kam allerlei an den Tag. Schagdur hatte Islam Bai in Temirlik für 165
Sär Gold von Goldgräbern aus Bokalik kaufen sehen, sich aber keine
Einmischung erlaubt, weil er überzeugt war, daß es auf meinen Befehl
geschehen sei. Sirkin und Ördek hatte Islam um 16 und 10 Sär betrogen,
sie hatten mir aber nicht durch Klagen lästig fallen wollen. Man könnte
sagen, daß die Wahrheit durch reinen Zufall ans Licht gekommen sei,
wenn man nicht darin vielmehr die Strafe der himmlischen Gerechtigkeit
sehen müßte. Chalmet Aksakal war brieflich beauftragt worden, Zucker
u. dgl. zu kaufen und uns zu schicken. Als ich in das Hauptquartier
zurückkam und die Rechnung sah, fand ich sie sehr hoch. Islam verstand
es damals, mir zu beweisen, daß sie um 23 Sär zu hoch war. Ich hatte
mir darauf Chalmet Aksakals Bruder, einen Tscharchliker Kaufmann
namens Osman Bai, kommen lassen, hielt ihm eine niederschmetternde
Rede und sagte, daß sein Bruder sich als unredlicher Mensch bewiesen
habe. Osman verteidigte ihn und bat mich himmelhoch, doch nicht der
Verleumdung Glauben zu schenken. Da ich mich nicht überzeugen ließ,
hatte Osman einen Eilboten nach Korla geschickt und seinem Bruder
geraten, unverzüglich zu kommen, da hier Böses gegen ihn im Werke sei.
Er kam nun auch mit Schagdur. Als sie Islam bei Tikkenlik begegneten,
war er sichtlich unangenehm berührt gewesen und hatte gesagt, er sei
beauftragt, den Kosaken mitzuteilen, daß ich meinen Plan geändert hätte
und sie über Abdall und Tschimen reiten müßten, wenn sie mich finden
wollten. Hätten sie ihm geglaubt, so würde ich sie erst Anfang Juni
am Kum-köll getroffen haben. Doch Islams Plan, der darauf angelegt
war, ihm bis Kaschgar Vorsprung zu verschaffen, scheiterte an der
Pflichttreue der Burjaten. Sie wußten, daß sie sich ausschließlich
nach meinen eigenen schriftlichen oder mündlichen Befehlen zu richten
hatten, und da ich glücklicherweise ein paar Tage vorher mit der
chinesischen Post einen Brief an Schagdur geschickt hatte, kehrte sich
dieser nicht an Islams intrigante Reden und begab sich direkt nach
Tscharchlik.
Infolge der vorläufigen Untersuchung, die jetzt angestellt wurde,
verzögerte sich unsere Abreise um ein paar Tage. Als wir endlich
aufbrechen konnten, begleitete uns der Aksakal noch auf der ersten
Tagereise. Als er nach Korla zurückkehrte, nahm er ein Schreiben an den
Generalkonsul mit, der Islam Bai, welcher russischer Untertan war, auf
mein Ersuchen gleich bei seiner Ankunft in Kaschgar verhaften und alle
seine Effekten untersuchen lassen sollte. Alles darunter befindliche
chinesische Silbergeld und das rohe Gold sollten mit Beschlag belegt
werden.
Doch ehe ich erzähle, wie es Islam in Kaschgar ging, will ich zeigen,
daß er das Schicksal, das ihn traf, in jeder Hinsicht verdient hatte.
Als wir in Kum-köll mit der Karawane zusammentrafen, wurden alle meine
Diener einzeln verhört. Jeden hatte er um größere oder kleinere Summen
betrogen; nur Tschernoff hatte sich nicht überlisten lassen. Im ganzen
ließen sich etwa 12 Jamben nachweisen, die er den Eingeborenen nach
und nach in größeren oder kleineren Beträgen abgenommen hatte, und mir
hatte er durch gewisse Geschäftspraktiken 9 Jamben veruntreut, einen
großen Teil davon bei den letzten Kamelankäufen.
Schon in Jangi-köll hatte ich einen großen Vorrat von Tschapanen,
Pelzen und Stiefeln kaufen müssen, die unseren Dienern geschenkt werden
sollten. Die Sachen waren allerdings unter sie verteilt worden, aber
Islam hatte sich dafür bezahlen lassen und den Gewinn in seine Tasche
gesteckt.
