Jetzt begann wieder das Leben ~à la~ Robinson Crusoe. Unser

erster Gedanke war, uns etwas Eßbares zu verschaffen. Schagdur zog mit

der Schrotflinte aus und kam mit zwei fetten Enten wieder, die wir

brüderlich teilten. Kutschuk wollte nicht hinter ihm zurückstehen;

er wollte sein Glück im See versuchen. Ein improvisiertes Boot

wurde hergestellt, -- es war nicht das erstemal, daß ich mich als

Schiffsbaumeister versuchte. Den Hauptbestandteil bildete meine

wasserdichte Instrumentkiste. An ihren Langseiten wurden die Hälften

der jetzt überflüssig gewordenen Nivellierlatte und an diesen die

leeren Schläuche festgebunden. In diesem etwas unbequemen Fahrzeuge,

das mit einem Spaten gerudert wurde, navigierte Kutschuk auf den

flachen Sümpfen. Fische sah er jedoch nicht. Das Wasser war zu salzig,

und es fehlte dem See an Vegetation.

Unterdessen rechnete ich das Resultat des Nivellements aus. Wir waren

noch 55 Zentimeter gefallen. Es stellte sich demnach heraus, daß das

Nordufer des Kara-koschun 2,272 Meter unter dem Ausgangspunkt in

Lôu-lan liegt; im ganzen hatte der Fall kaum 2⅓ Meter auf 81,6

Kilometer betragen. Ich hatte nicht nur bewiesen, daß infolge des

Reliefs des Landes ein See im nördlichen Teile der Lopwüste existiert

haben +kann+, sondern auch, daß ein solcher dort tatsächlich sein Bett

gehabt hat.

Hier ist nicht der Ort, diese merkwürdige Linie in ihren Einzelheiten

zu analysieren. Ich will nur daran erinnern, daß, obgleich der

Ausgangspunkt wie der Endpunkt willkürlich waren, die Linie selbst

doch ihre unanfechtbare Beweiskraft behält. Der Ausgangspunkt wurde

zufällig von unserem Lager in Lôu-lan gewählt, der Endpunkt am

Spiegel des Kara-koschun, der veränderlich ist; der See war in dieser

Jahreszeit ansehnlich gefallen. Wenn das Wasser der Eisschmelze

hierher gelangt, steigt er wieder und dann verringert sich der

Höhenunterschied noch mehr. Damit jedoch eine solche Linie vollen Wert

habe, ist erforderlich, daß man nach dem Ausgangspunkte zurückkehrt

und eine Kontrolle der Ablesungen erhält, deren Summe ±0 sein soll.

Entsteht ein Fehler, so kann er auf die ganze Linie verteilt werden.

Aber die Zeit erlaubte mir nicht umzukehren, und die Jahreszeit war

auch schon zu weit vorgeschritten. Ihren Hauptzweck hatte auch die

einfache Nivellierungslinie erfüllt, indem sie das Vorhandensein einer

Depression bewiesen hatte.

Ganz passend für uns erhob sich der vierte Sandsturm des Frühlings am

Abend. Wäre er um die Mittagszeit gekommen, so wären wir gezwungen

gewesen, die Arbeit zu unterbrechen und in der Nähe des Sees zu bleiben

und zu warten -- und das wäre ein langes Warten geworden. Denn während

der beiden Tage und drei Nächte, die wir am Ufer lagerten, ging ein

heftiger Wind; die Luft war so dick wie trübes Wasser, und der Sand

regnete in meine Jurte.

Es reute mich, daß ich Chodai Kullu hatte gehen lassen; wir vermuteten

aber, daß er die Nacht irgendwo untergekrochen sein würde. Das

Einzige, was er bei sich hatte, waren Streichhölzer zum Anzünden von

Signalfeuern, aber so wie das Wetter jetzt war, hätte man ein Feuer

keine 200 Meter weit sehen können. An einem Punkte am Strande, wo

altes, welkes Schilf von den Stürmen nach Südwesten niedergebrochen

war, steckten wir dieses in Brand. Der dicke Rauch würde vielleicht

nach dem Lager der Entsatzkarawane hintreiben und unsere Ankunft

signalisieren.

