mit einem Führer; die erste führte Turdi Bai selbst. Wie unter
den Männern, so waren auch unter den Tieren einige, die besondere
Beachtung verdienten, z. B. die drei Kamelfüllen, die ihren Müttern
treu folgten und sich bei diesen dann und wann einen Schluck Milch
holten. Sogar das jetzt 33 Tage alte Junge legte seine 38 Kilometer
mit Leichtigkeit zurück. Unter den älteren Kamelen zeichnete sich
namentlich der große, schöne „Bughra“ (Hengst) aus, der mir 1896 durch
die Kerijawüste und nach dem Lop-nor geholfen und den wir jetzt in
Tscharchlik wiedergekauft hatten. Sein Gang war ruhig und majestätisch,
und mit Resignation betrachtete er die öden Gebirge, die ihm bald
sein Leben kosten sollten. Nahr, der Dromedarhengst, war noch immer
gehalftert, um nicht um sich beißen zu können; er hatte uns durch die
Gobi bis Lôu-lan begleitet. Die beiden „Artan“ (Wallachs), die alle
drei Wüstenreisen mitgemacht hatten und von denen ich das eine geritten
hatte, trugen jetzt, weil sie völlig leidenschaftslos und ruhig waren,
meine Instrumentkisten. Mein altes Reitkamel war eines der neun, die
schließlich Ladak erreichten.
Auch Pferde und Maulesel, 45 an der Zahl, wurden in getrennten
Gruppen geführt, respektive getrieben und von Fußgängern begleitet,
die aufpaßten, daß die Lasten auf beiden Seiten gleiches Gewicht
hatten und nicht herunterglitten. Die Schafe folgten Wanka, und man
brauchte sich nur von Zeit zu Zeit nach ihnen umzusehen. Unsere acht
Hunde liefen in munterem Spiel nebenher und waren sichtlich von dem
ganzen Unternehmen sehr erbaut. Der Hirsch wurde auf dieser Tagereise
sehr krank oder erschöpft und ließ sich nicht länger zum Maisfressen
bewegen. Er blieb unaufhörlich zurück, und da ich sah, daß er nicht die
Kraft hatte, mit uns Schritt zu halten, ließ ich ihn blutenden Herzens
schlachten. Das Knochengerüst wurde der Skelettsammlung beigefügt.
Zuletzt wurden die Esel fertig, und wir verloren sie bald aus den
Augen. Sie gelangten abends nicht einmal bis an das Lager. Von ihnen
werden bestenfalls nur einige wenige diese Reise überleben. Jetzt waren
ihrer etwa 60.
Diese lange Karawane von Tieren, die mit Kisten, Zelten, Jurten,
Ballen und Säcken beladen waren, gewährte in der öden Landschaft
einen ebenso großartigen wie malerischen Anblick. Es war eine bunte
Truppe, die langsam und schwer an dem blaugrünen See entlangzog. Die
ungleichartigen Trachten und Typen trugen zur Abwechslung bei: die
Kosaken, Russen und Burjaten, mit ihren abgetragenen Uniformen und den
hinter dem Sattel mit Riemen festgeschnallten Pelzen, die Muhammedaner
mit ihren Tschapanen und Fellmützen, Eseltreiber, die große Ähnlichkeit
mit einer Rotte von Lumpen und Landstreichern haben; der Lama in
seinem roten Gewande taucht wie das gutmütige Heinzelmännchen der
Karawane bald hier, bald dort auf. Das Ganze erinnerte an ein Heer
auf Kriegsfuß, das auszieht, um neue Länder zu erobern. Es war auch
wirklich so; aber die Eroberung war friedlicher Art, da sie nur den
Zweck hatte, dem menschlichen Wissen bisher unbekannte Länder zu
unterwerfen. Noch sah die Karawane stark und lebenskräftig aus, aber
man brauchte nur einen Blick um sich zu werfen, um zu ahnen, daß
sie von dem Augenblicke an zum Untergange verurteilt war, als sie
ihre Schiffe hinter sich verbrannt hatte und südwärts über die öden
Hochebenen des nördlichen Tibet zog. Jetzt freilich befanden sich
ihre Mitglieder in vorzüglicher Verfassung, aber wie lange würde es
so bleiben? Dort dehnte sich wohl ein See aus, aber sein Wasser war
salzig, und nicht einmal die Wildgänse rasteten an seinen Ufern; hier
gab es wohl eine Steppe, aber ihr Graswuchs war verdorrt, erfroren und
hart, und die Berge, nach denen wir unsere Schritte lenkten, zeigten
ihre grauschillernden, verwitterten, felsigen Abhänge, auf denen nicht
ein einziger grüner Fleck zum Grasen war. Daß es nur eine Frage der
Zeit war, wie lange wir aushalten konnten, wußte ich aus Erfahrung;
ohne Opfer würde die Fortsetzung der Reise nach Süden nie möglich
sein. Die Karawane mußte von Tag zu Tag kleiner werden, und nur ein
Fünftel davon sollte dieses unheimliche, mörderische Land verlassen!
