seines letzten Aufenthalts in der Gegend des Lop-nur aufgefunden hat.
Er begab sich nämlich, von einigen einheimischen Türken -- Lopliks,
die jedoch noch nie dort gewesen waren -- und einem seiner Kosaken
begleitet, von der Quelle Altimisch-bulak nach Süden und traf nach
zwei kleinen Tagereisen in einer Entfernung von 81½ Kilometer vom
Kara-koschun auf die Trümmer einer alten Stadt. Während von den meisten
Häusern nur noch die Holzgerüste standen, war eines aus Lehm (oder
Luftsteinen?) gebaut mit dicken Außen- und zwei Innenwänden, welche
das Haus in drei Räume, einen breiteren mittleren und zwei kleinere an
den Seiten teilten. In einem der letzteren wurden eine Menge Stäbe aus
Tamariskenholz mit meist chinesischen Schriften und viele Papierfetzen,
letztere teilweise auf einer, teilweise entgegen der jetzigen Sitte
auf beiden Seiten beschrieben, unter einer Sand- (oder Löß-?)Schicht
von höchstens zwei Fuß Dicke aufgefunden. Es befanden sich darunter
auch kleine Klötzchen, welche gleichfalls beschrieben waren und meist
augenscheinlich zum Zubinden bestimmte Vertiefungen zeigten. Daß diese
Klötzchen als Deckel für darunter befindliche Briefschaften gedient
hatten, war teils aus der Aufschrift zu entnehmen, teils hatten
schon die im Januar 1901 von Stein am Niya-Flusse gemachten Funde
an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriggelassen, wie man sich beim
ersten Blick auf Tafel IX in seinem «~Preliminary report on
a journey of archaeological and topographical exploration in Chinese
Turkestan~» überzeugen kann. Unweit dieser Fundstelle fanden sich
sehr wertvolle Holzschnitzereien mit geschmackvollen Verzierungen; die
darunter vorkommenden Buddhabilder lassen auf das Vorhandensein eines
Tempels schließen. In einem anderen Hause fanden sich Fischknochen in
großer Menge, und unzählige Schnecken (~Limnaea~) lagen umher.
Läßt dieser Umstand darauf schließen, daß hier das Ufer eines Sees
war, so zeugte ein riesengroßes, aus fünf dicken Brettern bestehendes
Rad vom Wagenverkehr zu Land. Die vier Türme aus Fachwerk, welche
sich in der Umgebung fanden, mögen teils zur Verteidigung, teils am
Weg als Feuer- oder Rauchtürme gedient haben, wie sie weit über das
chinesische Reich zerstreut lagen, um vor dem herannahenden Feind zu
warnen. Ein riesiger Wasserbehälter von rotem Ton, oben mit schmaler
Öffnung versehen, hatte sich vollkommen erhalten.
„Unter den kleineren Fundstücken sind namentlich die Kupfermünzen
bemerkenswert, die, bis auf eine chinesischen Ursprungs, auf eine
bestimmte Reihe von Jahrhunderten hinweisen. Sie haben alle das
bekannte viereckige Loch in der Mitte, an dem sie, zu Hunderten
aufgereiht, an Stricken getragen zu werden pflegen. Die Bezeichnungen
einer bestimmten Reihe von Jahren, welche frühestens im Jahre 376 n.
Chr. begannen und vom Jahre 621 an nie mehr fehlten, finden sich auf
keiner der Münzen. Die häufigste Aufschrift ist Wu tschu (5 Tschu oder
5/24 Liang oder Unzen) in alter Siegelschrift, in der die 5 einer
römischen Zehn (X) ähnelt, und kommt von 118 v. Chr. bis 581 n.
Chr. vor. Zuweilen haben die Münzen die Bezeichnung Huo-thsüan (nach
Endlichers Übersetzung «Tauschmittel»), welche von 9-22 n. Chr. aus
der Zeit des Wang-Mang angeführt wird. Eine Münze, in der das Loch ein
längliches Viereck bildet, trägt die Aufschrift in Schriftzeichen,
deren Erklärung der Zukunft vorbehalten werden muß.
