Am 25. März begaben sich Chodai Kullu und Tokta Ahun vorweg nach

dem Standlager zurück. Merkwürdigerweise waren wir nur 3 Kilometer

voneinander entfernt gewesen, und doch hatte mein Kundschafter fünf

Tage gebraucht, um dorthin zu gelangen. Der Grund war der, daß

neugebildete, mächtige Wasserarme, die der Kara-koschun nach Norden

aussendet, unsere Lager trennten. Um nach ihrem Standlager zu gelangen,

mußte man entweder diese Seen umgehen oder die Flußarme überschreiten.

Jenes hatte die Hilfsexpedition getan, dieses wollten Tokta Ahun und

Chodai Kullu versuchen. Sie nahmen keinen Proviant mit, gingen zu Fuß

und schwammen schließlich, die Kleider in einem Bündel auf dem Kopfe,

über die breiten Ströme. Der Grund, warum sie nicht mit uns zu Lande

dorthin gingen, war, daß sie rechtzeitig wieder im Standlager sein

mußten, um die Fischer aus Kum-tschappgan dort zurückzuhalten.

Am nächsten Tage hatte unsere süße Rast ein Ende. Dieser Lagerplatz,

Nr. 170 auf meiner Karte, war einer der besten auf der Reise, einer von

denjenigen, die ich nie vergesse. --

Am 26. März führte uns der ganze Tagemarsch nach Norden, und wir

folgten meistens den Spuren der rettenden Reiter, die jedoch hier und

da schon unter Wasser standen, so hastig drängt der neue See nach

Norden.

[Illustration: 199. Meine Jurte in Chodai Kullus Oase. (S. 34.)]

[Illustration: 200. Chodai Kullu und sein wildes Kamel. (S. 34.)]

[Illustration: 201. Das geschossene Kamel. (S. 34)]

[Illustration: 202. Der erste Turm der untergegangenen Stadt. (S. 38.)]

Dieser eigentümliche nördliche Auswuchs des Kara-koschun kann zum Teil

auch auf den hydrographischen Verhältnissen im ganzen Tarimbecken

beruhen. Alle Flüsse Ostturkestans waren während des vorhergehenden

Sommers und Herbstes außergewöhnlich wasserreich, welcher Umstand

wahrscheinlich von dem größeren Schneeniederschlag in den Randgebirgen

herrührt. Dieser wieder würde sich nur aus größeren Gesichtspunkten,

wie der Verteilung des Luftdruckes, dem Vordringen der Winde und

besonders der Monsune, erklären lassen. Wenn der Zufluß reichlicher

ist, müssen auch die äußersten Seen des Tarimsystems zu größeren

Dimensionen als gewöhnlich anschwellen.

Einige vereinzelte Tamarisken und ein paar dürre Pappeln mahnten uns,

an einem Punkte zu lagern, wo die Spuren von Faisullahs Karawane sehr

deutlich waren. Faisullah hatte sich, wie wir, in diese scheußliche

Mausefalle hineinlocken lassen und war umgekehrt, um den wandernden See

im Nordosten zu umgehen.

Das Terrain war schwierig und wurde am folgenden Marschtage nicht

besser. Die Lehmrücken und die zwischen ihnen liegenden Rinnen sind

konsequent nach Nordosten gerichtet, und wir mußten sie in der

Quere überschreiten. Die Ausläufer des neuen Sees zeigen wie Finger

nach derselben Richtung. Wir gehen nach allen Himmelsrichtungen, um

ihnen auszuweichen, und erst, nachdem wir die äußersten hinter uns

zurückgelassen haben, können wir nach Westen und Südwesten ziehen. Da

aber hatten wir beinahe schon den halben Weg nach Lôu-lan zurücklegen

müssen. Hätte ich von der diesjährigen Wasserverteilung eine Ahnung

gehabt, so hätte das Nivellement auf die halbe Entfernung beschränkt

werden können.

Ich wunderte mich, an einigen Stellen dieser Gegend alten Kamelmist,

der manchmal in ziemlich großer Menge vorkam, zu finden. Daß es sich

dabei nur um wilde Herden handeln konnte, ist sonnenklar. Sie kreuzen

also die Wüste und kennen die Existenz der im Süden liegenden Seen. Und

sie können ruhig hierherkommen, denn jetzt begeben sich Menschen nur

äußerst selten hierher. Die Entfernung ist für diese schnellfüßigen

Tiere nur eine Kleinigkeit.