Es ist seltsam, daß ich nie gemerkt hatte, wie ich täglich so gemein
bestohlen wurde; aber es war doch auch wieder erklärlich. Erstens
wurden alle Auszahlungen aus meinen Geldkisten ordnungsmäßig gebucht,
und direkter Kassendiebstahl war nie vorgekommen; dazu war Islam viel
zu klug. Da aber alle größeren Beträge für den Ankauf von Proviant,
Kamelen und Pferden und die Löhne der Leute durch Islams Hände gingen,
hatte er Gelegenheit, den Lieferanten weniger zu geben, als sie zu
fordern berechtigt waren. Die guten Eingeborenen waren in weit höherem
Grade als ich die Geschädigten gewesen, daher fehlte auch nie etwas
in meiner Reisekasse; ich wußte stets, wieviel ausgegeben wurde und
wieviel noch da war.
Dann findet man es wohl unbegreiflich, daß sich keiner der Betrogenen
bei mir beklagt hat, und auch ich wundere mich noch heute darüber, daß
dies nicht geschehen ist. Aber Islam war ein großer starker Kerl, der
es verstanden hatte, sich bei den Muselmännern in großen Respekt zu
setzen. Sie fürchteten ihn wie einen asiatischen Despoten, wagten nicht
zu murren, schwiegen und nahmen, was er ihnen gab, um so mehr, als er,
wie ich am Kum-köll erfuhr, drohte, dem, der bei mir zu klagen wagte,
den Schädel einzuschlagen. Deshalb nahmen sie sich hübsch davor in acht
und fanden sich still und ergeben in ihre ungerechtfertigten Verluste.
Er hielt sie durch seine bloße Gegenwart in hypnotischer Angst, und
erst jetzt, da er fort war, kam die Wahrheit zum Vorschein. Ja, jetzt
kam alles an den Tag! „O Gott, wie viele haben seinetwegen weinen
müssen“, hieß es.
Auf der Fähre und in der Tschertschenwüste, den einzigen Reisen, auf
denen ich ihn unter meiner eigenen Kontrolle hatte, war er derselbe
wie früher, derselbe ruhige, besonnene, treue Diener wie auf der
Reise durch Asien in den Jahren 1893-97. Nachher nahm ich ihn nicht
mit auf große Exkursionen, weil ich glaubte, beruhigt sein zu können,
wenn er die Aufsicht über das Hauptquartier führte. Und wenn ich von
den verschiedenen Touren dorthin zurückkehrte, beklagte sich keiner;
die beste Ordnung herrschte überall. Gerade dieser Umstand, daß wir
meistens an verschiedenen Orten waren, macht es zum großen Teile
erklärlich, daß ich von den Unredlichkeiten nichts merken konnte, und
es würde mir überdies auch nie eingefallen sein, Islam Bai in Verdacht
zu haben. Dazu hegte ich viel zu großes Vertrauen zu ihm; von diesem
Gesichtspunkt aus war ich in nicht geringem Maße an seinem Unglück
schuld.
Psychologisch war mir die Ursache seines Falles bald verständlich.
Während der Reise nach Peking war er in meiner Karawane drei Jahre lang
stets der Erste gewesen. Vom einfachen Arbeiter bei den Pferdekarawanen
zwischen Osch und Kaschgar hatte ich ihn zum Führer und Karawan-baschi
erhoben, und er hatte sich aus reiner Anhänglichkeit aufs glänzendste
bewährt. Auch jetzt hatte er mir anfänglich am nächsten gestanden.
Doch mit der Ankunft der Kosaken trat eine andere Ordnung ein. Ich
schätzte sie mehr, und ihre Gesellschaft war mir lieber als die
Islams. Alle Beschäftigungen in meiner unmittelbaren Nähe wurden den
Kosaken übertragen, während Islam nur mit den Muselmännern und den
gröberen Karawanenarbeiten zu tun hatte. Es verdroß ihn, sich von den
Ungläubigen verdrängt zu sehen, und in seinem Herzen stieg der Gedanke
auf: „Soll ich ihnen weichen, so will ich wenigstens Ersatz dafür
haben“, und nun begannen die Diebstähle in Jangi-köll und wurden die
ganze Zeit bis zu seiner Abreise von Tscharchlik fortgesetzt.
