Am linken Ufer eines neuen Flusses, der sich weiter abwärts mit dem

großen vereinigt, war die Weide besser als seit langem und überall so

viel Yakdung vorhanden, daß wir dort das Lager aufschlagen konnten.

Das Wetter war strahlend hell, in der Luft summten sogar Fliegen. Ein

wenig weiter oben zeichneten sich die schwarzen Umrisse von 20 Yaken

ab, und Kulane wie Antilopen waren zahlreich vertreten. Ein Kulan

spazierte ganz in unserer Nähe auf dem gegenüberliegenden Ufer umher.

Zwei Hunde schwammen über den Fluß und jagten ihn eine Strecke weit, er

blieb aber sehr ruhig, graste weiter und ließ die Hunde bellen, soviel

sie wollten. Nicht einmal Rebhühner und Wildgänse mit ganz kleinen

Jungen fehlten in dieser Gegend, die uns außergewöhnlich gastfreundlich

aufnahm.

Am 16. Juli blieben wir im Lager Nr. 38. Turdu Bai und Hamra Kul wurden

in das gewaltige Tal hinaufgeschickt, in dem ich es nicht gleich mit

der ganzen Karawane versuchen wollte; konnte es doch so schwer zu

erklimmen sein, daß wir hätten wieder umkehren müssen.

Gerade als ich das Universalinstrument zum Observieren aufgestellt

hatte, brach ein heftiger Hagelschauer los. Der Himmel wurde im Westen

schwarz, der Donnergott rollte mit seinem schweren Wagen durch die

Wolken, und die Schläge folgten so dicht aufeinander, daß die Erde

unter ihnen bebte. Ich mußte hübsch wieder unter Dach kriechen. Die

Hagelkörner schmetterten auf die Filzdecken meiner Jurte und tanzten

wie Zuckerkügelchen auf dem Erdboden, der bald weiß wurde.

Nun ertönte Geschrei und Rufen. Tscherdon, der die Wache hatte,

meldete, daß die anderen beiden Kosaken einen großen Bären aufgetrieben

hätten, der in scharfem Galopp nach dem Lager eilte, aber rechtzeitig

nach Osten abschwenkte, mit raschen Schlägen über den Fluß schwamm, die

gegenüberliegende Uferterrasse hinaufkletterte und, die beiden Reiter

hinter sich, die Flucht fortsetzte.

Kaum war die wilde Jagd an uns vorübergesaust, als von Tscherdons Zelt

ein Schuß krachte. Ein großer, alter, weißgrauer Wolf war vor dem Lager

umhergeschlichen und mußte ins Gras beißen.

Nach einer guten Stunde kehrten die Kosaken in scharfem Trab zurück

und sprengten gerade auf mich los; es war ihnen anzusehen, daß sie

mir etwas Wichtiges mitzuteilen hatten. Der Bär war ihnen nach einem

letzten Schusse freilich entkommen, +dafür aber waren die Jäger,

geradewegs in ein tibetisches Lager hineingeritten+! Ein mit einer

Flinte bewaffneter Mann war bei ihrem Herannahen hinter einem Hügel

verschwunden, einige Pferde weideten in der Nähe, und die 20 Yake, die

wir gestern gesehen hatten, waren also doch zahme Tiere.

Nun waren die Kosaken, die sich mit dem Manne nicht hatten verständigen

können, schleunigst umgekehrt, um mir von dem Geschehenen Mitteilung zu

machen.

Der Lama war sehr verdutzt, als ihm die gefährliche Wirklichkeit auf

den Leib rückte. Solange wir keine Spur von Menschen gesehen hatten,

war ihm mein Plan als etwas Unbestimmtes, noch in weiter Ferne

Schwebendes erschienen, aber jetzt standen wir an dem Punkte, wo die

ersten Eingeborenen auftauchten und von welchem wir daher aufbrechen

mußten. Wir fingen an zu glauben, daß der Kulan, den wir gestern

gesehen hatten, doch am Ende wirklich ein Mann, jedenfalls aber ein

Omen gewesen sein müsse, ein Vorzeichen, daß menschliche Wohnungen

nicht mehr weit entfernt seien.