Unter den anderen kleineren Gegenständen ist namentlich ein kleiner
geschnittener Stein bemerkenswert, welcher den in Hedins Werk «Durch
Asiens Wüsten» (erste Auflage, II, 33) abgebildeten «Gemmen aus
Borasan» an die Seite zu stellen ist. Es heißt dort (II, S. 35)
von der Fundstätte westlich von Khoten, die dortigen «Überreste
einer hochentwickelten Kunstindustrie» beständen aus «kleinen
Terracottagegenständen, Buddhabildern aus Bronze, +Gemmen+, Münzen
usw., für den Archäologen von größter Bedeutung, da sie bewiesen,
daß die durch griechischen Einfluß veredelte antike indische Kunst
bis ins Herz von Asien gedrungen wäre». Hier nun handelt es sich
augenscheinlich um einen Hermes, der als Gott der Wanderer seinen
Weg durch Baktrien nach dem Innern von Asien gemacht hat. Kunstvolle
dreikantige Pfeile oder flache kleinere, etwa für Geflügel bestimmte,
beide von Bronze, Wirtel, ein mit Perlen usw. geschmückter Ohrring,
Kupferdraht, eiserne Nägel, mit einem scharfen Gegenstand oben
geöffnete Kaurimuscheln, Schellen (für die Pferde?) von Kupfer- und
Messingblech, Bruchstücke von Glöckchen aus Bronze, Bernstein und
Perlen aus solchem, kupferne Ringe, allerlei Gerät oder Bruchstücke
davon aus verschiedenartigen Steinen oder Halbedelsteinen, worunter
Nierstein (Nephrit) und Alabaster, verziertem grünem Glas usw., geben
Kunde von der Bildungsstufe, auf welcher entweder der einheimische
Gewerbefleiß stand, oder von dem Sinn, welchen man für die Erzeugnisse
des fremden hatte.
„Hinsichtlich der Frage, um welchen Zeitraum es sich bei der
Zerstörung des Ortes handeln dürfte und wie derselbe, d. h. die
Stadt oder das Land, geheißen haben, sprechen die aufgefundenen
Schriftstücke eine deutlichere Sprache. Sowohl auf den Stäben als auf
den alten Papierfetzen kommt der Name Lôulan vor und zwar in einem
Zusammenhang, der keinen Zweifel läßt, daß so der Ort der Bestimmung
oder Aufbewahrung hieß. So stehen auf dem oberen Teile eines der Stäbe
Angaben über nach Tun-Huang und Tsiu-Thsüan (Su-tschôu) abgesandte
Briefe; auf dem unteren Teile ist der 15. Tag des 3. Monats im 6. Jahre
des Zeitraums Thai-Schi, d. h. des 6. Jahres des Kaisers Tsin Wu Ti
(270 n. Chr.) angegeben als Tag der Ankunft eines Briefes in Lôulan.
Auf einem der Deckelklötzchen, welches die auf Tafel IX von
Steins «~Preliminary report~» angegebene Gestalt hat, nur viel
kleiner ist, finden sich der Fürst der See-Angelegenheiten und Frau
(Tien-schi Wang Hou) in Lôulan als Empfänger angegeben. Die erste
Zeitangabe ist vom Jahre 264, in welchem das Haus Wei das nördlichste
der «drei Reiche» noch unter seiner Herrschaft hatte. Sonst finden sich
noch die Jahre 266, 268, 269 und 270 angegeben, während sich unter
den meist anscheinend mit Willen zerfetzten Papieren der Name Lôulan
zweimal, wovon einmal aus einer geringfügigen Veranlassung des Inhalts,
daß ein gewisser Ma aus Lôulan am 6. des 6. Monats nicht vorzusprechen
brauche, und die Jahreszahl 310 in Verbindung mit der Stadt An-Si
finden.
