mitgenommen. Es handelte sich nur darum, wie diese schwere Last
transportiert werden sollte. Ich dachte daran, zu diesem Zwecke Esel zu
kaufen; ein Esel kostet in Tscharchlik nur 10 Sär (30 Mark). Aber eine
hinreichend große Eselkarawane erforderte mindestens ein halbes Dutzend
Treiber, und wenn dann die armen Tiere zusammengebrochen waren, würden
wir alle diese Männer nutzlos, aber zu großem Schaden für unseren
Proviant, auf dem Halse haben. Statt dessen beschloß ich, 70 Esel
auf zwei Monate zu mieten. Sie kosteten freilich je 5 Sär den Monat,
also ebensoviel, wie wenn wir sie gekauft hätten, aber wir hatten den
Vorteil, daß wir nun von allen Sorgen um den Transport befreit waren
und es Sache der Eseltreiber war, wie sie wieder nach Tscharchlik
zurückkamen. Das Geschäft wurde mit dem alten Dowlet Karawan-baschi aus
Buchara abgeschlossen, der sich vorzüglich bewährte, aber selbst wenig
Gewinn davon hatte, da beinahe alle seine Esel dabei draufgingen.
Am 28. April traf mein alter Diener Mollah Schah aus Tschertschen ein.
Er sollte durchaus mit auf diese Reise, denn er hatte an Littledales
Zug nach dem Tengri-nor und Ladak teilgenommen und kannte daher die
Hilfsquellen des Landes genauer als alle anderen.
Ich mußte unaufhörlich Besuche von Dienstsuchenden und anderen in
meinem Garten empfangen. Bald kam dieser, bald jener mit der Bitte,
mich begleiten zu dürfen. Aber mein Stab war schon ausgewählt, und
wir wollten nicht zuviele Leute haben. Wir waren sogar der Meinung,
daß einige der angestellten Männer vom Arka-tag, sobald alles in
Ordnung war und die Tiere sich an ihre Lasten und an die Marschordnung
gewöhnt hatten, zurückgeschickt werden könnten. Der Vater des toten
Aldat suchte mich auch auf und erhielt ein Geldgeschenk. Dschan Daloi,
der Amban von Tscharchlik, befand sich auf seiner Dienstreise nach
Kara-schahr; aber sein kleiner sechsjähriger Sohn besuchte mich oft in
meiner Jurte. Er zeigte stets in seiner Rede und seinem Benehmen den
feinen, eleganten Umgangston, der gebildete Chinesen kennzeichnet. Ich
schenkte dem Knaben Süßigkeiten, illustrierte Zeitungen und allerlei
Kleinigkeiten, die sein großes Entzücken erregten, und er versäumte
nie, mir zum Dank Obst mitzubringen oder meinen Pferden einige Bündel
frischen Klee zu senden. Anfang Mai starb er an den Blattern; der arme
Vater kam einen Tag zu spät heim, um in der Todesstunde bei ihm sein zu
können.
Das Wetter war herrlich. Es stürmte beinahe unaufhörlich; dadurch
blieb die Luft frisch und kühl. Die Atmosphäre war voller Staub, der
die Sonne verhüllte. Abends war es manchmal so kalt, daß ich das
Innere der Jurte mit einem Kohlenbecken erwärmen mußte. Am Tage aber
war es mir ein Genuß, dem Heulen des Windes in den Maulbeer- und
Pflaumenbäumen zuzuhören; ich weiß nicht, wie es kam, aber es war mir
stets besonders behaglich zumute, wenn es recht toll stürmte.
Anfang Mai wurde es jedoch fühlbar heiß. Am 1. Mai hatten wir +32,7
Grad im Schatten; die Luft war klar und ruhig, und im Süden glänzten
die Firnfelder auf den höchsten Gipfeln des Astin-tag. Heimtückisch
lockten jene schönen Berge, die dem größeren Teile meiner Karawane das
Leben kosten sollten.