Wir berieten uns eine Weile über die Sachlage. Es war keine Zeit zu

verlieren, denn auf die Kosaken hatte es den Eindruck gemacht, als

hätten die Tibeter ihre Yake und Pferde nach dem Lager geholt, um bald

aufzubrechen. Wir mußten sie festhalten, denn teils konnten sie uns

wichtige Aufklärungen über Wege und andere Verhältnisse geben, teils

würde es besser sein, wenn wir versuchten, ihr Vertrauen zu gewinnen

und mit ihnen zusammenzureisen, um sie so zu verhindern, unsere Ankunft

zu verkünden, welche Nachricht andernfalls wahrscheinlich wie ein

Lauffeuer von Mund zu Mund bis nach Lhasa dringen würde.

Ihr Lager war, nach Sirkin, nicht mehr als drei Kilometer von uns

entfernt. Sie mußten uns auf jeden Fall gesehen haben, als wir

gestern ankamen; man konnte sich jedoch nicht wundern, wenn sie

sich absichtlich abseits hielten. Waren es tibetische Nomaden oder

tangutische Räuber? Oder am Ende nur friedliche Yakjäger, die Fleisch

und Felle auf zahmen Yaken nach Süden transportierten? So früh hatte

ich nicht erwartet, Menschen zu treffen. Merkwürdig ist es auch, daß

wir bisher noch keine Spur von alten Feuerstellen gesehen hatten.

Einstweilen beauftragte ich den Lama und Schagdur, sofort dorthin zu

reiten und mit ihnen zu reden. Auch der Kosak kleidete sich in ein

mongolisches Gewand und sah, dank seiner Rasse, wie ein echter Mongole

aus, der er in Wirklichkeit ja auch war. Ich gab ihm Silbergeld mit für

den Fall, daß die Tibeter geneigt wären, uns einige von ihren Pferden,

sowie Tee und Tabak zu verkaufen, und damit sie sehen sollten, daß sie

es mit ganz freundschaftlich gesinnten, ehrlichen Leuten zu tun hatten.

Die beiden Männer sprengten wieder durch den tiefen Fluß und

verschwanden in der Dämmerung.

Gerade jener Augenblick, den ich gern solange wie möglich

hinausgeschoben gesehen hätte, war jetzt ganz unerwartet eingetreten.

Es ist klar, daß es für uns wallfahrende Pilger vorteilhaft gewesen

wäre, wenn das starke Hauptquartier möglichst weit nach Süden

hätte vorgeschoben werden können, so daß wir nicht zu weit von ihm

abgeschnitten waren. Wir hatten verabredet, vorsichtig vorzudringen

und Halt zu machen, sobald wir Menschenspuren entdeckten. Ja, wenn

wir während des Marsches in der Ferne Herden oder Zelte erblickten,

wollten wir sofort anhalten, so daß wir Pilger wenigstens Zeit hätten,

uns „umzukleiden“, damit wir später, wenn wir zurückritten und uns dem

heiligen Lande auf einem anderen Wege näherten, nicht dem Verdachte

ausgesetzt wären, zu der großen europäischen Karawane zu gehören.

Nach ein paar Stunden kamen die Reiter in dunkler Nacht unverrichteter

Sache wieder. Die Tibeter waren aufgebrochen; ihre Spur ging nach

Osten. Ihr Feuer aus Argol (Yakdung) glühte und rauchte noch. Schagdur

glaubte, daß sie erst nach dem Schusse der Bärenjäger auf uns

aufmerksam geworden seien und sofort eingepackt hätten. Nach Ansicht

des Lamas waren es drei Yakjäger gewesen; zwei Yakschädel und einige

Hufe lagen auf der Erde verstreut. Wir überlegten, ob wir es versuchen

sollten, die Tibeter einzuholen; aber da sie sicher beabsichtigten, die

ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag zu marschieren, mußten wir aus

Rücksicht auf den Zustand unserer Pferde auf die Verfolgung verzichten.

Mit dem Frieden war es von diesem Tage an in unserem Lager vorbei.

