Einer der Kosaken schoß ein paar von ihnen. Wir befanden uns da noch

oben auf der Terrasse, und die verwundeten Gänse flatterten unten

auf dem Boden des Tales. Ördek stürzte sich mit bewunderungswürdiger

Gewandtheit den Abhang hinunter und bemächtigte sich ihrer. Er hatte

sich dabei jedoch zuviel zugemutet und wurde hinterdrein vor Atemnot

und Herzklopfen beinahe ohnmächtig. Nachdem er die Gänse getötet hatte,

blieb er eine Zeitlang auf dem Rücken liegen; ich schickte einige Leute

zu ihm hinunter. Nach einer Stunde war er jedoch wieder ebenso munter

wie vorher. Schagdur schoß drei Rebhühner, und eine Strecke weiter

wurde eine Orongoantilope entdeckt, die Sirkin im Vorbeireiten erlegt

hatte (Abb. 232.) Auf diese Weise vergrößerte sich der Proviantvorrat.

Kulane waren besonders zahlreich vertreten und zeigten sich in Herden

von etwa 20 Tieren. Von wilden Yaken sahen wir nur Fährten und Dung,

aber auch letzterer war wertvoll, und auf jedem Marsche wurden ein paar

große Säcke damit gefüllt, um unseren Brennstoffvorrat zu vermehren.

Beim dumpfen Geläute der großen Glocken schreitet die Karawane in der

gewöhnlichen Zugordnung langsam vorwärts. Vor uns erhebt sich eine

mächtige Bergkette; wir schlagen den Weg nach einer ihrer Talmündungen

ein. Hier wuchs niedriges, dichtes Gras, und eine große, dicke Eistafel

füllte das Bergtor aus. Der Platz eignete sich viel zu gut für das

Lager, als daß wir daran hätten vorbeigehen können (Abb. 234).

Die Zelte waren kaum aufgeschlagen, als sich eine unerwartete Episode

zutrug. Wir hatten die große Eismasse dicht neben uns; jenseits

derselben sah man einen schwarzen Gegenstand, den die Männer für einen

Stein hielten. Als er aber anfing sich zu bewegen, meinten sie, es sei

ein im Stiche gelassener Yak. Ich hörte, daß in der Jurte der Kosaken

eifrig leise gesprochen wurde, und dann kam Tschernoff mit dem Fernglas

zu mir geschlichen und flüsterte, vor Aufregung und Jagdeifer glühend:

„Ein Bär geht gerade auf das Lager los!“ Und richtig, ohne von den

Zelten und den dicht dabei weidenden Kamelen die geringste Notiz zu

nehmen, spazierte der Petz weiter, als gehöre er zur Gesellschaft.

Schnell wurden alle Hunde gekoppelt und hinter einen Hügel gebracht,

damit sie die Jagd nicht störten. Die Kosaken wollten sogleich zu Pferd

steigen und den ungebetenen Gast empfangen, denn sie glaubten, daß er

uns bald wittern und dann die Flucht ergreifen würde, aber ich riet

ihnen nur ruhig zu warten; es machte mir zuviel Spaß, die Bewegungen

des Tiers durch das Fernglas zu beobachten.

Der zottige Einsiedler muß blind und taub gewesen sein, denn er

trottete ruhig weiter. Jetzt war er an der Eistafel, kaum 200

Schritt von uns; er betrat sie und überschritt sie diagonal, immer

gerade auf unser Lager zu. Sein Gang war außerordentlich langsam,

er war entschieden müde. Manchmal blieb er stehen, um das Eis zu

beschnüffeln, und den Kopf hielt er die ganze Zeit gesenkt. Dann

verschwand er in einer Vertiefung des Eises, wo er sich eine Weile

aufhielt, um zu saufen. Jetzt riet ich den Schützen, sich nach dem

Eisrande zu schleichen und ihn dort mit gespanntem Hahne zu erwarten.

Darauf ging er seinen ruhigen Gang weiter, gerade in den Rachen des

Todes hinein. Die drei Schüsse krachten so gleichzeitig, daß sie wie

ein einziger klangen. Der Petz drehte sich nicht um, sondern eilte im

Galopp am Lager vorbei und den nächsten Abhang hinauf. Pferde standen

schon bereit, im Nu waren die Schützen im Sattel und hinter drein,

eine neue Salve ertönte, und wie ein Ball rollte die Bestie den Abhang

herunter.

