von unseren Feuern leicht wieder zu erkennen war. Nach ein paar
weiteren Kilometern waren wir an Ördeks Fundort. Hier fanden wir 8
Häuser, von denen nur drei so weit erhalten waren, daß ich von ihnen
einen Plan aufnehmen konnte. Sie waren angelegt wie ein chinesisches
Yamen (Amtslokal): ein Hauptgebäude und zwei große Flügelgebäude.
Zwischen ihnen liegt ein viereckiger Hof, den im Südosten ein
Plankenzaun mit einer Tür, deren Pfosten noch dalagen, einfriedigt.
Das ziemlich kleine Hauptgebäude ist entschieden ein Buddhatempel
gewesen (Abb. 209). Hier war es, wo Ördek seinen Fund gemacht hatte;
die Spuren seines Pferdes waren noch in einer Vertiefung zu sehen.
Die mitgenommenen Spaten wurden in den Sand gestochen, und nach einer
Weile tauchte Buddha selbst auf, obwohl in wenig schmucker Inkarnation.
Das Bild war von Holz und hatte noch Kopf und Arme. Ohne Zweifel war
es nur das Gerippe einer tönernen Statue, die in gewöhnlicher Weise
geschmückt und bemalt gewesen war.
Die beigefügten Bilder (Abb. 210, 211) geben dem Leser einen klareren
Begriff von dem Aussehen der mitgebrachten Schnitzereien als alle
Beschreibungen. Auf einige von ihnen will ich jedoch besonders
aufmerksam machen. Auf einem Pfosten ist eine ganze Reihe stehender
Buddhabilder dargestellt, auf einem anderen eine Reihe sitzender; jedes
Bild hat über sich einen Heiligenschein, der einem Rundbogen gleicht.
In einem Ornamente kommt zwischen Blättern und Ranken ein Fisch vor;
seine Kiemendeckel und Schuppen sind vollkommen deutlich. Der Künstler
würde nie auf den Gedanken geraten sein, einen so wenig dekorativen
Gegenstand wie den Fisch in seinen Schnitzereien zu verwenden, wenn
dieses Tier nicht von besonderer Bedeutung für die Gegend gewesen wäre
und eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Bevölkerung gebildet
hätte. Es wäre ja sonst höchst unmotiviert, statt der Vögel Fische
mit Girlanden und Blättern zu verflechten. Gäbe es nicht andere,
unwiderlegliche Beweise dafür, daß die Dörfer am Ufer eines Sees
gelegen haben, so könnte man eine dahinzielende Vermutung schon auf
Grund des Vorkommens des Fisches in der Ornamentik aufwerfen. So wie
das Land jetzt aussieht, wäre der Fisch das letzte Tier, an das man
denken würde.
Die Lotosblume bildet in diesen Schnitzereien ebenfalls ein
hervortretendes, dankbares Motiv, sowohl in langen Reihen auf ziemlich
großen Planken wie auf Scheiben von 50 Quadratzentimeter, die zwischen
jene eingefügt gewesen sind.
Noch ein Fund von großer Bedeutung wurde hier gemacht. Schagdur grub
mit seinem Spaten Erde auf und durchsuchte diese, wobei ein kleines
Holzbrett zum Vorschein kam, das mit Schriftzeichen beschrieben war,
die wir nicht lesen konnten. Er achtete nicht darauf, sondern warf das
Brettchen als wertlos beiseite, aber durch reinen Zufall nahm ich es
auf, weil mir das Holz unglaublich wohlerhalten vorkam. Jeder Buchstabe
war scharf und deutlich mit Tusche aufgetragen, aber die Schrift war
weder arabisch noch chinesisch, weder mongolisch noch tibetisch. Was
hatten diese geheimnisvollen Worte wohl mitzuteilen? Ich nahm das
Brettchen und bewahrte es so sorgfältig wie Gold.
Die Belohnung von 10 Sär, die ich dem versprochen hatte, der zuerst
etwas Geschriebenes, gleichviel in welcher Gestalt, finden würde,
fiel also Schagdur zu (Abb. 212). Nachdem derselbe Preis für den
nächsten derartigen Fund versprochen worden war, gruben die Männer mit
verdoppeltem Eifer in dem friedlichen Innern des armen Tempels, siebten
den Sand durch die Finger und untersuchten jeden Span von beiden
Seiten, aber ohne Erfolg. Nur die Schnur eines Rosenkranzes, einige
chinesische Kupfermünzen und eine Menge flacher irdener Schalen, die
wohl mit Opfergaben vor die Götter gestellt worden waren, kamen zum
Vorschein.