Nachts wurden Wachen aufgestellt, und die Karawanentiere durften nicht

aus den Augen gelassen werden. Wir fingen an, halb auf Kriegsfuß zu

leben, und mir stieg der Gedanke auf, daß es am Ende gefährlich sei,

die Karawane zu verlassen; sie konnte leicht überfallen werden, da es

jetzt ohne Zweifel als bekannt gelten durfte, daß eine Karawane im

Anzuge war. Deshalb beschloß ich nach Beratung mit Schagdur zunächst,

daß Tscherdon im Hauptquartier zurückbleiben müsse, um die Zahl der

Verteidiger für den Fall eines Angriffes zu vergrößern. Später würde

sich dann auch noch Tschernoff mit der Nachhut zu ihnen gesellen.

Dagegen hielten wir es für unnötig, das Hauptquartier schon hier

anzulegen, denn es war keine Aussicht vorhanden, daß wir mit unseren

schlechten Pferden die heilige Stadt eher erreichen würden als die

vergrößerten, übertriebenen Gerüchte, die bald in Umlauf sein würden.

Von hier aus hätten wir 1100 Kilometer hin und zurück gehabt, mehr,

als unsere Tiere aushalten konnten, besonders da es sich um einen

forcierten Ritt handeln würde.

Da Turdu Bai und Hamra Kul nichts von sich hören ließen, mußten wir

noch einen Tag im Lager Nr. 38 bleiben. Während desselben wurde unsere

ganze mongolische Ausstattung in Ordnung gebracht, so daß für den Fall

einer plötzlichen Trennung von der Karawane alles in Bereitschaft war.

Auf der inneren Seite meines einen mongolischen Stiefels wurde eine

lederne Hülse für ein Thermometer angebracht; für Uhr, Aneroid und

Notizbuch wurden Taschen in meinen Pelz genäht.

In der Dämmerung zeichneten sich die Schattenrisse unserer beiden

Kundschafter ab. Beide meldeten, daß so weit, wie sie talaufwärts

vorgedrungen seien, keine Hindernisse vorlägen. Sie hatten an ein paar

Stellen alte Feuerspuren gesehen, die zeigten, daß die Gegend ihres

Yakreichtums wegen bekannt war.

Am 18. Juli gingen wir südostwärts bis an den Punkt, wo das letzte

Gras wuchs. Dreimal mußten wir über den Fluß hinüber. Eines der

Kamele konnte kaum den Lagerplatz noch erreichen; es war jedoch

bedeutend fetter als die anderen und schien ganz gesund zu sein. Es

war entschieden nur faul; aber als es sich auch am folgenden Morgen

nicht bewegen ließ, die Wanderschaft bergauf fortzusetzen, wurde es

zurückgelassen. Die Nachhut würde auf jeden Fall hier vorbeikommen

und es mitnehmen. Langweilen würde sich das arme Tier hier in der

Einsamkeit schon, aber von Wölfen würde es nichts zu fürchten haben;

diese greifen nie ein Kamel an, das einen Packsattel trägt, behaupten

die Muselmänner.

Auf einem kleinen Hügel neben dem Lager wurde eine Jurtenstange

aufgepflanzt und an ihrer Spitze eine Konservendose festgebunden, in

der ein Zettel lag, auf den ich in türkischer Sprache geschrieben

hatte: „Wir haben hier ein Kamel zurückgelassen; wenn es nicht hier

ist, so folgt seinen Spuren, bis ihr es findet!“ Es war möglich, daß

das Tier, wenn es sich erholt hatte, auf die Idee verfiel, seine

Kameraden zu suchen.

Wir hatten also eines der achtzehn verloren. Fragend folgte es uns

mit den Blicken, als wir unbarmherzig weiterzogen. Darauf beugte es

den Hals, um zu grasen, und wir sahen es nie wieder. Denn gerade hier

machte die Nachhut, die nicht immer an derselben Stelle lagerte wie

wir, einen Umweg. Sie sahen das verlassene Kamel nicht mehr; es war das

einzige Tier, das ohne Hoffnung auf Rettung lebendig zurückblieb und

von dessen weiteren Schicksalen wir nie etwas erfahren sollten.