Ich begab mich mit dem großen photographischen Apparate dorthin und

machte ein paar Aufnahmen von dem Eremiten der öden Gebirge, dem

tibetischen Bären (Abb. 233). Dann wurde er abgehäutet, das Fell und

das Knochengerüst sollten aufgehoben werden. Sein Inneres war von den

Kugeln ganz zerrissen. Es war ein uraltes Männchen; in den Zähnen, die

es noch besaß, gähnten große Löcher; der arme Petz muß entsetzlich

an Zahnweh gelitten haben, bis er auf diese radikale Weise kuriert

wurde. Der Magen enthielt ein kürzlich verzehrtes Murmeltier und

einige Kräuter. Ersteres hatte der Bär mit Haut und Haar verzehrt, die

Knochen hatte er aber mit seinen schlechten Zähnen nicht durchzubeißen

vermocht. Er hatte es jedoch recht pfiffig angefangen, um das Gericht

so schmackhaft wie nur möglich zu machen. Er hatte nämlich das

Murmeltier erst bis auf die Zehenspitzen abgezogen, dann das Fell mit

den Haaren nach innen in einen Ball zusammengerollt und darauf diese

Kugel ganz hinuntergeschluckt. Der Arme! Seine einsame Wanderung nahm

ein Ende mit Schrecken. Aber warum mußte er sich auch gerade nach dem

einzigen Fleckchen innerhalb eines Umkreises von Hunderten von Meilen

begeben, wo Menschen mit ihren Flinten auf ihn lauerten?

Am nächsten Tage kamen Sirkin und Mollah Schah wieder und sagten für

zwei weitere Tagemärsche gut. Am 16. Juni wären wir aufgebrochen, wenn

ich nicht mit der Nachricht geweckt worden wäre, daß ein sehr heftiger

Schneesturm herrsche; es hatte die ganze Nacht geschneit, und der

Schnee lag 10 Zentimeter hoch. Wir warteten daher besseres Wetter ab,

und da das Schneetreiben den ganzen Tag anhielt, blieben wir noch eine

Nacht hier. Förmliche Schneewehen häuften sich um die Zelte an, und von

den Filzdecken tropfte es in meine Jurte, denn die Temperatur blieb ein

wenig über Null, und die Jurte wurde durch das Kohlenbecken nur schwach

erwärmt.

Der 17. Juni brachte uns um so schöneres Wetter; der Himmel war rein,

und die Sonne bereitete der Schneedecke bald ein Ende. Es ging durch

ein ziemlich breites, wasserloses Tal immer höher nach dem Arka-tag

hinauf. Sirkin diente jetzt als Wegweiser. Als wir endlich an eine

kleine Quelle gelangten, mußten wir rasten, um Wasser zum Abend

zu haben. Der Graswuchs hatte aufgehört, nur hier und da wucherte

saftiges, grünes Moos. Abends erhob sich ein heftiges Schneegestöber

mit Nordnordwestwind; alle Jurten bedeckten sich mit weißen Kuppeln,

die dazu beitrugen, das Innere nachts warm zu halten, und der Schnee

knirschte unter den Fußschwielen der Kamele.

Noch waren wir nicht bis zu dem Punkte gelangt, bis zu welchem

Sirkin rekognosziert hatte, und wir konnten also am nächsten Morgen

weiterziehen, ohne unpassierbares Terrain befürchten zu müssen. Nach

einer guten Weile erreichten wir endlich auf einem bequemen, flachen

Passe den Kamm der Kette, die uns in den letzten Tagen die freie

Aussicht nach Süden versperrt hatte. Von hier aus zeigte sich auf

einmal die Möglichkeit für eine gute Tagereise nach Süden. Im Südwesten

aber erhob sich eine vom Scheitel bis zur Sohle in Schnee gehüllte

Bergkette, die nur unser alter Feind, der Arka-tag, sein konnte.