Dreißig Kamele sollten hier umkommen, und von den Pferden sollte nur
ein einziges nach Ladak gelangen. Ich hatte 30 Leute; viele von ihnen
sollten aber am Arka-tag wieder umkehren, namentlich alle die, welche
mit dem Eseltransporte zu tun hatten. Von den übrigen, die für die
ganze Reise gedungen waren, sollten auch nicht alle mit dem Leben
davonkommen!
Ich selbst ritt bald an der Spitze, bald am Ende des Zuges, mit
meinen gewöhnlichen Arbeiten beschäftigt, von denen die Aufnahme der
Marschroute die meiste Zeit in Anspruch nahm.
Anfangs gehen wir längs des Ufers nach Süden, müssen es aber
tückischer Moräste und Sümpfe wegen bald verlassen. Die Richtung ist
dann südöstlich, und zu unserer Linken liegt eine große Lagune mit
sehr salzigem Wasser. Die Hügel, die wir auf einem kleinen Passe
überschreiten, bestehen aus weichem, lockerem Material, auf dem die
ziemlich schwerbeladenen Kamele nur schwer und mühsam gehen können. Auf
der anderen Seite ging es beinahe senkrecht nach einem Flusse hinunter,
der ein wahres Höllenloch mit ziegelrotem Schlammboden durchströmte,
in welchem man ertrinken konnte, wenn man nicht mitten im Flußbette
blieb. Sogar dieses lebhaft fließende Wasser hatte einen bitteren
Salzgeschmack. Die Kamele gleiten aus und sinken oft bis an die Knie
ein. Im ersten besten Nebentale suchen wir Erlösung von diesem Elend,
überschreiten noch einen Paß und noch ein Tal und gehen ein drittes,
nach Süden führendes hinauf. Auch dieses lag zwischen jähen Wänden
von lockerem, rotbraunem Material. Die phantastischsten Türme und
Festungsmauern sind hier ausgemeißelt, und man glaubt, durch die Ruinen
einer alten Stadt zu reiten.
Jetzt galt es nur, einen einigermaßen brauchbaren Lagerplatz zu finden;
als aber unsere Bemühungen auch beim Einbruch der Dämmerung nicht mit
Erfolg gekrönt waren, wurde das Lager Nr. 12 in der ödesten Gegend, die
man sich denken kann, aufgeschlagen. Weide und Brennstoff zu finden
hatten wir gar nicht erwartet, aber hier fehlte es sogar an Wasser.
Glücklicherweise fing es um 9 Uhr ziemlich heftig zu schneien an; alle
Gefäße wurden ins Freie gestellt, und wir bekamen so viel Schnee, daß
das Wasser daraus zu einigen Schlucken Tee für jeden reichte. Den
Tieren wurde so viel Mais gegeben, wie sie haben wollten; die Esel
würden doch nicht mehr sehr lange mitkommen können, und dann war es
besser, uns ihrer Lasten auf diese Weise zu entledigen, als sie im
Stiche zu lassen.
Nachdem das Schneien aufgehört hatte und der gefallene Schnee
verdunstet oder aufgetaut war, begannen wir spät abends einen Brunnen
zu graben, der noch in 99 Zentimeter Tiefe kein Wasser gab und deshalb
nicht weitergegraben wurde. Doch am nächsten Morgen hatte sich in ihm
eine nicht unbedeutende Wassermenge angesammelt, die für alle Mann
reichte; ja, selbst die Hunde bekamen etwas davon ab. Dowlet holte uns
mit der halben Eselkarawane ein; damit sich auch die andere Hälfte mit
uns vereinigte, wurde nur ein kurzer Tagemarsch gemacht.
