sie wollten; die Last war auf jeden Fall zu schwer. Die eingeheimste
Ernte an Schnitzereien und anderen Dingen wurde zu Packen gebunden und
das Gepäck geordnet. Die Karawane sollte hier in zwei Partien geteilt
werden. Ich wollte südwärts gehen, um ein Präzisionsnivellement durch
die Wüste nach dem Kara-koschun auszuführen. Als Begleiter hatte ich
Schagdur, Kutschuk, Chodai Kullu und Chodai Värdi ausersehen. Wir
brauchten nur vier Kamele, eines für das Gepäck und drei für Eis (Abb.
216). Ich nahm nur das Unentbehrlichste an Proviant und Kleidern,
Instrumente, alles zum Nivellieren Nötige, die halbe Jurte und das
halbe Bett mit; die Leute konnten unter freiem Himmel schlafen. Die
Frühlingswärme war bereits so stark, daß der Ofen überflüssig war. Der
Proviant wog nicht viel. Das Wenige, was noch an Reis und Brot da war,
wurde in für acht Tage berechnete Rationen geteilt.
Der übrige Teil der Karawane, Faisullah, Li Loje und Mollah, sechs
Kamele, drei Pferde, die drei Hunde und das ganze schwerere Gepäck
nebst Eis und Proviant für vier Tage sollten allein weiterziehen.
Faisullah, der im vorigen Jahre die Wüstendurchquerung von
Altimisch-bulak an mitgemacht hatte, mußte nach Kum-tschappgan, wo
wir uns wieder treffen wollten, hinfinden können. Er hatte Befehl,
sich direkt dorthin zu begeben und dort auf unsere Ankunft zu warten.
Der Sicherheit halber erhielt er gründlichen Unterricht, wie er sich
vom Kompaß nach Südwesten führen lassen müsse. Ich war von Faisullahs
Klugheit und Vorsicht überzeugt, hielt es aber doch für besser, alle
Kartenblätter von dieser Reise, die Manuskripte und Stäbe aus Lôu-lan,
meine Notizbücher und die Beobachtungsjournale selbst mitzunehmen.
Obgleich Faisullah, wie wir noch hören werden, ein höchst unerwartetes
Abenteuer hatte, wären die kostbaren Papiere bei ihm doch sicherer
gewesen als bei mir, wie sich noch zeigen wird!
Während die beiden Karawanen beladen wurden, brach ich auf. Faisullah
und seine beiden Kameraden halfen Chodai Värdi, der Befehl hatte, uns
mit unseren vier Kamelen nachzukommen und sich am Abend bereitzuhalten,
das Lager aufzuschlagen.
Zum Ausgangspunkte des Nivellements wählte ich den Platz an der Basis
des Turmes, wo meine Jurte gestanden hatte. Hier wurde die 4 Meter hohe
Nivellierlatte zum ersten Male aufgerichtet. Sie wurde stets auf eine
Platte gestellt, um nicht einzusinken, wenn sie halb umgedreht wurde.
Schagdur handhabte sie während der ganzen Wanderung auf mustergültige
Weise. Das Fernrohr wurde 100 Meter südlich von ihr aufgestellt, und
ich machte meine erste Ablesung, worauf Schagdur am Fernrohr vorbeiging
und die Latte zum zweiten Male 100 Meter südlich davon aufstellte --
und so weiter, Tag für Tag, bis an den Kara-koschun, wohin wir 81½
Kilometer hatten!
Der Abstand zwischen Fernrohr und Stange wurde von Kutschuk und
Chodai Kullu mit einem 50 Meter langen Bandmaße gemessen, das also
jedesmal zweimal auf der Erde abrollte. Das Fernrohr mit seinem Stativ
wurde beim Weitergehen von Kutschuk getragen. Ich selbst hatte die
Ablesungen, Kompaßpeilungen, Marschroute und Aufzeichnungen über den
Charakter des Terrains zu machen.
Bevor die Leute an diese für sie neue Arbeit gewöhnt waren, kamen wir
nur langsam weiter; aber nicht lange dauerte es, so ging alles seinen
regelrechten Gang, und es gab keine unnötigen Verzögerungen mehr.