Zwischen den beiden Bergketten, aber der, auf welcher wir uns befanden,

näher liegend, dehnte sich ein abflußloses Becken aus, dessen Mitte

ein kleiner, vollständig zugefrorener Süßwassersee bildete. Die Weide

an seinen Ufern lud um so mehr zum Rasten ein, als wir jetzt wieder

Kundschafter ausschicken mußten. Am nächsten Morgen in aller Frühe

sollten drei Mann sich aufmachen. Entdeckten sie nach einem Ritte von

10 Kilometer Gras, so sollten sie alle zurückkehren, fanden sie aber

keines, so sollte einer von ihnen uns Bescheid bringen und die anderen

weiterreiten. Einer der Kundschafter kam mittags wieder, aber auf die

beiden anderen mußten wir zwei volle Tage warten, worauf sie endlich

mit der Nachricht heimkehrten, daß sie einen Paß entdeckt hätten, der

allerdings nicht allzu bequem sei.

[Illustration: 222. Ein Teil des Stallhofes unseres Serai. (S. 91.)

Links Sirkin auf den Reissäcken, Turdu Bai vor dem Dromedar.]

[Illustration: 223. Schereb Lama auf dem „Gelbohr“ mit dem „Tiger“ an

der Leine. (S. 96.)]

[Illustration: 224. Der Tag vor dem Aufbruch aus Tscharchlik. (S. 93.)]

In diesem Lager, Nr. 18 (4733 Meter), wurde ein bedeutendes Kontingent

unserer Gesellschaft entlassen. Die noch lebenden Esel waren in so

jämmerlicher Verfassung, daß es barbarisch gewesen wäre, sie mit

über den Arka-tag zu nehmen. Dowlet Karawan-baschi erhielt daher die

Erlaubnis, zu retten, was sich noch retten ließe, und mit seinen

fünf Eseltreibern wieder nach Norden zu ziehen. Im besten Falle wird

eine geringe Zahl der Esel die Heimreise überlebt haben, aber der

Alte hatte auch einige Pferde, die noch in gutem Zustande waren. Die

Skelette und die Felle des Hirsches und des Bären wurden eingepackt,

und Dowlet erhielt den Auftrag, sie mitzunehmen und nach Kaschgar

zu schicken, wo ich sie ein Jahr später unversehrt vorfand. Ein

gutes Geschäft machte er bei seinem Eseltransporte nicht, aber die

Miete für die einzelnen Esel war so reichlich bemessen, daß er

wenigstens den Wert der Tiere wiederbekam. Desgleichen wurden drei von

unseren in Tscharchlik angestellten Dienern, Nias, Kader und Kurban,

verabschiedet. Umkehren wollte keiner, aber da wir drei Männer gut

entbehren konnten, wurden diejenigen ausgesucht, die sich bisher als

die am wenigsten tüchtigen erwiesen hatten.

So dezimiert, setzten wir am 21. Juni die Reise nach Südsüdwesten

fort, immer höher werdenden Regionen entgegen, auf vortrefflichem,

langsam aufsteigendem Terrain von ungefähr der richtigen Härte und

mit spärlichem Graswuchs. Wenn ich von Gras rede, darf sich der Leser

keinen übertriebenen Hoffnungen für die Tiere hingeben. Die Gegend

ist für gewöhnlich absolut steril, und wenn man gelegentlich kleine

Flecke mit strohgelben, harten, scharfen, wenige Zentimeter hohen

Halmen findet, nennt man dies Gras. Man tut gut, sich nicht allzuleicht

bekleidet auf einem Hügel, wo solches „Gras“ wächst, auszuruhen, denn

es ist hart wie Knochen und sticht wie scharfe Nadeln sogar durch

ziemlich dicke Stoffe. So ist es mit der einzigen Nahrung bestellt, die

sich unseren Tieren in diesem unwirtlichen Lande darbietet!

Der Zug schreitet ein ziemlich großes, breites Flußtal hinauf, das

von den Schneebergen des Arka-tag, die sich uns als hindernde Mauer

in den Weg stellen, herabführt. Wieder galt es, diese mörderischen

Verschanzungen zu erstürmen; der Sturm gelingt, aber nicht ohne

Verluste.

