nacht immer tiefer ein

und wurde, wie die Leute meldeten, am Morgen, halb in diesem

heimtückischen, verfluchten Boden festgefroren, tot gefunden. Nur

einmal war es mir bisher passiert, daß uns ein Kamel in einem Sumpfe

erstickt war, sonst war es uns stets geglückt, die Tiere noch zu

retten. Der Leser kann sich einen Begriff von den Schwierigkeiten

machen, die mit der Reise durch ein Land verbunden sind, in welchem

sich die Erde auftut, um die Karawanentiere zu verschlingen! Mit jedem

Tage wunderte ich mich immer mehr, daß die Kamele sich unter diesen

fürchterlichen Strapazen noch so gut hielten.

Während des Ruhetages im Lager Nr. 43 gingen Sirkin und Schagdur auf

die Jagd. Nachher berichteten sie, daß sie in einer Entfernung von nur

3 -- 4 Kilometer talabwärts Hügel gefunden, die mit vortrefflichem

Grase, besserem, als wir je gehabt hätten, bewachsen seien. Turdu

Bai hielt sich fast den ganzen Tag draußen bei den Kamelen auf; er

hatte sich den Genuß, sie wieder zu sehen, nicht verkürzen wollen.

Er erklärte, daß die Weide hier in der Gegend für einen vollen Monat

ausreiche und nur ein längerer Aufenthalt die Karawane retten könne.

In aller Eile beschloß ich, am folgenden Tage, 24. Juli, nach den

Weideplätzen, welche die Kosaken entdeckt hatten, aufzubrechen und dort

das große Hauptquartier anzulegen. Dort sollte das Lager befestigt,

eine astronomische Ortsbestimmung ausgeführt und die letzte Hand an

unsere mongolische Ausrüstung gelegt werden, und von dort wollten

wir in der Richtung nach Lhasa aufbrechen. Es war hohe Zeit! Einige

Muselmänner hatten auf ihren Streifzügen nach Brennmaterial einen

Flintenschuß gehört. Wir hatten vielleicht Nachbarn in der Gegend, und

jetzt hieß es aufpassen.

Anfangs war es meine Absicht gewesen, auf dem Ritte nach Süden die

beiden burjatischen Kosaken und den Lama mitzunehmen. Da jedoch unsere

Ankunft von den Yakjägern, auf die wir so unerwartet gestoßen waren,

ganz gewiß schon erzählt worden, wagte ich nicht, nur +einen+ Kosaken

im Hauptquartier zurückzulassen. Wenn es auch nicht wahrscheinlich war,

daß die Tibeter unseren Rückzugspunkt angreifen würden, so erforderte

es doch die Klugheit, auf jede Möglichkeit vorbereitet zu sein. Es

konnte noch lange dauern, bis Tschernoff mit den Trümmern der Nachhut

anlangte. Daher beschloß ich, auch Tscherdon zurückzulassen, der mit

seinem Magazingewehre zur Sicherheit des Lagers beitragen würde. Es

tat mir sehr leid, ihm dies mitteilen zu müssen, und ich hatte es

möglichst lange hinausgeschoben. Ich wußte, daß es für ihn eine sehr

große Enttäuschung sein würde, denn die Wallfahrt nach Dscho (Lhasa)

ist in der lamaistischen Welt ebenso verdienstvoll wie der Titel eines

Hadschi, eines Mekkapilgers, bei den Muselmännern. Doch ich tröstete

ihn damit, daß es wenig wahrscheinlich sei, daß es uns gelänge, die

Wachsamkeit, mit der die Tibeter jetzt ohne Zweifel ihre Stadt hüteten,

zu täuschen, und versprach ihm, daß er vor dem Ende dieser Reise ebenso

wie die anderen Gelegenheit haben sollte, einen Tempel zu besuchen.

Ein Kosak zeigt übrigens nicht, was er empfindet oder denkt, er

antwortet nur: „Wie der Herr befehlen!“; der Wille des Vorgesetzten ist

für ihn Gesetz. Doch ich wußte nur zu gut, daß diese Wendung der Dinge

den guten Tscherdon sehr betrübte.