Der Arme tat mir leid, und ich nahm mir vor zu versuchen, seine Strafe
nach Möglichkeit zu mildern, um so mehr, als die Muselmänner ihre
Beschuldigungen gewöhnlich sehr übertreiben. Doch wenn auch nur die
Hälfte davon wahr war, waren die Diebstähle schon groß genug, um ihn
nach Sibirien zu bringen. Aber in der Wüste Takla-makan hatte er mir
23 Jamben gerettet und mir bei unzähligen Gelegenheiten unschätzbare
Dienste geleistet.
Es tauchten aber noch allerlei andere häßliche Geschichten auf, die
mich gegen sein Schicksal total gleichgültig machten. In Jangi-köll
hatte er sich drei, sage drei, junge „Frauen“ genommen, von denen ihn
eine 100 Sär gekostet hatte, und damals waren ihm erst 30 Sär von
seinem Lohne ausbezahlt worden. Während der zwölf Tage, die er in
Tschertschen zubrachte, hatte er sich ebenfalls „verheiratet“, und
in Tscharchlik hatte er sich zum Schlusse auch noch eine „Gattin“
zugelegt. Je nachdem das Hauptquartier verlegt wurde, wurden die Damen
der Reihe nach abgedankt, und als er endgültig nach Kaschgar reiste,
ließ er sie alle miteinander sitzen. Bei all diesen leichtsinnigen
Streichen hatte er obendrein in Osch seine rechtmäßige Frau mit fünf
Kindern!
Auf die Länge wird es kostspielig, sich fünf Frauen zu halten. Erst
muß die Auserwählte gekauft und bar bezahlt werden, dann wird sie
eingekleidet und dabei sind ihre Neigungen für chinesische Stoffe
u. dgl. zu befriedigen, und schließlich ist sie, vielleicht auch noch
ihr Papa und ihre Mama, zu beköstigen. Letzteres ließ sich ja aus
unseren eigenen Vorräten leicht bewerkstelligen, und ich werde es also
wohl gewesen sein, auf dessen Kosten geschmaust worden ist.
Der letzte Abschnitt der Geschichte Islams nahm folgenden Verlauf.
Bei der Ankunft in Kaschgar ließ der Konsul seine Sachen durchsuchen.
Bares Geld wurde nicht mehr viel gefunden, aber das gefundene,
soweit es reichte, den Benachteiligten zugestellt. Seine Freiheit
durfte er behalten, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, denn es
wurde ihm verboten, Kaschgar zu verlassen. Als ich Anfang Mai 1902
wieder dorthin kam, hatte er infolgedessen noch keine Beschäftigung
gefunden. Er suchte mich im Dorfe Japptschan auf, und er tat mir sehr
leid, als er sich laut weinend mir zu Füßen warf. Ich ermahnte ihn
aufs eindringlichste, sich bei dem Verhör in Kaschgar streng an die
Wahrheit zu halten. Ich versicherte ihm, daß ich ihn, wenn er löge,
ohne Erbarmen der Gerechtigkeit des russischen Gesetzes überlassen,
wenn er aber die Wahrheit spräche, dafür sorgen würde, daß er straflos
ausginge. Er versprach, meinem Rate zu folgen. Er war kalt, finster,
bleich und abgezehrt und sah ein, daß er sein Leben ruiniert hatte.
Hätte er sich so gut geführt wie das vorige Mal, so wäre er in seinem
Heimatorte ein angesehener Mann geworden. Sein Name war schon jetzt in
ganz Innerasien bekannt, aber welche traurige Berühmtheit sollte er
künftig erlangen!
Als aber das Verhör vor sich ging, alle Anklageakten vorgelegt und alle
Zeugen zur Stelle waren, leugnete er hartnäckig bei jedem einzelnen
Punkt. Man konnte ihn nicht dazu bringen, die Richtigkeit auch nur
der greifbarsten Beschuldigungen anzuerkennen; er erklärte alles für
boshafte Verleumdung. Ich erinnerte ihn wieder daran, daß es in seinem
eigenen Interesse liege, zu gestehen, aber nichts half. Keine Stimme
erhob sich zu seiner Verteidigung. Er erhielt jetzt vom Konsul Befehl,
sich bei dem Distriktschef, Oberst Saizeff, in Osch einzustellen, in
welcher Stadt nach russischem Gesetz das Urteil über ihn gefällt werden
mußte und wo er bald nach mir eintraf. Auch hier leugnete er alles.
