ließ. Merkwürdigerweise ist jedoch anstehendes Gestein eigentlich
eine Seltenheit. Sowohl diesen wie den folgenden Tag wanderten wir
über ganz weichen Boden, wo man nur auf dem Grunde der Täler Schutt
findet. Später wurde der Boden sandig und infolgedessen trocken und
tragfähig; auch das Gras wurde ein bißchen besser, als es bisher
gewesen war. Wir lagerten an einer kleinen Quellader. Ein paar Kamele
waren zurückgelassen worden, wurden aber abends geholt. Eines von
ihnen war mein alter Reisekamerad von 1896; er blickte mit seinen
glänzenden, rabenschwarzen Augen auf dieses Land, das ihm bald das
Leben kosten sollte, und ging auf zitternden Beinen, als Sirkin ihn vor
den photographischen Apparat führte (Abb. 237). Ich wollte mir sein
Bild zur Erinnerung an die Dienste, die er mir geleistet, aufheben.
Daß er bald sterben würde, war klar. Noch hielt er sich jedoch tapfer
und schien beschlossen zu haben, seine Gebeine nicht eher der Erde zu
schenken, als bis er keinen Schritt mehr gehen konnte. Hocherhobenen
Kopfes stand er mit dem Packsattel in seinem weißen Mantel da und
ahnte vielleicht, daß er bald von uns scheiden würde. Er hatte schon
angefangen zu weinen, was die Leute für ein untrügliches Zeichen
halten. Jetzt bekam er ein großes Weizenbrot und sollte keine Last mehr
zu tragen brauchen.
Am 7. Juli begünstigte uns das Terrain in hohem Grade. Im Süden
zeigte sich wieder ein See, nach dessen Ostufer wir hinsteuerten.
Es kostete uns den ganzen Tag, nach seinem Südufer zu gelangen. Das
Tal, dessen Mitte dieser mittelgroße See einnimmt, ist kesselförmig,
flach und offen, und auch der See ist beinahe rund und tritt durch
seine starken, frischen Farben sehr hervor. Das Wasser ist rein und
grellblau und ist mit einem ziemlich breiten Gürtel von blendendweißen
Salzkristallisationen umgeben, die von fern wie Eis oder Schnee
glänzen. Am Westufer erheben sich ziegelrote Höhen.
Es war lebensgefährlich, sich dem feuchten eigentlichen Uferstreifen zu
nahen, denn er bestand ausschließlich aus salzhaltigem Schlamm, und es
war nicht leicht, eine Kanne Wasser zum Untersuchen herbeizuschaffen.
Kutschuk mußte sich eine Art improvisierter Schneeschuhe an die Füße
binden, um an den Rand des Sees gelangen zu können. Das Wasser war
derartig mit Salz gesättigt, daß das Aräometer halb über der Oberfläche
schwamm; die Skala genügte natürlich nicht entfernt, sondern es mußte
eine besondere Marke in das Glas geritzt werden.
Dieser heimtückische Schlammstreifen war durch eine ausgeprägte Wulst
scharf von den Abhängen getrennt, die noch etwas Gras trugen und auf
denen wir ohne Gefahr hinziehen konnten. Im Südosten drohte uns der
nächste Paß; wir wollten in der Mündung des zu ihm hinaufführenden
Tales lagern. Es handelte sich nur darum, Wasser zu finden, das
es hier nicht in solchem Überflusse gab wie im Arka-tag. Der
Niederschlag war zu unserem Glück in der letzten Zeit unbedeutend
gewesen; morastiger Boden hätte unsere erschöpften Kamele umgebracht.
[Illustration: 227. Unser Lager in Unkurluk. Blick auf das Nebental.
(S. 110.)]
[Illustration: 228. Die am Ufer des Kum-köll aufgestapelten
Kamellasten. (S. 112.)]
[Illustration: 229. Ankauf von Schafen bei den Hirten von Unkurluk. (S.
111.)]
Ich ritt voraus die Talmündung hinauf; sie war ganz trocken. Auf ihrer
anderen Seite fand ich doch noch ein paar kleine Tümpel mit schwach
salzhaltigem Wasser, mit welchem die Hunde vorliebnahmen. Im Talgrunde
aber griffen die Männer zu den Spaten; es wurde ein Brunnen gegraben,
der in einer Tiefe von 56 Zentimeter kaltes süßes Wasser gab.