„Der Inhalt der verschiedenen schriftlichen Bemerkungen ist ein sehr
verschiedenartiger. Es ist darin sonst noch von Getreidelieferungen,
von Nachrichten aus Tun-Huang, Verkehr mit Kao-Tschang (dem alten
Turfan), von gerichtlichen Verhandlungen usw. die Rede. Die Stäbe
dienten augenscheinlich bald als Tagebücher, bald zu Mitteilungen oder
Weisungen an Untergebene. Letzterer Art scheint ein abgebrochener
kleinerer Stab gewesen zu sein mit der Mitteilung, daß von dem (pien?
am Rand, an der Grenze, am Ufer?) angelangten Heer vierzig am Deich
empfangene Anführer in den Gehöften Unterkunft finden könnten.
„Ein kleines Brettchen hat eine nicht chinesische Aufschrift, deren
Schriftzeichen den Kharoshthi-Zeichen bei Stein (Taf. IX, X und XI bei
Stein a. a. O.) ähneln, wie auch das Brettchen von zwei Deckeln von der
auf Steins Tafel X veröffentlichten Art begleitet gewesen sein wird.
„Es ist nach dem allem kaum zu bezweifeln, daß hier das alte Lôulan war
und am alten Lop-nur lag. Diese alte Stadt scheint Anfang des vierten
Jahrhunderts vom Wüstensturm oder von den Gewässern, bezw. durch beide
Gewalten zerstört worden zu sein. Man wird in der Nähe eine andere, die
sogenannte Drachenstadt, gebaut haben, welche dann ihrerseits in den
Jahren 1308-11 durch eine Sturmflut zugrunde ging.“
Mein alter Freund von all meinen Besuchen in Kaschgar, George
Macartney, der ebenfalls ein gründlicher Kenner der chinesischen
Sprache ist, hat in der Märznummer 1903 des „~Geographical
Journal~“ folgenden Aufsatz erscheinen lassen, den ich hier
mit seiner Erlaubnis ~in extenso~ mitteile. Einige der historischen
Ereignisse, deren Schauplatz Lôu-lan gewesen, passieren hier Revue
und zeigen, daß dieses Land einst eine gewisse Bedeutung gehabt hat.
Im Verein mit den von Himly gegebenen Mitteilungen und Übersetzungen
gibt uns Macartneys Aufsatz Gelegenheit, uns eine ziemlich deutliche
Vorstellung von diesem zweitausendjährigen Königreich zu machen.
Macartneys Artikel trägt den Titel. „~Notices, from Chinese sources,
on the ancient Kingdom of Lau-lan or Shen-shen~“ (Nachrichten aus
chinesischen Quellen über das alte Königreich Lôu-lan oder Schen-Schen)
und lautet folgendermaßen:
„In dem Vortrag, den ~Dr.~ Sven Hedin in London am 8. Dezember
1902 vor der Königl. Geographischen Gesellschaft über seine
dreijährigen Forschungen in Zentralasien hielt, gab er uns eine
lebhafte Schilderung von den Ruinen einer alten Stadt am Ufer des alten
Lob-nor. Unter den Funden, die er von dieser Örtlichkeit mitgebracht
hat, finden wir eine Anzahl chinesischer Manuskripte, die als dem
zweiten und dritten Jahrhundert n. Chr. angehörend identifiziert worden
sind. Einige von diesen Manuskripten tragen nicht allein das Datum,
sondern auch den Namen des Ortes, an welchem sie geschrieben worden
sind. Dieser Name ist Lau-lan, und die Kenntnis dieser Tatsache ist
von besonderem Interesse. Der Name Lau-lan selbst ist den modernen
chinesischen Geographen wohlbekannt, aber bis jetzt sind offenbar weder
sie noch Gelehrte in Europa imstande gewesen, mit einiger Genauigkeit
die Lage des Landes, das einstmals diesen Namen getragen hat, zu
bestimmen. Herr A. Wylie, ein hervorragender Chinaforscher, hatte
diese Lage im Jahre 1880 seinen Berechnungen nach auf 39° 40′ nördl.