Zwei Antilopen fielen unter Schagdurs und Sirkins Kugeln. Als

letzterer in vollem Galopp zu seiner Beute ritt, stürzte sein Pferd

und überschlug sich; der Reiter wurde über den Kopf weggeschleudert

und rollte auf dem Boden, das Pferd aber blieb tot liegen, sei es, daß

es das Genick gebrochen hatte oder daß es vom Schlage gerührt worden

war. Sirkin kam zu Fuß nach und besorgte sich bald ein neues, obwohl

schlechteres Pferd; das tote, ein sehr schönes, kräftiges Tier, war

sein besonderer Liebling gewesen.

Das Kamel, das die Paßerkletterungen verabscheute, kam auch heute nicht

mit. Turdu Bai blieb bei ihm, traf aber abends allein im Lager ein. Am

Morgen gingen ein paar Männer zu dem Kamele zurück, mit dem Auftrag,

es totzustechen, wenn es ihnen nicht folgen wolle. Erst jenseits des

Arka-tag erfuhr ich, daß sie es nicht hatten übers Herz bringen können,

das Tier zu töten; es sei ganz gesund gewesen und werde sich sicher

in der Spur der Karawane in seine Heimat zurückzufinden wissen. Nur

zum Hinaufziehen nach noch viel höher gelegenen Gegenden habe es sich

durchaus nicht bewegen lassen wollen!

Mein altes Reitkamel, Tschong Artan, wurde im Lager Nr. 19 von einem

sonderbaren Übel ergriffen. Seine Hinterbeine waren wie gelähmt, und

es konnte nur gehen, wenn ihm zwei Männer je eines der Beine aufhoben.

Es tat mir stets weh, die Veteranen, die mich von Anfang an begleitet

hatten, verlieren zu müssen, und sie wurden daher ganz besonders

sorgfältig gepflegt. Schon jetzt hatten wir neun Kamele, die deutliche

Anzeichen von Erschöpfung zeigten. Jedes von ihnen erhielt allabendlich

ein großes rundes Weizenbrot. Mit diesem wichtigen Proviantartikel

gingen wir eine Zeitlang sehr wenig haushälterisch um, und der auf neun

Monate berechnete Vorrat reichte kaum für sechs aus. Aber die Last

war für die jetzt schon zusammengeschrumpfte Karawane viel zu schwer

und mußte um jeden Preis erleichtert werden. Lieber fütterten wir die

Kamele tüchtig, als daß wir etwas unterwegs im Stiche gelassen hätten.

Der neue Patient wurde massiert und auf dem Marsche über den Arka-tag

von seiner Last befreit. Das Tier erholte sich erstaunlich gut und war,

wie ich schon erwähnt habe, eines der neun überlebenden Kamele, die

Ladak erreichten. Es ging stets an der Spitze der Karawane und trug

eine große Glocke.

Auf dem Tagemarsche nach dem neunzehnten Lagerplatze -- von Tscharchlik

gerechnet -- hatten wir 32,3 Kilometer zurückgelegt. Es sollte lange

dauern, ehe wir wieder imstande waren, einen so langen Weg ohne

Unterbrechung zu machen.

Elftes Kapitel.

In Schneesturm über den Arka-tag.

Am 22. Juni wurde ich in aller Frühe geweckt. Obwohl der Morgen kalt

und unfreundlich und die Jurte nur schwach erwärmt war, ging es

mit dem Ankleiden gut, und es dauerte nicht länger als gewöhnlich,

bis die Karawane marschfertig war. Heute, da das Erstürmen der

Höhen des Arka-tag versucht werden mußte, sollte die ganze Karawane

beisammenbleiben. Der Himmel sah nicht sehr verheißungsvoll aus, als

der lange Zug sich langsam nach dem Passe hinauf zu bewegen begann.

Kaum einen Steinwurf vom Lager entfernt, legte sich eines der schwachen

Kamele nieder. Die Last wurde ihm abgenommen, es stand auf und ging

noch eine Strecke weit, sank dann aber kraftlos an einem Abhange nieder

und war offenbar verloren. Mit einem Schnitte öffnete das Messer den

Abfluß für einen schwarzen dicken Blutstrahl, der allmählich ein höchst

eigentümliches Aussehen annahm. Stoßweise kam aus der Wunde weißer,

Schlagsahne gleichender Schaum, unter diesem aber bildete das Blut ein

Bächlein. Das Kamel lag ganz still und schien sich über die Erlösung zu

freuen. --

Weiter ging es, das ziemlich wasserreiche Tal hinauf. Jetzt brach eines

der fürchterlichsten Unwetter los, das ich je in Tibet erlebt habe.