Obwohl wir am 8. Juli nur 14 Kilometer marschierten, konnten nur
27 Kamele das Lager Nr. 33 (5041 Meter) erreichen. Sie waren jetzt
so erschöpft, daß wir aus Furcht, eines oder mehrere der Tiere zu
verlieren, an und für sich unbedeutende Pässe umgehen mußten.
Der heutige Paß (5059 Meter) ließ sich jedoch nicht umgehen, und der
Lama, der ihn rekognosziert hatte, versicherte, daß er nicht schwer
sei. Die Steigung war auch unbedeutend, aber für die kraftlosen Tiere
trotzdem mühselig. In der Nähe des Kammes grasten 8 Yake; einer
von ihnen, ein alter Stier, war recht dreist, durfte aber nicht
unnötigerweise geschossen werden; das Fleisch war vermutlich zäh und
schlecht. Ein einzelner Kulan umkreiste uns in den tollsten Kurven und
erregte durch seine urkomischen Manöver große Heiterkeit.
Auf der Südseite des Passes war das Relief der Landschaft verwickelter
und ungünstiger. Mehrere Kämme zeigten sich, die überschritten werden
mußten.
Jetzt ritt Schagdur voraus und meldete, er glaube kaum, daß die Kamele
imstande sein würden, die nächste Schwelle zu überschreiten, da diese
zu hoch für sie sei. Schon waren drei zurückgeblieben, auf die wir je
eher, desto besser warten mußten, unter ihnen mein großer Veteran.
Daher machten wir bei einem Tümpel Halt, obwohl die Weide dort schlecht
war. Den Tag darauf schleppten sich zwei von den drei zurückgelassenen
Kamelen noch nach dem Lager hin, das dritte lag kalt und steif auf dem
Flecke, wo wir es verlassen hatten.
Daß es so nicht weitergehen konnte, war klar. Eine Veränderung
mußte in der Marschordnung vorgenommen, alle schwachen Tiere mußten
ausgeschieden werden, mit dem Reste würde ich dann in längeren
Tagemärschen nach Süden ziehen. Zunächst mußte die Gegend rekognosziert
werden, denn jetzt hatten wir das Gefühl, in einem Sacke zu stecken,
aus dem wir irgendwo heraus mußten. Tschernoff ritt nach Osten und
fand das Terrain dort ganz unmöglich und von steilen Bergen versperrt.
Mollah Schah, der es nach Süden hin versucht hatte, erklärte, er sei
dort über einige kleinere Pässe geritten, die nicht besonders schwierig
seien.
Dann wurde die Auslese vorgenommen. Elf Kamele, von denen fünf die
letzten Tage schon keine Last mehr getragen hatten, und sechs Pferde
sollten hier zurückgelassen werden, um sich einige Tage auszuruhen
und dann unserer Spur in kurzen Tagemärschen nachgeführt zu werden.
Dieser wichtige Auftrag wurde Tschernoff anvertraut; er wurde Chef der
Nachhut, die außerdem noch aus Rosi Mollah, Mollah Schah, Kutschuk,
Chodai Kullu und Almas, einem Tscharchliker, dessen hochtönender Name
„das Juwel“ bedeutet, bestehen sollte. Die vier Hunde Maltschik, Hamra,
Kalmak und Kara-Itt gehörten auch zur Gesellschaft, ebenso ungefähr die
Hälfte des noch vorhandenen Dutzends der Schafe.
Die Auslese der untauglichen Kamele wurde von Turdu Bai und den Kosaken
sorgfältig gemacht. Es waren ihrer zehn, aber beim Aufbruch wurde noch
eines zurückgestellt. Acht Kamellasten, die beinahe ausschließlich aus
Proviant bestanden, sollten von der Nachhut übernommen und auf die elf
Kamele verteilt werden. Alle Instrumente und wichtigeren Dinge nahmen
wir mit.
Ganz richtig war es wohl nicht, die Karawane gerade jetzt zu teilen, da
wir uns bewohnten Gegenden näherten und vielleicht nötig haben konnten,
in voller Stärke aufzutreten. Doch es blieb uns keine Wahl, und auch
die Nachhut war mit zwei Gewehren und mehreren Revolvern bewaffnet.
