Jeden Abend gab er mir Unterricht im Mongolischen. Ich schrieb alle

neuen Worte und Ausdrücke auf und mußte sie bis zum nächsten Abend

gelernt haben. Selten habe ich einen so angenehmen Lehrer gehabt. Er

wollte, daß ich seine Sprache bald so weit beherrschen sollte, daß er

sich mit mir über Dinge, die ihn selbst interessierten, unterhalten

konnte.

Schnee und Hagel und naßkaltes Winterwetter herrschten an dem Tage, den

wir unseren Pferden zur Rast auf den Wiesen von +Hascheklik+ schenkten.

Im Freien zu arbeiten war unmöglich, und ich beschloß daher, mit dem

Lama zu sprechen. Wie unsere Pläne künftig auch ausschlagen mochten,

ich wollte nicht, daß der Lama je glauben oder auch nur denken sollte,

ich hätte ihn hinterlistigerweise in wahnsinnige Abenteuer verstrickt.

Ich wollte ihm die Möglichkeit offen lassen, beizeiten mit geretteter

Ehre in sein Land zurückzukehren. Deshalb erfuhr er schon jetzt, daß

ich die Absicht hatte, als Mongole verkleidet ihn und Schagdur nach

Lhasa zu begleiten.

Er war sehr verdutzt und suchte mich zu überzeugen, daß dies unmöglich

sei. Mich und Schagdur würde niemand anzurühren wagen, ihm aber in

seiner Eigenschaft als Lama würde es den Kopf kosten. Er hegte keine

Furcht vor dem Dalai-Lama, den mongolischen Pilgern und den Chinesen

in der Stadt, sondern nur vor den Tibetern, die die dorthin führenden

Wege bewachen. „Töten sie mich nicht,“ sagte er, „so machen sie mich

doch als Lama für immer unmöglich; ich werde als Abtrünniger, als

Verräter, der einen Europäer nach Lhasa geführt hat, angesehen!“ Doch

schon jetzt war er in seiner Entschlossenheit wankend geworden, denn er

schlug vor, die ganze Karawane sollte geraden Weges nach der heiligen

Stadt ziehen, -- das Schlimmste, was uns dann passieren könne, sei, daß

wir höflich, aber bestimmt zurückgewiesen würden. Er selbst könne sich

dann als Türke verkleiden, und keiner seiner Freunde in Lhasa würde

eine Ahnung davon haben, daß er bei der Sache beteiligt sei. Als ich

jedoch an meinem Plane festhielt, schlug er vor, ich sollte mich lieber

für einen „Urancha“ ausgeben; es ist dies ein Stamm aus dem Altai, der

dem Lamaismus anhängt, aber einen türkischen Dialekt spricht, der dem

Dschaggataitürkischen, das mir recht geläufig war, sehr ähnelt.

So sprachen wir den ganzen Tag miteinander, und schließlich war der

Lama wirklich erregt. Nach dem Kum-köll mußte er uns jedenfalls

begleiten, und ich versprach ihm, daß er von dort, falls er es

wünschte, heimkehren dürfte. An diesem See wollten wir ein paar

überflüssige Eseltreiber verabschieden, und mit ihnen konnte er sich

nach Tscharchlik begeben. Er fürchtete sich jedoch vor dem Sommer

dort und wollte lieber nach Tschimen reiten; ich ahnte sofort, daß er

mit der Mongolenkarawane nach Lhasa zu ziehen plante, und sagte mir,

daß er ihnen dann, in einem unbewachten Augenblick, meine Absichten

anvertrauen könnte. Eine solche Möglichkeit mußte um jeden Preis

verhindert werden.

Das Wichtigste, mochte nun aus der Reise nach Lhasa etwas werden oder

nicht, war, daß wir unter allen Umständen in Tibet eines Dolmetschers

bedurften; dies war so wichtig, daß diese ganze lange Reise durch Tibet

bedeutend an Wert verlieren mußte, wenn wir uns mit den Einwohnern

nicht verständigen konnten. Ich erklärte dies dem Lama, und er sah ein,

daß ich vollständig recht hatte. Ich machte ihm sogar den Vorschlag,

daß er bei der Karawane im Hauptquartier bleiben könne, während ich und

die Burjaten nach Lhasa gingen. Dieser Ausweg hatte jedoch für seinen

Ehrgeiz nichts Verlockendes; er war kein Feigling und gab später bei

vielen Gelegenheiten Beweise von wirklichem Mut.