Doch die Zeit verging, und der Tag des Aufbruchs nahte heran. Das ganze
Gepäck wurde in Säcken und Kisten untergebracht. Am 22. April standen
fünfzehn Kamellasten verschnürt und festgebunden auf ihren Saumleitern
und brauchten nur noch auf ihre Träger hinaufgehoben zu werden. Einige
Tage später war die ganze Last auf dem Seraihofe bereit (Abb. 222).
Da lagen sie in langen Reihen, diese schweren Ballen, die quer durch
Tibet getragen werden sollten. Bei ihrem Anblick war ich starr, aber
Turdu Bai versicherte, daß die Lasten durchaus nicht zu schwer seien
und überdies auch mit jedem Tage an Gewicht verlieren würden. Dort sah
man die fest auf ihre Leitern gebundenen Reissäcke, in einer anderen
Reihe stand der Mais, in einer dritten das gebrannte Mehl und mehrere
Lasten mit eigens für uns gebackenem Brote. Große Ballen enthielten
Pelze für die Leute und weißen Filz zu Mänteln für die Kamele. Lange
Reihen von Kisten bargen meine persönliche Habe, Reserveinstrumente,
Kleidungsstücke, Bücher, Konserven usw.
Um jedoch die Last nicht schwerer zu machen, als sie notwendigerweise
sein mußte, hatte ich gleich nach meiner Ankunft im Hauptquartier alles
ausgesondert, was sich entbehren ließ, darunter auch die Sammlungen an
Gesteinproben, Skelette, Pflanzen und die archäologischen Funde aus
Lôu-lan. Von allem diesen, das acht tüchtige Kamellasten ausmachte,
wollten wir uns befreien. Es sollte nach Kaschgar geschickt werden und
bei Generalkonsul Petrowskij in Verwahrung bleiben.
Doch wem sollte ich diese wichtige Sendung anvertrauen? Sollte ich
es von den Chinesen besorgen lassen? Nein, dies wagte ich nicht. Ich
wollte schon an Chalmet, den Aksakal von Korla, schreiben, als das
Rätsel eine sehr einfache, aber höchst unerwartete Lösung erhielt.
Islam Bai suchte mich eines Abends, als ich allein in meinem Zelte
war, auf und bat, die Sammlungen nach Kaschgar bringen zu dürfen.
Ich sprach meine Verwunderung aus, daß er mich gerade jetzt, da die
größten Schwierigkeiten und Gefahren begannen, verlassen wollte, doch
er antwortete ohne Bedenken „ja“. Er gab als Grund an, daß er sich
alt und müde fühle und fürchte, mir nicht von so großem Nutzen, wie
ich gedacht, sein zu können. Es tat mir freilich weh, mich von ihm zu
trennen, aber ich hatte gemerkt, daß er die Kosaken nicht ausstehen
konnte und die Muselmänner, unter denen er übrigens stets exemplarische
Disziplin gehalten hatte, sehr hart behandelte. Ich verdankte ihm viel
und wollte ihm auch jetzt einen Beweis meines Vertrauens geben. Daher
stellte ich für ihn folgendes Programm auf. Er sollte die Sammlungen
in zwei Monaten über Korla, Kutschar und Aksu nach Kaschgar führen,
bis Korla auf Kamelen, dann auf Arben, und für alle diese Städte gab
ich ihm Empfehlungsbriefe mit. Seinen rückständigen Lohn, 300 Rubel,
erhielt er in Gold, außerdem sollten ihm die Reisekosten für ihn selbst
und der Transport vergütet werden.
Von Kaschgar sollte er nach Osch heimreisen und dort fünf Monate
bleiben, dann aber wieder nach Kaschgar zurückkehren und einen Auftrag
ausführen, über den ihm Herr Petrowskij genauere Auskunft erteilen
würde. Es handelte sich nämlich darum, mir eine größere Geldsumme und
meine dann ganz gewiß sehr große Post nach Ladak zu bringen. Dieses
Vertrauen schmeichelte ihm und versöhnte uns beide mit der Bitterkeit
der Trennung.