Tschernoff hatte Befehl, noch zwei oder drei Tage im Lager Nr. 33 zu
bleiben und dann unseren Spuren zu folgen, die in dem Boden ziemlich
lange erkennbar sein mußten. An Stellen, wo man ein schnelles
Verschwinden der Spuren befürchten konnte, wie in Talfurchen oder
auf festgepacktem Schutt, wollten wir kleine Steinmale errichten. Wo
ich mit der Hauptkarawane bleiben würde, wußte ich selbst nicht; es
würde von Umständen, die uns unbekannt waren, und besonders von dem
Vorkommen von Weide und menschlichen Spuren abhängen. Doch das spielte
keine Rolle, denn selbst wenn Tschernoff einen ganzen Monat unterwegs
sein sollte, hatte er ja nur der Spur zu folgen, bis er ins große
Hauptquartier gelangte.
Zwölftes Kapitel.
Die ersten Tibeter.
Während des Rasttages im Lager Nr. 33 trat ein Umschlag im Wetter ein.
Der Morgen war herrlich und klar, aber um die Mittagszeit schmetterte
eine heftige Hagelbö auf uns herab, und bald folgte ihr eine zweite.
Nachher sprühregnete es den ganzen Tag, und abends stürzte ein
anhaltender Gußregen auf unsere Zelte nieder. Das eintönige Rauschen
des Regens ist kein Vergnügen, wenn man weiß, daß alle Lasten dadurch
an Gewicht zunehmen, Zelte und Jurten schwer und naß werden und das
Erdreich aufweicht und sumpfig wird. Heute brauchte man nur ein paar
Schritte ins Freie zu tun, um sich an den Stiefeln zolldicke Sohlen von
Erde und Schlamm zu holen.
Am 10. Juli nahmen wir von den Leuten der Nachhut Abschied.
Tschernoff hatte erkannt, daß es ihm als großes Verdienst angerechnet
werden würde, wenn er möglichst viele von den elf Kamelen mit ins
Hauptquartier brächte.
Nachdem es die Nacht tüchtig geschneit hatte, lag das Land wieder
kreideweiß und winterlich da; der Boden war glatt und schlüpfrig, und
dunkle Wolken segelten in rastloser Jagd nach Osten. In den trostlosen
Umgebungen nahm sich die zurückbleibende Karawane noch erbärmlicher als
gewöhnlich aus. Von den Tieren fanden es nur einige wenige der Mühe
wert, in dem Schneeschlamme zu waten. Die anderen lagen und ruhten sich
aus. Das Lager selbst sah trostlos elend aus, aber die Muselmänner
wünschten uns glückliche Reise, und ich drückte Tschernoff zum Abschied
die Hand; ich würde meinen tüchtigen, zuverlässigen Kosaken ja erst
nach meiner Rückkehr von der Pilgerfahrt wiedersehen -- wenn ich mit
dem Leben davonkam.
Den ganzen Tag über war das Wetter unfreundlich. Ein anhaltender
Hagelschauer war so heftig, daß wir halten und, in unsere Mäntel
gehüllt, warten mußten, bis er vorüber war. Die Sonne, die sich darauf
eine Weile zeigte, trocknete unsere Kleider, bis die nächste Bö uns
wieder durchnäßte. Ich ritt mit dem Lama voraus und suchte nach einem
Marsche von 23½ Kilometer den Lagerplatz aus. Obwohl die Karawane
jetzt, da wir alle erschöpften Tiere zurückgelassen hatten, besser
und schneller als gewöhnlich marschierte, mußten wir doch eine gute
Weile auf sie warten, welche Gelegenheit der Himmel benutzte, um uns
noch eine gründliche Dusche zu geben. Der Lama saß geduldig still,
betete mit philosophischer Ruhe sein „Om mani padme hum“ und ließ dabei
die 108 Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten, während
ich mich in eine Filzdecke hüllte, die stets auf meinen ungarischen
Feldsattel geschnallt war.
Die Tagereise bot im großen und ganzen ziemlich vorteilhaftes Terrain,
besonders nachdem wir zwei kleinere Pässe überschritten hatten.