Wie anders ist dieses Land jetzt gegen früher! Kein vom Winde verwehtes
Blatt, nicht einmal eine Wüstenspinne ist zu sehen; die Skorpione, die
verdorrte Pappeln lieben, würden hier vergeblich Schlupfwinkel suchen.
Der Wind ist die einzige Kraft, die in diesem erstarrten, totenstillen
Reiche Geräusch und Bewegung verursacht. Man würde hier nicht eine
ganze Woche bleiben können, wenn man nicht, wie wir, Verbindung mit
einer Quelle hätte.
[Illustration: 184. An den Felsen von Dschong-duntsa. (S. 17.)]
[Illustration: 185. Das Lager im Tale von Dschong-duntsa. (S. 17.)]
Daß der kleine Tempel ein vollendetes Kunstwerk gewesen, geht
aus all den kleinen und großen Schnitzereien, die wir ausgruben,
deutlich hervor. Zu einem Ganzen zusammengefügt, haben sie mit ihren
geschmackvoll und mühsam geschnitzten Ornamenten eine wahre Augenweide
gebildet.
Und welch herrlicher Aufenthaltsort muß es gewesen sein, als der Tempel
noch mit seiner zierlichen, wahrscheinlich ebenfalls bemalten Fassade
prunkte und auf mehreren Seiten von dichtbelaubten Pappelhainen umgeben
war, die nur durch Seebuchten, Kamischfelder und von gewundenen Kanälen
bewässerte Äcker voneinander getrennt waren! Hier und dort lagen
Dörfer zerstreut, und ihre Lehmtürme oder „Pao-tai“ waren hoch genug,
um sich über den Wald zu erheben, damit sie mit ihren Signalfeuern in
Kriegsgefahr von den Nachbardörfern aus gesehen werden konnten und die
große Heerstraße, die hier vorbeiführte, anzeigten. Im Süden dehnte
sich der gewaltige blaugrüne Wasserspiegel des Lop-nor aus, umrahmt von
Hainen und mächtigen Schilf- und Binsenfeldern und reich an Fischen,
Wildenten und Gänsen. Im Hintergrunde, gegen Norden, zeichnete sich
wie jetzt bei klarem Wetter der Kurruk-tag ab, in welchem die hiesige
Bevölkerung alle Quellen und Oasen, durch die früher sicherlich ein Weg
nach Turfan führte, gekannt haben wird.
Wir Pilger einer späteren Zeit fühlten sofort, daß wir uns in einer
Gegend befanden, die schöner und herrlicher als vielleicht irgendeine
in dem heutigen Ostturkestan gewesen war. So künstlerisch und
geschmackvoll verzierte Häuser gibt es jetzt in diesem Teile Asiens
nicht, und das dichte, leuchtende Grün ließ die Architektur noch
wirkungsvoller hervortreten.
Und jetzt! Nur unzählige Grabmale nach all dieser Herrlichkeit! Und
warum? Weil der Fluß, der Tarim, sich ein anderes Bett grub und sein
Wasser nach Süden schickte, um neue Seen zu bilden. Der alte See
trocknete schnell aus, vielleicht schon in wenigen Jahren, der Wald und
das Schilf lebten noch ziemlich lange von der Feuchtigkeit des Bodens,
dann aber siechten auch sie allmählich dahin, wobei die Bäume, welche
die längsten Wurzeln hatten, am zähesten waren; aber schließlich waren
auch sie zum Tode verurteilt. Jetzt ist alles ein großer Friedhof, in
welchem man jedoch auf den Grabinschriften von einer früheren, üppigen
Vegetationsperiode liest.
Als wir, mit der Ernte des Tages zufrieden, mit dem Graben aufhörten,
näherte sich die Sonne dem Horizont, und wir brachen auf. Der Wind
erhob sich, der östliche Horizont war grau und düster, der Nebel
verdichtete sich, ein heftiger Sturm schien im Anzug zu sein, und
wir beschleunigten unsere Schritte, um das Lager noch vor Dunkelheit
zu erreichen. Endlich tauchte der westliche Lagerturm auf, und nun
mußten wir unseren Weg im Staubnebel selbst finden können. Der Wind
fegte Sand- und Staubmassen durch die Rinnen; sie eilten vorwärts wie
Wasser in seinem Bette, man glaubte förmlich zu sehen, wie der Wind an
den Seiten und Rändern der Rinnen feilte, und man kann sich denken,
welch kräftigen Bundesgenossen er in dem Flugsande hat, der das leicht
zerstörbare Tonmaterial wie Sandpapier zerreibt.