Breite und 94° 50′ östl. Länge angenommen. Dies würde einen Fehler
von ungefähr 250 engl. Meilen (etwa 420 Kilometer) bedeuten, wenn ich
recht verstanden habe, daß der Platz, wo ~Dr.~ Hedin die den Namen
Lau-lan tragenden chinesischen Manuskripte gefunden hat, ungefähr auf
40° 40′ nördl. Breite und 90° östl. Länge lag. [Diese Zahlen sind
beinahe richtig. Hedin.] Eine genauere Feststellung der Lage von
Lau-lan, die jetzt selbstverständlich möglich ist, kann, wie ich hoffe,
hinsichtlich anderer benachbarter Länder, deren alte Namen bekannt
sind, über deren Lage sich aber die heutigen Geographen noch die Köpfe
zerbrechen, zu wertvollen Ergebnissen führen.
„Wenn wir die Geschichte der ersten Hankaiser, das Tsien-Han-shu [ich
lasse die englische Schreibweise der chinesischen Namen unverändert.
Hedin], und die Aufzeichnungen, welche Fa-Heen und Hsian-Tsang
hinterlassen haben, studieren, finden wir viele Orte mit Entfernungen
erwähnt, als deren Ausgangspunkt Lau-lan angegeben ist.
„So erwähnt das Tsien-Han-shu (geschrieben, in runden Zahlen,
zwischen 100 v. Chr. und 50 n. Chr.) folgende Entfernungen: Von Wu-ni
(Hauptstadt von Lau-lan) nach Yang-kuan, dem «südlichen Sperrtor»,
(augenscheinlich in der Richtung von Tun-huang) 1600 Li; nach Chang-an
6100 Li; nach dem Verwaltungssitze (der Name fehlt) des chinesischen
Gouverneurs 1785 Li; nach Si-an-fu 1365 Li; nach Keu-sze (Ouigour) in
nordwestlicher Richtung 1890 Li.
„In der Beschreibung seiner Reisen gibt Fa-Heen (im fünften Jahrhundert
n. Chr.) folgende Entfernungen an: von Shen-shen oder Lau-lan nach
Tun-huang, etwa 17 Tagemärsche, 1500 Li; nach Wu-e (Uigur?) 15
Tagereisen zu Fuß in nordwestlicher Richtung.
„Von Hsian-Tsang erfahren wir, daß Lau-lan, das er auch Na-po-po nennt,
1000 Li nordöstlich von Chem-to-na oder Nimo liegt.
„Aus dem Obigen ergibt sich auch, daß der Ort Lau-lan als Ausgangspunkt
für die Bestimmung der Lage mehrerer anderer Orte dienen kann.
Vielleicht können die obigen Angaben späteren archäologischen Forschern
von Nutzen sein.
„Dies ist aber noch lange nicht alles, was wir aus chinesischen Quellen
über Lau-lan erfahren können. Das Tsien-Han-shu erzählt uns, daß China
mit diesem Lande unter der Regierung des Kaisers Wu-ti (140-87 v. Chr.)
in Verbindung zu treten begann, um welche Zeit sich die Westgrenze des
Reiches nicht über das Yang-kuan-Sperrtor (vielleicht bis Tun-Huang)
und das Yü-Tor (das moderne Chia Yu Kuan?) hinaus erstreckt zu haben
scheint. Das ausgedehnte Land, das hinter diesen Orten lag, wurde von
den damaligen chinesischen Geographen mit dem unbestimmten Namen Si-yu
(die Westregion) bezeichnet und soll nach ihnen in 36 verschiedene
Königreiche geteilt gewesen sein. Man erzählt, daß von China zwei
Wege nach dieser Gegend führten. «Der über Lau-lan, welcher längs
des Flusses Po (des unteren Tarim?) auf der Nordseite des südlichen
Gebirges (des Altyn Ustun Tagh?) hinläuft und westwärts nach Sa-sche
(Yarkand) führt, ist der südliche Weg. Der, welcher über den Palast des
Häuptlings in Keu-tse (im Ouigourreiche? 1890 Li von Lau-lan) führt und
den Fluß Po in der Richtung des nördlichen Gebirges (Tien Shan) bis
nach Su-leh (Kaschgar) begleitet, ist der nördliche Weg.»