Für uns drei Pilger wurde die Sachlage dadurch ebenfalls anders --

unsere Truppe verkleinerte sich um ein Viertel. Das Unternehmen war

jedoch in jedem Falle so gewagt, daß es keine Rolle spielte, ob wir

drei waren oder vier.

Viele Fragen stürmten auf mich ein, als wir am 24. Juli aufbrachen. War

es das letztemal, daß ich in Gesellschaft meiner Karawane marschierte?

Würde ich sie wiedersehen und würde dann im Lager alles ruhig sein?

Es wurde ein kurzer Marsch, kaum drei Kilometer; das Tal fällt ziemlich

rasch ab, und der Fluß bildet schäumende Stromschnellen. Er wird

unaufhörlich überschritten. Auf den Uferhügeln wird die Weide immer

besser, sie ist jedoch nicht gleichmäßig verteilt, sondern bildet

besonders da, wo die Abhänge der Südsonne ausgesetzt und vor den kalten

Nordwinden geschützt liegen, kleine Rasenflecke von üppigem, saftigem

Grase.

Auf dem flachen Gipfel eines Hügels am linken Ufer des Flusses wurde

der wichtige Lagerplatz in 5127 Meter Höhe ausgewählt, wo wir uns

unter so eigentümlichen Verhältnissen trennen sollten. Die Weide war

hier gut genug, aber vom strategischen Gesichtspunkte aus war die

Lage unvorteilhaft. Die Aussicht wurde auf allen Seiten von Hügeln

versperrt, die den Lagerplatz beherrschten, und wenn irgendein

räuberischer Tangutenstamm auf den Gedanken verfiele, feindselig

vorzugehen, würde sich hier ein Überfall mit größter Leichtigkeit

ausführen lassen.

Während der beiden Tage, die ich noch im Lager Nr. 44 weilte, wurden

die letzten Vorbereitungen zur Abreise getroffen. Die Tiere, die uns

begleiten sollten, fünf Maulesel und vier Pferde, wurden mit besonderer

Sorgfalt gepflegt und durften die letzten Reste des noch vorhandenen

Maises verzehren. Ihre Hufe wurden neu beschlagen, ihre Sättel und

Decken ausgebessert.

Alles Gepäck, das wir mitnehmen wollten, wurde in zwei mongolischen

Kisten untergebracht. Von den Instrumenten waren es nur 3 Kompasse,

2 Uhren, 1 Aneroid, 2 Thermometer, 3 Paar Schneebrillen und die

Veraskopkamera mit 8 Dutzend Platten. Ferner folgende absolut

notwendige Dinge: das Blatt Lhasa der asiatischen Karte des russischen

Generalstabs, Notiz- und Marschroutenbücher in Miniaturausgaben,

sowie Tinte, Papier und Federn, Zirkel, Rasiermesser und Seife, denn

jetzt galt es, daß der ganze Kopf stets frisch rasiert blieb; andere

Waschutensilien waren nicht nötig, im Gegenteil war es wünschenswert,

möglichst schmutzig zu werden, um dadurch eine echtere mongolische

Farbe zu erhalten. Eine Schere, eine Laterne, ein Beil, ein Dutzend

Stearinlichter und einige Schachteln Zündhölzer, einige Medikamente,

10 Jamben in Silber, Pfeifen und Tabak gehörten zum Unentbehrlichen.

Der Proviant bestand aus Mehl, Reis, Talkan und Fleisch. Zehn

Konservendosen wurden für die ersten Reisetage mitgenommen; jede

geleerte Dose sollte in Seen oder Flüssen versenkt werden, um, falls

man uns beobachtete, nicht Verdacht zu erregen. Die Bewaffnung

bildete ein russisches Magazingewehr, ein Berdangewehr und ein

schwedischer Offiziersrevolver nebst 50 Patronen für jede Waffe. Einige

Kleinigkeiten, welche die Mongolen ständig bei sich tragen, fehlten uns

auch nicht. Auch ich trug einen Rosenkranz, ein Gavo (Amulettfutteral)

mit Götzenbild um den Hals, ein am Gürtel hängendes Messer in Scheide,

chinesische Elfenbeinstäbchen zum Essen, einen ledernen Tabakbeutel,

ein Feuerzeug mit Stein und Zunder und die lange Pfeife (Abb. 244).

