Eine kleine Episode mit Chodai Kullu, der bisher innerhalb der

Karawanengemeinschaft gerade keine hervorragende Rolle gespielt hatte,

muß der Vergessenheit entrissen werden. Der Mann galt für einen

geschickten Jäger und besaß eine eigene Flinte, aber in den 14 Monaten,

die er bei uns war, hatte keiner ihn auch nur einem Hasen etwas zuleide

tun sehen. Man glaubte nicht, daß er mit dem Gewehre umzugehen wußte,

und es erregte daher keine Verwunderung, als er es eines Tages um

einen Spottpreis an Li Loje verkaufte, in dessen Händen es ebenso

unschädlich blieb. Bei der Rückkehr nach Jangi-köll im vorigen Jahre

hatte er versichert, daß er in Altimisch-bulak ein Kamel erlegt habe,

und nun drangen seine Kameraden in ihn, er solle ihnen die Reste dieses

Tieres zeigen. Er machte Ausflüchte und beteuerte, die Tat bei einer

anderen Quelle in der Nachbarschaft verübt zu haben. Daran wollten die

anderen aber durchaus nicht glauben, da Chodai Kullu über die Lage

dieser Quelle keine Auskunft geben konnte. Sie machten sich immer über

ihn lustig. Er war ein verträglicher, phlegmatischer Mensch, linkisch

und jovial, und seine Gesichtszüge trugen einen vorwiegend komischen

Ausdruck.

Eines Morgens verschwand er vor Sonnenaufgang aus dem Lager, und die

anderen, die den Tag über damit beschäftigt waren, das Skelett des

von Schagdur erlegten Kameles zu reinigen, hatten keine Ahnung, wo er

steckte. Sie vermuteten indessen, daß er auf die Jagd gegangen sei,

denn eine Flinte fehlte.

In der Dämmerung fand er sich wieder ein und machte schon von weitem

den Eindruck eines Triumphators. Wer wolle, könne ihn nach der Quelle

begleiten und sich das Gerippe des im vorigen Jahre geschossenen Kamels

ansehen, erklärte er ruhig. Die Quelle sei freilich in diesem Jahre

ausgetrocknet, aber das Gerippe liege noch da, und was mehr sei, er

habe auf seinem Streifzuge noch eine Quelle mit reichlichem Eisvorrat

und Vegetation entdeckt. Dort habe er vier Kamele überrascht und ein

Bughra geschossen. Während Chodai Kullu schmunzelnd umherging, war er

in den Augen der anderen bedeutend gewachsen, und sie schämten sich

sichtlich ihres offen ausgesprochenen Mißtrauens.

Nun wurde beschlossen, nach dieser Quelle zu ziehen, die ein

geeigneterer, näherer Stützpunkt für die bevorstehenden Operationen

gegen die Ruinen in der Wüste sein mußte. Sieben mit Eis gefüllte

Tagare wurden wieder geleert, um die Kamele mit unnötigen Lasten zu

verschonen.

Am 1. März sollte also Chodai Kullu seinen Ehrentag haben und uns den

Weg nach der von ihm entdeckten Quelle zeigen. Er marschierte ganz

selbstbewußt an der Spitze der Karawane unter fröhlichem Singen und mit

einer so befriedigten Miene, als sei er Alleinherrscher über alle diese

Wüsten und Oasen und ihre Bewohner, die wilden Kamele. Wir folgten

seinen Schritten.

Der Weg führte nach Südwesten und Süden. Rasch haben wir die Oase vor

uns (Abb. 199). Sie liegt so gut im Terrain versteckt, daß es unmöglich

sein würde, sie zu finden, wenn man sie nicht kennte oder wie Chodai

Kullu durch reinen Zufall dorthin geriet.

Während wir auf die anderen warteten, nahmen wir das erlegte Kamel

genauer in Augenschein (Abb. 200, 201). Es lag in ganz natürlicher

Stellung an dem Punkte, bis zu dem es noch hatte fliehen können,

nachdem die heimtückische Kugel sein friedliches Weiden unterbrochen

hatte, etwa hundert Schritte jenseits der Kamischgrenze der Oase. Wie

verwundete und erschreckte Kamele zu tun pflegen, hatte es sein Heil

gerade nach Süden, der Wüste zu, gesucht. Es war ein fettes, schönes

Männchen. Eine Menge Zecken, die sich in seinem Pelze eingenistet

hatten, zogen sich, nachdem das Blut erstarrt war, ratlos von dem

Kadaver zurück.