Als Chodai Kullu auch am zweiten Tage nichts von sich hören ließ,

wurden wir unruhig. Hier war entschieden irgendetwas nicht in

Ordnung. Vergebens spähten wir am Strande umher; aber keine anderen

Erscheinungen als unsere eigenen Kamele tauchten aus dem Nebel auf. Wir

konnten nicht lange so untätig liegen bleiben. Glücklicherweise schoß

Schagdur fünf Enten, die sofort am Feuer gebraten und verzehrt wurden,

obwohl sie stark mit Flugsand gepfeffert waren.

Am allermeisten plagte mich die Sehnsucht nach der Post, denn auch sie

mußte sich in Tokta Ahuns Lager befinden. Der Tag war endlos lang, und

kein Kundschafter ließ sich blicken. Die Lage wurde nicht angenehmer

durch den ewig umherwirbelnden Flugsand, der gegen die Jurte klatschte

wie feiner Staubregen gegen eine Kutsche.

Auch am 19. März verhinderte mich der Sturm, eine wünschenswerte

Breitenbestimmung zu machen. Wie schon erwähnt, haben wir keinen Reis

mehr, und wir sind fürchterlich hungrig -- so schlecht hatte ich es

seit den Takla-makan-Tagen im Jahre 1895 nicht mehr gehabt.

[Illustration: 194. Auf dem Wege nach Altimisch-bulak. (S. 32.)]

[Illustration: 195. Das angeschossene Kamelweibchen. (S. 32.)]

[Illustration: 196. Reinigung des Kamelskeletts im Lager in

Altimisch-bulak. (S. 32.)]

[Illustration: 197. Aus der Oase Altimisch-bulak. (S. 33.)]

[Illustration: 198. Prüfung des Nivellierinstruments bei

Altimisch-bulak. (S. 33.)]

Schagdur machte auf einem Ausfluge eine unerwartete Entdeckung. Er

hatte weiter westlich einen See gefunden, der sich nach Nordwesten und

Norden erstreckte, und längs des Ufers hatte er Chodai Kullus Fußspuren

gesehen. Wir befanden uns augenscheinlich in einem Labyrinth von

verwickelten Wasserflächen. Vielleicht hatten sie auch Tokta Ahun den

Weg verlegt. Jetzt mußte ein Entschluß gefaßt werden. Wie wäre es, wenn

wir uns um die anderen gar nicht kümmerten und östlich und südlich um

den Kara-koschun herum auf eigene Hand nach Abdall zögen? Doch nein,

wir hatten keinen Proviant, und in wenigen Tagen würde unsere Lage

verzweifelt sein. Für alle Fälle mußte sich Kutschuk nach Osten begeben

und rekognoszieren. Er kam wieder, nachdem er 11 Kilometer zurückgelegt

hatte, hatte einige alte, längstverlassene Kamischhütten gefunden,

einen Hügel bestiegen und dort die offene Wasserfläche gar bald im

Nebel verschwinden sehen.

Am Morgen des 20. war es klar, daß wir nicht länger auf Chodai Kullu

rechnen durften. Ohne Zweifel hatte er die anderen überhaupt nicht

gefunden, und es wäre ein Glück, wenn es ihm wenigstens gelungen wäre,

menschliche Wohnungen zu erreichen, bevor er vor Hunger zusammenbrach.

Als wir von diesem unwirtlichen Strande, den wir zuerst mit so

hoffnungsvollen Gefühlen erblickt hatten, eilfertig aufbrachen, war der

Himmel noch grau und schwer. Am Ufer hatte sich ein schmaler Eisrand

von 2 Zentimeter Dicke gebildet, womit ein halber Sack gefüllt wurde,

und es war schön, daß man nicht mehr nötig hatte, sich das noch in den

Schläuchen vorhandene, fast untrinkbare Wasser hinunterzuquälen.