In dieser Richtung, von Lôu-lan nach Süden, war es sehr deutlich zu
merken, daß wir die Uferlinie des früheren Sees passierten. Die toten
Bäume, Sträucher und Schilfstoppeln hörten mit einem Schlag auf, und
nun waren wir auf ödem, graugelbem Lehmboden ohne alle Vegetation, wo
wir uns ohne Zweifel auf einem alten Seeboden befanden.
Einundneunzigmal waren die Stange und das Fernrohr vorgerückt, bevor
wir es, nach einem Marsche von 9140 Meter, an der Zeit hielten zu
lagern. Es fing an dämmerig zu werden. Aber Chodai Värdi mit den vier
Kamelen war nicht zu erblicken. Wir spähten von Hügeln und Kegeln nach
ihm aus, doch der Mann war spurlos verschwunden. Hatte er sich verirrt?
Hatte er mich mißverstanden und Faisullah begleitet oder war er bei den
Ruinen geblieben?
An einem Punkte, wo wieder dürres Holz auftrat, zündeten wir auf
einem Hügel ein großes Signalfeuer an. Schagdur begab sich trotz der
Dunkelheit auf die Suche. Ich war in größter Unruhe. Wenn Chodai Värdi
sich verirrt hatte, war er verloren. Er war noch nie in der Gegend
gewesen und hatte keine Ahnung, wohin er gehen mußte, um nach dem
Kara-koschun zu gelangen. Und fanden wir ihn nicht wieder, so würde
natürlich auch unsere Lage -- ohne Wasser und ohne Nahrung -- kritisch
sein; es war bis an den See noch so weit, daß unsere Kräfte schwerlich
so weit reichen konnten, und nach der isolierten Quelle zurückzukehren,
wäre ebenso verzweifelt gewesen. Doch am meisten von allem quälte mich
der Gedanke: sollten alle Resultate einer viermonatigen Wanderung nur
durch die Dummheit eines Dieners verlorengehen?
Wir zerbrachen uns den Kopf und lauschten und stapelten alles, was Holz
hieß, auf das Feuer, das hoch und wild in der sonst undurchdringlichen
Dunkelheit flammte. Kein Laut war zu hören. Die Wüste lag so tot und
öde da, als gehörte sie nicht einem von Menschen bewohnten Planeten an.
Statt uns nach der anstrengenden Arbeit und Fußwanderung des Tages an
Wasser laben können, hielt uns nun diese unheimliche, düstere Unruhe
gepackt. Es bedurfte jetzt nur noch eines Nebelsturmes -- dann wäre
alles verloren gewesen!
So schlimm sollte es nicht werden. Im nächtlichen Dunkel ertönten
tappende Schritte: Chodai Värdi kam mit den Kamelen wohlbehalten an!
Ich war froh, nichts eingebüßt zu haben, so daß ich ganz vergaß, ihm
seine wohlverdiente Schelte zukommen zu lassen. Er erklärte, daß er
durch die Form der Lehmterrassen gezwungen worden sei, sich zu weit
nach rechts zu halten, und nachher weder uns noch eine Spur habe
wiederfinden können. Als er abends im Südwesten ein Feuer gesehen habe,
sei ihm endlich klar geworden, daß er sich auf Irrwegen befinde -- dies
war nämlich Faisullahs Feuer. Er sei also umgekehrt und habe schon aus
sehr weiter Ferne unser Feuer erblickt, auf das er nun losgesteuert
sei. Es war wirklich ein Wunder, daß keines der Kamele sich beim
Überschreiten dieser unzähligen, finsteren, gähnenden Gräben in der
Dunkelheit die Beine gebrochen hatte.
In aller Eile wurde das Lager aufgeschlagen und der Kessel auf das
Feuer gesetzt. Schagdur war und blieb fort, und Chodai Kullu wurde
mit der Flinte ausgeschickt, um einige Signalschüsse abzufeuern.
Daß er weit ging, konnte man hören, da die Schüsse allmählich immer
schwächer wurden und schließlich in der Ferne erstarben. Doch er kam
unverrichteter Sache wieder, und wir gingen zur Ruhe.