Tschernoff hatte die Gegend rekognosziert und führte uns nach Südwesten
über ebenes, hartes Erdreich, das dünn mit Jappkakpflanzen bestanden
war und nach allen Richtungen hin von Kulanpfaden durchkreuzt wurde.
Noch sah man im Norden die Kalta-alagan-Kette, aber der See, der
diesseits derselben liegt, wurde von den Hügeln, die wir gestern
überschritten hatten, verdeckt. An das charakteristische tibetische
Wetter waren wir schon gewöhnt: heftige Hagelschauer, denen
Sonnenschein auf dem Fuße folgt, oder auch klare Luft über unserer
Gegend, aber schwarze, freigebige Wolken ringsumher.
Wie auf dem Marsche innerhalb der Karawane eine bestimmte Ordnung
herrscht, so entsteht auch das Lagerdorf nicht aufs Geratewohl.
Derselbe Plan wiederholt sich allabendlich, nur mit unbedeutenden,
durch die Gestalt des Bodens bedingten Abänderungen. An dem einen
Ende der Lastenstapelreihen hat Turdu Bai sein Zelt (Abb. 231), wo
auch Hamra Kul, Mollah Schah und Rosi Mollah wohnen. Letzterer, der
muhammedanische Priester der Karawane, ist ein vierzigjähriger, des
Schreibens kundiger, sehr netter und zuverlässiger Mann. Er brachte wie
Li Loje sein eigenes Pferd mit und erhielt gleich den meisten anderen
Muselmännern monatlich 8 Sär.
Das zweite Zelt, von Turdu Bais Flügel gerechnet, beherbergt meine
Küche und die der Kosaken; dort residiert Kutschuk allein. Er ist
Tscherdons Gehilfe, welch letzterer für die nächste Zeit zu meinem
Haushofmeister ernannt worden ist. Tschernoff ist der Koch der Kosaken.
Unsere Küche ist also von derjenigen der Muselmänner getrennt, da diese
nicht gern mit Ungläubigen speisen und religiöse Furcht vor Töpfen
hegen, in die sich möglicherweise einmal ein Stück Schweinefleisch
hatte hineinverirren können. Die Kosaken wollen ebensowenig ihre Töpfe
mit Kulanfleisch beflecken, welches die Muselmänner wiederum sehr gern
essen.
[Illustration: 218. Ein Ausläufer des wandernden Sees. (S. 82.)]
[Illustration: 219. Mein Hirsch im Garten. (S. 87.)
Links ein Chinese, Tschernoff und Turdu Bai, rechts Islam Bai.]
[Illustration: 220. Sirkin und Tschernoff mit den beiden kleinsten
jungen Kamelen. (S. 89.)]
[Illustration: 221. Im Schatten der Weiden am Seraiteich in
Tscharchlik. (S. 98.)]