Als die Temperatur in der Mittagsstunde auf +15 Grad stieg, fingen

diese greulichen Milben wieder an, sich zwischen Büschen und

Grashalmen zu bewegen. Sie kriechen in großer Anzahl innerhalb der

Grenzen der kleinen Oasen umher, und man kann sich kaum vor ihnen

schützen. Sie werden von den wilden Kamelen von einer Oase nach der

anderen getragen und machen, in den Pelzen jener hängend, alle Reisen

kostenlos mit.

Das Wasser der neuentdeckten Quelle, das in mehreren „Augen“ aus einem

ziemlich tiefen Bett sprudelte, hatte eine Temperatur von +1,7 Grad und

spezifisches Gewicht von 1,0232. Es ist so salzig, daß unsere zahmen

Kamele sich durchaus nicht bewegen ließen, es zu kosten, was auch

überflüssig war, da sich durch die Sonnenwärme kleine Süßwasserlachen

auf der Oberfläche der Eisscholle gebildet hatten. Doch die wilden

Kamele müssen im Sommer hiermit vorliebnehmen, ja vielleicht ziehen

diese Wüstentiere das salzige Wasser dem süßen geradezu vor.

Das Eis war dick und rein, und neun Tagare wurden damit gefüllt. Die

Oase kam uns wirklich außerordentlich gut zustatten. Sie lag den Ruinen

12 Kilometer näher und lieferte gute Weide, so daß ich alle drei

Pferde und drei kränkliche Kamele unter Chodai Värdis Aufsicht hier

zurücklassen konnte, während wir nach Süden aufbrachen.

Was die Verproviantierung des Mannes betraf, so erhielt er von unseren

außerordentlich knappen Vorräten nur -- eine Schachtel Zündhölzer,

einen kleinen Eisentopf und ein bißchen Tee. Wasser hatte er in

Überfluß, Fleisch konnte er von dem erlegten Kamel nehmen, mit den

Zündhölzern konnte er sich Feuer anmachen, um seinen Tee zu kochen und

seine Schnitzel zu braten. Nur ein kleines Mißgeschick traf ihn, wie er

später erzählte, in der Einsamkeit. Als er am ersten Morgen erwachte,

fehlten alle drei Pferde. Aus ihren Spuren sah er, daß sie sich auf

eigene Hand nach Altimisch-bulak zurückbegeben hatten, weil dort das

Gras noch besser war. Er mußte daher dorthin wandern und sie wieder

holen und sie nachher strenger bewachen.

Am 2. März brach ich mit den sieben Kamelen auf und nahm das ganze

Gepäck und die neun Eissäcke mit. In gewisser Beziehung wäre es besser

gewesen, der Marschroute des vorigen Jahres von Altimisch-bulak nach

den Ruinen, die dann leichter zu finden gewesen wären, zu folgen; aber

auch auf diesem neuen Wege mußten wir sie finden können, obwohl man sie

nicht eher sieht, als bis man dicht vor ihnen ist. Drei alte Steinmale

zeigten, daß die Menschen, die einst die Ruinengegend bevölkerten, die

kleine Oase gekannt haben. Wahrscheinlich haben sich von hier aus Jäger

in den Kurruk-tag begeben.

Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, daß wir uns dem Nordufer des

ausgetrockneten Sees näherten. Erst verrieten zahlreiche Scherben von

Tongefäßen das ehemalige Vorhandensein von Menschen in diesem Lande,

darauf traten tote Tamarisken auf Kegeln und Hügeln auf, sodann

die borstenähnlichen Stoppeln alter Kamischfelder und schließlich

Schneckenschalen, letztere hier und dort in außerordentlicher Menge.

So sind wir denn wieder in der von Stürmen durchfurchten Tonwüste. Ich

eilte zu Fuß weit voraus. Es war glühend heiß, und ich rastete eine

Stunde in dem Schatten der überhängenden Tonscheibe einer Jardang. Als

die Karawane mich eingeholt hatte, eilte ich weiter, bis ich einen

geeigneten Lagerplatz erreichte. Doch auch hier mußte ich so lange

warten, daß ich fürchtete, die Leute hätten meine Spur verloren. Toter

Wald war in Menge vorhanden, und ich unterhielt mich damit, einen

kolossalen Scheiterhaufen aufzustapeln, den ich dann anzündete. Von

der Rauchsäule geleitet, kam endlich die Karawane in guter Ordnung

herangezogen.