Die Kamele waren ausgeruht und hatten leichte Lasten, so daß wir

schnell marschieren konnten. Wider Erwarten zwang uns das Seeufer

nach Nordwesten und Norden zu gehen. Links hatten wir die größten

Wasserflächen, die ich je im Kara-koschun gesehen habe, rechts die

Wüste. Diese Seen aber waren seicht; die Enten, die zu Tausenden

vorkamen, schnatterten und tauchten weit vom Strande.

Nach mehrstündigem Marsch bestieg ich mein altes Reitkamel vom vorigen

Jahre. Ich beherrschte nun einen weiteren Horizont als die Fußgänger

und konnte sie rechtzeitig warnen, nicht gerade auf Sümpfe und Kanäle

loszugehen.

Etwa 80 Meter vom jetzigen Seeufer erblickten wir in dem schmalen

Dünengürtel wieder Spuren von menschlichem Besuch. Es waren zwei

bis an den Dachfirst im Sande begrabene Kamischhütten. Gegen die

eine war ein Kahn gelehnt, dessen Vordersteven zwei Fuß weit aus dem

Sande hervorguckte. Der Fund war von Interesse. Die Hütten, das Boot,

die Hausgeräte, die wir fanden, zeigten, daß sich Fischerfamilien

wahrscheinlich noch vor wenigen Jahrzehnten in dieser Gegend

aufgehalten hatten.

Mein erster Gedanke war, zu versuchen, ob sich nicht aus dem Kahne

Nutzen ziehen ließe. Die Leute machten sich sofort daran, ihn

auszugraben. Wäre er noch gut im Stande, so könnte man ihn zum

Rekognoszieren, Fischen und Tiefenloten gebrauchen. Sie hatten 2 Meter

von ihm freigelegt, als sich eine klaffende Spalte zeigte; er wurde

nun unbarmherzig der Vernichtung, die schon einen Teil seines Rumpfes

verzehrt hatte, wieder überlassen.

Endlich bog das Seeufer gerade nach Westen ab, und wir machten es

ebenso. An seinem Rande stand das Schilf etwas dichter. Schagdur konnte

noch eine verlassene Hütte als Deckung benutzen, als er eine Schar

Enten beschlich. Er kehrte mit nicht weniger als sieben von ihnen

zurück und wurde mit Jubel empfangen -- wir konnten damit gut zwei Tage

lang die Lebensgeister aufrechterhalten.

Unser See sah noch immer sehr umfangreich aus; sein Südufer war nicht

zu sehen, sondern verschwand im Nebel.

Chodai Kullus Spur war fast den ganzen Tag deutlich zu erkennen. Doch

als der See auch in dieser Richtung aufhörte und wir über ödes Land

nach Südwesten zogen, zeigte es sich, daß der Mann nach Nordwesten

gegangen war. War er verrückt geworden? Hatte er wieder in die Wüste

hineingewollt? Jedenfalls mußten wir seine irrende, vergeblich suchende

Spur verlassen, um mit den Seen in Fühlung zu bleiben. An einigen

salzigen Tümpeln, wo die Kamelweide gut und Brennholz reichlich war,

lagerten wir und bedienten uns des am Morgen mitgenommenen Eisvorrates.

Spät am Abend, als die Luft ein wenig klarer geworden war, zündeten

wir wieder große Feuer von dürren Tamarisken an. Doch sie loderten

auf, sprühten, glühten und verkohlten, ohne Antwort zu erhalten. Still

war die Nacht, kein verdächtiges Geräusch war zu hören, keine Reiter

kamen mit frohen Nachrichten ins Lager angesprengt, und keine Spur

von einem Kundschafter war zu entdecken. Meine Besorgnis und Ungeduld

wurden immer größer. Auf Chodai Kullu rechneten wir nicht mehr.

Faisullah mußte jetzt glücklich in Kum-tschappgan angekommen sein.

Warum ließ aber Tokta Ahun nichts von sich hören? Er hatte, als wir

uns am Anambaruin-gol trennten, Befehl erhalten, uns hier rechtzeitig

entgegenzukommen. Er mußte bereits seit mehreren Tagen am See sein.