Die dritte in der Reihe ist die große, von Sirkin, Schagdur und
dem Lama bewohnte Jurte. Jeder von ihnen hat sein Bett, das aus
Filzdecken, Pelzen und einem Kopfkissen besteht, und eine Kiste für
seine Sachen. Die Habseligkeiten der Eingeborenen nehmen dagegen wenig
Raum ein und haben meistens in einer Kurtschin (lederne Doppeltasche)
Platz. Schagdur ist jetzt nach seiner Krankheit jede Arbeit streng
verboten. Es dauerte jedoch nicht lange, so hatte er seine frühere
Kraft wiedererlangt und hob Kisten und Lasten mit demselben festen
Griffe wie vor der Krankheit. Dem Lama hatte ich ein für allemal
erklärt, daß er als „Doktor der Theologie“ nichts mit den gröberen
Karawanenarbeiten zu tun habe, da diese von den Muselmännern besorgt
würden. Ich sagte ihm, seine einzigen Pflichten seien, mir wie bisher
Unterricht im Mongolischen zu geben und späterhin unser Dolmetscher
für das Tibetische zu sein, unser „Tangut kälä“, wie es auf mongolisch
heißt. Doch wie oft ich ihm dies auch wiederholte, er kehrte sich
nicht daran. Es gab keine Arbeit, die dem Lama für seine an heilige
Folianten gewöhnten weichen Hände zu grob erschien. Er hob schwere
Kisten auf die Kamele und von den Kamelen herunter, und Turdu Bai sagte
lachend, er habe an ihm einen ausgezeichneten Handlanger. Hierdurch
gewann der Lama eine gewisse Popularität bei den Karawanenleuten
und stachelte den Ehrgeiz der Muhammedaner an; ein Rechtgläubiger
durfte ja nicht schlechter sein, als ein „Kaper“, ein Heide, der
Schweinefleisch ißt. Der Lama besaß eine scharfe Beobachtungsgabe
und große Menschenkenntnis. Es währte gar nicht lange, so hatte er
die Muhammedaner sowohl nach ihrem Werte als Menschen wie nach ihrer
Arbeitstüchtigkeit in eine Rangordnung gebracht.
Darauf folgt Tschernoffs und Tscherdons kleine Jurte. Tschernoff
überwacht alle gröberen Arbeiten in der Karawane und ist dafür
verantwortlich, daß jeder seine Pflicht tut, und Tscherdon ist, wie
gesagt, mein „Leibdiener“ und Koch.
Zu äußerst auf dem entgegengesetzten Flügel steht meine Jurte, bewacht
von Jolldasch und Jollbars, die manchmal gar zu eifrig auf eingebildete
Feinde losfahren, nämlich auf unsere eigenen Pferde und Kamele, die
friedlich in der Gegend umherstreifen oder, wenn sie vergebens nach
Gras gesucht hatten, nach Turdu Bais Zelt zu gehen pflegen, um sich
dort Mais zu holen.
Die übrigen Karawanenleute müssen sich mit etwas provisorischeren
„Zelten“ begnügen. Sie breiten Filzteppiche über die Kamellasten
und finden darunter eine Lagerstatt. Ihr Essen kochen sie an den
verschiedenen Feuern, die mitten auf den Straßen und dem Markte der
Lagerstadt brennen. Einige von ihnen müssen jedoch die ganze Nacht
unsere Tiere hüten und dafür sorgen, daß diese sich nicht zu weit
entfernen. In dieser schweren Arbeit lösen sie jedoch einander ab,
und Tschernoff paßt auf, daß hierbei keine Ungerechtigkeit vorkommt.
Manchmal reitet er mitten in der Nacht zu den Herden, um sich zu
überzeugen, daß die Hirten nicht schlafen. Was die Schafe betrifft, so
wird für sie stets von den Lasten eine Hürde zurechtgemacht, denn in
dieser Gegend ist man vor Wölfen nicht sicher.
Sobald die Ansiedlung für eine Nacht fertig dasteht, herrscht zwischen
ihren luftigen Hütten eine gute Weile Leben und Bewegung. Dann
schwirren drei Sprachen durcheinander, Dschaggataitürkisch, Russisch
und Mongolisch. Allmählich verstummt jedoch die Unterhaltung, Turdu
Bai führt die Kamele auf die Weide, wenn es in der Gegend solche gibt,
Hamra Kul macht es mit den Pferden ebenso, und beide erteilen ihre
Befehle hinsichtlich der Behandlung und Bewachung der Tiere. Wenn an
einem Packsattel ein Saum aufgegangen ist, wird er wieder zugenäht,
und wenn ein Kamel oder Pferd hinkt oder kränklich ist, wird es im
Lager zurückbehalten und mit besonderer Fürsorge gepflegt. Hier
werden die Feuer angezündet, die wir jetzt beinahe ausschließlich