Stumm und niedergeschlagen saß er die folgenden Tage im Sattel und

fand sicherlich, daß die Gesellschaft, in die er geraten, noch viel

sonderbarer sei, als er anfänglich gedacht. Mit Schagdur verkehrte er

nie wieder freundschaftlich; er fand mit Recht, daß dieser ihn schon

in Kara-schahr in den ganzen Plan hätte einweihen müssen. Ich erklärte

ihm, daß Schagdur auf meinen bestimmten Befehl so gehandelt habe und

daß, wenn er davon gesprochen hätte, daß ein Europäer verkleidet mit

nach Lhasa wolle, kein einziger Lama in der ganzen Mongolei sich,

um welchen Preis es auch sei, bei uns hätte anwerben lassen. Kein

Tagemarsch ging von nun an durch die Täler, kein Abend dämmerte, ohne

daß wir Rat hielten und über unsere Lhasapläne sprachen. Schereb Lama

machte hierbei wirkliche Seelenkämpfe durch. Ich war aber froh über

seine Gesellschaft; er war einer der besten Menschen, mit denen ich

zu tun gehabt hatte. In der Folge wird der Leser mit seinen weiteren

Schicksalen Bekanntschaft machen. Jetzt wurde also für den Anfang

vereinbart, daß er uns bis an den Kum-köll begleitete; dort sollte er

seine endgültige Entscheidung treffen, dort sollte er wie Herkules am

Scheidewege stehen und zwischen seiner sicheren Zelle im Kloster zu

Kara-schahr auf der einen und ungewissen Schicksalen und unter allen

Umständen merkwürdigen Abenteuern auf der anderen Seite wählen.

Während der folgenden Tage kreuzten wir mehrere Nebenflüsse, die nach

Nordwesten strömen und dem Tscharchlik-su ihren Tribut bringen. In dem

großen, offenen Kesseltale +Unkurluk+ (Tal der Erdhütten), das wir

in dichtem Schneegestöber erreichten, sahen wir an mehreren Stellen

Schafherden, aber keine Menschen. Die Kosaken suchten die Gegend ab,

ohne daß es ihnen gelang, jemand zu treffen. Ein wenig höher oben

blieben wir in der Mündung eines kleinen Seitentales, wo es gute Weide,

aber kein Wasser gab (Abb. 227).

Als die Luft sich ein wenig geklärt hatte, sahen wir zwei Zelte und

etwa zehn Leute. Die Kosaken ritten dorthin, um mit den Bergbewohnern

zu unterhandeln und Brennmaterial, Milch und ein Dutzend Schafe, die

wir mitzunehmen beabsichtigten, zu kaufen.

Die 18 Hirten, die sich in +Unkurluk+ aufhalten, wohnen hier beständig

und hüten Schafe und Pferde aus Tschertschen. Den Winter verbringen

sie in erbärmlichen kleinen Erdhütten. Die Gegend ist reich an Wild;

Archari (wilde Schafe), Steinböcke, Yake, Bären und Wölfe kommen vor.

Seit dem Herbst hatten sich jedoch keine Yake gezeigt; sie begeben sich

im Sommer in höhere Regionen hinauf. Rebhühner hörte man hier und da

in den Bergen rufen. Der Schnee fiel abends außerordentlich dicht, und

wir waren wieder von vollständigem Winter umgeben.

Als wir am 27. bei kaltem, windigem Wetter das „Tal der Erdhütten“

verließen, nahmen wir zwölf ziemlich magere Schafe ohne Fettschwanz und

drei Hirten mit statt unserer Tscharchliker Führer und der fünf Esel,

deren Maislast bereits verzehrt war (Abb. 229).