An Kleidern, Stiefeln und Mützen hatte jeder von uns eine doppelte

Ausrüstung, denn wir hatten alle Aussicht, bald durchnäßt zu werden.

Alles, was Gefäß hieß, wie Kochtöpfe, Kannen, Tassen, war echt

mongolisch. Das kleinste und leichteste Zelt wurde unsere Wohnung. Für

die Nachtwache nähte der Lama einen prächtigen Mantel aus dickem weißem

Filz, der sich später als sehr praktisch erwies.

Alle diejenigen Sachen, die bei den Tibetern sofort Verdacht erregt

hätten, wurden in der einen Kiste unter dem Proviant verborgen. Vieles

davon konnte ohne Bedauern ins Wasser geworfen werden, falls unsere

Lage kritisch wurde. Dagegen müßte es uns schon sehr schlecht gehen,

ehe ich mich von den Instrumenten und den gemachten Aufzeichnungen

trennen würde. Für Uhr, Aneroid, Kompaß und Thermometer hatte ich

besondere Taschen im Futter, die so gut versteckt waren, daß nur ein

sehr dreister Untersucher imstande sein würde, sie zu entdecken.

Als alles bereit und die astronomische Beobachtung ausgeführt war,

wurde die Abreise auf den 27. Juli festgesetzt.

Am letzten Abend verschloß ich meine kostbaren Kisten, außer

derjenigen, in der die Chronometer in ihren Futteralen in Watte

eingebettet lagen. Sirkin hatte lernen müssen, sie mit größter Vorsicht

aufzuziehen, um sie bis zu meiner Rückkehr in Gang zu halten. Ja,

vorsichtig war er, ganz übertrieben vorsichtig! Schon am ersten Abend

nach unserer Abreise blieb der eine Chronometer stehen, weil Sirkin

nicht gewagt hatte, ihn ganz aufzuziehen, aus Furcht, die Feder

könnte springen. Dasselbe passierte am Tage darauf mit dem zweiten

Chronometer. Es schadete jedoch nicht viel, denn durch Wiederholung der

Beobachtungen im Lager Nr. 44 erhielt ich die Zeit später wieder.

Wie gewöhnlich, sollte das meteorologische Observatorium die ganze

Zeit über von Sirkin besorgt werden, der zu diesem Zweck einen

eingefriedigten Schuppen baute, in dem die Instrumente geschützt

standen.

In Gegenwart aller wurde Sirkin feierlich zum Führer und Chef des

Hauptquartiers ernannt; seinen Befehlen sollte geradeso gehorcht

werden, als ob ich sie selbst erteilt hätte. Doch stand Turdu Bai als

Sachverständigem das Recht zu, Vorschläge zum Aufbruche nach einem

Punkte in der Nachbarschaft zu machen, sobald das Land um das Lager

herum nahezu abgeweidet war. Er hielt es für angemessen, den ersten

kurzen Umzug nach etwa zehn Tagen vorzunehmen; sie hatten überreichlich

Zeit, sich die allerbesten Weideplätze in der Gegend auszusuchen.

Infolgedessen würde das Lager Nr. 44 keine bleibende Statt haben. Damit

wir Pilger bei unserer Rückkehr die Unserigen wiederfinden könnten,

sollte auf dem ursprünglichen Lagerplatze ein Dokument mit Auskunft

über das neue Lager, seine Richtung und seine Entfernung von ersterem,

niedergelegt werden. Zogen sie wieder um, so sollte ein neues Dokument

deponiert werden.

Ich redete mit jedem der Männer besonders und ermahnte sie, ihre

Pflicht zu tun. Li Loje hatte jedoch seine eigenen Pläne. Nachdem

er gebeten hatte, mich nach Lhasa begleiten zu dürfen, und dies ihm

bestimmt abgeschlagen worden war, bat er, auf demselben Wege, den wir

gekommen, über das Gebirge nach Tscharchlik zurückkehren zu dürfen,

-- 950 Kilometer! Mollah Schah und Hamra Kul wollten ihn begleiten.