Warum ließ er sich denn nicht blicken? Ich wußte, daß ich mich auf ihn

unbedingt verlassen konnte. War ihm auf der Rückreise nach Tscharchlik

ein Unglück zugestoßen und hatte er diesen Ort überhaupt nicht

erreicht? Oder hatte er sich nur durch diese seltsamen, wandernden

Seen, die sich von einem Jahr zum anderen bis zur Unkenntlichkeit

verändern, auf eine falsche Straße locken lassen? Wann würden wir

Antwort auf alle diese Fragen erhalten? Dunkel umhüllte uns die Nacht,

und die ersterbenden Feuer ließen nur noch schwache Rauchsäulen

aufsteigen.

Am nächsten Tage ging es in derselben Richtung weiter, bald an See-

und Buchtufern entlang, bald über kahle Steppen. Schagdur kroch,

einer wilden Katze gleich, den Enten nach und erlegte wieder einige.

Ein wilder Eber rannte in so wildem Laufe durch das Schilf, daß der

Staub hoch aufwirbelte. Er war gar nicht scheu; es war ja auch nie ein

Flintenlauf auf ihn gerichtet gewesen, da er zu seinem eigenen Heil

nach dem Koran ein unreines Tier ist.

So gelangten wir an einen neuen See, wo das Schilf dichter war als

bisher. Ich ritt auf meinem sicheren, wiegenden Kamele und nahm die

Umrisse dieser unbeständigen Seen auf einer Karte auf, wohl wissend,

daß die Verteilung von Wasser und Land hier in ein, zwei Jahren ganz

anders aussehen würde.

Jetzt gebot uns ein schmaler Wasserarm Halt, der uns den ganzen Rest

des Tages völlig verdarb. Er war nur ein paar Meter breit und wenig

tief, aber sein Boden bestand aus so weichem, gefährlichem Schlamm,

daß wir nicht daran denken konnten, die Kamele hinüberzuführen. Wir

umgingen ihn südwärts und waren bald auf allen Seiten von Wasser

umgeben. Im Norden dehnten sich neue Seen aus. Als wir lagerten,

nachdem wir vergeblich nach einem Ausweg aus diesem Labyrinth gesucht

hatten, war das Land nur nach der Seite, von der wir gekommen waren,

hin offen, und obgleich wir nach Südwesten sollten, mußten wir am

Morgen doch nach Nordnordosten zurückgehen.

Nie hat der Kara-koschun in so hohem Grade wie jetzt auf mich den

Eindruck eines Sumpfes gemacht. Er besteht hier nicht aus wirklichen

Seen, sondern nur aus seichten Überschwemmungen.

Während der Nacht hatten sich neue Wasserarme gebildet, und wir mußten

früh aufbrechen, um nicht ganz auf einer Insel eingesperrt zu werden.

Wir selbst hätten wohl über das Wasser kommen können, aber die Kamele!

Dieser eigentümliche Schor-Boden, der ziegelhart wird, sobald er

trocknet, wird breiweich, sobald er überschwemmt wird.

Es erfordert mehr als Geduld, in seinen eigenen Fußspuren wieder

zurückzugehen und statt Terrain zu gewinnen, schon gewonnenes wieder zu

verlieren.

An einem breiten Wasserarme sahen wir wieder Chodai Kullus Spur. Er

war entschieden hinübergeschwommen, denn die Spur verschwand nachher.

Wo mochte der Arme geblieben sein? Jetzt waren es fünf Tage, seit ich

ihn fortgeschickt hatte. Daß er, wenn er überhaupt noch lebte, nicht

zurückkommen würde, war klar, denn ich hatte ihm gesagt, daß wir,

wenn er zu lange ausbleibe, östlich und südlich um den Kara-koschun

herumgehen würden.

Am 23. März wanderten wir längst einer durch kleine Stromarme

miteinander verbundenen Seenkette nach Nordosten weiter. Ich ging weit

voraus. Die Gegend war unfruchtbar. Ich sah mit eigenen Augen, wie

der Kara-koschun nach Norden und Nordosten, nach dem alten Bette des

Lop-nor zurückgesogen wurde. Konnte ich wohl einen deutlicheren Beweis

dafür erhalten, daß meine Theorien von 1896 richtig waren? Es wurde mir

immer klarer, daß sowohl Tokta Ahun wie Chodai Kullu und möglicherweise

auch Faisullah sich bei den Veränderungen, die in diesem Jahre hier

vor sich gegangen waren, nicht hatten zurechtfinden können. Was sie

vorfanden, stimmte durchaus nicht überein mit den Beschreibungen, die

ich ihnen gemacht hatte.