In der Dämmerung erblickten wir den Schein von Kutschuks Signalfeuer,
dessen Flammen immer höher aufloderten. Wir waren rechtzeitig zu Hause,
ziemlich ermüdet von einem Spaziergange von 28 Kilometer, doch weniger
von der Länge des Weges als von dem beschwerlichen Terrain. Wenn man
den ganzen Tag hat dursten müssen, schmeckt ein großer Becher auf Eis
gekühlten Wassers mit Zitronensäure und Zucker gar zu gut!
Am 8. durften alle ausschlafen. Der Buran war stärker geworden, die
Luft war mit Staub gesättigt; heute wäre es unmöglich gewesen, die
Tempelruine zu finden.
Durch die versprochenen Belohnungen angespornt, arbeiteten die Leute um
das Lager herum mit ihren Spaten aus Leibeskräften, und jetzt sollten
ihre Anstrengungen von einem Erfolg gekrönt werden, von dem ich kaum
zu träumen gewagt hätte. Vergeblich hatten sie den Sand in vielen
verlassenen Holzgebäuden untersucht, als sie ihre Aufmerksamkeit einem
aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln erbauten Hause zuwandten,
das einem Stalle mit drei Ständen glich (Abb. 213). Jedenfalls sah es
im ganzen Dorfe am wenigsten verheißungsvoll aus. Aber gerade hier,
in dem, von vorn gesehen, rechten Stande, fand Mollah einen kleinen
zerknitterten Papierfetzen mit mehreren ganz deutlichen chinesischen
Schriftzeichen.
Es ist nicht zuviel gesagt, daß der Inhalt dieses Standes nun
buchstäblich durchgesiebt wurde. Zwei Fuß tief, unter Sand und Staub,
stießen wir auf etwas, das ich einfach einen Kehrichthaufen oder eine
Unratbucht nennen möchte, das aber diverse schöne Raritäten enthielt.
Dort fanden wir Lumpen von Teppichen und Schuhzeug, Schafknochen,
Körner und Stroh von Weizen und Reis, eine Menge Rückenwirbel
von Fischen und unter all diesem Trödel -- wohl ein paar hundert
beschriebene Papierstücke nebst 42 Holzstäben, die der Form nach
schmalen Linealen glichen und ebenfalls mit Schriftzeichen bedeckt
waren.
Dieser Fund war ein Triumph. Sollte es übertrieben sein, ein so starkes
Wort da zu gebrauchen, wo es sich nur um alte Papierblätter handelt?
Nein, durchaus nicht! Ich sah voraus, daß diese Blätter ein kleines
Stück Weltgeschichte enthalten und mir den Schlüssel zur Lösung des
ganzen Lop-nor-Problems schenken würden. Die rein geographischen und
geologischen Untersuchungen enthüllten wohl deutlich genug Tatsachen;
sie zeigten, daß das Land früher so und so ausgesehen haben +muß+;
hier in der Wüste hatte ja ein großer See sein Bett gehabt, und hier
in den Ruinen hatten Menschen gewohnt.
Doch die Bruchstücke der Dokumente würden meinen mühsamen
Untersuchungen Schwarz auf Weiß ihr Schlußzeugnis geben; sie würden
den Stempel auf diese ganze Arbeit drücken, die seit Jahren Gegenstand
meiner Arbeit und meiner Studien gewesen; sie würden erzählen, +wann+
dieser See existierte und +welche+ Menschen hier wohnten, unter welchen
Verhältnissen sie lebten, mit welchen Teilen Innerasiens sie in
Verbindung standen, ja vielleicht sogar, welchen Namen ihr Land führte.
Dieses Land, das sozusagen vom Erdboden vertilgt worden ist, diese
Menschen, deren Geschichte längst der Vergessenheit anheimgefallen
und deren Geschicke vielleicht nicht einmal Annalen anvertraut worden
sind, alles dieses würde, so hoffte ich, jetzt wieder ans Tageslicht
gezogen werden. Ich stand vor einer Vergangenheit, die ich wieder ins
Leben rufen würde. Wäre es auch nur ein kleines Volk, ein unbedeutender
Staat gewesen, was machte das aus? Es war doch immer eine Lücke im
menschlichen Wissen, die jetzt ausgefüllt werden würde.