Der alte Faisullah sollte ihn nach Kaschgar begleiten. Er war müde
und fürchtete die Gebirgsluft. Er hatte mir zwei Jahre treu und
mustergültig gedient und erhielt eine große Extrabelohnung in Silber
nebst einem Reitpferd. Die anderen versuchten vergeblich, ihn zu
überreden, uns zu begleiten, denn alle hielten viel von ihm, während
dagegen Islams Ausscheiden aus der Karawane nur Befriedigung erregte.
Am 5. Mai zogen sie mit ihren acht Kamelen, drei Pferden und drei bis
Korla gemieteten Leuten ab. Es stürmte an jenem Tage außerordentlich
heftig, und schon da, wo das Gäßchen auf einen offenen Platz mündete,
verschwand die Karawane in dichten Staubwolken. Ich hatte während des
letzten Jahres nicht viel von Islam Bai gesehen, denn er war stets,
während ich mich auf Reisen befunden hatte, als mein Karawan-baschi im
Hauptquartier geblieben. Niemand hatte sich bei mir über ihn beklagt,
aber nun, da er fort war, merkte man bald den Unterschied. Die Stimmung
wurde heiter und gemütlich, alle waren vergnügt und zufrieden, und
jeder ging mit Freude an seine Arbeit.
Islam Bai nahm eine gewaltige Post von mir mit. Ich hatte einen 216
Seiten langen Brief -- ein ganzes Buch -- an meine Eltern und außerdem
noch ausführliche Briefe an König Oskar und den Kaiser von Rußland
geschrieben. Ich hatte auch an viele meiner Freunde in der Heimat
geschrieben, namentlich an Adolf Nordenskiöld. Er empfing meinen Brief
einige Tage vor seinem Tode. Er war einer von denjenigen Freunden, die
man nur durch den Tod verliert.
Ein wichtiges Schreiben, das Mr. Macartney in Kaschgar befördern
sollte, war an Lord Curzon, den Vizekönig von Indien, adressiert. Ich
teilte ihm darin mit, daß ich zu Ende des Jahres wahrscheinlich in Leh
in Ladak einträfe, und bat ihn, in dieser Stadt eine Summe von 3000
Rupien aufnehmen zu dürfen. Ich erwähnte auch die Möglichkeit eines
kurzen Besuches in Indien und bat, in diesem Falle einen der Kosaken
mitbringen zu dürfen.
Der Weg, den ich wählte, um auf das tibetische Hochland
hinaufzugelangen, führt durch das enge Tal des Tscharchlik-su und
ist vor mir noch nie von einem Europäer versucht worden. Dieser Weg
ist aber für Kamele absolut unmöglich und selbst für Packpferde sehr
schwer. Wir mußten daher die Sache auf andere Weise einrichten. Die
große, schwerbeladene Karawane sollte von Tschernoff, Tscherdon und
Turdu Bai über Tattlik-bulak und Bag-tokai nach dem Westufer des
unteren Kum-köll geführt werden, wohin ich mich, nur von wenigen
Dienern begleitet, auf dem näheren, aber schwierigeren Wege durch das
Tal begeben wollte.
Am 8. Mai waren wir reisefertig (Abb. 224). Alle Lasten, einige
achtzig, standen in der Gasse vor dem großen Tore aufgereiht und wurden
nun schnell auf die Rücken der wartenden Tiere gelegt. Es war eine
gewaltige Karawane, die größte, die ich je zuvor unbekannten Geschicken
entgegengeführt hatte, die größte, die je unter Führung eines Europäers
in das Innere von Tibet eingedrungen ist. Sie wurde in verschiedenen
Abteilungen abgeführt und nahm den ganzen Weg nach dem Yamen ein.
Zuerst schwankten meine Kisten im Sonnenbrande fort, dann die Sachen
der Leute, die Zelte und das Boot, und darauf die verschiedenen
Proviantkarawanen, jede Abteilung mit ihren besonderen Führern.