Da er sich durch die Veruntreuungen gegen das russische Gesetz und
durch seinen Lebenswandel gegen das Scheriet (religiöse Gesetz) der
Muhammedaner vergangen hatte, wurde er für Sibirien reif erklärt, die
Strafe aber auf drei Monate Gefängnis ermäßigt; auf meine besondere
Bitte wurde die Strafe nachher auf vierzehn Tage ermäßigt, aber ganz
straflos durfte er schon seiner Landsleute wegen nicht ausgehen.
Ich sah ihn in Osch nicht wieder und wollte ihn auch nicht mehr sehen.
Er, der in meiner Karawane eine so hervorragende, ehrenvolle Rolle
gespielt hatte, war von nun an für mich tot. Durch seine grenzenlose
Dummheit und Gedankenlosigkeit und durch eine Art Größenwahn hatte er
sich in das schimpflichste Elend gestürzt, er, der in seiner Heimat
einen Ehrenposten hätte erhalten können und dem die russischen Behörden
als Anerkennung der von ihm geleisteten Dienste einen goldgestickten
Samtchalat versprochen hatten. Damit war seine Geschichte zu Ende. Nach
den Verhören am Kum-köll wurde sein Name in der Karawane nicht mehr
genannt.
Die Moral der Geschichte ist: „Traue nie einem Muselmann!“ Man sollte
glauben, daß, wenn man einen Diener so viele Jahre gehabt und mit Güte
überhäuft und er selbst nur Vorteil von seinem guten Betragen hat, man
sich schließlich auf ihn wie auf sich selbst müßte verlassen können. So
aber sind die Muhammedaner nicht. Sie vergessen nie, daß sie bei einem
Ungläubigen in Diensten stehen. In moralischer Hinsicht ist diese Rasse
schlecht, aber man muß sie nicht zu streng verurteilen, denn sie lebt
wirklich in harten Verhältnissen. Die Mongolen sind unvergleichlich
viel besser, und ist man wie ich so glücklich, eine Eskorte von Kosaken
zu besitzen, so dürfen die Muhammedaner nur zu den gröberen Arbeiten
benutzt werden. Mehrere von meinen muhammedanischen Dienern, Turdu Bai,
Kutschuk, Chodai Kullu und Ördek, waren allerdings außergewöhnlich
prächtige Menschen, aber sie hatten auch nie Gelegenheit, in allzu
große Versuchung zu geraten.
Neuntes Kapitel.
Über die nördlichen Randgebirge nach dem Kum-köll.
Als ich am 17. Mai endlich in den Sattel steigen konnte, geschah es,
um noch einem Jahre voller Irrfahrten in Asiens großem, ödem Inneren
entgegenzugehen. Mit großer Spannung und frischem Mut wurde diese
letzte denkwürdige Reise angetreten, die mich mit den am schwersten
zugänglichen Teilen des Kontinents bekannt machen sollte. Gelang sie,
so würden, im großen gesehen, nicht viele Teile Asiens übrig sein, die
ich noch nicht besucht hatte. Ich hoffte gar viel von dieser letzten
Reise, wußte aber auch, daß ich jetzt das Schwerste vor mir hatte.
Doch die Schwierigkeiten reizen am meisten, und inmitten der ernsten,
eifrigen Arbeit, die täglich vorwärtsschritt, freute ich mich in
Gedanken auf all die wilden Abenteuer, die meiner „jenseits der hohen
Berge“ warteten.
Eine unangenehme Überraschung stand uns jedoch noch bevor, ehe wir
die kleine, gastfreie Stadt am Rande der Wüste verließen. Am Abend
des 16. Mai traf eine Karawane von zehn mongolischen Pilgern aus
Tarbagatai mit elf Pferden und zwölf Kamelen ein. Sie ließen sich in
einem Haine unweit des Basars nieder. Schagdur und der Lama hatten sie
in Kara-schahr getroffen und wußten, daß sie auf dem Wege nach Lhasa
war. Natürlich wußten die Mongolen, von denen einige türkisch sprachen,
daß sich eine große Karawane in der Gegend aufhielt. Wir konnten nicht
aufbrechen, ohne daß sie uns sahen. Als Sirkin mit den Packpferden an
ihrem Lager vorbeiritt, hatten sie auch gefragt, wohin es gehe, und
er hatte geantwortet, daß er nach Ladak und Kaschgar wolle. Schagdur
und der Lama ritten frühmorgens aus der Stadt und machten einen
großen Bogen nach Westen, um nicht gesehen zu werden. Ich ritt den
mittleren Weg im Flußbett mit Chalmet Aksakal und dem alten Togdasin
Bek aus Tscharchlik, der uns damals durch das Bett des Ettek-tarim
begleitet hatte. Erst als die Gärten der Oase unter dem Horizont
verschwunden waren, vereinigten wir uns wieder zu einer Gesellschaft;
mich wenigstens hatten die Mongolen nicht gesehen; sie würden mich
nicht identifizieren können, wenn wir uns später unter kritischen
Verhältnissen treffen sollten.