Die Muselmänner hofften wie gewöhnlich Gold zu finden, aber ich hätte
die zerrissenen, schmutzigen Brieffragmente nicht gegen große Schätze
vertauscht.
Daß dies wirklich ein Kehrichtloch gewesen, ging daraus hervor, daß
der Raum viel zu klein war, um als Zimmer habe dienen zu können,
und daß alle Papiere nur Bruchstücke waren; sie waren zerrissen und
fortgeworfen worden. Infolge dieses Umstandes hoffte ich auch, daß es
lauter Lokalbriefe gewesen, deren Inhalt sich ausschließlich um die an
diesem Orte herrschenden Verhältnisse drehen und für meine Studien von
viel größerem Interesse sein würde als Folianten, die aus einer anderen
Gegend stammten. --
Nach meiner Rückkehr nach Europa übergab ich dieses ganze Material dem
gelehrten Sinologen Karl Himly in Wiesbaden, der es jetzt in Arbeit
hat und seinerzeit eine besondere Abhandlung darüber veröffentlichen
wird. Er machte schon bei der ersten Durchsicht mehrere interessante
Entdeckungen und schrieb mir darüber unter anderem:
„Die vorhandenen Zeitangaben bewegen sich zwischen der Mitte des
dritten und dem Anfange des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt.
Der Fundort scheint einem wohlhabenden chinesischen Kaufmanne gehört zu
haben, der allerlei Lieferungen besorgt, Wagen und Lasttiere vermietet
und die Beförderung von Briefen nach Tun-huang (Scha-tschôu) und
dergleichen übernommen hat. Zu den Reisen nach dieser Stadt wurden
Pferde, Wagen und Rinder benutzt. Einmal scheint von einem Feldzug
die Rede zu sein, doch ohne Angabe der Zeit. Unter den Ortsnamen
finden wir auch den, der das Land, um das es sich hier handelt,
bezeichnet hat: Lôu-lan. Die Bewohner müssen auch Ackerbau getrieben
haben, denn in den Briefen ist sehr oft die Rede von Getreidemaßen,
wobei auch zuweilen die Getreideart angegeben ist. Vielleicht hat an
der Stelle, wo die Schriftstücke ausgegraben worden sind, ein altes
Steuereinnehmerhaus oder eine Art Getreidebank, wo Korn aufgekauft
oder als Pfand angenommen worden ist, gestanden. Eigentümlich ist das
Papier, das manchmal auf beiden Seiten beschrieben ist, was jetzt in
China weder beim Schreiben noch im Druck üblich ist.
„Jedenfalls ist die mitgebrachte Sammlung, die auch für die Chinesen
von großem Interesse ist, derart, daß sie noch lange das Interesse der
Männer der Wissenschaft in Anspruch nehmen wird.
„Einige Blätter enthalten nur Schreibübungen, andere sind abgebrochene
Sätze, aber die Abweichungen von der jetzigen Schrift sind im ganzen
nicht groß. Die Stäbe haben den Vorteil vor den Papierblättern, daß sie
einen oder mehrere Sätze, die abgeschlossen sind, enthalten, z. B., daß
eine Antilope geliefert, so und soviel Korn abgegeben worden, so und
soviele Menschen für einen Monat oder länger mit Lebensmitteln versorgt
worden sind.
„Der Beamte, der hier residiert hat, scheint eine nicht unbedeutende
Provinz verwaltet zu haben, was aus folgendem Satze zu schließen ist:
«Von dem angelangten Kriegsheere sind 40 Beamte an der Grenze (oder dem
Ufer?) zu empfangen, und die Höfe sind zahlreich.» Er scheint auch zwei
eingeborene Fürsten neben sich gehabt zu haben.
„Die meisten Zeitangaben sind aus den Jahren 264-270 n. Chr. Im Jahre
265 starb Kaiser Yüan Ti aus dem Hause Wei, und im Norden folgte die
Tsin-Herrschaft unter Wu-Ti, der bis zum Jahre 290 regierte.
„Von den leserlichen Kupfermünzen sind die meisten sogenannte
Wu-tschu-Stücke. Diese Prägung war während der Periode von 118 v.