Müde und traurig machte ich an einem Punkte Halt, wo der Wasserarm

sich auf 7 Meter verengte, um sich bald darauf in einen See zu

ergießen (Abb. 217). Als die Karawane angelangt war, wurde die Stelle

untersucht. Der Boden trug uns, denn er bestand aus hartem, blauem Ton,

und an den feuchten Ufern sanken die Kamele nicht mehr als einen Fuß

tief ein.

Um zu erfahren, wie das Land im Norden aussah, schickte ich Schagdur

auf Kundschaft aus. Nach einer guten Weile tauchte er am Ostufer des

unteren Sees auf und winkte uns wie toll, dorthin zu kommen. Ich zog es

jedoch vor, mündlichen Bescheid abzuwarten, weshalb Schagdur sich auf

die Beine machte. Als er atemlos in Hörweite gekommen war, deutete er

nach Südwesten und rief. „Reiter, Reiter!“

Richtig: in einer Staubwolke erschienen zwei Reiter, die sich uns so

schnell näherten, wie die Pferde nur zu laufen vermochten. Schagdur

erzählte, daß er an dem Punkte, wo er uns gewinkt hatte, ganz frische

Spuren von fünf Pferden gesehen und ein paar Minuten später die Reiter

erblickt habe.

So hatte denn endlich die Stunde unserer Befreiung geschlagen! Mit

größter Spannung sahen wir diese willkommenen Boten über den Boden

sprengen und beobachteten sie mit dem Fernglase. Bald erkannten wir

Tschernoff und Tokta Ahun!

Siebentes Kapitel.

Der wandernde See.

Nie bin ich mit einem alten treuen Diener mit größerer Wärme und Freude

wieder zusammengetroffen als in dieser Mittagsstunde! Tschernoff, mein

vortrefflicher Kosak, war auch so froh, daß er zitterte, und seine

Wangen glühten vor Eifer. Er brannte vor Begierde, mir alles erzählen

zu dürfen; er wußte, daß ich durch ihn den abgeschnittenen Faden

wiedererhalten und von neuem mit der Welt, von der ich über ein halbes

Jahr abgeschlossen gewesen war, in Berührung treten würde.

Was jedoch im ersten Augenblick mein besonderes Interesse erregte, war,

daß er nach meinem Lager hatte zurückkehren können. Im vorigen Sommer

war uns mitgeteilt worden, daß alle semirjetschenskischen Kosaken

auf ihren Posten sein müßten, weil die politische Lage in Asien für

unruhig gelte. Doch der Kaiser hatte die unendliche Güte gehabt, mit

meinen beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff eine Ausnahme zu machen.

Am letzten Juni 1900 hatten sie sich von mir getrennt und waren nach

Kaschgar geritten, wo sie jedoch erst einige Monate geweilt hatten,

als Generalkonsul Petrowskij aus Petersburg ein Telegramm mit dem

Befehl im Namen des Kaisers erhielt, daß die beiden Kosaken Sirkin und

Tschernoff sich augenblicklich nach meinem Lager zu begeben hätten,

wo ich mich auch befinden möge. Als dieser Befehl an einem Sonnabend

Nachmittag eingetroffen war, hatte der Konsul die Kosaken rufen lassen

und ihnen befohlen, Pferde zu kaufen und am nächsten Morgen abzureisen.

Sie hatten gefragt, ob sie nicht den Sonntag über noch dort bleiben

dürften, aber ein kaiserlicher Befehl duldet keinen Aufschub.

So saßen sie denn am Sonntag Morgen im Sattel und nahmen meine

ganze große Post, 27 Jamben Silbergeld, einige Instrumente und

photographische Utensilien mit, und nun ging es über Aksu und Korla

nach Tscharchlik, das sie nach 48tägigem Ritt Ende Dezember erreichten.