Wieviel leichter ist es doch für einen Seefahrer oder eine Expedition,
die nicht weit bis zur Küste hat, mit großen Sammlungen heimzukehren!
Man braucht sie nur einzuschiffen. Im inneren Asien dagegen muß
jeder Gegenstand, den man zu Anfang der Fahrt erwirbt, Tausende von
Kilometern unter außerordentlich ungünstigen Verhältnissen auf Pferden
oder Kamelen mitgeschleppt werden. Die Lasten müssen jahrelang jeden
Morgen auf- und jeden Abend abgeladen werden. Ich verdanke es nur dem
Entgegenkommen des Dalai-Lama, daß die während dieser letzten Reise
in Tibet gemachten Sammlungen überhaupt aus dem Lande gebracht werden
konnten.
Bisher hatte ich in der großen, geräumigen Mongolenjurte gewohnt, die
jetzt aber von der Karawane mitgenommen wurde, während ich in die
kleine, nur aus einem Holzringe, etwa zwanzig Stangen und einigen
weißen Filzdecken bestehende Jurte übersiedelte. Sie war bis Ladak
meine Wohnung. Als der Umzug vor sich ging, fanden wir einen großen,
abscheulichen, strohgelbgrauen Skorpion unter einer der Kisten;
er hatte mir gewiß die ganze Zeit über in der Jurte Gesellschaft
geleistet, mir aber merkwürdigerweise nichts zuleide getan. Einer der
Leute dagegen wurde, als er den Pferden Stroh gab, von einem Skorpion
gestochen. Er mußte ein paar Tage liegen, ehe der Schmerz aufhörte. --
So setzte sich denn die Karawane in Gang. Zwei von den jungen Kamelen
liefen ungebunden mit ihren Müttern, die ihre Kinder ängstlich im
Auge behielten. Das jüngste Füllen dagegen, das erst ein paar Tage
alt war, wurde sorgfältig in Filzdecken gepackt und zwischen zwei
Kisten auf mein altes Reitkamel gelegt. Die Mutter ging unmittelbar
hinter ihm; sie brüllte unruhig und suchte ihr Junges, bis sie es in
seinem Versteck ausfindig gemacht hatte. Die Pferde waren von Fett und
Wohlergehen halb wild geworden; sie machten draußen auf der Straße
einen entsetzlichen Spektakel, schüttelten die Lasten ab und liefen
wild durcheinander. Doch sie trugen nur Proviantsäcke, und diese
konnten eine solche Behandlungsweise vertragen.
Es war ein großartiger Anblick, als dieser gewaltige Zug unter
Glockenklang, Geschrei, Rufen, Brüllen und Wiehern von unserem
ruhigen Serai und aus dem Schatten der Weiden fortzog. Nur wenige
Tiere sollten grüne Gärten wiedersehen und wieder im Stalle in ihren
Ständen Mais fressen. Wie fühlte ich mich jetzt reich als Besitzer all
dieser Herrlichkeit; wie mächtig erschien mir dieses Werkzeug, mit
welchem ich, wenn ich es richtig anwandte, große Teile von Tibet der
Wissenschaft würde erschließen können! Und doch überkam mich Wehmut,
als ich den bunten, gewaltigen, lebensfrohen Zug betrachtete. Nie haben
die Glocken der Kamele in so hohem Grade wie jetzt zum Begräbnis,
nein, zu einer ganzen Reihe von Begräbnissen geläutet! Ich ahnte, daß
dieser Weg für die meisten ein Todesweg werden würde, ein Weg, der
Tränen kostete, und daß die Route auf der Karte nicht zufällig mit Rot
eingetragen werden würde, -- sie kostete Blut!