mit trockenem Miste von Kulanen oder wilden Yaken unterhalten. Einen
kostbaren Reservevorrat von Brennholz haben wir an den starken Leitern,
an denen der Proviant festgebunden ist. In dem Maße, wie dieser
zusammenschrumpft, werden die Leitern überflüssig; sie werden aber nur
im äußersten Notfall als Feuerung verwendet, anfangs nur, um den oft
noch feuchten Dung zum Glühen zu bringen. Sobald er in Glut ist, werden
die Töpfe aufgesetzt und das Essenkochen beginnt. Um die Feuer herum
sieht man Gruppen von Männern, die sich eifrig miteinander unterhalten
und sich der Ruhe freuen. Wenn der gewöhnliche Weststurm mit tüchtigem
Schneetreiben anhebt und, wie heute, die Gegend in wenigen Minuten
kreideweiß und winterlich macht, decken sie sich einfach mit einer
Filzmatte zu und fahren in größter Ruhe mit der Speisenbereitung
fort. Meine Jurte ist in einer Viertelstunde fertig. Die Filzdecken
und Pelze, aus denen mein Bett besteht, liegen wie die der anderen
unmittelbar auf der Erde. Ich lasse mich auf dem Bette nieder und
trage die Beobachtungen des Tages in die Tagebücher ein. Nach dem
Abend- oder Mittagsessen, wie man diese Mahlzeit nennen will, wird
das am Tage entworfene Kartenblatt ausgearbeitet, die Kompaßpeilungen
und die Entfernungen ausgerechnet und der neue Lagerplatz auf einem
Übersichtsblatte angegeben. Ich weiß also stets, wo wir uns befinden,
kann mich davor hüten, mich den westlich von uns liegenden Routen
Littledales und Dutreuil de Rhins und den östlich von uns befindlichen
Wegen des Prinzen von Orléans und Bonvalots zu sehr zu nähern, und bin
auch imstande, die Richtung nach Lhasa einzuhalten.
Das Lager der Eselkarawane befindet sich ganz in der Nähe des
unsrigen. Einstweilen sind dort nur 30 Esel; die anderen sind noch
nicht erschienen. Am folgenden Morgen, 8. Juni, mußte der alte Dowlet
umkehren, um sie zu suchen.
Wir dagegen zogen südwärts durch ein ausgetrocknetes Tal. Kärgliche
Weide gibt es hier überall, aber keine anderen Tiere als Hasen. Der
Himmel bleibt immer noch bewölkt. Nach und nach wird das Terrain
beschwerlich. Hunderte von kleinen, wasserlosen Bachrinnen ziehen
sich nach einem nach Norden gerichteten Tale, das zu unserer Linken
liegt. In dieses gehen wir hinunter und folgen ihm dann aufwärts. Es
ist ziemlich tief in die Hügel eingeschnitten, und der Bach, der hier
seinen Abfluß gehabt hat, hat den Talboden derartig aufgelockert
und weichgemacht, daß die Kamele einsinken. Es klatscht nach jedem
Schritte, den die schweren Kolosse in dem Moraste zurücklegen.
Der lange, schwarze Zug folgt jedoch getreulich den Windungen des
Korridors, aber der greuliche Hohlweg wird immer nasser und enger.
Unaufhörlich erschallen eifrige Mahnrufe. Ein Kamel ist ausgeglitten
und gefallen, ein Pferd hat sich seine Last abgeschüttelt, und ein
Maulesel sitzt ganz im Schlamme fest.
Selbst die boshafteste Phantasie kann keinen scheußlicheren, die Geduld
mehr auf die Probe stellenden Boden erdenken. Der Abstand zwischen
den tief ausgemeißelten Erosionsfurchen beträgt oft nur einen Fuß;
Millionen solcher kleiner Rinnen vereinigen sich zu größeren, diese
wieder zu noch kräftigeren, die schließlich in das nach dem Kum-köll
führende Haupttal münden. Die Abhänge fallen überall sehr steil nach
diesen Rinnen ab, und auf dem Schlammboden des Haupttales geht es sich,
als hätte man Bleisohlen an den Stiefeln oder schwere Gewichte an den
Beinen. Alle gehen natürlich zu Fuß. In einer Lache blieb mein einer
Stiefel stecken, und ich fuhr mit dem Strumpfe bis ans Knie in den
Morast. Die Wege, die zu Dantes Hölle führen, können nicht scheußlicher
sein, als diese siebenmal verwünschte Schlammstraße, die an den Kräften
der Karawane unnötigerweise zehrte. Zwei Kamele wurden so matt und
unbrauchbar, daß sie von ihren Lasten befreit werden mußten. Aus der
Ferne hatten diese Höhen so sanft und niedrig ausgesehen, daß die
Männer uns fast ebenes Terrain prophezeit hatten.