Daß dieses Abenteuer noch so ablief, war eine Fügung der Vorsehung;
aber daß ein Mensch wie Chodai Värdi, der sonst stets gesunden
Verstand gezeigt, so unglaublich dumm sein konnte, ist unerklärlich.
Er war 12 Stunden kreuz und quer in der Wüste umhergeirrt, während wir
nur 9,1 Kilometer zurückgelegt hatten. Vom Lager konnte man sogar noch
den Lehmturm von Lôu-lan sehen. Um Schagdur hatte ich nicht Angst.
Ich kannte ihn zur Genüge, um zu wissen, daß er sich allein nach dem
Kara-koschun durchschlagen würde. Er hatte stets einen Kompaß bei sich
und wußte auf meinen Karten gut Bescheid.
Am folgenden Morgen erwachte ich bei einem vollen Sturm, der dicke
Sandwolken durch die Rinne trieb, in der wir lagerten; sie zogen in ihr
dahin wie Wasser in seinem Bette, und der Sand feilte die Seiten der
Lehmterrassen. Die öde Landschaft sah in dieser neuen Beleuchtung, die
der des gestrigen Feuers so unähnlich war, geradezu schauerlich fremd
aus. Nivellieren war ganz unmöglich; wir mußten liegenbleiben. Schagdur
fand sich nicht ein; er hatte in dem heimtückischen Sturme offenbar
unsere Spur verloren.
Am Vormittag hielt ich mich meistens bei den Kamelen auf. Ich saß bei
ihnen, streichelte ihnen den Kopf und klopfte ihnen den Rücken. Wenn
sie nur geahnt hätten, wie ich sie schätzte, wie dankbar ich ihnen für
die Dienste war, die sie mir geleistet hatten, und wie leid es mir tat,
daß ich sie einem Führer anvertraut hatte, der sie nutzlos gequält und
ihre empfindlichen Fußschwielen unnötigerweise in der harten Lehmwüste
angestrengt hatte. Ruhig, zufrieden und würdig wie immer lagen sie da
und glaubten wohl, es sei notwendig gewesen, 40 Kilometer in der Wüste
umherzuirren. Ohne Rücksicht auf die Folgen ließ ich ihnen einen Sack
Kamisch und einen Sack Eis geben. Doch welch ein Lohn wartete ihrer
später! Alle, außer einem, starben in Tibet.
Mein Erstaunen war grenzenlos, als um die Mittagszeit Schagdur mit
leichten, elastischen Schritten aus dem Staubnebel auftauchte! Der
prächtige Junge, der einen ganzen Stamm von Muselmännern aufwiegt, war,
seit er uns am vorigen Abend um 5 Uhr verlassen hatte, unausgesetzt
auf den Beinen gewesen. In der Nacht hatte er Faisullahs Feuer gesehen
und war dorthingeeilt. Ich hatte nämlich Faisullah befohlen, das Feuer
bis spät in die Nacht zu unterhalten, nur um der Kuriosität halber
feststellen zu können, ob es bei uns auf 20 Kilometer Abstand sichtbar
wäre. Von Faisullah hatte Schagdur einen kleinen Vorrat Reis und Eis
erhalten, denn, als sich jetzt der Sturm erhob, hatten sie gefürchtet,
daß er uns nicht wiederfinden würde.
Er wollte es versuchen. Glücklicherweise hatte er auf dem Hinwege die
Kompaßpeilungen aufgezeichnet. Ein paarmal hatte er die Spur von Chodai
Värdis Kamelen gesehen, sie dann aber wieder verloren.
Daß er uns fand, war ein Meisterstück sondergleichen. Nur ein Burjat,
der sein Leben unter freiem Himmel in der Wildnis zugebracht hat und
dazu Kosak ist, bringt derartiges fertig. Denn man muß bedenken, daß
die Lager 20 Kilometer voneinander entfernt lagen, der Boden eben wie
eine Wasserfläche war und man im Nebelsturme höchstens 50 Meter weit
vor sich sehen konnte und alle Spuren zugeweht waren. Wenn ein Mensch
solche Beweise von Tüchtigkeit, Klugheit und Treue gibt, kann man ihm
alles anvertrauen -- und das tat ich später auch ein paarmal.