Wie elend und armselig sollte diese prächtige Karawane am Ende des
Jahres aussehen, wie verringert an Zahl und geschwächt an Kräften! Nur
ein Fünftel bestand die Probe. Sogar ein paar der Männer starben, und
alle anderen, ich nicht zum wenigsten, waren kraftlos und erschöpft,
als wir Tibet durchzogen hatten. Es wurde die anstrengendste,
schwerste Reise, die ich je gemacht habe. Bei mehr als einer
Gelegenheit war ich dem Tode näher als damals, als ich 1895 in der
Wüste Takla-makan vor Durst verschmachtete; damals aber, in der Wüste,
dauerte das Leiden nur ein paar Wochen; hier in Tibet aber gehörten
Leiden zur Tagesordnung, nachdem die wirklichen Schwierigkeiten einmal
angefangen hatten. Ich mache lieber noch zehn Reisen durch die Wüste
Takla-makan als noch einen solchen Zug durch Tibet!
Tschernoff führte den Oberbefehl über die Pferde und hatte bestimmte
Befehle, wie er marschieren sollte. Turdu Bai war Chef der
Kamelkarawane. Sie sollten sich erst nach Abdall begeben und dann auf
dem bekannten Wege ins Gebirge hinaufziehen. In Abdall sollten sie 50
Schafe kaufen und auf Tscherdon warten, der von Kara-schahr dorthin
unterwegs war. Sie nahmen den Hirsch mit; er folgte den Kamelen treu
wie ein Hund und wurde mit größter Fürsorge behandelt. Sieben Hunde,
unter ihnen Malenki und Maltschik, die eben mit in der Wüste Gobi
gewesen waren, gehörten mit zum Zuge. Alles ging gut, und der Leser
wird sie alle nach etwa einem Monat am Ufer des Kum-köll wiedertreffen.
Jetzt lag unser Serai öde und still da; die Höfe standen leer, und wir
fühlten uns einsam und verlassen. Sirkin war jetzt mein Kammerdiener
und Li Loje mein Koch. Mollah Schah besorgte unsere Pferde. Nur diese
drei Leute hatte ich bei mir, nebst Jolldasch, der nie von meiner Jurte
wich.
Jetzt mußte nur noch die Eselkarawane auf den Marsch gebracht werden,
die über Owras-sai und Kara-tschokka gehen und bei Bag-tokai mit der
großen Karawane zusammentreffen sollte. Am Morgen des 13. war der alte
Dowlet Karawan-baschi fertig und hatte seine 70 Esel mit Mais beladen
und seine zehn Untergebenen mit Proviant und Pelzen ausgerüstet. So zog
nun auch diese Abteilung der Karawane, der eigentliche „Train“, ins
Gebirge hinauf.
Jetzt waren unsere Truppen geteilter als je zuvor. Ich selbst lag
in Tscharchlik, die Karawane war auf dem Wege nach Abdall, die Esel
zogen nach dem Aftin-tag, Schagdur war noch nicht aus Kara-schahr
zurückgekehrt, und Islam Bai würde mitten in der ärgsten Sommerhitze
mit meinen Sammlungen in Kaschgar eintreffen. Ich kam mir vor wie ein
Feldherr, der alle Fäden in seiner Hand halten muß. Es galt jetzt, so
mit den Truppen zu manövrieren, daß alles klappte und die Berechnungen
stimmten, wenn die rechte Zeit da war.
Am 14. Mai traf um die Mittagzeit ein Mann aus dem Dorfe Lop ein und
brachte gute Nachrichten von Schagdur, der mir jedoch schrieb, daß
seine Pferde sehr abgehetzt seien, weshalb Sirkin sich rüstete, um
seinem Kameraden mit drei frischen Pferden entgegenzuziehen. Als er
gerade fortreiten wollte, ritt die kleine Karawane schon in den Hof
ein. Nun waren alle unsere Besorgnisse wegen der Burjaten mit einem
Schlage beendet. Tscherdon hatte meinen Befehl in Tscheggelik-ui
erhalten und sich schleunigst im Kahne nach Abdall begeben.
