sterilen Haupttälern zu sein pflegt, wo eine Tierfährte eine
außerordentliche Seltenheit ist. Es erweckte förmliches Aufsehen, als
wir einmal entdeckten, daß eine Orongoantilope quer durch das Tal
gelaufen war. Das Terrain ist stark wellenförmig, und die Aussicht nach
vornhin erstreckt sich nicht sehr weit. Man geht einem die Aussicht
versperrenden Landrücken entgegen, auf welchem der Führer und sein
Pferd sich wie ein scharfer Schattenriß vom Himmel abheben, und man
glaubt und hofft, daß der Mann dort ein endloses Panorama überblicken
könne; doch man irrt sich, denn von dem Hügel sieht man nur ganz in der
Nähe wieder einen solchen Landrücken. So geht es den ganzen Tag, bis
wir endlich an einem ganz kleinen See rasten. Seine Fläche ist mit Eis
bedeckt, an den Ufern aber ist offenes Wasser.
In der Dämmerung inspiziere ich wieder das Lager. Jetzt kommt es nie
mehr vor, daß sich alle wohl fühlen. Hamra Kul ist wieder gesund, dafür
aber hat jetzt Rosi Mollah, der Priester, Rachenkatarrh, und der alte
Kameltreiber Muhammed Turdu klagt über Brustschmerzen. Beide bekommen
Medizin, die dank ihrer eigenen Einbildungskraft auch hilft, und sind
von allen Arbeiten befreit, bis sie wieder gesund sind. Mehrere von den
anderen klagen über Kopfweh, weshalb sie je ein Antipyrinpulver nehmen
müssen und damit getröstet werden, daß in diesen höheren Regionen
niemand einem Anfalle von Bergkrankheit (Tutek) entgehen könne; ich
selbst fühle jedoch keine Spur davon.
Mein Pferd ist entschieden außer jeder Gefahr, wird aber bis auf
weiteres noch nicht zur Arbeit benutzt. Mehrere Kamele sind jämmerlich
mager. Die zwei kleinen Füllen saugen und zerren an den Eutern ihrer
Mütter, werden aber bei weitem nicht satt. Darum haben sie Weizensemmel
fressen lernen müssen, die sie delikat finden und hinunterschlucken,
aber man muß sie ihnen auch ins Maul stecken!
26. Juni. Heute herrschte ein höchst eigentümliches Wetter. Der Morgen
war strahlend schön und die Luft sommerlich warm, aber schon früh
erhob sich ein so außerordentlich heftiger Westwind, daß wir, die wir
ihm gerade entgegenritten, nach Atem rangen und uns möglichst hinter
denjenigen Kamelen hielten, die die höchsten Lasten trugen. Sich durch
einen solchen Sturm durchzuarbeiten, strengt die Tiere, die es in
der verdünnten Luft schon ohnehin schwer genug haben, noch mehr an.
Man kann hier von einem Westpassate reden, so beständig scheint die
Windrichtung zu sein. Als wir endlich unser Lager Nr. 61 vom vorigen
Herbste erreichten, herrschte dort derselbe heftige Wind wie damals;
Sand und Staub wirbelten in der Luft, und Zelte und Jurten drohten,
zerfetzt und von den unglaublich gewaltsamen Windstößen fortgeweht zu
werden.
Das heutige Lager, Nr. 24, fällt mit Nr. 61 vom vorigen Jahre
zusammen, und ich gewann einen unschätzbaren Kontrollpunkt für die
Karte. Von unserem früheren Besuche zeugten nur noch von den Feuern
übriggebliebene Kohlen- und Aschespuren. Wir lagerten auf derselben
Stelle am linken Ufer des kleinen Baches.
Der größere Teil des Sees war noch mit einer porösen Eisschicht
bedeckt. Erst Mitte Juli wird der See wieder offen sein, aber nur,
um Anfang November von neuem zuzufrieren. Die Eisverhältnisse sind
natürlich bei den verschiedenen Seen sehr verschieden und richten sich
nach dem Salzgehalt, der Größe und der mehr oder weniger geschützten
Lage der Seen. Die kleinen Süßwassertümpel in der Nähe des Arka-tag
sind den größten Teil des Jahres über zugefroren.