Da die Sache ein Stück aus dem Narrenhause war, erklärte ich ruhig,

es stehe ihnen frei zu gehen, doch könnten wir unter den jetzigen

Verhältnissen keine Pferde entbehren; nur Li Loje, der sein eigenes

Pferd mitgebracht, könne also reiten. Proviant wolle ich ihnen geben,

und Li Loje habe ja auch seine eigene Flinte.

Ich holte die von mir nach und nach zusammengestellte Übersichtskarte

herbei und rief ihnen jeden Lagerplatz, auf dem wir seit Tscharchlik

gerastet, ins Gedächtnis. Dann prophezeite ich ihnen, wie ihre

verrückte Wanderung ablaufen würde. Zuerst würde Mollah Schah, der ein

alter Mann sei, zusammenbrechen und zurückgelassen werden, denn er

werde doch wohl nicht glauben, daß die beiden anderen einen Kranken

auf dem Pferde mitschleppen würden. Dann werde die Reihe an Li Loje

kommen, der nicht übertrieben kräftig sei. Hamra Kul würde freilich,

sagte ich, da es das Leben gelte und er ein starker, kräftiger Mann

sei, Tscharchlik erreichen können. Erreichen aber werde er es nie, denn

er werde vorher im Arka-tag von Wölfen überfallen und zerrissen werden.

Ich wünschte ihnen jedoch eine glückliche Reise und sagte, ich wollte

hoffen, daß Allah seine schützende Hand über ihnen halte.

Sei es, daß diese Schilderung tiefen Eindruck auf sie machte oder daß

sie von selbst wieder zur Vernunft kamen, genug, abends erschienen sie

als Büßer in meinem Zelte, fielen vor mir auf die Knie und flehten

mich an, sie um Gotteswillen hierzubehalten, was ihnen auch in Gnade

bewilligt wurde. Ich bin mir nie darüber klar geworden, was für ein

böser Geist eigentlich in sie gefahren war, und ich war zu sehr mit

meinem eigenen gewagten Plane beschäftigt, um zu versuchen, den

Grund zu erforschen. Sie selbst versicherten, die Veranlassung sei

nur Heimweh und nicht Furcht vor den Tibetern gewesen, aber Sirkin

hatte am selben Tage in einem hinter dem Lager befindlichen Tale

die frischen Spuren eines Mannes gesehen, der teils gegangen, teils

geritten war, und die Hunde hatten die letzten Nächte wütend gebellt.

Es wurde schon im Lager geflüstert, daß wir von Tibetern beobachtet

und bewacht würden. Ich glaubte indessen nicht daran, denn Kulane

zeigten sich oft bald auf dem einen, bald auf dem anderen Hügel, und

die beobachteten Spuren konnten recht gut von ihnen herrühren. Etwa

zwanzig Raben kreisten wie schwarze Furien über dem Lager. Unter den

ernsten Verhältnissen, in denen wir jetzt lebten, erschienen sie uns

abscheulicher als sonst.

[Illustration: 234. Berg beim Lager Nr. 16. (S. 126.)]

[Illustration: 235. Das Steinmal auf dem Knotenpunkte bei Lager Nr. 24.

(S. 137.)]

[Illustration: 236. Weidende Kamele. (S. 141.)]

[Illustration: 237. Sirkin mit meinem alten Reisekameraden von 1896.

(S. 144.)]

[Illustration: 238. Endlich in einer Gegend mit gutem Wasser. (S. 150.)]

Schließlich sprach ich mit Sirkin allein und erklärte ihm die ganze

Tragweite des Wagnisses, in das wir uns stürzten. Er hörte schweigend

zu, schüttelte aber langsam den Kopf.