Chr. bis 581 n. Chr. in Gebrauch. Ferner sind darunter zahlreiche
Huo-thsüan-Münzen, die auf Wang-Mang zurückgehen, der zwischen den
Jahren 9 und 23 n. Chr. die Macht in Händen hatte. Die Bezeichnungen
der gefundenen Münzen widersprechen also den Zeitangaben der
Papierfetzen und Stäbe nicht.“
Schon diese vorläufigen Mitteilungen zeigen, welch wichtige
Aufklärungen man von der von mir mitgebrachten Sammlung erwarten kann.
Sie bringen ein neues Licht in die politische und physische Geographie
des innersten Asien während der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt
und zeigen, welch ungeheure Veränderungen dieser Teil der Welt in 1600
Jahren erlitten hat.
[Illustration: 186. Unsere Kamele im Tale von Dschong-duntsa. (S. 17.)]
[Illustration: 187. Das Lager in Lu-tschuentsa. (S. 17.)]
Der Name Lôu-lan kommt bei dem im 12. Jahrhundert lebenden arabischen
Geographen Idrisi vor, und ein gelehrter Mandarin in Kaschgar, dem ich
die Manuskripte zeigte, sagte mir, daß das Land um das jetzige Pitschan
bei Turfan in alten Zeiten Lôu-lan geheißen habe. Im Verein mit den
physikalisch-geographischen Untersuchungen, die ich in bezug auf die
Wanderungen des Lop-nor-Sees ausführte, sind diese historischen Daten
von unschätzbarem Wert. Sie geben nicht nur über das Land Lôu-lan
am Nordufer des früheren Lopsees Auskunft, sondern verbreiten auch
Licht über viele andere ungelöste Probleme in dieser Gegend, die auf
halbem Wege zwischen China und dem Abendland liegt. Sie erzählen von
regelmäßiger Post zwischen dem Lop-nor und Scha-tschôu, also von einer
regelrechten Verbindungsstraße durch die Wüste Gobi. Der alte Weg von
Korla längs des Ufers des Kontsche-darja, wo ich das vorige Mal eine
ganze Reihe von Lehmtürmen (Pao-tai) und Festungen fand, erhält jetzt
eine ganz andere Beleuchtung. Ich habe im ersten Bande S. 205-207 von
den Ruinen in Jing-pen gesprochen -- auch sie waren ganz gewiß eine
wichtige Station auf dem alten Wege.
Daß in Lôu-lan Ackerbau hat getrieben werden können, ist von großem
Interesse. Wie ist dies möglich gewesen? Vom Kurruk-tag kommt kein
Bach, vom Himmel kein Tropfen Wasser. Das Klima wird sich verändert
haben, sagt vielleicht jemand. Nein, durchaus nicht! Im Herzen eines
Kontinents pflegt das Klima in anderthalb Jahrtausenden nicht solch
kolossale Veränderungen zu erleiden. Kanäle müssen vom Flusse, dem
Tarim oder Kum-darja, abgeleitet worden sein, Bewässerungskanäle von
derselben Art wie überall in Ostturkestan. Getreidebanken gibt es noch
jetzt in allen Städten Ostturkestans; sie stehen unter der Kontrolle
der chinesischen Behörden und dienen zur gleichmäßigen Verteilung des
Brotes unter die Eingeborenen. Ich fand allerdings nur 4 Dörfer, von
denen das größte 19 Häuser hatte, aber es können noch mehr Ruinen in
der Wüste liegen. Und wenn von Kriegsheeren, 40 Beamten und zahlreichen
Höfen die Rede ist, hat man Grund, anzunehmen, daß Lôu-lan reich
bevölkert gewesen ist. Die von uns gefundenen Ruinen würden dann von
Amtslokalen und vornehmeren Wohnungen herrühren, und es ist ja auch
wahrscheinlich, daß diese bei den Türmen gelegen haben, während die
Hütten der Fischerbevölkerung an den Ufern lagen und natürlich in viel
kürzerer Zeit zerstört worden sind.
9. März. Noch ein Tag blieb uns an diesem, ich hätte beinahe gesagt,
heiligen alten Orte -- jedenfalls einem Ort, an dem man von feierlicher
Schwermut über die Vergänglichkeit alles Irdischen erfüllt wird und vor
der Tatsache steht, daß Städte und Stämme von der Zeit wie Spreu vor
dem Winde vom Erdboden verweht werden.