So weit zogen wir alle miteinander. Auf dem Südabhange des Passes
grasten sechs Yake, und da die Jagd seit einigen Tagen keinen rechten
Ertrag geliefert hatte, sollten jetzt Sirkin und Schagdur unseren
Fleischvorrat verstärken. Nur ungern bequemen wir uns dazu, die Schafe
zu schlachten, denn wir betrachten sie immer mehr als Kameraden, und
überdies ist ihr Fleisch wenig wohlschmeckend, da die Tiere beständig
in Bewegung sind und sich nicht satt fressen können. Die Kosaken
erlegten je einen Yak, und Turdu Bai und Ördek begaben sich mit Messern
und Beilen nach der Walstatt, um die besten Stücke für uns mitzunehmen.
Auf dem Passe (5186 Meter) wurde uns ein erfreulicher Anblick zuteil:
wir sahen gleichmäßig offenes Land für ein paar Tagereisen. Aber in die
Freude mischte sich auch Wehmut, denn im Südosten, Süden und Südwesten
glänzte eine Kette mit gewaltigen Schneefeldern, die wir nicht würden
umgehen können. In dem breiten Längentale, das sich wie gewöhnlich
von Osten nach Westen bis ins Unendliche erstreckt, war die Weide
knapp und bestand meistens aus Moos und wildem Lauch. Den letztern
haben alle gern. Er wird in meine Suppen geschnitten; die Muselmänner
kauen ihn roh und sagen, daß er gegen Bergkrankheit wirke, die Kamele
fressen ihn mit wahrer Gier und ziehen ihn allem anderen vor. Wenn auf
den Lagerplätzen weiter nichts zu tun ist, läßt Turdu Bai alle Mann
Lauch pflücken, und auch während des Marsches macht er an Stellen, wo
der Lauch dichter steht, einige Minuten Halt, um den Kamelen Zeit zum
Abreißen der saftigen, wohlschmeckenden Stengel zu geben.
Wir befanden uns hier im Lager auf einer Höhe von 4982 Meter. Der 11.
Juli war der Jahrestag zweier Ereignisse, die auch mit hohen absoluten
Zahlen zu tun hatten und zu denen ich jetzt mit meinen Gedanken
lebhaft zurückkehrte. Heute sind es vier Jahre, seit Andrée seinen
kühnen, in jeder Beziehung glänzenden Ballonaufstieg von Spitzbergen
machte und die Reise antrat, von der er nicht zurückkehren sollte. Ich
sage absichtlich „glänzenden“, denn der Plan selbst war so kühn und
großartig, daß keine andere Nation ein Gegenstück dazu aufweisen kann!
Und die drei Märtyrer der Wissenschaft, die wir da verloren, hatten
gezeigt, daß es noch tüchtige Männer im Schwedenlande gibt.
Am 11. Juli sind auch elf Jahre vergangen, seit ich den Gipfel des
Demawend bestiegen hatte. Auch damals hatte ich einen saueren Tag, um
meine 5715 Meter zu erreichen, aber damals handelte es sich um eine
einzige, von freundlichen, lachenden Tälern umgebene Bergspitze, jetzt
dagegen um endlose Räume, in denen wir uns mit schweren Schritten
fortschleppten. --
Unsere Tagereise ging ungehindert nach Ostsüdost, aber ohne daß wir uns
darum der hinter schwarzen Vorbergen versteckten Schneekette merklich
näherten. Die Niederschläge waren reichlich, die Erde trocknete nicht
mehr zwischen den Schauern, die alles in Schlamm verwandeln und die
Kamele zum Ausgleiten bringen. Der Lama sagte, daß jetzt die Regenzeit
ihren Einzug halte und zwei Monate dauern werde; „so ist es wenigstens
in Lhasa“, fügte er hinzu.
Man erkennt die rücksichtslosen Regenböen schon von weitem; sie rollen
einher wie blauschwarze Rauchmassen mit scharf abgegrenzter Front, vor
welcher der blaue Himmel mit seinen weißer Watte ähnlichen Wölkchen
zusammenschrumpft und verschwindet; hinter ihnen aber sieht es aus, als
sei die Nacht selbst im Anzuge. Und man ist ihnen preisgegeben, kann
nicht entrinnen; das Unwetter zieht herauf, Blitz und Donner kommen
immer näher, die Schläge durchschneiden mit ohrenbetäubendem Krachen
die Luft, die ersten schweren Tropfen und Hagelkörner fallen auf die
Erde, und im Nu hat man die Bö über sich. Die Pferde werden unruhig und
scheu, die Kamele versuchen sich jedes auf die geschützte Seite des
anderen zu drängen, was die Lasten in Unordnung bringt. Man wird durch
und durch naß, es rieselt und tropft von Mütze und Ärmeln, die Zügel
liegen kalt und schmutzig in der Hand, die Filzstiefel saugen sich
voll, und die ganze Annehmlichkeit des Rittes durch ein unbekanntes
Land ist verschwunden. Wenn der Sturm über uns weggezogen ist, muß die
Karawane wieder in Ordnung gebracht werden. Die Bergrücken scheinen mit
der blendendsten weißen Farbe angestrichen zu sein.