Es machte uns freilich einen Strich durch die Rechnung, daß wir einen
ganzen Tag verloren, doch was tat das, da der Himmel mir den schweren
Verlust, der mir drohte, erspart hatte? Wir versuchten unseren Weg
fortzusetzen, aber es ging nicht. Wenn der Wind 11 Meter in der Sekunde
macht, schwankt die Stange und kann abbrechen, und das Fernrohr zittert
auf seinem Stativ. Wir mußten uns gedulden und noch eine Nacht auf
diesem wüsten Platze zubringen.
Am 12. März war ein herrlicher Tag, und wir begannen früh, arbeiteten
bis Sonnenuntergang und hielten nur um 1 Uhr zehn Minuten Rast zur
Ablesung der meteorologischen Instrumente. Jetzt führte Chodai Kullu
die Kamele, mußte aber ganz in unserer Nähe bleiben. Der Weg ging nach
Südsüdosten. Die Winderosionsfurchen ziehen sich nach Südwesten, und
wir mußten über die zwischen ihnen liegenden Rücken hinüber. Für uns
Fußgänger ging es wohl an, aber für die Kamele war es sehr ermüdend.
Sie mußten in weiten Umwegen geführt werden, während wir mit den
Instrumenten in geraden Linien vorrückten.
Abwechslung bietet sich dem Auge nicht mehr, aber das kann man in einer
Wüste auch nicht verlangen. Ein Unterschied gegen die westlichere Linie
des vorigen Jahres war, daß wir hier weniger, ja fast gar keinen Sand
hatten. In den Rinnen ist der Boden oft mit einer fußdicken Schicht von
feinem Staub bedeckt, in den man einsinkt wie in Wasser. Meistens haben
wir jedoch harten Lehmboden, und bald schmerzen uns von dem ewigen
Springen die Füße.
Gegen Sonnenuntergang mußte Chodai Kullu vorausgehen und das Lager
aufschlagen, so daß alles fertig war, als wir mit der Tagesarbeit
aufhörten. Der Fixpunkt, wo die Arbeit unterbrochen und am folgenden
Morgen wiederaufgenommen werden muß, wird so gewählt, daß irgendwelche
Verrückung während der Nacht ausgeschlossen ist.
Mit wachsendem Interesse rechnete ich abends aus, was die Zahlenreihen
zu sagen hatten. Heute zeigten sie mir, daß wir auf 11201 Meter 2,466
Meter gefallen waren. Ich würde diese ermüdende, die Geduld auf die
Probe stellende Arbeit nicht ausgehalten haben, wenn ich nicht eine
wichtige Entdeckung erwartet hätte. Die nivellierte Linie sollte das
entscheidende Urteil über das Lop-nor-Problem fällen. Ihr Profil würde
zeigen, ob es möglich oder unmöglich war, daß im nördlichen Teile der
Wüste Lop ein See gelegen hat.
Frühauf und gleich an die Arbeit, ist jetzt morgens die Losung.
Der Boden wurde heute günstiger. Die Jardang folgen nicht mehr so dicht
aufeinander und sind niedriger, wir brauchen nicht soviel zu klettern.
Aber Schneckenschalen sind allgemein, manchmal ist der Boden von ihnen
ganz weißgetüpfelt. Kleine Höcker auf der Oberfläche abgerechnet, ist
der Boden so eben wie ein Fußboden.
War diese Gegend für das Auge trostlos und einförmig, so war sie für
das Nivellement um so bequemer. Keine Hindernisse stellten sich uns in
den Weg; wir gingen in gerader Linie, rasch und ohne Unterbrechung.
Wenn das Fernrohr mit der Wasserwage eingestellt ist und ich es um den
Horizont führe, liegt dieser überall in genau demselben Abstande von
den horizontalen Fäden des Fadenkreuzes.
Fünf Scharen Enten streichen gen Norden. Kutschuk vermutete witzig,
daß unsere Entsatzexpedition unter Tokta Ahun sie vom Nordufer des
Kara-koschun vertrieben habe. Wahrscheinlich ist, daß die Enten sich
im Winter an diesem See und im Sommer am Bagrasch-köll aufhalten.