Unser Zug geht auf unfruchtbarem Boden nach Südosten weiter; Schnee

und Hagel lassen uns wenig von den Umgebungen sehen -- heute haben wir

vollständigen Winter nach der gestrigen Sommerwärme. Auf dem linken

Ufer des Flusses geht es immer höher hinauf. Yakdung lag überall, aber

Herden sahen wir merkwürdigerweise nicht; wir hatten den Eindruck, daß

sie kürzlich verscheucht sein müßten. Als Zeichen von Jägerbesuchen

fanden wir an drei Stellen Feuerherde, von denen einer zehn Tage alt

sein konnte und aus einigen kreisförmig aufgestellten Steinen bestand,

in deren Mitte Asche lag. Ein schlanker Tonkrug war hier in Scherben

gegangen; der Hals lag noch da.

Dreizehntes Kapitel.

Das Hauptquartier.

Noch einen Tag sollten wir uns nach immer höheren Regionen

hinaufarbeiten, und es galt jetzt, die gewaltige Schneekette, die wir

solange zur Rechten gehabt hatten, zu übersteigen.

Die Kamele halten sich tapfer, aber ihre Kräfte sind im Schwinden. Das

Dromedar scheint der nächste Todeskandidat zu sein; es ist nur noch

Haut und Knochen und weint abends schmerzlich. Trotzdem spannte es

seine Kräfte aufs äußerste an und legte ehrenvoll die 19,1 Kilometer

zurück. Als Abendmahlzeit hatte es ein paar gewaltige Weizenbrote, Heu

aus einem Packsattel und ein paar Klumpen rohes Schaffett bekommen, das

an stärkenden Eigenschaften alles übertreffen solle.

Die Sonne und die Hochalpenlandschaft wurden bald von undurchdringlichen

Wolken verdeckt. Unsere Straße ging nach Südsüdwest, und das Unwetter

kam uns gerade entgegen. Was nützt einem bei solchem Wetter ein

Pelzbaschlik? Hagel und Schnee schlagen mir wagerecht ins Gesicht,

bleiben im Pelz sitzen, schmelzen und rinnen mir am Halse hinunter.

Manchmal muß man stehenbleiben und dem Unwetter den Rücken kehren, um

Atem zu schöpfen. Die Gegend ist verborgen unter diesen scheußlichen

Wolkenvorhängen, durch deren Hagelschauer wir reiten müssen. Es ist

nicht leicht, unter solchen Umständen zu zeichnen und zu schreiben!

Wenn es sich für eine Weile aufklärt, wundern wir uns, daß wir dem

gewaltigen Gletschermassiv zur Rechten nicht sichtlich nähergekommen

sind. Wir schreiten freilich ununterbrochen nach dem Passe hinauf, aber

ganz unglaublich langsam.

Auf beiden Seiten des Passes laufen mehrere Gletscherzungen aus; sie

sind vollständig überschneit, und jede von ihnen entsendet einen Bach.

Am Rande der Gletscher sehen wir große Yakherden; wir zählen über

300 Tiere, darunter einige ganz kleine Kälber. Tscherdon schoß eines

der letzteren für unseren Proviantvorrat. In dem Maße, wie wir uns

näherten, zogen sie sich über den Paß nach der Südseite hinüber. Die

Abhänge, auf denen sie im Moose weideten, sahen von ihren dichten

Reihen wie schwarzgestreift aus.

Mitten in dem flachen Tale, in dem wir nach der Paßschwelle

hinaufziehen, rieselte ein Bach, der nur ein oder zwei Meter breit,

aber oft einen Meter tief ist. Büschel von feuchtem, dichtem Yakgras

bildeten seine Ufer. Daß sich der tibetische Ochs hier sehr wohl fühle,

bewiesen die reichlichen Dungmassen, die umherlagen. In dem Bache leben

kleine Fische, die sich besonders in den ruhigeren Becken aufhalten.

Fische 5000 Meter über dem Meere! Wie gewöhnlich wurden Exemplare in

Spiritus mitgenommen.

Schließlich hören Bäche und Gletscherabflüsse auf, die Steigung

nimmt zu, und ich gelangte mit dem Lama auf diesen himmelstürmenden

Paß, dessen Höhe 5462 Meter betrug. Die Karawane mühte sich noch auf

dem Abhange ab. Ein großer Yak, der böse und herausfordernd aussah,

versperrte den Weg nach Süden. Er wedelte mit dem Schwanze in der Luft,

senkte die Hörner und machte gar keine Miene zu entfliehen. Wir hielten

es für geraten, die Ankunft der Schützen abzuwarten; doch sobald die

ersten Kamele auf dem Kamme auftauchten, trottete der Yak ab.