Schagdur hatte seinen Auftrag natürlich in vortrefflicher Weise
ausgeführt. Er brachte die ganze mongolische Ausrüstung mit, deren wir
für unsere Pilgerfahrt bedurften, und obendrein noch einen wirklichen,
echten Lama, Schereb Lama, der 27 Jahre alt und aus Urga gebürtig war,
aber einem Tempel vor den Toren von Kara-schahr angehörte (Abb. 223).
Der Lama trug sein rotes Priestergewand, das eigentlich wie ein langer,
durch einen Gürtel zusammengehaltener Schlafrock aussah, und auf dem
Kopfe ein chinesisches rundes Käppchen. Ich kam ihm sehr freundlich
entgegen, damit er sich vom ersten Augenblick an bei uns heimisch
fühlen sollte, und begann sofort, meine eingerosteten Kenntnisse der
mongolischen Sprache wieder aufzufrischen. Es dauerte auch nicht viele
Wochen, bis ich mit dem Lama, wie wir ihn einfach nannten, ziemlich
fließend sprechen konnte. Er war die interessanteste Persönlichkeit
unserer reisenden Gesellschaft; der Leser wird bald seine Bekanntschaft
machen. Mit mir stand er schon nach wenigen Tagen auf sehr vertrautem
Fuße und kam stets zu mir, sobald er etwas auf dem Herzen hatte. Er war
bereit, sein Leben für mich zu lassen, und es ist wirklich ein Wunder,
daß er es um meinetwillen nicht verloren hat.
Schagdur hatte noch zwei Reisegefährten, alte Bekannte von uns,
mitgebracht. Der eine war Ördek, der den Tempel in Lôu-lan entdeckt
hatte, der andere Chalmet Aksakal von Korla. Es war ein recht
eigentümliches, interessantes Quartett, das jetzt die Bevölkerung
unseres leeren Serai vergrößerte, und die Stimmung wurde wieder heiter.
Jeder von den vier Gästen mußte vorbringen, was er auf dem Herzen
hatte. Zuerst berichtete Schagdur über seine Mission, zeigte seine
Abrechnung und lieferte den Rest der erhaltenen Summe wieder ab. Er
brachte ungefähr die Hälfte wieder, -- ein anderer Asiat hätte dieses
Geld natürlich in seine eigene Tasche gesteckt, aber Schagdur war ein
ehrlicher, redlich denkender Mensch. Schon der Gedanke zu stehlen wäre
ihm ganz absurd vorgekommen.
[Illustration: 206. Der Turm von Nordost. (S. 40.)]
[Illustration: 207. Abbruch eines Turmes. (S. 40.)]
[Illustration: 208. Haus mit stehengebliebenen Türen. (S. 40.)]
[Illustration: 209. Ausgrabungen im Buddhatempel. (S. 43.)]
[Illustration: 210. Schnitzereien in Pappelholz. (S. 43.)
Rechts ein Buddhabild, unter diesem ein Fisch.
Das Maß zur Linken ist 1 Meter.]
Ördek war gesund und munter und bat aufs flehentlichste, mitkommen
zu dürfen, gleichviel wohin und unter welchen Bedingungen. Als
er im vorigen Jahre um seine Entlassung bat, hatte er als Grund
eine bösartige Krankheit angegeben. Jetzt versicherte er, dies sei
gelogen und der wahre Grund der gewesen, daß Islam ihn mit dem Tode
bedroht habe, wenn er es wagen würde, sich in Temirlik sehen zu lassen.
Jetzt, da Islam uns verlassen hatte, zog sich ein Unwetter über ihm
zusammen. Ördek aber wurde unter denselben Bedingungen wie früher fest
angestellt, mußte sich alles Nötige besorgen und erhielt den Befehl,
den Eseln nachzueilen und mit ihnen nach dem Kum-köll zu ziehen.
Der Lama war im vorigen Winter von einer Pilgerfahrt nach Lhasa
zurückgekehrt, wo er eine Zeitlang in einigen Tempeln die heiligen
Bücher studiert hatte. Auf der Rückreise hatte er einen anderen Lama
aus Kara-schahr als Genossen gehabt und dabei in Zaidam Kosloffs
Expedition gesehen. Dies war das einzige Mal auf der ganzen Reise, daß
ich etwas von meinem russischen Freunde hörte.