Schließlich wurde es gar zu toll, und wir konnten keinen Schritt mehr
vorwärts; wir mußten aus diesem Loche heraus, gleichviel wohin, denn
schlimmer konnte es nicht werden. Turdu Bai wollte mit der Karawane auf
die zu unserer Linken liegenden Höhen hinaufflüchten und stellte ein
Dutzend Leute an, die mit Spaten einen steilen Weg gruben. Unterdessen
ritt Tschernoff weiter und kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß in
dieser Richtung nicht einmal ein Fußgänger weiter vordringen könne.
Nun befahl ich kehrtzumachen, und mit großer Schwierigkeit kehrte der
lange, schwerbeladene Zug in seinen eigenen Spuren um. Es war so wenig
Platz vorhanden, daß jedes Tier auf dem Flecke, wo es sich befand,
wenden mußte. Das Zurückgehen war noch fürchterlicher, denn der Boden
war jetzt noch mehr aufgeweicht. Nach unzähligen Mißgeschicken kamen
wir aus der verwünschten Falle endlich wieder heraus.
Sirkin rekognoszierte jetzt ein anderes Tal, das von einem kleinen
Passe im Westen kam. Dieses ritten wir hinauf. In der Mitte des Tales
war ein jetzt ausgetrocknetes Flußbett mit senkrechten Uferwänden. Ein
paarmal mußten wir es überschreiten, und wieder wurden alle Spaten
in Tätigkeit gesetzt, um Wege in die wie Mehl stäubende rote Erde zu
graben.
Verzweifelt langsam bewegte sich die erschöpfte Karawane vorwärts.
Ich saß auf dem kleinen Passe und ließ sie vorbeidefilieren. Endlich
hatte ich sie alle nach der anderen Seite, wo das Terrain offener war,
hinuntergehen sehen. Nur eines der beiden schwachen Kamele war mit Mühe
hinüberzubringen. Fünf Mann mußten es buchstäblich hinaufschieben. Es
wird gewiß das nächste Tier sein, welches daraufgeht.
Wir rasteten auf einer kleinen Wiese an einem Quellbache. Diesmal
beschlossen wir aus vier verschiedenen Gründen liegenzubleiben. Erstens
war die Weide hier außergewöhnlich gut, viel besser als am Kum-köll,
zweitens waren die Tiere abgehetzt, drittens mußten wir auf die Esel
warten, die wir ganz aus den Augen verloren hatten und die sich bisher
als ganz marschunfähig erwiesen hatten, -- während der beiden letzten
Tagereisen waren viele von ihnen zusammengebrochen. Und schließlich war
es notwendig, Kundschafter südwärts zu schicken, um einen gangbaren Weg
zu suchen, denn es ist verkehrt, in unbekanntem Lande mit der ganzen
Karawane einfach draufloszugehen. Die Rekognoszierung wurde Mollah
Schah und Li Loje anvertraut, die nicht eher wiederkommen sollten, als
bis sie einen gangbaren Weg gefunden hätten.
Um 3 Uhr herrschte ein Sturm aus Westen mit Schnee und um 9 Uhr ein
Sturm aus Osten. Halb über ein Kohlenbecken gebeugt, sitze ich im
Pelz bei meiner Arbeit, und dabei befinden wir uns im Hochsommer, 24
Breitengrade südlich von Stockholm! Dafür beträgt die absolute Höhe
aber auch über 4000 Meter! Die Kamele sind zu bedauern, daß sie gerade,
nachdem sie ihre Wolle verloren haben, ganz nackt in ein so kaltes Land
haben hinaufziehen müssen; sie werden daher, so gut es geht, in die
enganschließenden dicken Filzmäntel gehüllt.