Viertes Kapitel.

Die Ruinen am alten Lop-nor.

Am Morgen des 3. März war es ziemlich kalt. Nach dem Besteck mußten

wir von der Stelle, an welcher wir im vorigen Jahre auf die Ruinen

gestoßen waren, noch 14 Kilometer entfernt sein. Es handelte sich nun

um das Wiederfinden jener alten Häuser, in denen Menschen zu einer Zeit

gewohnt hatten, in der das Klima und die Natur dieser Gegend noch ganz

anders waren als jetzt und die Wüste keine Wüste, sondern ein reich

bewachsenes Gebiet am nördlichen Ufer des von den Wassermassen des

Kum-darja gebildeten Sees war. Wir schritten langsam vorwärts, nach

allen Seiten umherspähend, um nicht an dem wichtigen Punkte, der jetzt

Gegenstand einer gründlichen Untersuchung werden sollte, vorüberzugehen.

Gleich links von unserem Wege fand Schagdur die Ruinen zweier Häuser.

Das östliche bildete ein Quadrat von 6,5 Meter Seiten, und seine 1

Meter dicken Mauern waren aus gebrannten Ziegeln in quadratischen

Platten ausgeführt. Das aus Holz gebaute westliche Haus war schon sehr

mitgenommen, aber man konnte sehen, daß es 26 Meter lang und ebenso

breit wie das östliche gewesen war. In dem letzteren fanden wir eine

kleine Kanonenkugel, einen kupfernen Gegenstand, der genau die Form

einer Ruderklammer hatte, einige chinesische Münzen und zwei rote

irdene Tassen.

Eine Strecke weiter, als wir uns nach meiner Karte in der unmittelbaren

Nachbarschaft des Fundortes vom vorigen Jahre befinden mußten, machten

Faisullah und ich mit den Kamelen Halt, während die anderen zur

Erkundung der Gegend ausgeschickt wurden. Sie blieben mehrere Stunden

fort, und da es kurz vor Sonnenuntergang war, beschloß ich, am Fuße

eines Lehmturmes, der sich eine Stunde östlich von unserem Rastplatze

erhob, zu lagern. In der Dämmerung langten wir dort an und befreiten zu

zweit die Kamele von ihren Lasten, worauf ich mit Hilfe eines Seiles

und einer Axt den Turm bestieg. Er war um ein Gerippe von Balken,

Reisig und Kamisch herumgebaut, so daß ich oben auf der Spitze ein

Signalfeuer anzünden konnte.

Die Ausgeschickten kehrten jetzt gruppenweise zurück. Einige hatten ein

von mehreren Hausruinen umgebenes hohes „Tora“ (Lehmturm) gefunden und

empfahlen jenen Platz als Hauptquartier. Sie brachten als Beweis etwas

Schrot, eine verrostete eiserne Kette, eine kupferne Lampe, Münzen,

Scherben und einen Krug mit.

Bei Sonnenaufgang lenkten wir unsere Schritte nach dem neuen „Tora“

(Abb. 202) und lagerten unmittelbar im Südwesten davon, um Schutz

von ihm zu haben, wenn sich ein Sturm erheben sollte. Unter einer

nach Norden überhängenden Lehmterrasse wurden auf einigen Balken die

Eissäcke aufgestapelt; dort war unser „Gletscher“, unser Eiskeller.

Nachdem die Kamele sich eine Weile ausgeruht hatten, sollten sie

zu ihren Kameraden nach der Quelle zurückgeführt werden. Dieses

verantwortungsvolle Geschäft wurde Li Loje anvertraut. Er sollte

über Nacht an dem Punkte bleiben, wo das Terrain nach dem Gebirge

anzusteigen beginnt. Soweit sollte der alte Faisullah mitgehen

und dafür sorgen, daß der Jüngling in unsere Spur kam, dann aber

schleunigst wieder zu uns zurückkehren. Li Loje hatte sich im übrigen

an folgenden Befehl zu halten: er sollte in zwei Tagen nach der Quelle

gehen, zwei Tage dort bleiben und schließlich mit der ganzen Karawane

und einem großen Eisvorrat in weiteren zwei Tagen zurückkehren.