Heute herrschte jedoch Sommerwetter, und um 1 Uhr stieg die Temperatur
trotz des heftigen Windes beinahe auf +20°. Es war ein warmer
Luftstrom, ein richtiger Föhn, der über diese kalten, hohen Regionen
hinfuhr; ein Sommerwind über einen zugefrorenen See.
[Illustration: 225. Unser Lager in Jiggdelik-tokai. (S. 105.)]
[Illustration: 226. Der Tscharchlik-su bei der letzten, scharfen
Durchbruchsbiegung. (S. 105.)]
Während des Rasttages, den wir hier verlebten, hatte ich
glücklicherweise Gelegenheit, eine Ortsbestimmung zu machen. Sirkin
und Turdu Bai rekognoszierten das Land nach Westen hin und fanden dort
keine Hindernisse auf unserem Wege. Um diesen wichtigen Knotenpunkt
zu fixieren und deutlich zu bezeichnen, errichteten die Kosaken
einen doppelten Steinhaufen von Schieferplatten, in welche Sirkin
und Schagdur ihren Namen einmeißelten, während der Lama sein ewiges
„Om mani padme hum“ in eine große Scheibe einritzte (Abb. 235).
Dieser Obo steht auf einem Hügel am rechten Ufer und ist leicht zu
finden, wenn später einmal ein Reisender seine Schritte nach dieser
Gegend lenken sollte. Meine Karte ist überdies so detailliert, daß man
mit ihrer Hilfe auf unseren Lagerplatz direkt wird zugehen können.
Die Muselmänner wollten auch nicht zurückstehen und errichteten ihre
eigene Steinpyramide; ein gewisser Ehrgeiz trieb sie an, diese höher
aufzutürmen, als der „heidnische“ Obo war.
Am 28. Juni zogen wir längs des Ufers weiter. Es war wirklich
herzerquickend, daß man heute nicht nötig hatte, die Kamele steile
Abhänge hinaufkeuchen zu sehen; sie gingen ruhig auf dem festen ebenen
Kiesufer. Im Südwesten kamen wir an noch einen See, dessen Ostufer uns
zwang, nach Südosten abzubiegen. Meine Absicht war jetzt, noch eine
Zeitlang möglichst nach Südwesten zu ziehen, um die schwer passierbaren
Berggegenden, die wir von der vorjährigen Reise her kannten, zu
vermeiden.
Der neue See, an dessen Ufer das Lager Nr. 25 aufgeschlagen wurde, war
ebenfalls mit ziemlich dickem Eise bedeckt.
Am 29. Juni marschierten wir ganze 27 Kilometer. Anfangs ging es nach
einem niedrigen Passe hinauf, der, wie die ganze Gegend, schneefrei
war. Von hier hatten wir nach Süden hin die herrlichste Aussicht über
ein neues, breites und flaches Längental, das sich in ostwestlicher
Richtung hinzog und reich an Seen war. Der größte von diesen lag im
Südwesten; daß er salzig war, konnten wir daraus schließen, daß er
völlig eisfrei war. Auf seinem Südufer erhoben sich feuerrote, weich
abgerundete Hügel, deren grelle Farbe sich ebenso scharf von der sonst
einförmig grauen Landschaft abhob wie der herrliche, rein marineblaue
Wasserspiegel des Sees. Im Südosten und Süden zeigten sich drei
dominierende Schneegipfel.