Der Rasttag fing mit wirbelndem Schneesturme an. Um die Mittagszeit
klärte es sich jedoch auf, so daß ich eine Breitenbestimmung ausführen
konnte, und dann taute der Schnee wieder auf. Abends kehrten die
Kundschafter zurück und erklärten den Weg nach Süden hin für gangbar;
es wurde beschlossen, früh aufzubrechen, die Esel im nächsten Lager
zu erwarten und für den nächsten Tagemarsch wieder Kundschafter
auszuschicken. Es ist nicht so leicht, durch Tibet zu reisen, wie
mancher vielleicht glaubt; es erfordert im Gegenteil außerordentlich
große Umsicht. Die Nachtkälte sank auf -13 Grad, und bei Tag stieg das
Quecksilber nicht viel über Null.
Den Fußspuren der Kundschafter folgend, zogen wir jetzt gen Süden. Das
schwächste Kamel durfte unbeladen gehen, blieb aber nichtsdestoweniger
schon zu Anfang des Marsches zurück und mußte mit einem Manne unterwegs
liegengelassen werden. Ein anderes, das alles, was Paßübergang hieß,
verabscheute, machte uns viele Beschwerde. Sobald es fand, daß es zu
steil bergan ging, blieb es einfach stehen, und ein Pferd mußte seine
Last übernehmen. Bergab ging es gut, doch unweit des Lagers weigerte es
sich, wieder aufzustehen und wurde mit einem Wächter zurückgelassen.
Das Terrain war hier günstig; nur ein Tal zwang uns, eine lange Strecke
ostwärts zu gehen. Über unzählige Bachbetten und die zwischen ihnen
liegenden Erhöhungen hinweg schlagen wir dann wieder eine südliche
Richtung ein und gelangen an das linke Ufer des größten Flusses, den
wir seit langer Zeit gesehen haben. Er ist wasserreich, und große
Eisschollen glänzen in seinem Bette. Auf einer Anhöhe, wo das erste
junge Gras dieses Jahres sproßte, wurde Halt kommandiert. Ich ging
bis an den Rand des Ufers und befand mich da über einem gähnenden
Abgrund mit meist völlig senkrechten Geröllwänden von 23,1 Meter Höhe.
Eine solche Stelle ist für die wenig überlegenden Kamele gefährlich.
Das lose Erdreich am Rande kann unter ihrem Gewichte nachgeben, und
die Tiere können dabei in die Tiefe stürzen. Sie wurden deshalb nach
einem sichereren Tale zurückgeführt. Turdu Bai bugsierte das zuletzt
zurückgelassene Kamel in das Lager. Am Abend stellte sich Dowlet mit 30
Eseln ein.
Auf diesem in jeder Beziehung für uns geeigneten Lagerplatze brachten
wir drei Tage zu. Sie waren sehr notwendig, um Ordnung in die Karawane
zu bringen. Noch sechs Esel gesellten sich mit ihren Lasten zu den
bereits eingetroffenen. Da die übrigen gar nichts von sich hören
ließen, sandte ich Tscherdon mit einigen Mauleseln und Pferden zurück,
um sich nach ihnen umzusehen und ihnen zu helfen; er kam erst am
dritten Tage mit dem Gepäck wieder. Von den Eseln waren an dem einen
Tage neun, am anderen dreizehn zusammengebrochen; nur ein paar waren
noch am Leben, aber auch nicht mehr brauchbar.
Die Kosaken beschäftigten sich mit Jagd, denn auch in dieser Beziehung
war die Gegend besonders günstig. Sie erlegten mehrere Orongoantilopen
und Gänse, welch letztere sich auf ihrer Rückreise nach Norden hier
ausruhten.
Sirkin und Mollah Schah sollten jetzt für die Führung einstehen und
nahmen für den Fall, daß sie auf dem nächsten Lagerplatze noch nicht
wieder zu uns stoßen würden, Pelze und Proviant mit. An diesem Tage,
14. Juni, war jedoch das Terrain gut; wir ritten das große, offene Tal,
das nur geringe Steigung hatte, hinauf. Nur ab und zu, im eigentlichen
Talgrunde, war der Boden gefährlich, und man mußte erst untersuchen, ob
er trug. Tschernoff war einmal drauf und dran zu versinken und konnte
sein Pferd nur mit Mühe retten. Wildgänse sind überall zu sehen. Die
Leute glaubten bestimmt zu wissen, daß es die Art war, die nicht weiter
als bis an den oberen Kum-köll geht.