[Illustration: 188. Die Karawane auf dem Eise des Lu-tschuentsa-Baches.
(S. 17.)]
[Illustration: 189. Sanddünen in der mittelsten Gobi. (S. 22.)]
[Illustration: 190. Terrasse nördlich von der Oase vom 1. Februar. (S.
22.)]
[Illustration: 191. Tränkung der Kamele am Brunnen im Lager Nr. 138.
(S. 22.)]
„Das Wassersystem des Tarimbeckens wird mit folgenden Worten
beschrieben: «Der Fluß (Chotan-darja?) strömt nach Norden, bis er sich
mit einem Flusse vom Tsung-ling (Zwiebelkette in Sarikol) vereinigt,
und fließt dann nach Osten in den Pu-schang-hai (den Schilfsee),
der auch der Salzsumpf genannt wird. Dieser liegt über 300 Li von dem
Yü-Tore und dem Sperrtore Yang-kuan und ist 300 Li lang und breit.
Das Wasser ist stationär und nimmt weder im Winter noch im Sommer ab
oder zu. Der Fluß soll sodann unter der Erde weiterfließen und bei
Tseih-shih wieder zutage treten, von wo an er den Gelben Fluß Chinas
bildet.»
„Das Folgende ist ein Auszug des Berichtes, den wir in dem
Tsien-Han-shu über die politischen Verhältnisse zwischen China und
Lau-lan während des ersten Jahrhunderts vor Christi Geburt finden.
„Kaiser Wu-ti, heißt es, wünschte, mit Ta-wan und den umliegenden
Ländern Verbindung zu unterhalten, und schickte wiederholt Gesandte
dorthin. Der Weg derselben ging über Lau-lan, aber die Einwohner von
Lau-lan beunruhigten im Verein mit dem Ku-tse-Volke die Reise der
Beamten und griffen Wang-Kuei, einen der Gesandten, an und raubten ihn
aus. Doch nicht genug damit, die Bewohner von Lau-lan machten sich
den Chinesen auch dadurch verhaßt, daß sie den Heun-nu (Hunnen) als
Spione dienten und diesen wiederholt bei der Ausplünderung chinesischer
Reisender halfen. Dergleichen konnte nicht geduldet werden. Daher
rüstete Wu-ti eine Expedition gegen den feindlich gesinnten Staat
aus. Chao Po-nu wurde mit einem Heere von 10000 Mann ausgesandt,
um das Ku-tse-Volk zu strafen, während der Gesandte Wang-Kuei, der
wiederholt unter den Übergriffen der Lau-laner gelitten hatte, Befehl
erhielt, Chao Po-nu als Unterfeldherr zu begleiten. An der Spitze von
700 Mann leichter Kavallerie vorrückend, nahm dieser den König von
Lau-lan gefangen, eroberte Ku-tse und jagte, auf das Ansehen seines
Kriegsheeres vertrauend, auch den Staaten, die Vasallen von Wu-sun und
Ta-wan waren, Respekt ein. Die Lau-laner unterwarfen sich bald und
schickten Tribut an Kaiser Wu-ti. Doch ihre Unterwerfung erboste ihre
Bundesgenossen, die Hunnen, und es dauerte gar nicht lange, so wurden
sie von diesen angegriffen. Daher schickte der König von Lau-lan, um
seine beiden mächtigen Nachbarn zu besänftigen, einen seiner Söhne als
Geisel zu den Hunnen und einen zweiten dem Kaiser von China. So endete
die erste Episode der Beziehungen zwischen China und dem Königreiche
von Lau-lan.
„Aber noch mehr Unruhen standen Lau-lan bevor. Kaiser Wu-ti mußte aus
irgendeinem Grunde noch eine Strafexpedition gegen Ta-wan und die
Hunnen schicken. Die Hunnen fanden das chinesische Heer so furchtbar,
daß sie es für das Klügste hielten, jeden direkten Zusammenstoß mit ihm
zu vermeiden, was sie aber nicht hinderte, in Lau-lan, dessen Bewohner
noch immer mit ihnen im Bunde standen, Truppen in Hinterhalte zu legen.