Jetzt handelte es sich nur darum, Wasser zu finden. In dem nach dem
See hinunterführenden Tale floß ein Bach, der aber salzig war, und
auf dem Westufer des Sees gab es keine Quellen. Eine Strecke weiter
entdeckte Schagdur, der vorausritt, einen Fluß, an dem wir inmitten
kärglicher Weide rasteten. Wie meistens in den offenen Tälern machte
sich der Westpassat mit aller Kraft geltend. Ein Blatt aus meinem
Notizbuche löste sich und flatterte im Winde dem nahegelegenen See zu,
aber der Lama setzte sein Pferd in scharfen Trab und fing das Blatt im
letzten Augenblicke noch glücklich auf. Bei Sonnenuntergang herrschte
vollkommene Windstille; aber um 8 Uhr tobte ein Nordsturm von 17 Meter
Geschwindigkeit in der Sekunde! Sein klagendes Geheul übertönte alle
anderen Laute und wurde nur gelegentlich von dem Geschrei der Männer
durchdrungen, wenn sich etwas gelöst hatte und fortfliegen wollte.
Erst gegen Morgen legte sich der Sturm, und der neue Tag brach klar und
schön an, obwohl der Passat noch ununterbrochen aus Südwest wehte. Ohne
allzu große Anstrengungen überwanden wir die Höhen, die sich auf der
Südseite des Sees hinziehen, und ich brauchte kein schwarzes Kreuz in
den Kalender zu zeichnen. Der Marsch war freilich recht beschwerlich,
denn wir mußten über drei Pässe, ehe wir wieder an fließendes Wasser
gelangten, in dem wir rasch den Oberlauf desselben Flusses, an welchem
wir zuletzt gerastet hatten, erkannten. Hätten wir hiervon eine Ahnung
gehabt, so hätten wir uns natürlich die Pässe geschenkt und wären in
dem harten Bette, in dem es sich vorzüglich marschierte, weitergezogen.
Doch es sind ja unbekannte Teile der Erdrinde, die wir durchziehen, und
dies ist gerade das Einzigschöne an der ganzen Reise.
Am 1. Juli gingen wir 27½Kilometer nach Süden. Ich hatte allen
Grund zu vermuten, daß, wie unser Schicksal sich auch gestalten würde,
mit diesem Tage ein ereignisreiches Halbjahr beginnen werde. Auf
unserem Wege erhob sich eine gewaltige Bergkette, deren höchste Partie,
die mit einer ewigen, eisartig glänzenden Schneehaube bedeckt war, auf
einer von beiden Seiten umgangen werden mußte. Tschernoff, der die
westliche untersucht hatte, kam uns auf halbem Wege mit der Nachricht
entgegen, daß dieser Weg für die Kamele unmöglich sei. Tscherdon und
der Lama hatten auf der Ostseite mehr Glück gehabt, bereiteten uns aber
auf einen schweren Übergang vor.
In langsamem Tempo schritt die Karawane nach der schwindelnden Höhe
hinauf. Die Steigung nimmt zu, der Fluß wird immer wasserreicher,
je mehr wir uns dem ewigen Schnee nähern, von dessen schmelzenden
Zungen in den Klüften eine ganze Reihe kleiner Bäche in Schuttbetten
herunterrieseln. Im Hauptbett ist das Wasser ganz rot und dick und
wälzt sich dumpf und schwer talabwärts. Jegliche Vegetation hat
aufgehört, nicht einmal ein Moosfleckchen kann in dem Schutte wurzeln
und gedeihen. Endlich haben wir den letzten steilen Abhang besiegt. Die
Kamele atmen laut und schwer, die Leute, von denen viele haben zu Fuß
gehen müssen, um die Lasten zu überwachen, sinken kraftlos zu Boden, da
es ihnen schwarz vor den Augen wird. Ganz oben auf dem Passe erwartet
uns der Lama; sein rotes Gewand macht sich weniger als gewöhnlich
geltend, denn die Gesteinart ist rotes Konglomerat, und die ganze
Landschaft schillert in roten Schattierungen.
Obwohl fünf Kamele schwach waren und drei ohne Last gingen, erreichten
sie alle diesen 5337 Meter hohen Paß, der also bedeutend höher als der
Arka-tag, aber schneefrei ist. Ein Glück war, daß wir diesmal von einem
Schneesturm verschont blieben. Der Südabhang dieses dominierenden
Gebirgsstockes war dagegen fast ganz schneefrei. Doch sammelte sich
auch hier ein ziemlich bedeutender Fluß, der nach Südosten abbog und
zwischen einem Gewirr von Bergen verschwand. Wie schon so oft, konnten
wir nicht feststellen, wo er blieb. Wahrscheinlich ergießt er sich
in irgendeinen versteckt liegenden See. An seinem rechten Ufer wurde
das Lager Nr. 28 aufgeschlagen. Von Weide und Brennmaterial konnte an
diesem wüsten Orte nicht die Rede sein.