Es kam mit nordwestlichem Winde heran und schüttete Massen von Schnee

und Hagel über uns aus. Der Schnee taute auf den Kleidern auf, und

man wurde durch und durch naß; man wurde steif vor Kälte und suchte

sich vergebens gegen den schneidenden Wind zu schützen. Die Steigung

war unbedeutend, aber auf dieser Höhe und bei diesem Wetter dennoch

vernichtend. Ein Kamel nach dem anderen blieb erschöpft stehen und

wollte keinen Schritt weiter; sie wurden abgekoppelt und mit einem

Wächter zurückgelassen. Zwei ließen wir mit ihren Lasten liegen, um sie

später zu holen, den anderen mußten die Pferde tragen helfen.

Bei dem undurchdringlichen Schneegestöber sieht man von der Gegend

keine Spur. Als die Sonne auf ihrer Mittagshöhe stand, herrschte

Halbdunkel, und es schneite ununterbrochen. Der Schnee deckt alles zu,

nur der Fluß bildet ein dunkles, gewundenes Band, und sein Rauschen

klingt metallisch in der verdünnten Luft. Ich beuge mich vornüber im

Sattel, um mein Kartenblatt, das schon durchnäßt ist, zu retten. Wohin

es geht und wie es geht, weiß ich nicht; ich folge nur der nächsten

Karawanenglocke. Langsam wie Schnecken kriechen wir nach diesem

unheimlichen Passe hinauf, während der Weg allmählich immer steiler

wird. Von Zeit zu Zeit durchschneidet ein Brüllen die Luft, und es

erschallt der Ruf: „Tuga kalldi“ (ein Kamel ist stehengeblieben). Ein

Mann erbarmt sich des müden Tiers und führt es langsam den anderen

nach; bald ist er uns aus den Augen entschwunden.

Die Schneedecke wurde immer höher. Ich ritt mit dem Lama voran, um

zu sehen, ob der Paß überhaupt den Übergang gestattete. An und für

sich war er nicht schwer zu überschreiten; aber die große absolute

Höhe und der Schnee! In unsere Mäntel gehüllt, saßen wir, auf die

anderen wartend, auf dem Passe und suchten den Schutz, den uns die

Pferde gewähren konnten. Der Sturm schlägt uns mit seinen feinen,

scharfen Schneenadeln ins Gesicht; man zittert vor Kälte und ringt

nach Luft auf dieser Höhe von 5189 Meter! Wir hörten das schwermütige

Läuten der Glocken und das Rufen der Leute durch das hier oben mit

verdoppelter Kraft rasende Unwetter, aber es dauerte lange, bis die

ersten Ankommenden, Gespenstern gleich, zwischen wahren Wolkensäulen

von wirbelndem Schnee erschienen.

Gott sei Dank, dachte ich, als ich wenigstens 30 von den 34 Kamelen,

die es nach meiner Rechnung sein mußten, gezählt hatte. Zwei waren

nicht mehr bis an den letzten Paßabhang gekommen, zwei waren dicht

vor dem Passe zusammengebrochen. Unter den fehlenden waren auch das

älteste Junge und seine Mutter; immerhin war es noch ein Glück, daß

sie miteinander in den Tod gingen. Die Pferde bestanden die Probe ohne

Schwierigkeit, und den Mauleseln machte es gar nichts aus. Sogar die

Schafe fanden sich gut damit ab.

Die Südseite des Arka-tag dachte sich sehr allmählich ab, und wir

durchschritten hier einen großen, offenen Kessel, der auf allen Seiten

von verhältnismäßig niedrigen Bergen umgeben war. Das Erdreich aber war

abscheulich. Der frischgefallene Schnee hatte sich in Schneeschlamm

verwandelt, der bei jedem Schritt klatschte und den Fuß förmlich

festsog. Große Umwege wurden gemacht, um die tückischsten Stellen zu

umgehen. Es ist gar nicht daran zu denken, in solch einer Suppe zu

lagern; Kamele und Kisten würden einsinken und so fest im Schlamme

stecken, daß man sie überhaupt nicht wieder herausbekäme.