Diese Truppen beunruhigten Wu-tis Armee unaufhörlich. Die Chinesen
kamen bald dahinter, daß die Lau-laner im geheimen Bundesgenossen der
Hunnen waren, und infolgedessen wurde General Jen-wan ausgesandt, um
sie zu züchtigen. Jen-wan drang bis an das Stadttor vor, welches ihm
geöffnet wurde, und machte dem König Vorwürfe über seine Verräterei.
Der König antwortete entschuldigend: «Wenn ein kleiner Staat zwischen
zwei großen Reichen liegt, zwingt ihn die Notwendigkeit, mit beiden
im Bunde zu stehen, sonst hat er nie Frieden; jetzt aber wünsche ich,
mein Königreich den Grenzen des chinesischen Reiches einzuverleiben.»
Diesen Worten vertrauend, setzte ihn der Kaiser wieder auf den Thron
und beauftragte ihn, ein wachsames Auge auf die Bewegungen der Hunnen
zu haben.
„Der König starb im Jahre 92 v. Chr. Eine Thronfolgefrage entstand. Man
wird sich erinnern, daß einer der Söhne des verstorbenen Königs sich
als Geisel am chinesischen Hofe befand. Nun schickten die Lau-laner
eine Petition an den Kaiser, er möge ihnen den als Geisel gesandten
Prinzen wiederschicken, damit dieser den ledigen Thron besteige. Der
Prinz hatte sich jedoch nicht der Gunst des Kaisers erfreut; er war
tatsächlich die ganze Zeit, die er in China weilte, im Palaste des
Seidenwurmhauses in einer seinem Range entsprechenden Haft gefangen
gehalten worden. Daher fand die Petition bei Wu-ti kein williges Ohr,
sondern er gab die diplomatische Antwort: «Ich liebe den Prinzen,
meinen Gast, sehr und bin nicht gesonnen, ihn von meiner Seite zu
lassen.» Der Kaiser schlug dann den Bittstellern vor, sie sollten den
nächsten Sohn des toten Königs mit der Königswürde bekleiden.
„Das taten die Lau-laner auch. Aber der neue König regierte nur
kurze Zeit, und als er starb, wurde die Nachfolgerfrage wieder
brennend. Diesmal dachten die Hunnen, die, wie wir wissen, auch
einen Lau-lan-Prinzen als Geisel an ihrem Hofe hatten, daß dies
eine passende Gelegenheit sei, ihren verlorenen Einfluß auf diesen
Staat wiederzuerlangen. Deshalb schickten sie den Prinzen zurück und
setzten ihn auf den Thron. Dieser gelungene Handstreich beunruhigte
die Chinesen, die ihren Einfluß durch Bestechungen und Intrigen
wiederzugewinnen suchten. Sie machten keinen direkten Versuch, den
Schützling der Hunnen zu entthronen, schickten aber an ihn einen
Gesandten, der ihn aufforderte, dem chinesischen Hofe einen Besuch
abzustatten, wo ihm, wie der Gesandte sagte, der Kaiser reiche
Geschenke machen würde. Der Kaiser und der Gesandte konnten jedoch
nicht ahnen, daß sie hier auch mit der Verschlagenheit einer Frau zu
rechnen hatten. Die Stiefmutter des Königs war dort und riet ihm, indem
sie sagte: “«Dein königlicher Vorgänger sandte zwei Söhne als Geiseln
nach China; keiner von ihnen ist je zurückgekehrt; ist es da billig,
daß du gehen sollst?» Daher verabschiedete der König den Gesandten mit
dem Bescheid, daß «die Angelegenheiten des Reiches ihn, da er den Thron
erst eben bestiegen habe, noch derartig in Anspruch nähmen, daß er den
chinesischen Hof nicht eher als in zwei Jahren besuchen könne».