Die Reise nach Südwesten ging leichter, denn jetzt konnten wir uns

in den Windfurchen halten und ganze Strecken weit Faisullahs Spuren

folgen. Wenn wir bezweifelt hätten, daß es wirklich seine Karawane

gewesen, so hätte uns ein „lebender“ Beweis bald Gewißheit gegeben.

Dort lag ein totes Pferd, der Braune, den Schagdur geritten hatte.

Die Eingeweide waren weggeworfen und die weicheren und besseren

Fleischteile mitgenommen worden. Gewiß hatten sie keinen Proviant mehr

gehabt.

Wir machten an dem unfruchtbaren Ufer eines Seearmes Halt. Recht

eigentümlich war es, zu sehen, wie das Wasser nach Nordosten strömte,

d. h. wie der Ausläufer sich immer mehr nach dieser Richtung hin

vergrößerte und immer neuen Zufluß von Südwesten erhielt. Hier

befanden wir uns sicherlich gerade vor der nördlichen Depression der

nivellierten Linie, und die schwache Erhebung zwischen dem nördlichen

und südlichen Becken der Wüste, die wir nivelliert hatten, fehlt hier

oder hat hier eine Lücke.

Am 28. fuhren wir fort, den launenhaft gewundenen Ufern getreulich

zu folgen. Auch jetzt wurde eine interessante Beobachtung an einem

Tümpel gemacht, der sich gebildet hatte, seitdem Tschernoff vor sieben

Tagen eine Kartenskizze über die Gegend aufgenommen hatte (Abb. 218).

Er ist abgeschnürt und wird durch aus dem Boden hervorquellendes

Wasser gespeist. Seine Fläche (zirka 50000 Quadratmeter) gleicht der

Oberfläche eines kochenden Kessels, das Wasser sprudelt und wallt mit

einem singenden Tone. Das aufsteigende Quellwasser bringt Luftblasen

mit, die um jeden Herd Schaumblasen bilden. Manchmal wölbt sich das

Wasser dezimeterhoch, an einen Miniaturgeiser erinnernd, und es

plätschert im Tümpel, als ob große Fische mit dem Schwanze auf die

Wasserfläche schlügen.

Das spezifische Gewicht war 1,0036, und das Wasser erschien uns,

die wir an größeren Salzgehalt gewöhnt waren, beinahe süß; ein paar

Kannen davon wurden zum Abend mitgenommen. Um es so frisch wie möglich

zu halten, sollte Kutschuk aus der Mitte des Tümpels schöpfen, aber

im selben Augenblick war er verschwunden. Er war auf eine tückisch

versteckte Jarkante gelangt und plötzlich von ihr in tiefes Wasser

geraten. Da er nun einmal naß war, mußte er über den Tümpel schwimmen

und mit einer Zeltstange loten. Die größte Tiefe betrug 2,22 Meter --

und dieser kleine See hatte sich in einer Woche gebildet!

Während der kurzen Zeit unseres Aufenthalts am Ufer konnten wir sehen,

wie das Wasser sich nach den Seiten hin ausbreitete; neue kleine Arme

drangen in die Rinnen ein, neue Bodensenkungen füllten sich allmählich.

Wie weit würden diese wandernden Seen in diesem Jahre gelangen? Würden

sie bis an das alte Becken des Lop-nor vordringen? Nur neue Besuche in

der Gegend konnten diese Fragen beantworten.

Nun ging es weiter nach Westen, Südosten und Osten um die Seen herum,

wo der arme Chodai Kullu ohne Nahrung gewandert war. Wir fanden auch

den Punkt, wo Faisullah das Ufer verlassen und sich in die Sandwüste

hineinbegeben hatte.

Dieses Unternehmen sah so bedenklich aus, daß ich Schagdur der Spur

folgen ließ, um zu sehen, wo sie blieb. Nach dem Kompaß nahm er sie

eine Strecke von 10 Kilometer weit auf und konnte mich damit beruhigen,

daß die Karawane nur einen Umweg gemacht und dann wieder nach

Südwesten gegangen war. Hätte sie das Ufer nicht verlassen, so würde

sie nach einer weiteren Tagereise das Standlager der Hilfskarawane

erreicht haben.