Als die Kamele zwischen den Jarterrassen verschwunden waren, war uns

jegliche Transportmöglichkeit abgeschnitten. Unser Lager mußten sie

jedoch leicht finden können. Der Turm war weithin sichtbar (Abb.

205), und am 9. März wollten wir auf seinen Zinnen ein Leuchtfeuer

unterhalten. Nach ihrer Ankunft mußten wir sofort nach Süden

weiterziehen, und es galt daher, die uns zur Verfügung stehenden

sechs Tage nach Möglichkeit auszunutzen. Den ersten Tag benutzte

ich zu einer astronomischen Bestimmung, während sämtliche Leute die

Nachbarschaft abstreiften und sich erst am Abend mit ihren Berichten

und Beobachtungen wieder einstellten.

Ich kam nur noch dazu, von der Spitze des Turmes ein paar Aufnahmen

zu machen, die ich beigefügt habe (s. auch I, Abb. 86) und die einen

deutlicheren Begriff von der Gegend geben als alle Beschreibungen. Im

Vordergrund sieht man meine Jurte, die durch einige Balken vor dem

Umfallen geschützt ist (Abb. 203). Im Hintergrund leuchtet die Wüste

gelb und gleichförmig mit ihren scharfkantigen Tafeln und Jardangs von

Lehm. Hier und dort erhebt sich ein mehr oder weniger von der Zeit

zerstörtes Haus (Abb. 204); in seinem Inneren wohnen nur Stille und

Tod. Die einzigen lebenden Wesen, die sich in Sehweite befanden, waren

ich selbst und mein Hund Jolldasch.

Es ist so still und feierlich wie auf einem Friedhof, der bis an den

Horizont reicht. Man fühlt, daß das Leben hier einst in frischen

Schlägen pulsiert hat, aber durch erbarmungslose Naturkräfte vernichtet

worden ist. Der frühere Wald hat den Stürmen freies Feld gelassen, und

die Sterne blicken auf Vergänglichkeit und Öde herab.

Es war unser erster Tag in dieser Gegend, die ich noch nicht hatte

rekognoszieren können; ich wußte aber, daß ich vor einem großen,

herrlichen Probleme stand. Würde diese geizige Erde, die sicherlich

viele Geheimnisse zu verbergen hatte, mich etwas wissen lassen, das

keine anderen Menschen auf Erden wußten? Würde sie uns einige ihrer

Schätze schenken und mir auf die zahllosen Fragen, die gerade hier auf

mich einstürmten, Antwort geben? Nun gut, ich würde jedenfalls tun, was

ich konnte, um die schweigenden Ruinen zum Sprechen zu bringen, und

mit ganz leeren Händen würden wir wohl nicht abzuziehen brauchen, wenn

die Glocken das nächste Mal am Fuße des „Turmes der Stille“ läuteten.

Ich hatte meinen ganzen ursprünglichen Reiseplan geändert und war auf

Grund der von Ördek im vorigen Jahr gemachten wichtigen Entdeckung

hierher zurückgekehrt. Dieser große Zeitverlust würde doch wohl nicht

vergeblich gewesen sein?

5. März. Nach einer langen, ruhigen Nacht in diesem eigentümlichen

Lager, das der frischen Quelle, die wir vor kurzem verlassen hatten,

so unähnlich war und in dem uns nur der Eisvorrat am Leben erhalten

konnte, machte ich einen Morgenspaziergang zwischen den Ruinen, während

meine Leute schon damit beschäftigt waren, aus allen Kräften zu graben.

Sie hatten das Eingeweide eines Hauses auf- und umgewühlt, aber nichts

weiter gefunden als das Rad einer Arba und einige hübsch gedrechselte

Pilaster. Im übrigen barg der Sand nur wertlose Dinge, die jedoch auch

nicht jeglicher Bedeutung ermangelten, da sie stets zur Erklärung

der Lebensweise der ehemaligen Bewohner beitrugen. Darunter waren

rote Zeugstücke von derselben Sorte, wie sie die mongolischen Lamas

noch heute tragen, Filzlappen, Büschel von braunen Menschenhaaren,

Skeletteile von Schafen und Rindern, chinesische Schuhsohlen, ein

Bleigefäß, merkwürdig gut erhaltene Stricke, Scherben von einfach

ornamentierten Tongefäßen, ein Ohrgehänge, chinesische Münzen usw. In

einem Hause, das wahrscheinlich als Stall gedient hatte, wurde ein

dickes Lager von Pferde-, Rinder-, Schaf- und Kameldung durchgraben.