„Wenn wir in dritthalb Monaten nicht wieder hier sind“, sagte ich, „so

müßt ihr aufbrechen und nordwärts nach Tscharchlik ziehen, von dort

aber nach Kaschgar zurückkehren.“

Ich glaubte allerdings nicht, daß man uns totschlagen würde, aber

jedenfalls mußte ich mich auf alle Möglichkeiten vorbereiten und solche

Anstalten treffen, daß meine Karten und Aufzeichnungen um jeden Preis

gerettet würden. Sirkin erhielt den Schlüssel zur Silberkiste, damit

er in Tscharchlik eine neue Karawane ausrüsten konnte. Er bekam die

Übersichtskarte über den von uns zurückgelegten Weg, und im übrigen

würde ihr Ortssinn die Leute nicht im Stiche lassen; sie würden sich

ohne Schwierigkeit zurückfinden. Es war freilich wenig wahrscheinlich,

daß ein einziges Kamel noch eine solche Reise überleben würde, aber

einige der Pferde sollten sie doch wohl aushalten können, und Sirkin

wußte, welche Kisten um jeden Preis gerettet werden mußten. Wie lange

sie auch im Lager Nr. 44 bleiben würden, stets sollte Tag und Nacht

strenge Wache gehalten werden. Besonders da, wo die Tiere weideten,

sollten sich stets einige bewaffnete Leute mit ein paar Hunden befinden.

Dann ging ich zum letztenmal unter „zivilisierten“ Verhältnissen zu

Bett, schlief sofort ein und erwachte nicht eher, als bis Schagdur kam,

um mich zu dem verhängnisvollen Aufbruch zu wecken.

Vierzehntes Kapitel.

Aufbruch nach Lhasa.

Eiligst kleidete ich mich in den mongolischen Anzug und wurde vom

Scheitel bis zur Sohle ein Mongole (Abb. 245). Die während des

Rittes zu gebrauchenden Instrumente, sowie Tabak und Fernglas wurden

in ihren Verstecken untergebracht. Schon vom ersten Augenblick an

fühlte ich mich in meinem mongolischen Rocke sehr gemütlich; er

saß weich und gut, und das einzige, was ich entbehrte, waren die

vielen Taschen, die ich in meinem Ulster hatte. Der Kompaß und das

Marschroutenbuch wurden einfach vorn in den Rock gesteckt und von der

gelben Leibbinde festgehalten. Auf dem Kopfe trug ich eine gelbe Mütze

mit aufgekrempeltem Vorderrand. Die dicken, plumpen Mongolenstiefeln,

mit denen ich schon lange gegangen war, damit sie genügend getragen

und abgenutzt aussähen, paßten mir vortrefflich und waren infolge

ihrer dicken Sohlen und aufwärtsgekehrten Spitzen auf feuchtem Terrain

außerordentlich praktisch. Der Rock selbst hatte eine tiefdunkelrote

Farbe. Der gelbe Pelz war heute morgen nicht nötig, da die Sonne sehr

freundlich schien und Fliegen und Schmetterlinge die Luft erfüllten.

Ich sollte meinen Schimmel reiten, der jetzt schon lange

wiederhergestellt war, und war gerade dabei, meinen weichen, bequemen

Mongolensattel zurechtzurücken, als Sirkin von hinten kam und mich

auf Mongolisch anredete. Er stockte jedoch sofort in seiner Rede und

war ganz verdutzt, als er sah, daß ich es war; er hatte geglaubt, es

sei der Lama. Ich fühlte mich durch diesen Irrtum außerordentlich

geschmeichelt; meine Verkleidung konnte also entschieden für genügend

gelten.

Jetzt wurden alle Hunde angebunden, außer Malenki und Jollbars, die uns

freiwillig folgten. Unsere kleine Karawane wurde beladen, wir stiegen

zu Pferd und ritten ab. Der Abschied rief viele Tränen hervor; Sirkin

wandte sich ab, um seine Rührung zu verbergen, Hamra Kul aber weinte

laut wie ein Kind und begleitete uns noch etwas zu Fuß, mit seinen

großen Stiefeln ganz unbekümmert durch den Fluß watend.

Das Lager Nr. 44 verschwand hinter den Hügeln, und wir trabten schnell

talabwärts. Würden wir diesen friedlichen Ort je wiedersehen? Ich

zweifelte nicht an der mächtigen Hand, die bisher stets meine Schritte,

durch Wüsten und über Berge, gelenkt hatte. Schagdur schwelgte förmlich

in dem Gedanken an das beginnende Abenteuer. Der Lama war ruhig wie

ein Stoiker, und als ich ihn der am Kum-köll getroffenen Verabredung

gemäß fragte, ob er im Lager zu bleiben wünsche, wollte er nichts davon

hören; jetzt wolle er mich nicht verlassen, sondern mit mir ziehen,

wenn es ihm auch das Leben kosten sollte.