Ein paar leere Konservenbüchsen verrieten den Punkt, an dem wir im

vorigen Jahr bei dem ersten Salztümpel das Lager aufschlugen, der,

wie wir damals meinten, vom Schirge-tschappgan herrührte. Der schmale

Arm, den wir damals mit Leichtigkeit durchwateten, war jetzt so

angeschwollen, daß man sowohl sich selbst wie die Kamele bequem darin

ertränken konnte.

Unser letzter Tagemarsch um den zeitraubenden See führte uns südwärts

nach Tokta Ahuns Standlager, wo wir ihn und Chodai Kullu in schönster

Ruhe in der Hütte fanden.

So hatten wir denn endlich nach dem anstrengenden, drückenden

Wüstenzuge diese heiß ersehnte Freistatt erreicht. Doch sie empfing

uns wenig gastfreundlich. Alle Leute aus Kum-tschappgan waren in dem

Glauben, daß wir südlich um den Kara-koschun herum kämen, nach Hause

gezogen. Indessen hatten sie zum Glück zwei Kähne hinterlassen, und

Proviant war reichlich vorhanden. Doch Tokta Ahun mußte sofort zu Pferd

nach Kum-tschappgan eilen, um frische Fische zu besorgen.

Am 30. machte Sturm alle Arbeiten im Freien unmöglich. Ich unterhielt

mich daher mit den Kosaken und lag die übrige Zeit lesend auf meinem

Bette.

Der Tag darauf war günstiger; es wehte wohl, aber jetzt konnten wir

die Wassermenge messen, die nordwärts nach dem alten Bette des Lop-nor

drängte. Die Wellenbewegung war für einen Kahn zu stark; wir banden

daher beide zusammen; Tschernoff und Chodai Kullu waren meine Ruderer.

Der Kosak wußte in diesen labyrinthähnlichen Schilfdickichten, die er

während der langen Wartezeit nach allen Richtungen hin durchkreuzt

hatte, außerordentlich gut Bescheid.

Es wurde jedoch eine ziemlich schwierige Arbeit. Chodai Kullu und

Tokta Ahun waren vor sechs Tagen auf ihrem Wege nach der Hütte über

acht bedeutende Strömungen geschwommen, mir gelang es aber nur, sechs

zu messen, die vollkommen deutlich und abgegrenzt waren und zusammen

32 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führten. Dieser Wert ist jedoch

sicherlich zu niedrig, denn viel fließendes Wasser ist in dem dichten

Schilfe verborgen. Jedenfalls fanden wir, daß jetzt kolossale Mengen

auf dem Wege nach Norden waren. Drei Millionen Kubikmeter Wasser

im Laufe eines Tages sind in Anbetracht der ungeheuren Flachheit

des Landes imstande, einen recht ansehnlichen See zu bilden. In dem

lebhaftesten Arme strömte es mit einer Geschwindigkeit von 0,55 Meter

in der Sekunde.

Es mag merkwürdig erscheinen, daß das Wasser noch nicht weiter als

ein paar Tagereisen nach Nordosten vorgedrungen war; aber wir müssen

bedenken, daß der strohtrockene Boden ungeheure Mengen aufsaugt; er

muß erst durchfeuchtet werden, ehe das unruhige Element seinen Weg auf

sicherer Unterlage fortsetzen kann.

Schön und frisch war es, in der sich jetzt klärenden Luft und dem

kühlenden Winde, der durch gelbe, dürre Schilfbestände sauste, wieder

einen ganzen Tag auf dem Wasser zuzubringen. Aber ich fühlte doch,

daß ich jetzt von diesen Sümpfen für einige Zeit genug hatte und das

Leben im Gebirge Abwechslungen ganz anderer Art und Erfahrungen von

wechselnderer, mannigfaltigerer Natur bietet.