Es gibt nichts Gemeineres als solch ein Wetter. Die Wanderung wird
schwer und mühsam, das auf dem Erdboden ausgebreitete Bett ist feucht,
und die Jurte verbreitet einen unangenehmen Geruch. Nur selten bietet
sich eine Gelegenheit, die astronomischen und photographischen
Instrumente zu benutzen, und das in Arbeit befindliche Kartenblatt ist
nach einer Weile naß und knitterig.
Während einer halben Tagereise folgten wir dem Flusse, an dessen Ufer
wir gelagert hatten, nach Osten, nachher aber zogen wir auf leicht
kupiertem Boden nach Südosten. Schließlich gelangten wir noch an
einen Tümpel, wo wir für den Tag Halt machten. Die Zelte waren schon
aufgeschlagen, als sich herausstellte, daß das Wasser salzig war.
Ebenso ging es uns mit dem Brunnen, der gegraben wurde. Schagdur
verschwand zu Pferd mit zwei kupfernen Kannen, und nach einer Stunde
sahen wir ihn in vollem Galopp auf das Lager zureiten. Wir wunderten
uns, daß er es so schrecklich eilig hatte, aber er erzählte sehr
aufgeregt, daß er beinahe von einem Wolfe, den er jetzt für seine
Frechheit bezahlen werde, überfallen worden sei. Der Wolf war ihm
zweimal direkt zu Leibe gegangen, und er hatte zur Verteidigung nichts
weiter gehabt als die kupfernen Kannen. Damit hatte er nach dem
Wolfe geworfen und sich dann zu Pferd davongemacht. Wir konnten die
große, beinahe weiße Bestie, welche die Verfolgung bis an das Lager
fortgesetzt hatte, mit dem Fernglas beobachten. Doch als Schagdur
und Sirkin mit ihren Flinten hinausritten, hielt es der Isegrimm für
geraten, sein Heil in der Flucht zu suchen. Die Schafe wurden sicherer
als gewöhnlich eingepfercht und die Pferde und Maulesel bewacht. Die
Kamele hielten es nicht für der Mühe wert, sich nach den spärlichen
Halmen zu bücken, die um diesen schlechten Lagerplatz herum in dem
Schutte wuchsen, sondern kamen freiwillig nach Hause und legten sich
neben ihre Plagegeister -- die Lasten.
Nun mußte Ördek nach dem Flusse zurückreiten; es war schon stockdunkle
Nacht, als er mit den gefüllten Kannen zurückkehrte.
Die ganze Nacht schneite es, und am folgenden Morgen verließ man mit
Widerwillen die Jurte, um sich wieder in die Nässe hinauszubegeben. Es
ist gerade wie beim Baden; wie man es auch anstellt, ohne Naßwerden
geht es nicht ab.
In derselben Richtung (Südosten) durchzogen wir eine an Salztümpeln
reiche Landschaft von lauter Hügeln und Landrücken und gingen über
sechs kleine Pässe, bis wir einen bedeutenden Fluß erreichten, der in
einen langgestreckten Salzsee mit weißen Salzkristallisationen an den
Ufern mündete. Endlich sollten die Pferde getränkt werden. Der Fluß
strömte außerordentlich langsam, kaum merkbar für das Auge. Sei es,
daß er aus mit Salz gesättigten Gegenden kommt oder daß das Wasser des
Sees bei Wind in den Fluß hinaufgeht, genug, um den ersehnten Labetrunk
wurden wir schmählich betrogen, denn das Wasser war grimmig salzig.
Bald darauf fanden wir indessen einen kleinen Tümpel mit süßem Wasser,
und hier tranken alle Tiere nach Herzenslust (Abb. 238).