„Obgleich das Verhältnis zwischen dem neuen König und dem Kaiser ohne
Zweifel gespannt war, war es noch nicht zu offenen Feindseligkeiten
zwischen ihnen gekommen. Nun aber kam das Ereignis, welches der
Unabhängigkeit des Staates Lau-lan ein Ende machen sollte. Am Ostrande
von Lau-lan, wo dieses Land an China grenzte, scheint eine Örtlichkeit,
der Peh-lung-Wall genannt, gelegen zu haben. Dieser Platz lag auf der
großen Heerstraße von China über Lau-lan nach den westlichen Ländern;
er litt an Dürre und hatte keine Weiden. Die Lau-laner wurden oft von
den Chinesen aufgefordert, Führer, Wasser und Proviant nach diesem
Platze zu schicken, wenn durchreisende Beamte dessen bedurften.
Hierbei wurden die Ortseinwohner oft von chinesischen Soldaten
brutal behandelt. Dadurch entstanden Reibungen; aber die Lage wurde
noch verschlimmert durch die Hunnen, welche die Lau-laner immer im
geheimen gegen die Chinesen aufhetzten. Schließlich beschlossen die
Lau-laner, alle freundschaftlichen Beziehungen zu Wu-ti abzubrechen,
und ermordeten einige seiner Gesandten, als diese durch das Gebiet von
Lau-lan reisten. Diese Verräterei wurde dem chinesischen Hofe durch Hui
Tu-chi, den jüngeren Bruder des Königs, hinterbracht, welcher, nachdem
er sich unter die Oberhoheit des Han-Kaisers gestellt hatte, mit dem
Plane umging, seinen älteren Bruder vom Throne zu stoßen. Infolgedessen
wurde im Jahre 77 v. Chr. der chinesische General Fu-keae-tsu
ausgeschickt, um dem König das Leben zu nehmen. Fu-keae-tsu wählte
sich schleunigst einige Begleiter aus und begab sich nach Lau-lan. Er
hatte vorher das Gerücht verbreiten lassen, daß er beauftragt sei, zu
freundschaftlichen Untersuchungen nach einem Nachbarstaate zu reisen,
und daß er dem König Geschenke zu überbringen habe. Fu-keae-tsu wurde
bei seiner Ankunft von dem König, der nichts Böses ahnte, zu einem
großartigen Feste eingeladen. Als der König betrunken war, gab Fu
seinen Begleitern ein Zeichen, und nun wurde der König von hinten
erstochen. Sein Kopf wurde vom Leibe getrennt und über dem Nordtore
der Stadt aufgehängt. Zur Belohnung für seinen Verrat wurde Hui Tu-chi
an Stelle seines Bruders zum König eingesetzt und das Königreich unter
dem neuen Namen Shen-Shen, auf den der Lehnsbrief ausgefertigt wurde,
wiederhergestellt. Damit dem Ansehen des neuen Regenten nichts mangeln
sollte, erhielt er eine Dame des kaiserlichen Hofes zur Gemahlin, und
als Hui Tu-chi die chinesische Hauptstadt verließ, um sich in sein
Reich zu begeben, wurden ihm beim Abschied reiche Ehrenbezeigungen
erwiesen. Auf diese Weise gelangte er auf den Thron. Doch er fühlte
sich in seiner neuen Stellung nicht sicher. Weil er ein chinesischer
Schützling war, betrachtete ihn das Volk, über welches er herrschen
sollte, mit Mißtrauen. Außerdem hatte der tote König einen Sohn
hinterlassen, und Hui Tu-chi lebte in beständiger Furcht, von diesem
ermordet zu werden. Daher forderte Hui Tu-chi den Kaiser auf, in
Lau-lan eine Militärkolonie zu errichten, und zwar in der Stadt E-tun,
wo das Land, wie er sagte, «reich war und guten Ertrag gab». Dies
geschah, und der Kaiser schickte einen Reiterobersten mit 40 Mann nach
E-tun, um «die Felder zu bestellen und das Volk zu beruhigen». So
gelang es dem großen Han-Monarchen, seine Macht über das Land Lau-lan
oder Shen-shen zu erstrecken.