Als ich aufstand, waren die Leute schon ein paar Stunden bei der Arbeit
gewesen und brachten nun ihre Funde in meine Jurte (Abb. 214). Diese
bestanden wie gestern aus Papierfetzen und Holzstäben, alle aus dem
nordöstlichen Stande des Lehmhauses; in den beiden anderen wurde nichts
gefunden. Fischgräten, Skeletteile von Haustieren, unter anderen von
Schweinen, Lumpen, einige Pinselstiele, eine Peitsche, das Skelett
einer Ratte und diverse andere Raritäten kamen auch zum Vorschein.
Ein völlig unbeschädigter roter Tonkrug wurde ausgegraben (Abb. 215).
Er war 70 Zentimeter hoch und 65 Zentimeter breit und besaß keine
Henkel. Wahrscheinlich ist er in einem Weidenkorbe mit Henkel, der in
der Nähe lag, getragen worden. Scherben von derartigen Gefäßen sind
außerordentlich häufig.
Nachmittags kam die Karawane von der Quelle. Die Pferde sahen
kümmerlich aus, aber die Kamele waren fett geworden. Sie trugen 10
Tagare und 11 Tulume Eis, welcher Vorrat ziemlich lange reichen würde.
Fünftes Kapitel.
Lôu-lan.
Da ich annehme, daß es meine Leser interessieren wird, einige Auskunft
über das Land, das obigen Namen trägt, zu erhalten und zu erfahren,
was bisher durch chinesische Quellen darüber bekannt war, so will ich
im Anschluß an meine Entdeckungen einige von fachkundigster Seite
herrührende Mitteilungen anführen. Es sind meine Freunde die Sinologen
Karl Himly in Wiesbaden und George Macartney in Kaschgar, die zu Worte
kommen, und zwar in den beiden vornehmsten geographischen Zeitschriften
der Welt.
Himly hat in „Petermanns Mitteilungen“ (1902, Heft XII)
einen Aufsatz, betitelt „Sven Hedins Ausgrabungen am alten Lop-nur“
veröffentlicht, worin er das von mir mitgebrachte Material vorläufig
analysiert und daraus mehrere interessante Schlüsse zieht. Er schreibt:
„Der Name Lop-nur ist nicht von den jetzigen (türkischen) Bewohnern
erfunden, wie ja auch «nur» = See ein mongolisches Wort ist. Vor Mitte
des 18. Jahrhunderts verlief hier die Grenze der Khalkha- und der
Westmongolen oder Kalmücken. Von den Chinesen wird jetzt nach Hedins
Erkundung das Gebiet des neugegründeten Ortes Dural so genannt, wo
ein chinesischer «Amban» seinen Sitz hat. Nach den Ausführungen in
Petermanns Ergänzungsheft betrachtete Hedin den etwas weiter südöstlich
befindlichen Kara-köl als Überbleibsel des alten Sees. Dieser war
aber längst vor der Mongolenzeit den Chinesen bekannt gewesen und
hatte verschiedene teils chinesische, teils einheimische Namen:
Yen-tsö (chinesisch «Salzsee»), Puthschang-hai («hai» chinesisch =
Meer), Yao-tsö, Lôu-lan-hai usw.; Lôu-lan aber war der Name eines
Landes, welches trotz seiner Kleinheit wegen seiner Lage zwischen
dem nördlichen und dem südlichen Weg von China nach dem Westen schon
zur Zeit der Kämpfe zwischen den chinesischen Kaisern aus dem Haus
der Han und den Hiung-Nu seit dem zweiten Jahrhundert vor unserer
Zeitrechnung eine für dasselbe zuweilen verhängnisvolle Rolle gespielt
hat, indem es bald auf die eine, bald auf die andere Seite gedrängt
wurde. Der berühmte Wallfahrer Hüan-Tschuang berührte 645 das Land
auf seiner Rückreise aus Indien, nachdem er von Khoten aus die Wüste
mit ihren damals schon in Trümmern liegenden Städten durchzogen
hatte. Wenn schon die Wüste die Einwohner der Städte vertrieb und
ihre Häuser verschüttete, mußte eine Vereinigung der Staubstürme mit
den sich stauenden Gewässern die Gefahr noch vermehren. Nach dem
Schuêiking-tschu sammelten sich die Gewässer des Sees nordöstlich von
Schan-schan (Lôu-lan) und südwestlich von Lung-thschöng (Drachenstadt),
welches im Zeitraum Tschi-ta (1308-11) durch eine Sturmflut zerstört
wurde. Doch waren die Trümmer noch vorhanden.