Noch als die Dämmerung schon einbrach, waren diese unheimlichen

weißgekleideten Bergrücken Zeugen unseres mühevollen Zuges. Wir suchten

jetzt nur nach einem trockenen Flecke, auf dem unser Lager Platz finden

konnte; an Weide und Brennholz dachte keiner, das wäre zuviel verlangt

gewesen. Endlich erreichten wir einen Kiesabhang, der die Nässe

einsickern ließ; hier wurde gelagert.

Turdu Bai und mehrere der Leute fehlten noch und kamen erst gegen 10

Uhr an, nachdem sie die vier Kamele im Stiche gelassen hatten. Doch

am 23. Juni kehrten sie bei Tagesanbruch mit einigen Pferden wieder

zu ihnen zurück, um zu versuchen, ob sie sich nicht retten ließen,

oder um wenigstens ihre Lasten und das Stroh der Packsättel zu bergen.

Leider war es mit dieser Hoffnung nichts; die Tiere waren nicht mehr

zu retten und mußten getötet werden. Wir verlassen sie nie, bevor es

ganz feststeht, daß es mit ihnen zu Ende geht, und dann befreit sie

das Messer von ihren Leiden. Ein warmer Blutstrahl schmilzt den Schnee

zwischen den Steinen, auf denen ihr Gebein bleichen wird. Eines der

Kamele war schon verendet und lag kalt und steif im Tale.

An diesem einen Tage hatten wir also fünf Kamele verloren, der größte

Verlust an Tieren, den ich je erlitten habe, nicht einmal die Wüste

Takla-makan ausgenommen! Die Kerntruppe der Karawane hatte sich um ein

Siebentel verkleinert, und die Lasten werden jetzt den überlebenden

Tieren zu schwer werden. Ich ließ diese Mehl und Mais fressen, soviel

sie nur konnten, und auch die Pferde durften nach Herzenslust fressen.

Wir legten nur noch 11 Kilometer zurück. Die Hauptsache war jetzt,

einen leidlichen Lagerplatz zu finden, wo wir die Tiere nach ihren

Strapazen aufatmen lassen konnten. Als wir daher über eine kleine

Wasserscheide mit zwei zugefrorenen kleinen Seen gegangen waren und

südlich davon am Ufer eines Baches einige kümmerliche Grasbüschel

fanden, machten wir Halt. Einer von den übrigen Todeskandidaten

unter unseren Kamelen kam nur noch mit Mühe bis an diesen Platz.

Eins der Pferde, das fett und gesund aussah, starb ganz plötzlich

im Lager. Jetzt begann der Abschnitt der Reise, währenddessen kaum

ein Tag verging, ohne daß wir ein Grab hinter uns zurückließen. Von

den Skeletten geführt, könnte man dem Wege der Karawane folgen; ein

trauriger Weg, dessen Meilensteine Gerippe sind! Die Kamele pflegen,

wie ich oft gesehen habe, zu weinen, wenn sie den Tod herannahen fühlen

und das Blut in ihren Adern zu erstarren beginnt.

Jetzt durften wir uns endlich guten Wetters erfreuen. Die Sonne schien

ordentlich warm, und alles trocknete von der Nässe auf dem Arka-tag.

Hierdurch verringert sich das Gewicht der Lasten nicht wenig. Der

Morgen des Johannistages war klar, aber vollständig winterlich.

Sobald ich mein Frühstück und meinen heißen Tee erhalten hatte,

inspizierte ich die Karawane. Heute wurde gemeldet, daß Hamra Kul,

der Pferdeaufseher, ernstlich erkrankt sei. Er saß in seinem Zelte,

sah elend aus und hatte überall Schmerzen; er erhielt Chinin und ein

Reitpferd. Den Tag vorher hatten nämlich alle Muselmänner zu Fuß gehen

müssen, weil die Pferde für die Lasten der gefallenen Kamele gebraucht

wurden.