[Illustration: 211. Geschnitzte Holzstücke aus den Ruinen. (S. 43.)]
[Illustration: 212. Schagdur mit einigen seiner Funde. (S. 44.)]
[Illustration: 213. Das Haus, in welchem die Manuskripte gefunden
wurden. (S. 46.)]
[Illustration: 214. Links der Tonkrug. in der Mitte ein Rad, rechts das
Manuskripthaus und ganz hinten der Lagerturm. (S. 50.)]
Doch warum all diese Vorsichtsmaßregeln gegen eine Gesellschaft
friedlicher Mongolen, die keiner Katze etwas zuleide tun? Darum, weil
sie vor uns nach Lhasa kommen und ohne Zweifel von unserem Herannahen
erzählen würden. Dann aber würde das Land im Norden des „heiligen
Gebietes“ streng bewacht und wir nimmermehr durchgelassen werden.
Die Kamele der Mongolen waren freilich in schlechtem Zustand, und
sie würden lange Zeit brauchen, um Zaidam zu erreichen, wo sie wie
gewöhnlich jene gegen Pferde vertauschen wollten. Aber dennoch würden
sie uns bald einen Vorsprung abgewinnen und schneller und leichter
vordringen als wir, die wir die schlimmsten Teile von Tibet aufsuchten.
Meine Befürchtungen trafen später in der Tat zu, obwohl gewiß auch
andere Umstände in noch höherem Grade bei der Durchkreuzung unserer
Pläne mitwirkten.
Die Karawane, mit der ich jetzt die nördlichsten Bergketten des
Kwen-lun-Systems überschritt, war folgendermaßen zusammengesetzt:
Schagdur, Sirkin, Mollah Schah und Li Loje, der Lama und ein Führer,
12 Pferde und Jolldasch. Das Hochgebirge erhob sich in überwältigender
Majestät vor uns. Im Südosten erschien die Talmündung, welcher der
Tscharchlik-su entströmt, und im Süden lagen der Kurruk-sai und
Korumluk-sai, nach denen unser Weg führte. Das Tal, in welchem der
Fluß die nördlichste Kette des Astin-tag durchbricht, ist zu wild
und tief, um passiert werden zu können. Die Sonne brannte heiß, und
die Mücken waren hungrig, verschwanden aber gleich, sobald wir in
öde, unfruchtbare, langsam ansteigende Gegenden gelangten. Zur Linken
erschienen einige einsame Reiter; es waren Mongolen, die uns von weitem
beobachteten.
+Jiggdelik-tokai+, der erste Lagerplatz, liegt am linken Ufer des
Tscharchlikflusses (Abb. 225). Das Wasser rauschte in einem 40 Meter
tief eingeschnittenen Bette zwischen senkrechten Geröllwänden (Abb.
226). Ein halsbrecherischer Pfad führte nach dem Ufer hinunter, wo
einige wenige Büsche unseren Pferden kärgliche Weide boten. Der Aksakal
und Togdasin Bek, die uns den ganzen Weg begleitet hatten, kehrten
jetzt um, trotz des heftigen Sturmes, der sich am Nachmittag erhob und
der die Temperatur sehr bedeutend heruntergehen ließ.
Der Morgen war frisch und kühl und machte wärmere Kleidung notwendig.
Bald reiten wir in die mächtigen, widerhallenden Säle des „Steinigen
Tales“ ein, wo die Wände von rotgeflammtem oder schwarzgestreiftem
Granit und dunkeln, harten Schiefern aufgemauert sind. Die nackten,
zackigen, kahlen Felsen versperren meistens die Aussicht, manchmal
aber öffnet sich in einem Seitentale eine großartige Fernsicht in
eine Welt von immer höher und gewaltiger werdenden Bergen, ein Chaos
von Ketten und Gipfeln, die hier und da mit malerischen Schneeflecken
gekrönt sind. Der Talgrund ist voller Geröllblöcke und Granitstücke von
verschiedener Größe, zwischen denen es sich ziemlich mühsam reitet.