Es ist jetzt eine ausgemachte Sache, daß die Medizinkiste in jedem
Lager herhalten muß. Tschernoff hatte wütende Kopfschmerzen, Turdu Bai
klagte über Stechen in dem einen Auge und wurde mit Kokain behandelt,
dessen Wirkung ihm ungeheuer imponierte. Hamra Kul ging es am Tage
vorher ebenso, als ich ihm sein Zahnweh mit Zahntropfen stillte. Es war
wohl mehr der Neugierde zuzuschreiben, daß heute wieder drei Patienten,
besonders Islam Ahun aus Tscharchlik, über Zahnschmerzen klagten.
Sie wollten wahrscheinlich ausprobieren, ob Hamra Kuls lebhafte
Beschreibung von der Kraft des Heilmittels mit der Wirklichkeit
übereinstimmte. Am schlimmsten steht es mit Muhammed Tokta, der über
sein Herz klagt und an Schlaflosigkeit leidet. Er ist schon lange von
aller Arbeit entbunden und sollte sie nie wieder aufnehmen können. Von
Zeit zu Zeit gab ich ihm Morphium zum Schlafen.
Die Medizinkiste wurde als ein wundertuender Talisman betrachtet.
Sobald sie hervorgeholt wurde, versammelten sich alle, die gerade
nichts zu tun hatten, vor meinem Zelte. Viele bittende Blicke wurden
während der monatelangen Reise auf den Blechdeckel der Kiste gerichtet.
Ich selbst war so glücklich, von ihrem Inhalt nie Gebrauch machen zu
müssen.
Auch am 2. Juli wurde ein schöner Marsch von 26½ Kilometer gemacht,
der uns durch eine Landschaft aus rotem Sandstein führte. Von dem
schlechten Grase wenig gesättigt, müssen die Kamele täglich ihre
schwere Lasten geduldig weiter über die Berge schleppen. Das Schlimmste
ist, daß sie selbst leichter werden und von ihrem eigenen Fette zehren,
das nicht ersetzt werden kann, weil sie keine genügende Nahrung
erhalten. Von dem Mais sind jetzt nur noch drei große Säcke übrig.
Werden wir Gegenden mit besserer Weide erreichen, ehe es zu spät ist?
Eine recht ansehnliche Bergkette zwingt uns, nach Südwesten zu gehen.
Mehrere Tümpel und kleine Seen glitzern im Sonnenschein. Hier wanderte
eine nichts Böses ahnende Orongohindin mit ihrem wenige Tage alten
Jungen, das von Jolldasch gejagt, eingeholt und sofort totgebissen
wurde. Ich bat Schagdur, die Mutter zu verfolgen, um ihrem Gram ein
Ende zu machen, aber sie entkam, und ich habe es nicht verhindern
können, daß sie noch lange voller Kummer ihr Kind suchen wird.
Endlich finden wir ein nach Süden hinabführendes Flußtal. Nach und
nach wurde es weniger bequem, als wir gehofft hatten, denn es drängte
sich zu einem scheußlichen gewundenen Korridor zusammen, und der Boden
desselben war mit Sandsteinplatten bedeckt, an denen die Kamele sich
die Füße verletzten. Wir verlassen daher das Tal und ziehen über einen
niedrigen, hügeligen Paß, auf dem Sirkin eine viel zu wenig scheue
Antilope erlegte. Jolldasch stürmte blindlings auf das verwundete
Tier los, wurde aber sehr kleinlaut, als sich ihm zwei spitze Hörner
entgegenstreckten. Fleisch hatten wir stets in genügender Menge.