Jetzt befanden wir uns richtig im Gebirge und auf bedeutender Höhe

(3797 Meter). Das merkte man beim Atmen; man kletterte nun nicht mehr

unnötig steile Abhänge hinauf. Von Bergkrankheit zeigte sich jedoch

noch keine Spur, im Gegenteil, es ging uns allen vortrefflich.

Der folgende Tagemarsch führte uns über vier leichte Pässe zweiter

Ordnung und über schneebedecktes, wellenförmiges Terrain nach dem Tale

+Kar-jaggdi+, wo es etwas Weide gab. Im Süden und Südosten erheben sich

mächtige, schneebedeckte Berge. Der Weg war leicht und angenehm, als

wir dieses Tal hinaufzogen, in dessen Mitte sich ein mehrarmiger Bach

schlängelte, der von dem frischgefallenen, schmelzenden Schnee gespeist

wurde und dessen Wasser von verwitterndem Sandstein, der in der Gegend

vorherrschte, rot gefärbt war. Auch jetzt galt es, einen Paß zu

überschreiten, der zwar leicht und bequem ist, aber große geographische

Bedeutung besitzt, denn er bildet die Wasserscheide zwischen

Ostturkestan und dem Tschimentale. Die Höhe beträgt 4079 Meter, und der

Schnee lag hier ziemlich hoch.

Wir folgten dem nächsten abwärtsgehenden Tale nach Südosten, wo die

beschneite Kette des +Piaslik+ ein herrliches Panorama bildete, und

gelangten so in das breite +Tschimental+ hinunter, das wir von so

vielen früheren Exkursionen her kannten. Jetzt sah es noch winterlicher

und kälter aus als im Oktober vorigen Jahres; alle Berge waren mit

Schnee bedeckt, von dem aber nur die allerhöchsten Partien den Sommer

über liegenbleiben. Wir lagerten am Ufer eines Flusses, der sich weiter

abwärts mit dem Togri-sai vereinigt.

In diesem Lager erkrankte Schagdur ziemlich heftig; sein Puls stieg auf

134 und seine Temperatur auf 38,6 Grad (meine Körpertemperatur stieg in

4000 Meter Höhe und darüber selten über 36 Grad). Wir mußten einen Tag

liegenbleiben und ihn pflegen, so gut wir konnten. Sirkin ging auf die

Jagd und kam mit zwei Orongoantilopen (~Pantholops hodgsonii~) wieder;

wir konnten daher ein paar Tage unsere Schafe sparen. Die Antilopen

sind in dieser Jahreszeit ziemlich mager, da sie auf das neue Gras

warten. Im Herbst sind sie fetter und besser.

Am 30. war Schagdur besser und bestand fest darauf, daß wir

weiterzögen. Unser Weg führte jetzt nach Südosten über den ziemlich

großen +Togri-sai-Fluß+ und dann aufwärts in dem Quertal, das östlich

vom Durchbruchstal Togri-sai die Piaslikkette durchschneidet.

Als wir schon eine ziemliche Strecke im Tale zurückgelegt hatten,

stellte sich heraus, daß der Patient und der Lama nicht mitgekommen

waren. Ich kommandierte daher an einem Rinnsale, wo Jappkakpflanzen

uns notdürftig mit Feuerung versahen, Halt und schickte Li Loje

zurück, um zu erfahren, welchen Grund das Ausbleiben der beiden hatte.

Nach einer Weile kamen sie alle drei; Schagdur war matt, schwindlig

und beinahe außerstande, sich im Sattel zu halten. Er bekam einen

tüchtigen Spiritusgrog, wurde in Filzdecken gewickelt und kam ins

Schwitzen. Gegen Abend ging es ihm entschieden besser; er hatte 37,2

Grad Temperatur und 112 Pulsschläge. Der Spiritus wurde aus einer

der Flaschen für die zoologischen Sammlungen genommen. Sonst gab es

keine Spirituosen in der Karawane, und zur Ehre der Kosaken muß ich

sagen, daß keiner von ihnen, und von den anderen ebenfalls keiner,

sie entbehrten. Alkoholische Getränke sind ein böses Ding in einer

Karawane; sie machen Kräfte und Disziplin schlaff.