Tamarisken und wilde Rosen sind häufig. Wir freuen uns nach dem langen
Winter in einförmigen Wüsten wieder in die ständig wechselnde Welt der
Felsen einzutreten, unsere Stimmen von den Felswänden widerhallen zu
hören und zu fühlen, wie unsere Lungen sich mit frischer, reiner, sand-
und staubfreier Luft füllen.
Manchmal ist das Tal so eng, daß wir auf Seitenvorsprünge und Pässe
hinaufgehen müssen. Es zieht sich jetzt nach Osten, und nach einer
letzten Schwelle entrollt sich vor uns das Haupttal des Tscharchlik-su,
nach welchem wir wieder zurückkehren. Der Fluß ist nach dem letzten
Regen gewaltig angeschwollen. In der Talweitung, wo wir uns bei einer
Pappel einen Lagerplatz wählten, macht er eine scharfe Biegung.
Ich hatte zehn Esel gemietet, die uns mit Mais für die Pferde nach dem
Kum-köll begleiten sollten. Ihr Ausbleiben zwang uns, einen Tag am
Flusse zu warten, aber keiner hatte etwas dagegen, in dieser schönen
Gegend zu rasten. Überdies hatten wir keine Eile, denn, wie langsam wir
auch zogen, wir würden doch vor den schwerfälligen Kamelen am Kum-köll
anlangen. Im Laufe des Tages trafen die Esel wohlbehalten ein, und nun
konnten wir uns wieder in Bewegung setzen.
Eine schwere Tagereise stand uns bevor. Der Weg führt aufwärts durch
das tief in grauen Granit eingesägte Tal des Flusses, wo die von den
brausenden Wassermassen unterminierten Felsen manchmal gewölbeartig
überhängen. Wir wußten, daß wir den Tscharchlik-su sechzehnmal zu
überschreiten hatten und daß es galt, sich gut vorzusehen. Ein Hirt,
dem wir begegneten, konnte uns keine ermutigenden Mitteilungen machen.
Sein Pferd war mitten im Flusse gestürzt, und die ganze, aus Brot,
Mais und Kleidungsstücken bestehende Last war verlorengegangen. Der
Fluß, dessen Wassermenge jetzt etwa 9 Kubikmeter in der Sekunde betrug,
bildete Stromschnellen und rauschte donnernd zwischen rundgeschliffenen
Blöcken hin.
Anstrengend und spannend ist diese kurze Tagereise, und man wird
erst ruhig, wenn man nach der letzten Furt die Instrumentkisten
wohlbehalten auf dem Trockenen sieht. Die Muselmänner untersuchten,
halb entkleidet, jede Furt, und die Pferde, welche die wertvollsten
Lasten trugen, wurden langsam einzeln hinübergeführt. Wir hatten auch
ein paar Maulesel; einer von diesen hatte es sich bei einer Furt in
den Kopf gesetzt, nicht denselben Übergang zu benutzen wie die anderen
Tiere. Er versuchte es mehr nach der Seite hin, wo die Hauptmasse des
Wassers in einer tiefen Rinne strömte, glitt hier aber aus, wurde von
der Strömung fortgerissen und eine weite Strecke unterhalb der Schwelle
auf eine Kiesbank geschleudert. Die Kosaken stürzten sich angekleidet
in den Fluß und richteten das Tier wieder auf, aber die ganze Last, die
glücklicherweise nur aus Mehl und Brot bestand, war verlorengegangen.
Leider war die Gegend in dichten Nebel gehüllt, und die Kämme des
Gebirges verschwanden wie ein Tempelgewölbe in Abenddämmerung und
Weihrauchwolken. Der Lagerplatz trug den Namen +Mestschit-sai+
(Moscheetal).