Den Hunden ging es von der ganzen Gesellschaft am besten. Auch wenn
die Jagd schlecht gewesen wäre, hätten sie doch an dem Fleische der
gefallenen Karawanentiere übergenug gehabt. Jagd durfte nie als Sport
betrieben werden, sondern nur wenn wir Fleisch brauchten. Wir mußten
auch an die Munition denken. Augenblicklich hatte noch jeder Kosak
142 Patronen, welcher Vorrat allerdings völlig ausreichend war, wenn
vernünftig damit umgegangen wurde; aber man konnte nicht wissen, was
die Zukunft in ihrem Schoße barg, und daher mußten wir damit sparsam
sein.
Von einer letzten, schwachen Schwelle erblickten wir wieder einen
kleinen See. Sein südliches Ufer glänzte grün, und nach einer Weile
befanden wir uns auf Gras, das freilich außerordentlich dünn und
niedrig stand, aber doch besser war als seit langer Zeit, denn es war
von diesem Sommer und weich. Kulanmist zur Feuerung war gesammelt
worden, es blieb nur noch das Wasser zu versuchen. Tschernoff fand es
schlecht, Tscherdon meinte, es sei ganz süß; Schagdur wollte es auch
probieren und fand es mäßig. Es half schließlich nichts, ich mußte
selbst absteigen, um zu kosten, und ich war der Ansicht, daß wir damit
zufrieden sein könnten.
Ein charakteristischer Zug der Windverhältnisse dieser Gegenden, den
ich seit mehreren Tagen beobachtet hatte, war folgender. Der Passatwind
endet mit Sonnenuntergang; in der Dämmerung ist es so windstill, daß
ich bei freibrennendem Licht und offener Tür Mittag esse. Gleich nach 8
Uhr erhebt sich ein nördlicher Sturm und bringt das Lager in Aufregung
Alle müssen sich beeilen, ihre Zeltleinen straffzuspannen, die Zelte
zu verankern und alle zufällig noch draußen umherliegenden Sachen in
Sicherheit zu bringen. Die Funken stieben so dicht wie Kometenschweife
um die Feuer, und es heißt aufpassen, daß sich auf der Seite, nach der
der Wind weht, nichts Entzündbares befindet. Der Sturm hält wenigstens
so lange an, als ich wach bin, d. h. bis Mitternacht, doch wenn ich
morgens geweckt werde, also kurz vor 7 Uhr, ist die Atmosphäre wieder
im Gleichgewicht. Hier gibt es also zwei herrschende Winde, einen
westlichen und einen nördlichen, einen bei Tage und einen nachts
wehenden.
Vor dem Sturme gewährten unser Lager und seine Umgebungen an diesem
Abend einen wirklich idyllischen Anblick, wenn man sich eines solchen
Ausdruckes zur Bezeichnung einer tibetischen Landschaft bedienen
darf. Die Sonne war untergegangen, aber im Westen sah man noch ihren
Purpurschein. Im Osten stieg am dunkelblauen Horizont blaßgelb und kalt
der Vollmond auf, dessen Licht durch einen dünnen leichten Abendnebel
noch mehr gedämpft wurde.
Die auf den Hügeln zerstreuten Tiere weiden gierig (Abb. 236). Die
Todeskandidaten unter den Kamelen liegen dicht aneinandergedrängt unter
ihren weißen Filzmänteln neben Turdu Bais Zelt. Auch die beiden Jungen
und ihre Mutter werden mit besonderer Sorgfalt gepflegt und bringen die
ganze Nacht in liegender Stellung zu. Die kleinen Tiere werden stets
zwischen zwei große Kamele gelegt, von denen eines die Mutter ist. Alle
anderen Tiere weiden draußen im Mondschein, von ihren Wächtern und den
Hunden vor den Wölfen geschützt, von denen wir in den letzten Tagen in
der Gegend mehrfach Spuren gesehen haben.
Wir rasteten hier noch einen Tag. Ein Pferd, das gestern zurückgelassen
worden war, kam heute an. Die gewöhnlichen Windgesetze gelangten auch
heute zur Geltung, obwohl der Nordsturm früher als sonst einsetzte.
Nachdem er über die Erde hingefahren ist, sieht diese merkwürdig
reingefegt aus.