Auf dem zu unserer Rechten befindlichen Abhange weidete einsam ein
großer schwarzer Yakstier. Da wir es für unnötig hielten, ihm das Leben
zu nehmen, hetzten die Kosaken Scherzes halber die Hunde auf ihn. Diese
umringten ihn mit wildem Geheul, hüteten sich aber wohl zu beißen.
Jolldasch, der Spitzbube, zupfte ihn nur an den Seitenfransen. Der Yak
drehte sich nach jedem Angreifer um, keuchte und schnaubte, richtete
den Schwanz hoch auf und hielt die Hörner bereit. Dann und wann
fuhr er schnell auf einen der Aufdringlichen los. Er war hiermit so
beschäftigt, daß wir mit dem großen photographischen Apparate ganz nahe
herankommen konnten; die Bilder wurden aber doch recht klein. Ich hielt
das Tier fast für einen zahmen, Tibetern entlaufenen Yak, so ungeniert
war es.
Nun kam Turdu Bai mit dem Todesurteil. Wir brauchten mehr Fleisch,
sagte er. Die Hunde wurden fortgelockt, zwei Schüsse krachten
gleichzeitig. Dem Yak schien weder der Knall noch die Kugeln das
Geringste auszumachen. Seitdem die Hunde sich entfernt hatten, stand
er regungslos da. Als sie aber wieder angriffen, geriet er in Wut und
jagte sie den Abhang hinunter, stürzte dabei zu Boden und war schon
tot, als wir herankamen.
Es war ein großer, schöner Stier, dessen Hörner infolge von früheren
Kämpfen mit Nebenbuhlern an der Spitze ganz zersplittert waren. Fleisch
und Fett wurden mitgenommen, der Rest blieb liegen, wahrscheinlich zum
Frommen für Schagdurs Freund, den Wolf.
Es ist eigentümlich, zwei ganze Tagereisen zurückzulegen, ohne Wasser
zu finden, und dabei sieht man überall Lachen, denn die Regenzeit ist
da. Dennoch marschierten wir 20 Kilometer, ohne Trinkwasser zu finden.
Als sich schließlich ein Kamel weigerte, uns über noch eine übrigens
ganz unbedeutende Paßschwelle zu folgen, lagerten wir. Schagdur machte
weiter oben eine Quelle ausfindig.
„Wo ist das gute Gras? Wo werden wir das Hauptquartier aufschlagen?“
fragen wir uns jetzt täglich. Wir müssen noch 383 Kilometer von dem
nordwestlichen Ende des großen Sees Tengri-nor entfernt sein. Wir
können aber kaum erwarten, Spuren von Menschen zu finden, bevor wir
jenseits der mächtigen Kette angelangt sind, deren Schneegipfel
heute ein paarmal zwischen den Hügeln auftauchten. Der wilde Yak
hatte entschieden nie Menschen gesehen, sonst hätte er sich auf
das Photographiertwerden, das ihm das Leben kostete, gewiß nicht
eingelassen. Merkwürdigerweise ist gerade diese Gegend sehr reich an
Schädeln und Gerippen von Kulanen und Orongoantilopen. Doch stammen
diese Skelette nur von verendeten Tieren her, denn wenigstens die
Kulane werden von den Tibetern nie getötet.
Am 13. Juli zogen wir in dem offenen Längentale (Abb. 239) weiter
und brauchten die Kamele nicht mit Pässen zu quälen. Das Gras ist
schlecht; eine neue Art davon tritt auf, die der Lama „Buka-schirik“
oder Yakgras nennt und die auf der Pilgerstraße der Mongolen nach Lhasa
und in der Umgegend dieser Stadt allgemein vorkommen soll. Wild ist in
diesen Gegenden häufig; wir sehen Yake, Kulane, Orongoantilopen, Hasen
und Rebhühner. An einem großen Flusse hielten wir es für das Klügste,
das Lager aufzuschlagen, da wir so lange kein gutes Wasser mehr gehabt
hatten.
Am 15. Juli stieg die Temperatur auf +11,1 Grad, nachdem sie nachts
auf -3,4 Grad heruntergegangen war. Wir marschierten noch immer nach
Südosten, um nach einer Einsenkung in dem gewaltigen Kamme, der uns im
Süden von den Geheimnissen des heiligen Landes trennte, umherzuspähen.