Da sie mich dort nicht gefunden hatten, beschlossen sie meine

Rückkehr zu erwarten und benutzten die Zeit gut. Sirkin übernahm die

meteorologischen Ablesungen, Tschernoff begab sich nach dem Delta

des unteren Tarim, über dessen neueste Veränderungen er eine Reihe

wohlgelungener Kartenskizzen ausführte. Da er des Schreibens unkundig

war, nahm er einen Mirsa (Schreiber) mit, der alles notierte. Die ganze

Rekognoszierung brachte mir viel wichtige Aufklärung und wurde später

in Tibet in freien Stunden gründlich durchgegangen.

Was Tokta Ahun anbetrifft, so hatte auch er seinen Auftrag wie ein

ganzer Mann ausgeführt. Er war vom Anambaruin-gol nach Tscharchlik

geritten, hatte nur eines der sechs schlechten Pferde unterwegs

verloren, Islam meine Post übergeben, sich von ihm mit Proviant und

ausgeruhten Pferden ausrüsten lassen und sich mit Tschernoff über

Abdall nach Kum-tschappgan begeben und war dann nach Nordosten am

Nordufer des Kara-koschun entlanggezogen. Nur in einem Punkte hatte

er meinen Befehlen nicht gehorchen können. Er hatte sich nur zwei,

statt drei Tagemärsche von Kum-tschappgan entfernt, aber er war völlig

entschuldigt, denn der neugebildete See, der uns so viel Abbruch getan

hatte, hatte auch ihm Halt geboten.

Tschernoff und Tokta Ahun hatten ganz in der Nähe des Punktes,

wo wir im vorigen Jahre das Ufer erreicht hatten, ein Hauptlager

aufgeschlagen, eine Hütte erbaut, Massen von Enten in Schlingen und

Fische in ausgelegten Netzen gefangen und reichliche Vorräte an

Schafen, Hühnern, Eiern, Mehl, Brot und Mais mitgebracht. Aus einem

Fischerdorfe hatten sie zwei große und einen kleinen Kahn mitgenommen.

Ein ganzes Landgut war in der Einöde entstanden. Jeden Abend, sobald

es dunkel war, hatten sie auf dem Hügel, von dem ich im Jahre 1900 die

gesegneten Wasserflächen des Kara-koschun zuerst erblickt hatte, ein

gewaltiges Feuer angezündet. Mehrere Fischer aus Kum-tschappgan waren

mitgekommen und trugen das Brennholz auf den Hügel, so daß Tschernoff

es abends nur anzuzünden brauchte. Wir hatten des Nebels wegen ihr

Feuer nicht gesehen, und sie hatten unsere Feuer nicht erblickt. Und

doch betrug die Entfernung zwischen ihrem Lager und dem Punkte, wo

uns zuerst der kleine Wasserarm den Weg abgeschnitten hatte, nur 3

Kilometer!

Inzwischen hatten sie in Erwartung unserer Ankunft 12 Tage lang ein

idyllisches Leben geführt, Fuß- und Rudertouren unternommen, gejagt und

gefischt, bis eines schönen Tages der gute Chodai Kullu aus der Wüste

aufgetaucht war und ihrem friedlichen Leben mit einem Male ein Ende

gemacht hatte. Sie hatten noch in derselben Stunde eingepackt und sich

mit Chodai Kullu als Führer eiligst aufgemacht, um uns zu suchen -- und

nun hatten sie uns endlich gefunden. Beim Aufbruch hatten sie sich auf

eine lange Reise vorbereitet, denn Chodai Kullu hatte richtig gemeldet,

daß ich mich schon mit dem Gedanken trüge, den See längs des Südufers

zu umgehen.

Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten und beiderseitig von allem

Geschehenen unterrichtet waren, brachen wir auf, um südwärts nach

einem Tümpel zu ziehen, der von unserem Lager am 20. März nicht weit

entfernt lag. Unterwegs fischten wir auch Chodai Kullu auf, der auf

einem Grasbüschel saß und bitterlich weinte, als er mich erblickte,

-- so überwältigte ihn jetzt die Erinnerung an die Schicksale, die

er während seines fünftägigen Suchens nach der Hilfsexpedition

durchgemacht hatte. Er war immerfort gegangen und schließlich voll

Verzweiflung über mehrere Seen geschwommen. Am dritten Tage saß er

müde und niedergeschlagen am Ufer eines derselben, als eine Schar

Enten über ihm hinwegsauste. Wie durch ein Wunder fiel eine von ihnen

mit gebrochenem oder gelähmtem Flügel gerade vor ihm nieder. Wie ein

Raubtier stürzte er sich auf sie und aß sie, roh wie sie war, ganz und

gar auf. Durch dieses Mahl gestärkt, hatte er noch zwei Tage gehen

können und schließlich diejenigen gefunden, die er suchte.

An mehreren Stellen hatte er Spuren von Faisullahs Karawane gesehen

und daraus geschlossen, daß alle am Leben waren, auch die drei Pferde

und die drei Hunde, nach denen ich mich ganz besonders sehnte. Dann

aber hatte die Spur das Ufer verlassen und war wieder in die Wüste

hineingegangen, als ob der alte Führer Faisullah gar nicht mehr gewußt,

wohin er sollte.

Sobald Tokta Ahun dies erfahren hatte, bot er Leute in zwei Partien,

eine aus Kum-tschappgan und eine aus Abdall, auf und schickte sie

nordwärts in die Wüste hinein, um die Verirrten zu suchen. Von

Faisullah wußten wir nichts und schwebten seinetwegen in größter

Unruhe. Seine Karawane hatte alles, was wir während der Reise erworben

hatten, außer den Karten bei sich: alle Sammlungen, photographischen

Platten, Schnitzereien und einen Teil der Manuskripte. Sollte dies

alles verloren sein? Tokta Ahun beruhigte mich jedoch und sagte,

daß die Entsatzexpeditionen Faisullah, der überdies ein kluger,

vorsichtiger Mensch sei, schon finden würden.

Chodai Kullu erhielt für seinen bewiesenen Mut und seine

Entschlossenheit eine Extrabelohnung in Silbergeld. Er versicherte

ruhig, daß er die ganze Zeit über fest entschlossen gewesen sei, nicht

umzukehren, sondern zu versuchen, seinen Auftrag auszuführen, wenn es

auch das Leben kosten sollte. Schon seit er das wilde Kamel getötet

hatte, war sein Ansehen gestiegen; jetzt aber wurde er nie anders

als Batir, der Held, genannt. Solche Leute muß man haben; unter den

Muselmännern sind sie jedenfalls selten.

Unsere lange Wanderung nahte sich ihrem Ende. Ihr letzter Abschnitt war

ein Durcheinander von verwickelten Verhältnissen gewesen. Doch was tat

das, da sich schließlich alles auf glückliche, wunderbare Weise löste!

Mein guter Stern hatte mich nicht verlassen, und all meine Unruhe um

die zersplitterten Teile der Karawane war unnötig gewesen.

Wie süß und notwendig war die Ruhe an diesem tiefen, klaren

Süßwasserarme, wo stellenweise üppiges Schilf wucherte. Wir waren

hier zwei Tage in der Wildnis zu Gaste. Wir lebten flott, denn die

drei Proviantpferde der Entsatzexpedition hatten reichliche Vorräte

an Fleisch, Fischen, Reis, Brot, Mehl und Eiern, ja sogar Tee und

Tabak mitgebracht. Die Post von zu Hause war jedoch das Allerbeste;

sie fesselte mich an meine Jurte, und es bedurfte einer gewissen

Energie, um das Lesen zu unterbrechen und eine Breitenbestimmung

auszuführen. Alles war mir neu; merkwürdig aber war es, daß ich von dem

Boxeraufstande in China durch einen Brief aus -- Stockholm erfahren

sollte. Se. Exzellenz der Minister des Auswärtigen warnte mich davor,

und vielleicht war es ein Glück für uns, daß wir uns nicht nach

Sa-tscheo begeben hatten, obwohl wir ganz in der Nähe dieser Stadt

gewesen waren.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 8 / 42 段