Nach meiner Ortsbestimmung mußte dieses Längental dasselbe sein, in
welchem wir im vorigen Herbst Aldat begraben hatten. 30 Kilometer
weiter östlich würde ein Wanderer zu seinem Erstaunen das einsame,
verlassene, mit einem flatternden Yakschwanze geschmückte Grab des
Jägers finden.
Am 4. Juli ging es beinahe direkt nach Süden über schwach
wellenförmiges Land mit dünnem Graswuchs, zahlreichen Salztümpeln und
ziemlich vielem Wild, besonders Kulanen und Antilopen. Yakdung ist sehr
häufig und obendrein alt und trocken, so daß wir genügend Brennmaterial
einsammeln konnten. Auch der Boden ist im allgemeinen merkwürdig
trocken, ganz anders als im vorigen Herbst, wo wir hier beinahe im
Schlamm ertranken. Es ist jetzt aber auch lange her, seit Niederschläge
gefallen sind. Jetzt wirbelt der Staub im Winde hinter der Karawane auf.
Vor uns erhebt sich drohend ein neuer Paß. In einem mit Schutt
bedeckten, ziemlich stark ansteigenden Tale gehen wir langsam nach dem
Kamme hinauf, dessen Höhe 5210 Meter beträgt. Ein unbeladenes Kamel
kann nicht mitkommen und wird mit einem Wärter zurückgelassen. Droben
auf der Höhe gibt es keine andere Vegetation als Yakmoos. Die Aussicht
nach Süden ist umfangreich; wir sehen nach dieser Richtung hin wohl
vier Tagereisen weit, und keine unüberwindlichen Hindernisse drohen
uns. Anders sieht die Landschaft im Norden aus, woher wir gekommen
sind, denn dort türmen sich eine Menge Ketten und Kämme über- und
durcheinander, und der Horizont wird von der Kette mit dem unterhalb
des ewigen Schnees liegenden Passe abgeschlossen.
Die Landschaft schillert in blassen Farbenschattierungen, in denen Rot
in verschiedener Stärke vorherrscht. Nur schwache Anflüge von Gelb und
Grün deuten die Weideplätze an, die wir eben verlassen haben. Das Land
erinnert an ein Wüstenbild. Hier und dort glänzen Schneestreifen, und
über dem Ganzen wölbt sich der türkisblaue Himmelsdom.
Der vom Passe hinabführende Abhang, auf dem die Gesetze der Schwere
den Kamelen wieder zu Hilfe kommen, wird von uns als eine Erholung
betrachtet. An dem ersten Punkte, wo es wieder Gras gab, schlugen
wir unsere luftigen provisorischen Hütten auf (5054 Meter). In einem
trockenen Bette wurde ein Brunnen gegraben, der bald gutes Wasser gab,
und am folgenden Morgen wurde eine Quelle entdeckt, an welcher Sirkin
und Tscherdon zwölf Rebhühner schossen. Zwei Yake mußten ins Gras
beißen. Wir haben es freilich gut, aber die Kamele, die aufs Weiden
angewiesen sind, sehen mager und elend aus. Die Pferde sind nicht viel
besser daran. Eines muß in diesem Lager Nr. 30 geschlachtet und den
anderen muß ein Ruhetag gegönnt werden.
An den Rasttagen sind Schagdur und der Lama mit der Herstellung
meines Mongolengewandes beschäftigt. Mit dem Lama ist eine merkliche
Veränderung vorgegangen; sein Mut ist gewachsen, und er sehnt sich
nach Süden und nach Lhasa zurück. Der mongolische Unterricht geht
ununterbrochen weiter, und der Lama zeichnet für mich Pläne der
heiligen Stadt, ihrer Tempel und ihrer freien Plätze. Er sieht die
ganze Reise jetzt in hellerem Lichte an als früher und pflegt seine
Ansicht darüber in folgender, außergewöhnlich intelligenter Redensart
auszudrücken: „Mo bollne ikke mo bollne gué, sän bollne ikke sän
bollne“ („Geht es uns schlecht, so geht es uns nicht +sehr+ schlecht,
geht es aber gut, so geht es uns +sehr+ gut“).