Schereb Lama war sofort außerordentlich geneigt gewesen, die
burjatischen Kosaken nach Lhasa zu begleiten, und hatte ihnen so
viel von den Herrlichkeiten dieser Stadt erzählt, daß Schagdur vor
Sehnsucht brannte, dorthin zu kommen. Der Lama war aber mißtrauisch
gewesen und hatte gefragt, ob auch ein „Russe“ mitwolle, denn dann
könne er sich mit der Sache nicht befassen, -- das würde ihm das Leben
kosten. Schagdur hatte beteuert, daß kein Russe mitgenommen würde. Der
Lama erklärte mir nun, daß er mich gern überallhin begleiten wolle,
-- nur nicht nach Lhasa, und daß er mit einem Lohne von zwei Jamben
für die ganze Zeit zufrieden sei. Er erzählte dann allerlei von der
heiligen Stadt und der Wallfahrt und sagte, daß Lhasa schon in einer
Entfernung von zehn Tagereisen von Reitern und Grenzaufsehern umgeben
sei, die jede ankommende Karawane, ja jeden einzelnen Reiter gründlich
untersuchten. Alle würden auf diese Weise angehalten, und erst nachdem
ihre Pässe in Lhasa geprüft und von dort Bescheid gekommen sei, dürften
sie frei passieren. Die große Mongolenkarawane, die voriges Jahr an
unserem Lager in Temirlik vorbeigezogen war, sei zehn Tage aufgehalten
worden, weil man in Erfahrung gebracht, daß unsere Karawane an der
Grenze des Landes der Zaidammongolen lagere, und man wahrscheinlich
befürchtet habe, daß sich irgendein Unbefugter mit ihr einschleichen
wolle.
Darauf kam die Reihe an Chalmet Aksakal. Zuerst fragte ich ihn, ob
er mir einen großen Dienst erweisen wolle, was er selbstverständlich
bejahte. Er solle mir zehn Jamben Silber leihen, nach damaligem
Silberwert etwa 2000 Mark. Bald darauf reihte er die Silberbarren
in meinem Zelte auf. Ohne diese Verstärkung meiner Kasse würde ich
in Südtibet in eine äußerst unangenehme Lage geraten sein. Nach
meinem Diktat schrieb er einen Brief in türkischer Sprache an Herrn
Petrowskij, welches Schreiben von mir unterzeichnet wurde und als
Wechsel für besagte Summe galt, der auch rechtzeitig eingelöst wurde.
Nun war also endlich alles klipp und klar, und wir konnten am nächsten
Morgen, 15. Mai, aufbrechen. Daraus sollte jedoch nichts werden.
Um 5 Uhr fing es in außergewöhnlicher Weise an zu gießen, und der
Donner rollte dumpf in den Bergen -- ein passender Hintergrund zu der
traurigen Überraschung, die mir an diesem Abend bevorstand. Neue Wolken
ballten sich über dem armen Islam Bai zusammen!
Chalmet Aksakal beklagte sich darüber, daß Islam in Korla 27 Sär von
ihm entliehen und ihn, als er das Geld zurückgefordert, beschimpft und
verhöhnt habe. Jetzt behauptete er auch, wohlbegründete Veranlassung zu
der Vermutung zu haben, daß auch ich bestohlen worden sei. Ich begriff
gar nicht, was er meinte. Islam Bai? Nein, das war nicht möglich! Er,
der fünf Jahre lang mein Geschick geteilt hatte, mit mir in der Wüste
beinahe umgekommen war und so viele Beweise meines Vertrauens und
meiner Zuneigung erhalten hatte, er, der so viele Geschenke bekommen
hatte und höheren Lohn erhielt als alle anderen und der die goldene
Medaille für Treue und Redlichkeit trug!