Auch hier blieben wir einen Tag liegen, damit sich der Kranke

ordentlich ausruhte. Nach einer ruhigen Nacht legte er am 1. Juni die

Tagereise wirklich gut zurück. Freilich war er noch ein wenig matt und

mußte auf dem langen Wege ein paarmal rasten, aber er war doch ziemlich

munter, als er am Ufer des +Kum-köll+ ankam, wo er sich mehrere Tage

der Ruhe und Pflege erfreuen sollte.

Am 1. Juni erreichten wir das Ufer dieses großen Salzsees. Wir

ritten auf vorzüglichem Boden nach Südosten. In der Ferne dehnt sich

die ungeheure, schön marineblaue Fläche des Sees aus. Nach Osten

hin erstreckt sich die +Kalta-alagan-Kette+, die wir in Verkürzung

in endloser, aber zusammengedrängter Perspektive sehen; ihr Kamm

glänzt matt-weiß. Kulane und Orongoantilopen kamen in Menge vor. Am

Ufer suchten wir lange vergeblich nach Wasser, bis endlich einer

der Hirten uns eine Stelle zeigte, wo sich seiner Meinung nach ein

Süßwasserbrunnen würde graben lassen, und richtig, seine feine Spürnase

hatte ihn nicht betrogen. Brennstoff war vorhanden; die Weide war

jämmerlich, aber in dieser Jahreszeit konnten wir nichts Besseres

erwarten. Die Zelte und die Lasten wurden dicht am Strande so praktisch

wie möglich aufgereiht (Abb. 228), und wir hatten jetzt weiter nichts

zu tun, als die Ankunft der Karawane zu erwarten.

[Illustration: 215. Ausgrabungen in einem der Häuser von Lôu-lan. (S.

50.)

Rechts im Vordergrund der große Tonkrug.]

[Illustration: 216. Die Nivellierungskarawane. (S. 62.)]

[Illustration: 217. Lager am Wasserarm. (S. 76.)]

Wir warteten am 2. Juni, wir warteten am 3., aber keine Karawane

kam. Scharfer, östlicher Wind peitschte die Wellen des Kum-köll

zu bedeutender Höhe auf, und ihr eintöniges Rauschen gegen das

Ufer war das einzige, was das Schweigen der Wildnis unterbrach.

Bisweilen herrschte Nebel; doch auch wenn die Luft klar war, sah man

auf der Ostseite des Sees kein Land, und der Wind erfrischte wie eine

Meerbrise; ja, manchmal, wenn er Schauer von Hagel oder Schnee brachte,

kühlte er nur zu fühlbar ab. Die Hirten, die ihren Auftrag ausgeführt

hatten, brannten vor Ungeduld, wieder nach ihren Hütten zurückkehren zu

können; die noch vorhandenen drei Esellasten Mais wurden im Zelte der

Kosaken verwahrt, dann entließen wir die ganze Gesellschaft. Erst aber

mußten sie uns noch von den nächsten Schneewehen einige Säcke Schnee

zu süßem Wasser holen. Ich kann mir nichts Langweiligeres denken, als

jahraus, jahrein in diesem Gebirge zu hausen und anderer Leute Schafe

zu hüten! Und doch machten die Hirten einen heiteren, zufriedenen

Eindruck, und es war ein billiges Geschäft, sie überglücklich zu

machen. Für mich war es eine richtige Geduldprobe, hier stillzuliegen

und mir den Kopf darüber zu zerbrechen, weshalb die Karawane noch

nicht kam und ob ihr unterwegs etwas zugestoßen sein könnte. Doch der

Gedanke, sie in Tschernoffs, Tscherdons und Turdu Bais zuverlässigen

Händen zu wissen, beruhigte mich.