Inzwischen wurde das uns im Süden erwartende Land mit dem Fernglas

gemustert. Vor uns breitete sich ein Gewirr von Bergen und Ketten,

ein Labyrinth von Tälern aus. Ein bedeutender Fluß sammelte sich am

Südabhange; wir folgten ihm abwärts. Hier hielten sich sieben alte Yake

auf, die von den Hunden mit Todesverachtung angegriffen wurden. Vier

suchten sofort ihr Heil in der Flucht, drei hielten eine Weile stand.

Als aber die Angreifer ihre Attacke auf einen Yak konzentrierten,

machten sich die beiden anderen ebenfalls aus dem Staube. Der letzte

hatte verzweifelte Mühe, sich die Hunde vom Leibe zu halten. Er

entschloß sich schließlich für die schlaue Taktik, sich mitten in den

Fluß zu stellen, wo das Wasser um ihn schäumte und die Hunde scheu

machte. Nach einer Weile kamen zwei Kameraden zurück, um sich nach ihm

umzusehen, aber die Hunde waren des Spieles schon beinahe überdrüssig,

hatten sich hingesetzt und schauten ihr Opfer nur noch an.

An dem Punkte des Tales, wo den Kamelen die Lasten für die Nacht

abgenommen wurden, war das Gras bedenklich mager. Mitten auf ebenem

Boden lag ganz regungslos, den Blick auf uns gerichtet, ein Rebhuhn,

auf das einer der Kosaken schoß. Es taumelte im Todeskampfe auf; dabei

stellte sich heraus, daß es auf drei kleinen Küken gelegen hatte, die

unverletzt piepend um die Mutter herumliefen. Wenn man sich nicht zum

Troste sagen könnte, daß man in diesen unwirtlichen Gegenden jedes

Wild, das einem in den Weg kommt, zu erlegen berechtigt ist, weil man

sein eigenes Leben damit fristen muß, so würde man sich wie ein Räuber

und Schurke vorkommen, wenn man ein so idyllisches Familienleben

gewaltsam zerstört und solch ein bescheidenes Glück von der Erde

vertrieben hat. Es dauerte lange, bis ich die Erinnerung an diesen

feigen Schuß los wurde. Ich suchte mich damit zu trösten, daß die Hunde

das Rebhuhn, das mit seinen drei Küken abends in die Bratpfanne kam,

doch totgebissen haben würden.

Die Kamele müssen lange rupfend umhergehen, ehe sie so viel Gras im

Maule haben, daß es sich des Kauens und Schluckens verlohnt. Das Gras

ist zäh und hart, und die Wurzeln bleiben beim Rupfen daran sitzen,

denn der Erdboden ist von den Niederschlägen aufgelöst.

Der Lama, der ein kluger Mensch ist, bemerkte ganz richtig, daß diese

gigantische Bergkette für die Tibeter dieselbe Rolle spiele wie der

Arka-tag für die Bewohner von Ostturkestan; sie ist eine Grenzmauer

gegen das unbekannte, unbewohnbare Land, eine Grenze, die selten

überschritten wird, und dann nur von Yakjägern. Zwischen dieser Kette

und dem Arka-tag liegen die höchsten und unfruchtbarsten, daher auch

am schwersten zugänglichen Teile von Tibet. Jetzt hatten wir noch

280 Kilometer bis nach dem Nordufer des Tengri-nor, und die ersten

Lagerplätze der Nomaden konnten nicht mehr sehr weit sein.

Am Morgen des 21. Juli erwachte ich bei Schneetreiben. Kompakte,

beinahe schwarze Wolkenmassen hängen längs des Kammes der ewigen

Schneekette. Diese wird ganz von ihnen eingehüllt, und man würde von

ihrem Dasein keine Ahnung haben, wenn nicht zwei Gletscherzungen,

den Tatzen eines ungeheueren Eisbären vergleichbar, unter dem Saume

des Wolkenmantels herunterhingen. Die Schneegrenze dürfte sich hier

etwa 100 Meter über der Paßhöhe befinden. Trotz dieser bedeutenden

absoluten Höhe kamen keine nennenswerte Fälle von Bergkrankheit vor.