Jeden Abend Schlag 9 Uhr mache ich eine Visite in der großen Jurte,
die von Schagdur, Sirkin und dem Lama bewohnt wird. Es gilt, das
meteorologische Journal für den Tag zu kontrollieren und das
Thermohypsometer abzulesen, was ich stets selbst tue. Dann bleibe
ich bei ihnen sitzen und plaudere eine Weile mit ihnen über unsere
Zukunftsaussichten, und Turdu Bai und Hamra Kul müssen mir über das
Befinden der Tiere Bericht erstatten. Wenn ich es für nötig halte,
instruiere ich dann auch den oder die Männer, welche am folgenden
Morgen rekognoszieren sollen. Heute Abend wurde mir mitgeteilt, daß
kaum noch ein Sack Mais übrig sei und wir, wie es uns auch ginge, den
Tieren so viel Reis und Mehl wie nur irgend möglich abtreten müßten.
Turdu Bai hielt es für durchaus notwendig, nach Gegenden mit Weide
zu eilen und dort die Kamele sich mindestens einen Monat lang wieder
kräftigen zu lassen. Ja, sie sollten sich nachher auch ausruhen, wenn
ich nach Lhasa ritt.
Eine zweite wenig erfreuliche Nachricht war, daß noch alle vorhandenen
Schafe im Laufe des Tages durchgebrannt seien. Die meisten Muselmänner
waren schon auf der Suche. Erst in der Dämmerung hatte man die Tiere
vermißt. Tschernoff hatte sich zu Pferd aufgemacht und einige Hunde
mitgenommen. Ich fürchtete, daß es den Schafen am Ende ebenso gegangen
sein würde, wie wir es im vorigen Jahre schon einmal erlebt hatten, und
mir graute vor der Strafpredigt, auf die ich mich vorbereiten mußte.
Tatsächlich war das Kommando über die Herde viel zu sehr dem Leithammel
Wanka überlassen worden, der indessen dieses Amt mindestens ebenso gut
ausgeübt hatte wie ein Muselmann. Müde kamen die Suchenden gegen 9
Uhr zurück und wollten noch eine Stunde warten, bis der Mond aufging
und ihnen erlaubte, der Spur der Herde zu folgen. Erst um Mitternacht
wurde es im Lager lebendig, denn da brachte die ganze Gesellschaft die
unversehrten Schafe vollzählig wieder heim. Die Tiere waren ein Tal
hinaufgegangen und hatten sich in ein tiefes Flußbett gelegt.
6. Juli. Die Marschgeschwindigkeit nimmt in demselben Maße ab, wie
die Kräfte der Tiere sinken. Selten sind wir imstande, mehr als 20
Kilometer zurückzulegen. Ich ziehe es dann vor, auf meinem jetzt ganz
wiederhergestellten Pferde mit dem Lama vorauszureiten, und, wenn wir
die Karawane aus den Augen verloren haben, auf einem Passe zu rasten.
Die Kamele waren heute schlaffer als gewöhnlich, und es dauerte daher
lange, bis das Glockengeläute näherkam.
Still und feierlich wie ein Friedhof dehnt sich dieses öde Gebirgsland
vor uns aus, in das bisher noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat.
Auf allen Seiten umgibt uns die ursprünglichste und ganz unberührte
Natur. Wir durchziehen sie seit Wochen und Monaten und sind stets die
einzigen Menschen, die diesen Teil der Erde bevölkern.
Noch immer herrscht derselbe Parallelismus wie in den Gegenden, die
wir im vorigen Jahre durchreisten; alle Ketten und Kämme und alle
Längentäler haben eine westöstliche Richtung, und wenn man, wie wir,
nach Süden zieht, muß man sie alle in der Quere überschreiten. Kaum
eine Tagereise geht zu Ende, ohne daß wir einen Paß überschritten
haben, und gewöhnlich haben wir mit dem Tagemarsch zugleich auch ein
paar Pässe hinter uns.