Die vierte Tagereise führte uns ein Seitental hinauf. Dieses neue Tal
ist schmäler und wilder als die vorhergehenden und steigt schließlich
so steil an, daß man vorzieht zu Fuß zu gehen, ja bisweilen sogar
klettern und sich mit den Händen festhalten muß. Es ist ziemlich
schwierig, beladene Pferde solch abschüssige Wege hinaufzuführen; die
Lasten rutschen nach der Schwanzwurzel oder schlagen über und müssen
beständig zurechtgerückt werden. Auf diesem schuttbedeckten Felsboden
ist selten ein Pferd sichtbar, und solche sollen hier auch nicht oft
benutzt werden.
+Jaman-dawan+ (der schlechte Paß) ist ein passender Name für die
ungeheuer scharfe, schwer passierbare Schwelle, die wir endlich
erreichten. Nur ein Pferd hat dort oben Platz. Auf beiden Seiten dieses
Sattels erheben sich gewaltige, wilde Felsen, die zu dem Kamme gehören,
in welchem der Jaman-dawan eine recht tiefe Einsenkung ist. Östlich
vom Passe ist das Gefälle viel weniger steil und der Boden mit Erde
bedeckt und mit Gras bewachsen. Die Luft war jetzt wieder klar, und die
Aussicht großartig. Über Hitze konnten wir uns nicht beklagen, denn auf
dem Passe hatten wir nur +2,6 Grad.
Von dem Lagerplatze, der keinen Namen hatte, zogen wir nach Osten,
indem wir jetzt ein neues Tal hinaufstiegen. Anfangs war es ziemlich
eng und schwer passierbar, ja an einem Punkte, wo der Hohlweg ganz mit
herabgestürzten Granitblöcken angefüllt war, mußten die Tiere abgeladen
und mit vereinten Kräften eine 4 Meter hohe Stufe hinaufgewunden
werden. Oberhalb dieser Stelle erweitert sich das Terrain und wird
bequemer. Nur hin und wieder sieht man Rebhühner und kleine, niedliche
Bergschwalben, sonst kein Wild. Einige unserer Pferde und ein Maulesel
sind von dem vielen Schutt steifbeinig geworden und hinken; sie werden
daher nach Möglichkeit geschont. In der Nacht ging die Temperatur
auf -6 Grad herunter; mitten im Sommer ritten wir wieder dem Winter
entgegen. Dieses Jahr war mein Sommer wirklich nicht viel länger als
sechs Wochen gewesen!
Eine lange, ermüdende Tagereise führte uns am 23. Mai auf offeneres,
plateauartiges Terrain, eine Hochlandsteppe, die stellenweise von
dem stehengebliebenen Grase des vorigen Jahres gelb schimmerte. Hier
sahen wir die ersten Kulane. Jetzt befanden wir uns auf alle Fälle
auf dem tibetischen Hochplateau und hatten das bizarre Randgebirge
überschritten. Schwere, dunkle Wolken begrüßten uns bei unserer
Ankunft und schütteten von Zeit zu Zeit ihren Inhalt in Form von
Regen und Schnee über uns aus. Während wir ein etwas ausgeprägteres
Tal hinunterritten, sahen wir abends bei Hascheklik unseren alten
Tscharchlik-su wieder; er war hier weniger wasserreich, und das Wasser
hatte eine eigentümliche, beinahe milchweiße Farbe, die gewiß von einer
verwitternden weißen Gesteinart herrührte.
Schereb Lama in seinem roten Gewande mit dem gelben Gürtel und der
blauen Mütze, die nur bei Regenwetter von einem mongolischen Baschlik
geschützt wurde, war das malerischste Mitglied unserer kleinen
Karawane. Mit mir und Schagdur stand er schon auf dem vertrautesten
Fuße, aber die anderen kannte er wenig, denn er konnte nur ein
paar Worte Türkisch, doch war er sehr gelehrig und bereicherte
allmählich seine Kenntnisse. Was er während der langen Marschtage
dachte, weiß ich nicht, aber daß er viel grübelte, konnte ich sehen;
er mochte sich wohl den Kopf darüber zerbrechen, was das Schicksal
mit seiner priesterlichen Würde vorhatte. Er fand die Gesellschaft,
in die er geraten war, gewiß sehr merkwürdig, und es machte mir
unglaubliche Mühe, ihm den Nutzen der astronomischen Beobachtungen
und des Kartenzeichnens klar zu machen. Ich war in seinen Augen ein
recht sonderbarer Mensch, aber mit rührender Anhänglichkeit und
unerschütterlichem Vertrauen schloß er sich an uns an und begriff sehr
wohl, daß wir Fremdlinge es wirklich gut mit ihm meinten.