Ich konnte das Land der wandernden Seen auch mit großer Befriedigung

und Dankbarkeit verlassen, denn ich nahm reiches Material von dort

mit. Ich hatte Manuskripte und Ruinen von Dörfern am Ufer eines Sees

gefunden; ich hatte naturgeschichtliche Beweise für das frühere

Vorhandensein des Sees gefunden; die Nivellierung hatte ferner

bewiesen, daß eine Depression im nördlichen Teile der Wüste existierte,

und schließlich, als unbestreitbares Siegel der Richtigkeit des Ganzen,

war ich mit eigenen Augen Zeuge gewesen, wie sich der See nach seinem

alten Bette hinbewegte, und zwar so schnell, daß wir genau überlegen

mußten, wie weit vom Ufer wir unser Nachtlager aufschlagen konnten.

Während der letzten Jahrzehnte oder seit Prschewalskijs Zeit hat der

Kara-koschun sichtliche Neigung zum Austrocknen gezeigt. Ich bin fest

davon überzeugt, daß wir nach Jahren den See wieder an der Stelle

finden werden, wo er nach chinesischen Angaben einst seinen Platz

gehabt haben soll und wo er, wie Richthofen in scharfsinniger Weise

theoretisch bewiesen hat, auch wirklich gelegen haben muß.

Daß in der Wüste, die nach meinem Nivellement so gut wie ganz

horizontal ist, derartige Verhältnisse herrschen, ist durchaus

kein Wunder. Der See Kara-koschun, der jetzt lange genug in ihrem

südlichen Teile gelegen hat, verflacht durch Schlamm, Flugsand und

verfaulende Pflanzenstoffe, während die nördliche, vertrocknete

Fläche der Wüste von den Winden erodiert und angefressen und dadurch

immer tiefer ausgemeißelt wird. Für diese Niveauveränderungen, die

von rein mechanischen, lokal atmosphärischen Kraftgesetzen diktiert

werden, muß der See, der das Endreservoir des Tarimsystems bildet,

außerordentlich empfindlich sein. Aus physischen Notwendigkeitsgründen

muß es schließlich dazu kommen, daß das Wasser sozusagen überfließt

und relativ niedrigere Depressionen aufsucht. Die Vegetation und das

Tierleben, sowie die Fischerbevölkerung und ihre luftigen Hütten

ziehen mit an die neuen Ufer, und der alte See trocknet aus. In der

Zukunft wiederholt sich dasselbe Phänomen in umgekehrter Ordnung,

aber von denselben Gesetzen vorgeschrieben. Erst dann wird man, mit

reichhaltigerem Materiale, die Länge der Periode bestimmen können. Was

wir jetzt schon mit voller Sicherheit wissen, ist, daß im Jahre 265 n.

Chr., im letzten Regierungsjahre des Kaisers Yüan Ti, der Lop-nor im

nördlichen Teile der Wüste lag.

Die Strecke, die wir am 1. April zurücklegten, kannte ich vom vorigen

Jahre, und es ist stets unangenehm, denselben Weg zweimal zu machen.

Etwas Abwechslung hatte ich jedoch dadurch, daß ich die neue Karte

mit der vorjährigen vergleichen und die großen Veränderungen, die

eingetreten waren, studieren mußte.

Jetzt nahte sich die Jahreszeit, in welcher die Abendkühle ein

willkommener Freund ist, unter dessen Schutz man sich von den Mühen

des Tages erholt. Bis jetzt hatten wir freilich noch nicht über Hitze

zu klagen brauchen, aber unser acht Monate währender Winter hatte

uns gegen Wärme empfindlich gemacht. An diesem Abend schwebten weiße

Wölkchen über der Erde; die Luft war rein, und der Mond verbreitete

sein klares Licht über dem Lande des wandernden Sees. Dann und wann

durchschneiden sausende Flügelschläge die Luft, man hört Enten

schnattern und Wildgänse schreien und gelegentlich auch das in dieser

Jahreszeit schwere, ungeschickte Flügelklappen der Schwäne.

Am 2. April ging es nach Südwesten weiter. Nias Baki Bek, Numet Bek

und unser alter Mollah kamen uns entgegen und meldeten, daß Faisullah

mit der ganzen ihm anvertrauten Karawane wohlbehalten in Abdall

eingetroffen sei. Am Ufer des Ak-köll machten wir Halt und warteten

beim Sonnenuntergang und frühzeitigen Mückentanz auf Boote.

Nachdem wir uns des herrlichen, kühlen Abends ein paar Stunden

erfreut und im Freien zu Abend gegessen hatten, hörten wir endlich

das Geplauder der Seeleute und Rudergeplätscher, und dann glitt ein

Geschwader von fünf Kähnen an unser stilles Ufer heran.