Vergebens suchten unsere Blicke im Norden längs des Fußes des Gebirges

die lange, schwarze Linie, die das Herannahen der Unseren verkünden

würde. Manchmal konnten wir des Nebels wegen gar nichts unterscheiden;

wenn aber die Luft klar war, hielten die Kosaken mit dem Fernglase

eifrig Ausschau. Unterdessen ging es uns hier ganz gut. Proviant,

besonders Schafe, hatten wir noch hinreichend, und es konnte nicht

schaden, daß wir uns langsam und allmählich an die Luftverdünnung

gewöhnten. Schagdur wurde mit Massage und kalten Umschlägen behandelt

und erholte sich allmählich. Sirkin wurde beauftragt, nach unserem

vorjährigen Lagerplatz am Nordwestufer zu reiten und unterwegs eine

Marschroute aufzunehmen, die, wie sich bei der Kontrolle ergab, recht

gut ausfiel. Für den Fall, daß sich die Karawane dort niederlassen

sollte, machte er einen Wegweiser aus einem kleinen Brett mit einer

darauf gezeichneten Hand, die westwärts, nach unserem jetzigen Lager

zeigte.

Der 4. Juni war ein schöner, herrlicher Tag. Die ganz klare Luft

erlaubte dem Blicke, dem Kalta-alagan-Gebirge bis in endlose Fernen zu

folgen, wo sein Kamm undeutlich wurde und wie in einer nadelscharfen

Spitze verschwand. Der See zeigte sich in einem neuen Farbenspiel:

hellgrün mit weißen Wellenschaumstreifen. Die Pferde weideten weit vom

Lager, die meisten Leute schliefen, nur der Lama spähte fleißig nach

Norden; das scharfe Zeißsche Fernglas war ihm sehr interessant, und er

benutzte es oft. Ich arbeitete in meiner Jurte, als er mir meldete, daß

er die Karawane zu sehen glaube. Ich nahm das Fernglas, und richtig,

längs des Fußes des Gebirges wurde der gewaltige Zug sichtbar, der in

sechs Abteilungen marschierte, voran eine lange, schwarze Linie und

dann mehrere kleinere Gruppen; nur mit Hilfe des Fernglases konnte ich

diese schwarzen Linien und Punkte unterscheiden.

An diesem Tag wurde nichts mehr getan. Mit gespanntem Interesse

beobachteten wir den Gang des Zuges. Jetzt würden wir uns wieder

vereinigen und den Marsch nach Süden im Ernst antreten. Die Entfernung

war indessen noch zu groß, als daß die Karawane unsere Zelte hätte

sehen können. Sie ging noch immer nach Osten, statt gerade auf unser

Lager loszusteuern.

Nun sahen wir zu unserem Erstaunen, daß Halt gemacht, die Lasten

abgeladen und die Kamele auf die Weide geschickt wurden. Ich sandte

daher Mollah Schah dorthin. Je weiter er sich auf dem weitgedehnten

Terrain von uns entfernte, desto schwerer wurde es uns seinen Weg zu

verfolgen. Schließlich kam ihm ein Reiter von der Karawane entgegen,

und beide gingen in das andere Lager. Dort wurden die Kamele von allen

Seiten wieder herbeigeholt, und der Zug setzte sich von neuem in

Bewegung, indem er umschwenkte wie ein Eisenbahnzug in einer Kurve,

den man schließlich in Verkürzung vor sich sieht. Darauf tauchte bei

dem östlich von uns liegenden, isolierten kleinen Berge ein einzelner

Reiter auf, der sich uns in starkem Trabe näherte.

Es war Kutschuk. Er war vor ein paar Tagen von dem Karawanenführer

Tschernoff vorausgeschickt worden, um uns rechtzeitig Nachricht zu

bringen. Auf dem alten Lagerplatze am Nordufer hatte er Sirkins

Wegweiser gefunden und die Bedeutung der nach Westen zeigenden Hand

sofort verstanden. Er ritt mein altes Kaschgarpferd, das älteste in der

Karawane, und brachte uns nur gute Nachrichten.

Mittlerweile näherte sich die Karawane in guter Ordnung; die beiden

Kosaken ritten in gestrecktem Galopp zu mir und meldeten militärisch,

daß alles gut stehe; Leute wie Tiere seien in vorzüglichem Zustand, nur

ein Maulesel sei als untauglich in Bag-tokai zurückgelassen; einige von

den heimkehrenden Dienern sollten ihn behalten, wenn sie ihn wieder ins

Leben rufen könnten.