Dann ging es zu meinem prächtigen Reitpferd, das kaum auf seinen

zitternden Beinen stehen konnte. Der Lama, der neben seiner

Priesterwürde auch Arzt von Beruf war und eine ganze Kiste mehr oder

weniger wirksamer Drogen aus Lhasa bei sich hatte, nahm sich seiner an

und wollte dafür einstehen, daß er wieder Leben in das Tier bringen

würde. Er öffnete ihm an beiden Vorderfüßen die Adern, so daß das

dunkle Blut herausströmte. Dann verband er die Wunden, und das Pferd

folgte uns mit stolpernden Schritten und erreichte abends das Lager.

Mehrere Kamele waren elend, alle waren erschöpft, und einige gingen

ohne Lasten. Man fühlt, daß der Tod die Karawane begleitet, sich seine

Opfer auswählt und sie niederstreckt, und man fragt sich nur, an wen

das nächste Mal die Reihe kommen wird. Die Hoffnung, in einigen Wochen

wieder in günstigere, wärmere, grasreichere Gegenden zu gelangen, hielt

uns jedoch aufrecht.

Der Johannistag verlief übrigens noch glücklich genug. Das Terrain

legte uns keine Hindernisse in den Weg, und wir marschierten südwärts

in einer Zickzacklinie, um die zahllosen kleinen Süßwasserseen und

Tümpel, die das Hügelland kennzeichnen, zu umgehen. Die Seen sind

gewöhnlich zugefroren. Dann aber erhob sich vor uns wieder eine nicht

unbedeutende Kette, die bisher von den Hügeln verdeckt worden war.

Turdu Bai, der stets an der Spitze ritt, wollte sie auf dem ersten

besten Passe überschreiten, ich zog es aber vor, nach Westnordwesten in

ein mächtiges Tal hineinzugehen, das sich in dieser Richtung hinzog.

Beim ersten Weideplatz schlugen wir unser Quartier für die Nacht auf

und wurden dabei mit einem schmetternden Hagelschauer traktiert.

Die erste Sorge im Lager ist das Untersuchen und Gruppieren der Tiere.

Die gesunden dürfen frei umherlaufen, die schwachen müssen bei den

Zelten bleiben. Der Lama ließ meinem Reitpferd noch einmal zur Ader

und gab ihm darauf ein langdauerndes, eiskaltes Fußbad im nächsten

Bache. Diese „Pferdekur“ muß doch heilsam gewesen sein, denn das

Tier wurde sichtlich besser, graste eine Weile mit gutem Appetit und

knabberte dann seine Maiskörner, wobei ihm die Augen vor Freude und

Wohlbehagen leuchteten. Da wir sechs ganze Kamellasten Reis hatten,

wurde beschlossen, unter den Mais für die Tiere künftig auch Reis zu

mengen, um ihre Kräfte dadurch zu stärken und aufrechtzuerhalten, bis

wir Gegenden mit frischem grünem Grase erreichten, und auch um die

Lasten zu erleichtern. So verging dieser Johannistag glücklich und gut

und ohne Verlust eines einzigen Lebens.

Ich war jetzt gerade zwei Jahre unterwegs und konnte dankbar und

befriedigt auf die ausgeführte Arbeit zurückblicken.

25. Juni. Jetzt haben wir lange kein Brennmaterial gefunden, und die

Saumleitern sind in demselben Verhältnis draufgegangen wie die Kamele.

Ohne ein kleines Kohlenbecken in meinem Zelte kann ich nicht arbeiten.

Die Morgen sind recht kalt, und die Nachttemperatur sinkt gewöhnlich

unter Null herab, so daß die Erde ein paar Stunden gefroren bleibt,

dann taut sie wieder auf.

Unsere Richtung führt jetzt fast ganz nach Westen, denn wir folgen noch

immer dem Längentale, das mit dem Südfuße des Arka-tag parallel läuft.

Wir legten nur 19,1 Kilometer zurück. Mein erstes Ziel ist der See, an

dem wir am 28. und 29. September 1900 gelagert und bei dem ich damals

eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, an die ich jetzt die

neue Observationskette anknüpfen wollte.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 14 / 42 段