Sie führten uns und das Gepäck über den Ak-köll und ein Gewirr von

anderen Seen und zuletzt auf den Fluß hinaus, +Kona Abdall+, dem

alten Wohnorte Kuntschekkan Beks, wo ich 1896 gewohnt hatte, gerade

gegenüber. Starke Arme ruderten uns gegen die Strömung, den Tarim

aufwärts. Dank dem herrlichen Mondscheine konnte ich auch jetzt

die Route aufnehmen. Es war eine jener reizenden, unvergeßlichen

Mondscheinfahrten auf blankem Wasser, wie ich sie schon ein paarmal auf

diesen friedlichen Wasserwegen gemacht hatte.

In später Nacht erreichte mein schnelles Fahrzeug unser früheres

astronomisches Lager, wo unsere Hunde uns mit heftigem Gebell

empfingen, das sich aber im nächsten Augenblick, als sie uns

wiedererkannten, in Freudengeheul verwandelte.

Am folgenden Morgen maß ich die Wassermenge des Flusses, die jetzt

156,2 Kubikmeter in der Sekunde betrug und die größte war, die ich je

im Tarimbecken gefunden habe, aber zum Teil dem kalten, schneereichen

Winter und dem ungewöhnlich dicken, spät aufgetauten Eise zuzuschreiben

war.

Faisullah mußte ausführlich über seine Schicksale und Erfahrungen

seit unserer Trennung bei den Ruinen von Lôu-lan berichten. Er war 17

Tage unterwegs gewesen und hatte mehrere unerwartete hydrographische

Entdeckungen gemacht.

Um 10 Uhr abends kam wie ein Donnerschlag der „schwarze Sturm“ und

fegte alles, was nicht sicher befestigt war, nach Westsüdwest. Die

ganze Gegend war in diesen dunkeln, pfeifenden Sturm gehüllt, und der

Mond, der eben noch so kalt und hell gestrahlt hatte, wurde bleich und

matt. Das Licht in meiner Jurte brannte erst dann, als neue Filzdecken

über ihre Wölbung gezogen und alle Löcher und Ritzen verstopft worden

waren. Die Kosaken, die mit einer Messung bei Kum-tschappgan beauftragt

gewesen, kehrten erst um Mitternacht zurück und waren von den

spritzenden Wellen ganz durchnäßt.

Der nächste Tag ging verloren. Es war keine Möglichkeit, sich in diesem

undurchdringlichen Sturme auf den Weg zu machen. Ich hatte alle meine

Pläne im Tarim- und Lop-nor-Gebiete ausgeführt und von dem Leben in

den Kähnen Abschied genommen und sehnte mich nun nach Tibet. Aber

ich sollte Abdalls gastfreie Hütten nicht verlassen, ohne noch einen

Sturm erster Klasse als Abschiedsgruß zu bekommen. Und dieser war

eigensinnig; er dauerte 41 Stunden, und als er endlich aufhörte, war

die Luft mit feinem, dichtem Staube erfüllt. Das einzige Nützliche, was

wir tun konnten, war, drei vortreffliche Kamele zu kaufen; wir hatten

jetzt im ganzen 17 Stück.

Drei langweilige Tagereisen, wieder bei Sturm, trennten uns von unserem

Hauptquartier in Tscharchlik, wo wir am Abend des 8. April von einer

ganzen Kavalkade von Reitern empfangen wurden, die uns zwischen den

einzeln liegenden Gärten durch nach unserem Serai geleiteten.

Achtes Kapitel.

Islam Bais Schicksal.

Jetzt folgte eine ebenso herrliche wie notwendige Ruhezeit in der

kleinen Stadt am Rande der Wüste. Eigentlich aber kann ich es

kaum Ruhezeit nennen, denn ich arbeitete auch jetzt vom Morgen

bis zum Abend. Wir hatten unzählige Angelegenheiten zu ordnen und

vorzubereiten, denn jetzt stand die schwerste Aufgabe des ganzen

Reiseprogramms bevor: der letzte große Aufbruch nach Tibet.