Jetzt kam die Eselkarawane mit Dowlet Karawan-baschi an der

Spitze angezogen; hinter dieser bunten Gesellschaft erschien ein

aufgescheuchter Kulan, der in einer Wolke von Staub gerade auf das

Lager zurannte, bis er die Gefahr erkannte und sich nach Westen rettete.

Darauf erschien Turdu Bai an der Spitze seiner prächtigen, fetten

Kamele (Abb. 230). Sie waren munter und sichtlich zufrieden, daß sie

sich in der frischen, kühlen Bergluft befanden und die schwüle Hitze

und die stechenden Insekten der Tiefebene hinter sich hatten. Während

der Ruhetage, die sie unterwegs gehabt, hatten die Männer Tschapane

für alle Kamele genäht, um sie gegen den heftigen Temperaturwechsel zu

schützen. Die drei Jungen, die den älteren wie Hunde nachliefen, sahen

in ihren weißen Mänteln gar zu komisch aus. Sogar das jüngste Kleine

sprang umher, ohne eine Spur von Ermüdung zu zeigen. Es war erst wenige

Tage alt, als es schon mit der dünnen Luft Bekanntschaft machte, und

seine Lungen paßten sich ihr früh an. Ganz sicher trug dieser Umstand

dazu bei, es widerstandsfähiger zu machen als seine beiden Kameraden,

die es lange überlebte. Sogar dem Hirsche, der mit den Kamelen zu gehen

pflegte, ging es gut; er hatte nur den großen Fehler, uns zuviel Mais

wegzufressen, denn das gelbe Gebirgsgras verschmähte er verächtlich.

Die letzten im Zuge waren die Pferde mit ihren Lasten und Treibern.

Jede Abteilung passierte das Hauptquartier, wo ich inmitten der Kosaken

stand, und alle Leute grüßten der Reihe nach höflich. Es dauerte

eine ziemliche Weile, bis die ganze Gesellschaft vorbeigezogen war,

um unmittelbar südlich vom Hauptquartier die Zelte aufzuschlagen und

das Gepäck aufzustapeln. Die Lasten wurden so gestellt, daß sie ein

Gehege für die Schafe bildeten, von denen wir jetzt eine ganze Herde

hatten, die Wanka, dem Leithammel aus Kutschar, auf den Märschen

gehorsam folgten. Wanka begleitete die Karawane schon seit dem Herbst

1899 und war das einzige von allen zu Beginn der Reise mitgenommenen

Karawanentieren, das wir im Jahre 1902 wieder mit nach Kaschgar

brachten.

Für mich wurde eine ganz neue Jurte aufgeschlagen, welche die Kosaken

in Tscharchlik angefertigt hatten. Als das ganze Lager fertig war,

glich das Ufer des Salzsees einem lebhaft besuchten Korso mit Gruppen

von Leuten, die um rauchende Feuer saßen und plauderten. Die Tiere

zerstreuten sich auf der kargen Steppe, um sich ihre knappe Nahrung

zu suchen. Unterdessen tobte die Brandung am Ufer, und ein Sturm

wühlte den See auf. Dicht und kalt schlug der Regen uns entgegen und

durchnäßte unsere Ansiedlung.

Zur Erledigung verschiedener Arbeiten war ein Ruhetag am Kum-köll

erforderlich. Ich packte alle meine Kisten gründlich um, damit ich die

Sachen und Instrumente, die täglich gebraucht wurden, in den beiden,

stets in meiner Jurte stehenden Kisten immer gleich bei der Hand

hatte. Das meteorologische Observatorium, das unter Sirkins Aufsicht

stand, wurde bei ihm in einer besonderen Kiste verwahrt, und die

Thermometer wurden auf jedem Lagerplatz in einem kleinen geschützten

Schuppen aufgestellt. Diejenigen der Konserven, die in der nächsten

Zeit gebraucht werden sollten, wurden ausgepackt. Eine Anzahl wenig

tauglicher Esel mußte, da ihre Lasten verzehrt worden waren, mit

einigen Eseltreibern wieder umkehren.