Nur Tscherdon, der Yaken nachgelaufen war, hatte Kopfweh.

Durch eine Hagelbö nach der anderen reiten wir zum Passe hinauf. Auf

der rechten Seite mündet hier ein Nebental, und der vereinigte Fluß,

der nun die Richtung nach Südost einschlägt, mußte uns den Weg nach

tieferliegenden Gegenden mit Weideland zeigen. Wir beschlossen, ihm zu

folgen, soweit er ging.

Gerade in dem Talknie lagen zwei gewaltige Eistafeln, in denen hier und

dort Waken gähnten, unter denen man das Wasser des Flusses strömen sah.

Manchmal muß man sich darüber wundern, daß die ziemlich gebrechlichen

Eisbrücken nicht unter den Kamelen einstürzen. Bald wird das Eis

zusammenhängender und dicker. Der Fluß strömt frei in der Mitte des

Talbodens, und auf jeder Seite begleitet ihn ein ununterbrochenes

dickes Eisband mit senkrechten oder überhängenden Wänden (Abb. 242).

[Illustration: 232. Eine angeschossene Orongoantilope. (S. 126.)]

[Illustration: 233. Erlegter tibetischer Bär. (S. 127.)]

Die Karawane ging auf der rechten Eisscholle, die bei einer Biegung

des Flusses unterbrochen war, so daß wir auf den Schuttboden hinunter

mußten. Die Eistafel war jedoch lotrecht und 1,97 Meter hoch, so daß

alle Äxte, Stangen und Spaten in Tätigkeit gesetzt werden mußten,

um einen Weg zu bahnen (Abb. 243). Diese Arbeit dauerte eine gute

Stunde, während welcher Schagdur weiterritt. Mir sah diese Straße

höchst bedenklich aus, denn das Tal verschmälerte sich immer mehr;

wahrscheinlich war es ein tief eingeschnittenes Durchbruchstal, das uns

nicht mehr herauslassen würde.

Der Eisabhang wurde mit Sand bestreut; dann führten wir alle Tiere

vorsichtig hinunter, um in der 20-40 Meter breiten Rinne zwischen

den Eisbändern weiterzuziehen, wobei wir meistens im Flusse selbst

gingen. Auf dem Talboden war es tüchtig naß; es spritzte und patschte

um die Kamele. Von den Eisrändern tropfte und rieselte es im Regen,

umsomehr als sich die Temperatur den ganzen Tag einige Grade über dem

Gefrierpunkte hielt.

Wir waren schon eine Strecke weit in der Nässe gewatet, als wir

Schagdur trafen. Fünf, sechs Kilometer könnten wir noch marschieren,

sagte er, weiter aber nicht. Dort hörten die Eisbänder auf und ein

Hohlweg beginne, in dem der Fluß zu einem tiefen, unpassierbaren Strom

zusammengedrängt werde. Schagdur war mit seinem Pferde noch in ein

Meter tiefem Wasser geritten, dann aber umgekehrt.

Da dazu kam, daß sich die Wassermenge des Flusses bis zum späten Abend

stündlich vergrößern mußte, beschloß ich umzukehren. Man konnte ja

in einer solchen Falle in eine, gelinde ausgedrückt, ungemütliche

Lage geraten und von oben und unten abgeschnitten werden. Das Wasser

würde nachdrängen und das Tal so füllen, daß wir auch nicht wieder

zurückkönnten. Und Talerweiterungen, wo man die Kamele nach den Seiten

hätte führen können, hatte der Späher nicht gesehen.