Eine Eintagsfliege machte eine Runde um uns und verschwand wie ein
funkelnder Smaragd in südlicher Richtung.
Während dieses Tages stiegen wir 2,763 Meter und befanden uns 0,11
Meter höher als im Ausgangspunkte in Lôu-lan. Wir waren mit anderen
Worten auf 32 Kilometer Wegstrecke 11 Zentimeter gestiegen! Schon
in diesem Lager hatte ich also den Schlüssel des Lop-nor-Problems
gefunden. Die beiden ersten Tage waren wir gefallen, den dritten
gestiegen; wir hatten also eine deutliche Depression überschritten, und
diese ist es, die das ehemalige Bett des Lop-nor repräsentiert. Das
Resultat der Arbeit der folgenden Tage würde auf diesen Schluß nicht
mehr einwirken. Wir waren durch ein Becken gegangen, gleichviel in
welchem Niveau sich der Kara-koschun im Verhältnis zum Ausgangspunkte
befinden mochte; und daß dieses Becken einst Wasser enthalten hatte,
wurde durch die Schneckenschalen und viele andere bereits erwähnte
Umstände bewiesen.
Mit dem Schlage 7 Uhr ertönte ein pfeifendes Brausen im Nordosten,
und ein paar Minuten später fuhr der schwarze Sturm mit ungezügelter
Wut über den Boden, der ihm nicht das geringste Hindernis in den
Weg stellte. Die Sonne war in außergewöhnlicher Weise in dichten
Wolken untergegangen, und der Tag war drückend schwül gewesen.
Alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln wurden getroffen, der Fixpunkt
festgeschlossen, die Jurte gründlich festgemacht, die Feuer ausgelöscht
und, nachdem die Kamele mit den Köpfen auf die vom Winde abgewandte
Seite gebracht worden waren, bereitete sich jeder auf das, was kommen
sollte, vor; es wurde still im Lager, und nur der Sturm heulte um
uns herum. Der Flugsand drang durch das Zelttuch; draußen war es
stockfinster, und keine Sterne waren zu sehen.
Jeden Abend um 9 Uhr stellte Schagdur das Kochthermometer, das ich
stets selbst ablas. Als er von meiner Jurte nach seinem Schlafplatze
neben der Küchengeschirr enthaltenden Kiste zurückkehren wollte, fand
er sich, trotzdem es nur 15 Schritte waren, nicht zurecht und verirrte
sich. Eine halbe Stunde später hörte ich schwaches Rufen aus einer ganz
anderen Richtung. Ich rief aus vollem Halse, und Schagdur fand sich so
nach der Jurte zurück. Er war die ganze Zeit gekrochen, denn Stehen war
unmöglich, und pechfinster war es auf allen Seiten. Nur auf folgende
Weise konnte er seinen Platz finden; ich hielt eine kleine Spalte im
Zelttuche offen, und den Blick auf diese gerichtet, kroch er rückwärts,
bis er bei der Kiste anlangte. Wer nie einen solchen Sturm erlebt hat,
kann sich keinen Begriff davon machen. Man wird verdreht und will
nur gehen, immerzu gehen, weiß aber nicht, wohin der Weg führt; der
Ortssinn scheint gelähmt zu sein, man geht im Kreise, glaubt aber in
gerader Linie zu gehen. Es ist eine Art Wüstensturmkrankheit, die näher
mit der Platzkrankheit als mit See- und Bergkrankheit verwandt ist; sie
schlägt sich auf das Gehirn. Wäre Chodai Värdi von solch einem Sturme
überfallen worden, so wäre er verloren gewesen.
Am folgenden Morgen waren die Folgen des schwarzen Sturmes deutlich
erkennbar. Um meine Jurte hatte der Sand eine Ringdüne gebildet,
und auch hinter den Köpfen der Kamele hatten sich große Sandhaufen
gebildet. Sobald sich ein Hindernis im Wege des Flugsandes erhebt,
entstehen Dünen; sonst treibt er nach Westen.
Glücklicherweise hörte der Sturm um 11 Uhr auf, und wir konnten nach
Süden weiterziehen.