Schagdur ritt einen Falben, der Lama den kleinen, dreisten Maulesel,

der im vorigen Jahr, bei dem See, wo die Leute die beiden Denkmale

errichteten, beinahe verlorengegangen wäre. Meine beiden Reisegefährten

führten die Lasttiere, und Ordek, der eines der Pferde ritt, hatte

ein Auge auf die Lasten. Er sollte uns die beiden ersten Tagereisen

begleiten, um nachts die Tiere zu bewachen. Noch drei Nächte würden wir

drei Pilger also ordentlich ausschlafen können, ehe die Aufgabe, unsere

Tragtiere zu bewachen, uns selbst zufiel.

Ein paar Stunden weit begleiteten uns Turdu Bai und Tscherdon. Dann

kehrten auch sie nach einem letzten Lebewohl um. --

Das Flußtal ist eng und zwischen steilen Hügeln eingeschlossen. Den

Fluß überschritten wir schon zu Anfang neunmal. Die ganze Landschaft

leuchtet rot, denn hier haben wir roten Sandstein, der derartig

verwittert ist, daß man ihn selten als anstehendes Gestein antrifft.

Grus und Blöcke sind dafür um so häufiger.

Am rechten Ufer, wo eine gute Furt durch zwei kleine Steinmale

bezeichnet war, sah man Spuren eines Jägerlagers. Drei rußige Steine

bildeten eine Unterlage für einen Kochtopf. Auch ein noch nicht

lange erlegter, aber jetzt ganz zusammengetrockneter Yak legte von

menschlichen Besuchen Zeugnis ab. Ein Bär war gestern oder heute hier

gewesen und hatte den Kadaver umgedreht.

Nachdem wir den Fluß noch ein paarmal gekreuzt haben, mündet unser Tal

in weites, offenes, nur in der Ferne von Bergen begrenztes Terrain

aus. Der Fluß durchzieht diese Ebene nach Nordosten, während wir

den Weg nach Südosten einschlagen. Im Norden steht die vor kurzem

überschrittene, so schwer zugängliche Bergkette mit zwei Pässen.

An Wild sahen wir zahlreiche Kulane, Hasen und Murmeltiere, sowie einen

Wolf; später machten die Hunde noch einen Rundtanz mit einem alten

Yak, den sie aufgespürt hatten. An einem offenen Quellbecken (Namaga),

wo das Gras üppig stand, schlugen wir Lager, denn einer der Maulesel

begann bedenklich zu hinken. Ich zündete Feuer an, indes die Männer

die gröberen Arbeiten besorgten; Pferde und Maulesel wurden mit einem

Stricke zwischen Vorder- und Hinterbein geknebelt, was sie verhindern

sollte, sich allzuweit zu entfernen.

Darauf wurde das einfache Mahl von gebratenem Fleisch, Reis, Brot

und Tee zubereitet; beim Essen bedienten wir uns der Hände, der

chinesischen Stäbchen und einer kleinen mongolischen Holztasse --

Luxusartikel, wie Gabeln und Löffel, enthielten unsere Kisten nicht.

Nur der Lama hatte keinen Appetit; er litt an heftigen Kopfschmerzen

und befand sich wirklich schlecht. Es wäre doch hart, wenn er jetzt,

da wir ihn so weit gebracht hatten, nicht imstande sein würde, die

Reise mitzumachen; es stand aber zu befürchten, daß er mit Ördek würde

umkehren müssen.

Ich lag noch eine Weile auf der Erde und ließ mich von der Abendsonne

bescheinen, doch um 8 Uhr gingen wir zur Ruhe, weil wir nichts weiter

zu tun hatten. Ördek hütete die Tiere, aber die drei Pilger schliefen

zum ersten Male brüderlich zusammen in ihrem Wallfahrtszelte. Der Mond

schien über der stillen Gegend; es war ein Segen, daß wir während

dieser Nächte sein Licht hatten.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 18 / 42 段