Wir bewohnten ein außerordentlich nettes Serai in der Nähe des

chinesischen Yamen. Von einer zwischen grauen Lehmmauern eingehegten

Straße trat der Besucher in einen Hof mit Stallungen für unsere Pferde

und Maulesel. Auf der entgegengesetzten Seite des Stallhofes führte

eine Pforte in das große Gemach, in dem die Muselmänner wohnten; von

hier ging ein Korridor nach der Wohnung der Kosaken. Eine kleine, neben

letzterer liegende Kammer hatte Sirkin bereits als photographische

Dunkelkammer eingerichtet.

Hinter diesem Hause erstreckte sich ein ziemlich großer, ummauerter

Garten mit Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln, und hier wurde auf einem

schattigen Platze die große mongolische Jurte für mich aufgeschlagen.

An den Toren des Serai stellten wir nachts stets Wachen auf, und im

Garten ebenfalls. Als Gesellschaft in meiner friedlichen Wohnung, in

die keine neugierigen Blicke drangen, hatte ich Jolldasch und den

großen schwarzen, bösen Jollbars (Tiger), der einst in Jangi-köll von

einem wütenden wilden Eber so arg zugerichtet worden war. Er konnte

keine Fremden leiden, nur gegen mich war er fromm wie ein Lamm.

Ein Hirsch, ein schönes, prächtiges Tier aus den Wäldern des

Tschertschen-darja, den mir Dschan Daloi, der Gouverneur des Ortes,

geschenkt hatte, war an einen Baum festgebunden; er war zahm wie ein

Hund und wurde von mir mit Brot gefüttert (Abb. 219). Ich konnte ihm

stundenlang Gesellschaft leisten, und wir wurden bald die besten

Freunde. Er war jung eingefangen worden, und seine großen, braunen

Augen suchten nicht mehr mit wehmütigen Blicken eine Gelegenheit, nach

den friedlichen Verstecken der Wälder zurückzufliehen.

Nur die allerersten Tage ruhte ich wirklich in dem Lehnstuhle, den mir

Islam in den Grotten von Temirlik gezimmert hatte. Ich widmete diese

Zeit der gewaltigen Post, die mir der Dschigit Jakub kurz vorher aus

Kaschgar überbracht hatte; erst kamen natürlich die Briefe aus meinem

geliebten Elternhause, dann ganze Ballen von schwedischen Zeitungen und

zuletzt einige neue Bücher von meinen Lieblingsschriftstellern, Selma

Lagerlöf, Kipling und anderen.

Die Abende wurden zum Entwickeln benutzt; alle Platten, die in den

letzten vier Monaten aufgenommen worden waren, wurden fertiggemacht

und gaben gute Bilder. Sirkin war mir hierbei eine unschätzbare Hilfe.

Er brachte die Dunkelkammer vor und nach ihrer Benutzung in Ordnung,

wußte genau mit den verschiedenen Chemikalien Bescheid, überwachte das

Trocknen und kopierte die Platten ~con amore~. Außerdem besorgte

er das meteorologische Observatorium, das seinen Platz auf dem Dache

hatte, wo es vor der Sonne gut geschützt war. Was seine Kameraden

betrifft, so hatte Tschernoff die Oberaufsicht über alles, was mit der

Karawane, unserer täglichen Kost und meiner Küche zu tun hatte; er war

mein Koch, während Tscherdon mein Kammerdiener war.

Doch schon am 12. April erhielten die beiden burjatischen Kosaken

einen besonderen Auftrag auszuführen. Ein Punkt des Programms meiner

letzten großen Reise war der Versuch, wenn irgend möglich, als Mongole

verkleidet, nach Lhasa zu gelangen. Daher mußte eine vollständige

Ausrüstung an mongolischen Kleidern, Utensilien, Kisten, Geschirr usw.

angeschafft werden; mit einem Worte alles, was man bei den Mongolen,

die die Wallfahrt nach der heiligen Stadt machen, zu finden pflegt.

Alles dieses sollte Schagdur, der von allen Karawanenleuten allein in

meine Pläne eingeweiht war, bei einem Besuche in Kara-schahr einkaufen.

Damit er sich auf dieser langen Reise, zu der ihm ein Monat zur

Verfügung stand, nicht gar zu einsam zu fühlen brauchte, gab ich ihm

Tscherdon als Begleiter mit. Sie bekamen ausgeruhte Pferde, kannten

beide den Weg, waren schon in Korla und Kara-schahr gewesen und waren

alle beide so klug und zuverlässig, daß ich mich ihretwegen keinen

Augenblick zu beunruhigen brauchte.