Die Wüste ist trostlos einförmig; der Boden besteht aus einem Gemenge,
das die Eingeborenen „Schor“ nennen. Sand, Staub, Kalk und Salz, alles
erstarrt und zu einer ziegelharten Masse zusammengebacken. Das Salz ist
manchmal in dünnen Schollen abgesondert. Als das Wasser verschwunden
war, scheint diese Masse sich durch Austrocknen ausgedehnt zu haben,
denn sie ist zu unzähligen, nach allen möglichen Richtungen laufenden
Wülsten aufgesprungen; die Höhe dieser beträgt manchmal 75 Zentimeter.
Hier gibt es absolut keine Spur von vegetativem oder animalem
Leben, nicht einmal eine Schneckenschale. Es ist offenbar der Boden
eines Salzsees, und wir wissen auch, daß die Chinesen den Lop-nor
in alten Zeiten den „Salzsee“ genannt haben. Auch der Kara-koschun
hat abgeschnürte Teile, deren Wasser salzig ist, und im Süden dieses
Sees sieht der früher überschwemmte Boden genau so aus wie hier -- am
südlichen Ufergebiete des alten Lop-nor.
[Illustration: 192. Lager mitten in der Sandwüste. (S. 22.)]
[Illustration: 193. Brunnen, in der letzten Oase gegraben. (S. 23.)]
Die Steigung fährt fort, obgleich nur mit 0,644 Meter auf 11250 Meter.
In dem heutigen Lager befanden wir uns also um 0,754 Meter über dem
Ausgangpunkte. Dies schien des Guten zuviel zu werden; der Kara-koschun
konnte doch nicht höher liegen als Lôu-lan! Alle meine Gedanken und
Grübeleien drehten sich um diese interessante Nivellierungslinie. Die
folgenden Tage, deren Verlauf ich mit Spannung entgegensah, würden
zeigen, ob wir nicht eine flache Protuberanz oder Wasserscheide
zwischen dem früheren und dem jetzigen Seebecken zu passieren hatten.
15. März. Schor, den ganzen Tag Schor, tödlich einförmig! Kein
Gegenstand, auf den man das Fernrohr richten könnte, nichts, was lockt,
als die Sehnsucht, aus dieser langweiligen Wüste herauszukommen!
Das Wetter jedoch war herrlich, und um 1 Uhr stieg die Temperatur nur
auf +11 Grad. Aber unsere Lage war insofern kritisch, als wir kaum
noch etwas zu essen hatten. Der Reisvorrat hatte ein Ende genommen,
nur ein kleiner Beutel mit geröstetem Mehle war noch da; die Männer
hatten Tee, ich Kaffee und Zucker, -- das war alles. Die Kamele
hielten sich vortrefflich; sie mußten die Polsterung ihrer Packsättel
auffressen. Trinkwasser war zur Genüge vorhanden, hatte aber von den
Ziegenlederschläuchen einen widerlichen Beigeschmack angenommen. Noch
schwammen einige Eisstücke darin, und nur diese waren genießbar.
Vergeblich suchten wir am Horizont nach einer Rauchsäule von Tokta
Ahuns Signalfeuern. Schagdur spähte mit dem Feldstecher, ich mit dem
Fernrohr danach aus, aber nichts war zu sehen. Eine kleine Abwechslung
bot sich uns zu Ende des Marsches, indem wir an einigen, halb in den
Schorboden eingebetteten Pappelstämmen vorbeikamen. Es war Treibholz,
das einst, als das Land unter Wasser stand, hierher geschwemmt worden
war.
Das heutige Nivellierungsresultat war 0,304 Meter Fall auf 16226 Meter.
Nach einer ebeneren Landschaft kann man auf der Oberfläche der Erde
lange suchen! 30 Zentimeter Gefälle auf 16 Kilometer!
Wir hatten also die vermutete Protuberanz passiert, und aller
Wahrscheinlichkeit nach würde das Gelände nun nach dem südlichen
Seebecken fallen.
Als wir am Morgen des 16. aufbrachen, mußten wir nach der vorjährigen
Marschroute nicht viel mehr als 20 Kilometer vom Kara-koschun entfernt
sein. Wir erhielten auch bald die ersten Anzeichen von „Land“; wir
begannen zu merken, daß wir uns dem Strande des Wüstenmeeres nahten.