Hatten wir erst diesen Wall, der möglicherweise auch klimatische
Bedeutung besaß, überwunden, so würden wir sicher in wärmere Gegenden
gelangen, die eine bessere Weide boten und vielleicht von Tibetern
bewohnt waren. Noch hatten wir aber keine Spur von Menschen gesehen.
In der Mitte des heutigen Marsches überschritten wir einen sehr großen
Fluß, den größten, den wir seit dem Tarim gesehen hatten (Abb. 240,
241). Er strömte nach Südwesten, einem großen See zu, den wir nur
aus der Ferne zwischen Hügeln und Bergen hatten hervorglänzen sehen.
Die Wassermenge, die sich auf etwa zwanzig große und ebensoviele
kleine Arme verteilte, betrug wohl 23 Kubikmeter in der Sekunde, die
Stromgeschwindigkeit 1 Meter in der Sekunde und die größte Tiefe 60
Zentimeter. Hätte der Fluß nur eine einzige Rinne gehabt, so wären wir
ohne die Hilfe des Bootes nicht hinübergekommen. Es erforderte mehr als
eine halbe Stunde, um das andere Ufer dieses großen Wasserlaufes, der
von den Schneebergen im Süden kommt, zu erreichen.
Die Hügel des linken Ufers waren von einer aus 75 Tieren bestehenden
Yakherde geradezu schwarzgetüpfelt. Sie halten sich im Winter unten in
den großen Längentälern auf, aber ihre Sommerfrischen liegen auf den
mit Yakmoos bewachsenen Halden in der Nähe des ewigen Schnees.
Gerade vor uns, höher oben in dem breiten, offenen Talgrunde,
zeigte sich etwas, das wir für einen Menschen hielten, der uns
hochaufgerichtet mit steifer Haltung entgegenkam, aber infolge der
Entfernung und der zitternden Luft nur undeutlich zu unterscheiden war.
Sirkin, der Lama und Turdu Bai untersuchten den Gegenstand mit dem
Fernglas und erklärten bestimmt, es sei ein Mann; der Lama fügte hinzu,
der Mann sammle Yakmist und hinter ihm seien zwei schwarze Zelte zu
sehen. Also schon jetzt Tibeter mit großen Yakherden? Es wäre fatal,
mitten auf dem Marsche von Tibetern überrascht zu werden; nun würde die
burjatische Verkleidung umsonst sein und durch alle unsere Pläne ein
Strich gemacht werden!
[Illustration: 230. Die Kamele am Ufer des Kum-köll. (S. 114.)]
[Illustration: 231. Turdu Bais Zelt. (S. 120.)]
Auch ich sah mir diesen rätselhaften Wanderer lange an. Wir warteten
eine ganze Weile, um ihn näherkommen zu lassen. Doch mit der Zeit
verwandelte sich unser Mann in einen Kulan, den wir in Verkürzung
gesehen hatten; die schwarzen Zelte waren einfach die Schatten einer
Erosionsterrasse, und die Herde bestand aus wilden Yaken, die, sobald
sie unsere Karawane witterten, angefangen hatten, sich talaufwärts zu
entfernen.
Bald darauf scheuchte Jollbars einen jungen Hasen auf, dem es sicher
schlecht gegangen wäre, wenn er den Hund nicht durch seine schnellen
Seitensprünge ermüdet und sich dann in eine kleine Erdhöhle geflüchtet
hätte. Hier war er jedoch auch nicht sicher, denn Schagdur holte ihn
mit der Hand heraus, band ihn und streichelte das erschreckte Tierchen.
Als die Karawane und alle Hunde vorbeigezogen waren, löste ich seine
Bande, um ihm die Freiheit wiederzuschenken. Er hüpfte mit leichten
Sprüngen vergnügt fort und schien ganz erstaunt, daß er aus einem
solchen Abenteuer mit heiler Haut davongekommen war; aber noch war er
nicht weit gelangt, als ein Falke, den wir nicht bemerkt hatten, auf
ihn herabstieß. Schagdur eilte hinzu, kam aber zu spät. Der Falke ließ
seine Beute mit ausgehackten Augen in Todeszuckungen liegen.
Derartige Ereignisse sind die einzigen Unterbrechungen der langen,
einförmigen Ritte. Ich reite stets neben dem Lama, um mich im
Mongolischen zu üben, und allmählich nehmen unsere Pläne nach Lhasa
eine immer deutlichere Gestalt an.