„Um die Zeit, als diese Chroniken geschrieben wurden, was
wahrscheinlich um Christi Geburt herum geschah, zählte, wie uns
berichtet wird, das Königreich Shen-shen 1570 Familien, was neben 2912
Mann geübten Truppen eine Bevölkerung von 14100 Personen ausmachte.
„Hinsichtlich der physischen Charakterzüge des Landes sagt das
Tsien-Han-shu (von Herrn A. Wylie ins Englische übersetzt):
„«Das Land ist sandig und salzig, und es gibt dort wenig angebaute
Felder. In betreff des Getreides und der Ackerbauerzeugnisse ist die
Gegend auf die benachbarten Reiche angewiesen. Das Land bringt Nephrit,
Binsen in Menge, Tamarisken, ~Elaecocca vernicia~ und weißes Gras
hervor. Die Bevölkerung treibt ihr Vieh überall auf die Weide, wo es
genügend Wasser und Gras finden kann. Die Leute besitzen Esel, Pferde
und Kamele. Sie können für Kriegsbedarf dieselbe Art Waffen anfertigen
wie die Leute in Tso-kiang.»
„Soweit gehen also die in dem Tsien-Han-shu enthaltenen Nachrichten.
Hören wir, was Fa-Heen von Lau-lan sagt, durch welches Land er im
fünften Jahrhundert n. Chr. reiste, als er sich von China nach Indien
begab, um sich die heiligen Bücher des Buddhismus zu verschaffen. Die
englische Übersetzung ist von ~Dr.~ J. Legge.
„«Nachdem sie 17 Tage gereist waren, welche Entfernung wir auf etwa
1500 Li (von Tun-huang) schätzen können, erreichten die Pilger das
Königreich Shen-shen, ein kupiertes, hügeliges Land mit magerem,
unfruchtbarem Boden. Die Kleidungsstücke der gewöhnlichen Leute sind
einfach und gleichen den in unserem Lande Han gewebten; einige tragen
Filz und andere Serge oder härene Stoffe. Der König gehorchte unserem
Gesetze, und in dem Königreiche gibt es wohl mehr als 4000 Mönche, die
alle das Hinayana (das kleine Erlösungsmittel) studieren. Die breiteren
Schichten der Bevölkerung dieses und anderer Königreiche in dieser
Gegend, wie auch die Sramanen (Mönche) leben alle auf indische Weise,
diese jedoch strenger, jene etwas freier. Hier hielten sich die Pilger
ungefähr einen Monat auf und setzten dann ihre Reise fort, worauf sie
ein fünfzehntägiger Marsch nach Nordwesten nach dem Lande Wu-e führte.
Hier gab es über 4000 Mönche, die alle das Hinayana studierten.»“
„Hsian-Tsang (629-645 n. Chr.) passierte zweihundert Jahre nach Fa-Heen
auf der Rückreise von Indien Lau-lan, aber seine Nachrichten von dem
Lande sind außerordentlich dürftig. Wir erfahren nur, daß er, nachdem
er die mit Mauern umgebene, aber verlassene Stadt Tsche-mo-to-na oder
Nimo verlassen hatte, 1000 Li in nordöstlicher Richtung reiste und
Na-po-po erreichte, welches dasselbe ist wie Lau-lan.“
Aus diesen von Macartney zusammengestellten Angaben ersehen wir, daß
Lôu-lan seinerzeit eine gewisse Bedeutung hatte. Wahrscheinlich würde
man durch fortgesetzte Ausgrabungen noch reichere Funde machen können
als die, von denen ich kurz berichtet habe.
Sechstes Kapitel.
Ein Nivellement durch die Lopwüste.
Am 10. März frühmorgens wurde es im Lager unruhig; wir wollten von
unserer festen Operationsbasis aufbrechen und die stille Stadt
wieder ihrer tausendjährigen Ruhe überlassen. Wird je wieder ein
abendländischer Pilger in den Mauern von Lôu-lan zu Gaste sein?