Also das Ganze kehrt gemacht und wieder zurück durch diese angenehme

Passage mit ihren unzähligen Furten, Waken und Tümpeln. Jetzt war alles

noch mehr durchweicht, und in den Spuren der Kamele hatte sich Wasser

angesammelt. Überall rieselt und sprudelt es, und das Eis knackt und

kracht. Es füllt im Winter ohne Zweifel das ganze Tal aus, wird aber

von dem von den Gletschern gespeisten Flusse im Frühling schließlich

durchbrochen. Es mag eigentümlich erscheinen, daß solche Eismassen bis

Mitte Juli liegenbleiben können; doch dies hat seinen Grund teils in

der absoluten Höhe, teils in der hohen, schützenden Bergwand, die sich

auf der Südseite des Tales erhebt.

Da, wo die Richtung des Tales nach Südosten überging, verließen wir

unsere Spur und gingen am Ufer des von rechts kommenden Nebenflusses

hinauf. Damit der Nachhut unsere vergebliche, anstrengende

Eiswanderung erspart bliebe, wurde in der Talbiegung ein Steinmal

errichtet und davor an der Erde aus Steinstücken eine Pfeilspitze

angebracht, die nach Südwesten zeigte.

Statt, wie wir gehofft, die Reise nach Süden und wärmeren Gegenden

hinunter fortsetzen zu können, mußten wir wieder ein völlig

unfruchtbares Tal hinaufziehen. Der Hagel schlug heftiger als je

nieder. Es war ziemlich gleichgültig, wie die Gegend aussah, denn heute

konnten wir nicht mehr weiter, und da es sich hier um einen neuen Paß

handelte, war auch keine Hoffnung vorhanden, daß wir eher Weide finden

würden als auf seiner anderen Seite.

Gegen Abend klärte sich der Himmel auf; ich lag auf meinem Bett,

rauchte meine Pfeife und betrachtete die Kamele, die mit Engelsgeduld

nach Gras suchten. Die Sonne sinkt, die Wolken färben sich rotbraun,

und als es dämmerig wird, schmettern wieder schwere Regentropfen auf

die schon feuchten Filzdecken der Jurte. Nun wird das Licht angezündet,

die Arbeit geht weiter, und der Abend verfließt in gewöhnlicher Ruhe.

Wir plaudern eine Weile in Sirkins Zelt und tauschen unsere Meinungen

darüber aus, wie Tschernoff mit den erschöpften Kamelen der Nachhut

hier durchkommen wird. Wir beraten auch über die Reise nach Lhasa.

Sollten wir nicht einige Platz erfordernde Sachen, wie Stearinkerzen

und den kleinen photographischen Apparat in dem Packsattel eines

Maulesels durchschmuggeln können? „Nein“, erklärte der Lama,

„hierzulande ist man nie sicher; sie stehlen uns vielleicht das ganze

Tier mit Sattel und allem.“

Der nächste Tag brachte uns hinsichtlich der Terrainverhältnisse keine

Änderung zum Bessern. Nachdem wir noch ein Steinmal errichtet hatten,

schritten wir zu dem Passe hinauf, der von fern sehr leicht aussah, in

Wirklichkeit aber schwerer zu übersteigen war als der vorige.

Ich ritt mit dem Lama in dem Flußbette aufwärts, das der einzige Weg

mit festem Boden war; denn entfernt man sich nur ein wenig von ihm,

so sinkt das Pferd in den Morast ein, und man muß schnell abspringen

und versuchen, wieder auf tragfähigen Boden zu gelangen. Die Abhänge

bestehen nach dem Flußbette zu aus einer breiähnlichen Schlammmasse,

die, nach den oft vorkommenden Quer- und Randspalten zu urteilen, sich

in wenn auch unmerklich gleitender Bewegung befindet. Die absolute

Höhe, die recht fühlbare Steigung und der lose Boden könnten vereint

auch die beste Karawane vernichten.

Zwei Stunden brauchten wir zum Hinaufreiten; nachher mußten wir dort

zwei Stunden auf die anderen warten. Ein rasender Hagelsturm tat das

Seine, den Boden noch mehr aufzuweichen. Es ist qualvoll anzusehen, wie

die Kamele, wenn sie in den Brei einsinken, sich abmühen und abquälen,

um sich wieder herauszuarbeiten. Nur fünfzehn erreichten den Paß, zwei

waren mit je einem Manne zurückgelassen worden. Ihre Lasten übernahmen

Pferde, deren Reiter zu Fuß gehen mußten.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 17 / 42 段