Die äußersten „Schären“ bestanden aus ein paar toten oder sterbenden
Tamarisken. Diese traten nach und nach häufiger auf, und ihre treuen
Begleiter, eine kleine einen Meter hohe Sanddüne auf der vor dem Winde
geschützten Seite jedes Strauches, waren unseren schmerzenden Füßen
sehr willkommen.
Enten streiften in Menge umher, aber ihre Bahnen waren merkwürdig
unregelmäßig. Bald flogen sie nach Süden, bald nach Norden, bald kamen
sie von Südwesten, um sich nach Südosten zu begeben, nachdem sie
über uns einen Kreis beschrieben, als machten sie nur einen Ausflug
oder eine Rekognoszierung. Was bezwecken sie damit? Sind sie Herolde
oder Kundschafter, die ausgeschickt werden, um zu sehen, ob sich im
Norden neue Seen gebildet haben? Ahnen sie am Ende, daß der Lop-nor im
Begriffe steht, sein Bett wieder zu verlegen? Sie haben sicher gemerkt,
daß es im Kara-koschun zu eng und die offenen Wasserflächen immer
seltener werden.
Die Berechnung der heutigen Nivellierung ergab einen Fall von 2,172
Meter auf eine Strecke von 16000 Meter. Wir hatten also offenbar
Fühlung mit dem Becken des Kara-koschun, der südlichen Depression der
Lopwüste.
Der 17. März wurde für uns ein Freudentag. Die Entfernung bis nach dem
See konnte nicht mehr groß sein, erschien uns aber endlos, weil keine
Anzeichen seine Nähe verkündeten. Die Zahlenreihen vergrößerten sich
langsam, und wir alle waren müde, was kein Wunder ist, wenn man sich
nicht satt essen kann.
Dann aber zeigten sich im Süden verschiedene Entenscharen, die zwischen
Osten und Westen kreisten, ja sogar einige Falken. Als die Latte zum
siebzehnten Male auf einer Sanddüne aufgerichtet wurde, blieben die
Männer stehen, zeigten nach Süden und riefen: „Wasser, Wasser auf allen
Seiten!“ Wir waren dem See so nahe, daß schon beim neunzehnten Male die
Latte unmittelbar am Wasserrande aufgestellt werden konnte.
So standen wir denn schließlich, wie aus den Wolken gefallen, am
Endpunkte dieser ermüdenden, Geduld erfordernden, aber bedeutungsvollen
Nivellierarbeit. Es war ein unbeschreiblich schönes und herrliches
Gefühl, denn jetzt konnten wir ein neues Kapitel beginnen und neuen
Schicksalen entgegengehen!
Wie war das Nordufer des Kara-koschun hier unähnlich dem Punkte, an dem
wir es im vorigen Jahre erreicht hatten. Der Strand war vollständig
kahl und öde und wurde von einem sehr unbedeutenden Sandgürtel
begleitet. Frei und offen lag der Wasserspiegel da. Das Wasser war
merklich salzhaltig, aber jedenfalls besser als die faulige Suppe, die
wir in unseren Ziegenschläuchen hatten.
Das Lager wurde unmittelbar am Ufer aufgeschlagen. Die Kamele warfen
einen ruhigen, forschenden Blick auf das Wasser. Es war eine kalte öde
Landschaft, jedoch verglichen mit den sterilen Gegenden, die wir eben
durchzogen hatten, war sie ein Paradies.
Sobald wir die Nivellierungsinstrumente aus der Hand gelegt hatten,
erhielt Chodai Kullu Befehl, nach Südwesten aufzubrechen und, ohne zu
rasten, Tag und Nacht zu gehen, bis er Tokta Ahuns Entsatzkarawane,
die nicht weit entfernt sein konnte, fände. Daß sie hier nicht hatte
vorbei- und nach Nordosten weitergezogen sein können, war ersichtlich,
da sich im Erdboden nicht die geringste menschliche Spur zeigte. Der
Kundschafter verschwand in dem dichten Nebel; er hatte keinen Proviant
mit, aber an Wasser brauchte er keinen Mangel zu leiden. Wir sollten
warten, wo wir waren.