Hier sollte sich auch der Lama endgültig entschließen, ob er mitkommen

oder umkehren wollte. Er hatte sich die Sache entschieden überlegt

und mit Li Loje eine kleine Intrige angezettelt. Letzterer, der jetzt

fast ein Jahr lang tadellos seinen Dienst verrichtet hatte, bat um

seine Entlassung und gab als Grund an, er habe erfahren, daß sein

alter Vater in Kerija gestorben sei, und müsse deshalb unverzüglich

dorthin, um seine Interessen wahrzunehmen. Dies wurde ihm natürlich

nicht geglaubt, denn dieselbe Geschichte hatte er uns schon bei ein

paar Gelegenheiten mitten in der Wüste einreden wollen. Das Schlimmste

aber war, daß er seinen Lohn in Tscharchlik für ein halbes Jahr voraus

bekommen hatte. Es war eigentlich recht eigentümlich, daß er nicht

einfach durchbrannte, da er ja sein eigenes Pferd, eines der besten der

ganzen Truppe, hatte. Von nun an ließ ich ihn eine Zeitlang bewachen,

damit er nicht in einer Gegend, wo wir ihn nicht mehr einholen könnten,

verduftete. Der Lama hatte beschlossen, Li Loje zu begleiten, um die

Mongolenkarawane dann in Tschimen oder Zaidam aufzusuchen. Als er aber

sah, daß der Mann doch bei uns bleiben mußte, wurde auch er anderen

Sinnes, suchte mich in meiner Jurte auf und erklärte, daß er mir

bis ans Ende der Welt folgen werde, was auch daraus entstehen möge.

Das einzige, was er erbat, war, nicht verlassen zu werden, falls er

erkranken sollte; er sah selbst bald ein, daß er in dieser Beziehung

nichts zu fürchten hatte, da nicht einmal eines der Tiere ohne weiteres

verlassen wurde. So ordnete sich diese Sache im Handumdrehen. Ohne

den Lama hätten wir in den bewohnten Gegenden Tibets kaum fertig

werden können, und Li Loje (alias Tokta Ahun) war, obwohl ein bißchen

verrückt, bei allen beliebt. Er erzählte lustige und grauliche

Geschichten und führte sich bis Ladak ausgezeichnet.

Schließlich wurden alle Muselmänner zusammengerufen und Turdu Bai

feierlich zum Tugatschi-baschi (Kamelobersten) ernannt. Hamra Kul, ein

großer, kräftiger Mann aus Tscharchlik, der seinen sechzehnjährigen

Sohn Turdu Ahun bei sich hatte, wurde Att-baschi (Pferdeoberst); die

anderen hatten diesen beiden in allem, was mit der Wartung der Tiere

zusammenhing, unbedingt zu gehorchen. Mollah Schah erhielt keinen

Befehlshaberposten, weil er, dessen Aufgabe es gewesen war, die Pferde

am Kum-köll zu bewachen, gar nicht gemerkt hatte, daß ihm die ganze

Herde fortgelaufen war. Er fing die meisten allerdings noch vor Abend

wieder ein, aber fünf wurden erst am nächsten Morgen wiedergefunden.

Natürlich hatten die Kosaken einen höheren Rang als die Muselmänner,

und jeder von ihnen hatte seine bestimmte Beschäftigung und überwachte

das Ganze.

Zehntes Kapitel.

Die Zusammensetzung der Karawane.

So brach denn der erste Tag auf dieser Reise im innersten Asien an,

an welchem ich die ganze Karawane auf +einer+ Stelle versammelt hatte

und vom Rücken meines prächtigen, weißen Reitpferdes mein wanderndes

Eigentum mustern konnte. Wir ließen jetzt keine Abteilung hinter uns

zurück; das Hauptquartier selbst war auf dem Marsche, und wir brauchten

uns nicht um Abwesende zu beunruhigen. Mit dem Abbrechen des Lagers und

dem Beladen der Tiere ging es ziemlich schnell; denn jeder der Leute

hatte seine bestimmte Arbeit. Während einige die Zelte abnahmen und die

Kisten packten, hoben andere die Proviantlasten auf Kamele und Pferde,

und sobald eine Abteilung fertig war, brach sie auf.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 12 / 42 段