[Illustration: 203. Aussicht nach Südwesten von dem Tora des

Hauptquartiers. (S. 38.)]

[Illustration: 204. Das Haus in der unmittelbaren Nähe des Lagers. (S.

38.)]

[Illustration: 205. Der Lehmturm von der Südseite. (S. 38.)]

Die Tage verrannen gar zu schnell, aber jeder Tag hatte seine Arbeit.

Ich tröstete mich damit, daß es für das Gebirge noch zu früh sei;

sogar hier unten fing das Grün jetzt erst an auszuschlagen, im

Hochgebirge würde es bis zum Aufsprießen des Grases wenigstens noch

sechs Wochen dauern. Unterdessen mußten unsere Tiere ruhen, fressen

und zu den ihnen bevorstehenden schweren Strapazen Kräfte sammeln.

Sie erhielten Kamisch und Mais in Menge und wurden von ihren Knechten

mustergültig gepflegt. Turdu Bai war der Herr der Kamele und stand für

ihr Wohlergehen ein. Die Kerntruppe der Karawane wurde mit zwanzig

neuen Kamelen, die Islam Bai in Tscharchlik kaufte, verstärkt. Als wir

schließlich aufbrachen, hatten wir nicht weniger als 39 Kamele, unter

denen jedoch drei Junge waren. Das letzte von diesen wurde am 6. Mai

geboren und beinahe unmittelbar darauf von uns in Augenschein genommen.

Das arme Kleine konnte kaum auf seinen langen, zitternden Beinen stehen

und betrachtete mit neugierigen, aufmerksamen Blicken die unruhige

Welt, die es umgab. Binnen weniger Tage sprang es jedoch ganz lustig

und heimisch auf dem Stallhofe umher und wurde bald der Liebling aller.

Es wurde mit besonderer Sorgfalt gepflegt und begleitete uns auf dem

größten Teile der Reise durch Tibet, und als es starb, hatte es seine

beiden Kameraden längst verloren (Abb. 220).

Die Kamele wurden tagsüber auf die Weide, bei Sonnenuntergang aber nach

einem offenen Platze vor unserem Hofe geführt. Dort erhielten sie als

Abendfutter Mais, der ihnen sackweise auf Matten geschüttet wurde.

Die Pferde und Maulesel fraßen im Stallhofe aus ihren Krippen. An

heißen Tagen nahmen sie ein Bad in einem großen Teiche, der inmitten

dichtbelaubter Weiden vor der Eingangspforte des Serai lag, und hier

versammelten sich stets Scharen von Reisenden und Neugierigen (Abb.

221).

Der Unterhalt der immer größer werdenden Karawane wurde ziemlich teuer.

Alle die neuen Diener, die nach und nach in meine Karawanenliste

eingeschrieben wurden, sollten beköstigt werden und Lohnvorschuß

erhalten. Täglich wurde mindestens ein Schaf geschlachtet, und Massen

von Reis, Brot und Eiern wurden aufgegessen. Andererseits aber war es

ein großer Vorteil, daß alle, Menschen und Tiere, die jetzt ins Feuer

sollten, Kräfte für die schweren Tage sammelten.

Schon bei unserer Rückkehr nach Tscharchlik hatte Islam Bai den

Proviant der ganzen Karawane für eine etwa zehnmonatige Reise

angeschafft. Er bestand aus Reis, Mehl und Talkan (geröstetes Mehl,

das, mit Wasser angerührt, als Suppe gegessen wird). Später sollte eine

ganze Schafherde gekauft werden; im übrigen würde der Ertrag der Jagd

so reich werden, daß es uns, auch abgesehen von den Schafen, nicht an

frischem Fleische zu fehlen brauchte.

Für mich selbst hatte ich ein paar hundert Konservenbüchsen, die mir

Oberst Saizeff in Osch besorgt hatte; sie wurden mir jedoch bald

so zuwider, daß die Kosaken den größeren Teil davon nehmen mußten.

Eingemachte Früchte, Gemüse und Suppen blieben jedoch die ganze Zeit

genießbar.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 9 / 42 段