Nur der Umstand, daß dieses Lager unter einer Schicht von Sand und

Staub gelegen hat, macht es erklärlich, daß es nicht pulverisiert

und vom Winde fortgetragen worden ist. Doch keine Schrift, nicht ein

Buchstabe, der uns das Rätsel hätte lösen können; nur ein kleiner

unbeschriebener, gelber Papierfetzen wurde gefunden. Ganz dicht beim

Lager erhoben sich die Balken eines Hauses, in dessen Innerem wir

jedoch nichts fanden.

Die Verhältnisse sind in diesem alten Orte ganz anders als in den

Städten, die ich auf meiner vorigen Reise am Kerija-darja entdeckte.

Dort liegen die Ruinen durch Sand geschützt, hier aber ist das Erdreich

nackt. Was hier zurückgelassen oder vergessen worden ist, als die

Einwohner von hier fortzogen, hat unbedeckt auf der Oberfläche des

Bodens gelegen und ist vom Wetter und von den Winden angefressen und

zerstört worden. Nur im Schutze der kleinen, höchstens 3 Meter hohen

Lehmterrassen hat sich eine dünne Sandschicht angehäuft.

Der Turm, die imponierendste Ruine des Ortes, lockte mich besonders an,

und ich ließ die Leute ihn in Angriff nehmen (Abb. 206). Er konnte ja,

gleich einem Hünengrab, ein Geheimnis in seinem Inneren bergen. Es war

jedoch gefährlich, an ihm zu rühren. Ein großes Stück seiner Spitze

mußte erst mit Stricken und Stangen abgerissen werden; es stürzte

herunter wie ein donnernder Wasserfall, ganze Wolken von braunem Staub

aufrührend, der von dem ziemlich starken Nordostwind über die Wüste

fortgewirbelt wurde (Abb. 207).

Sodann wurde von oben ein senkrechtes Loch, einem Brunnen vergleichbar,

gegraben; einen Tunnel von der Seite zu machen, wäre ein zu großes

Wagestück gewesen, denn der Turm war voller gefährlicher Risse, und

sein trockenes, loses Material hätte leicht einstürzen können. Der 8,8

Meter hohe Turm war jedoch massiv und wurde nur von horizontalen Balken

durchzogen, die den an der Sonne getrockneten Ziegeln Halt gaben. Nur

bis zu 3 Meter Höhe von der Basis haben diese eine rötliche Färbung,

als seien sie leichtem Feuer ausgesetzt gewesen.

Unterdessen zeichnete ich einen genauen Plan von dem Dorfe, dessen

Häuser in einer Reihe liegen und stets von ungefähr Südosten nach

Nordwesten gerichtet sind.

Einige Häuser sind ausschließlich aus Holz gebaut gewesen, und die

senkrechten Wandplanken sind in Balkenrahmen, die unmittelbar auf

dem Erdboden liegen, eingefügt gewesen. Bei anderen bestehen die

Wände aus Kamischgarben, die mit Weiden zwischen Stangen und Pfosten

eingeflochten sind. Schließlich sind noch ein paar Häuser von an der

Sonne getrocknetem Lehm vorhanden.

Die meisten dieser alten Wohnungen sind eingestürzt, aber viele Balken

und Pfosten stehen noch aufrecht, obwohl ihnen Wind und Sand recht übel

mitgespielt haben (Abb. 208). Aus dem Aussehen des Bauholzes auf das

Alter zu schließen, ist unmöglich. Wohl sieht es sehr alt aus und ist

grau-weiß, rissig und zerbrechlich wie Glas, andererseits aber sollte

man meinen, daß Stürme, Flugsand und Unterschiede von 80-90 Grad

zwischen der niedrigsten Nachttemperatur des Winters und der höchsten

Tagestemperatur in der Sommersonne das Material in verhältnismäßig

kurzer Zeit ziemlich arg ruinieren können.

Drei Türrahmen standen noch. In einem von ihnen war sogar noch die Tür

selbst an ihrem Platze, weit offen, wie sie der letzte Eigentümer beim

Aufbruch nach einem anderen Wohnorte gelassen hatte. Sie war bis zur

Hälfte in Sand und Staub gebettet.

Sämtliche Gebäude erheben sich auf kleinen Hügeln; daß sie aber

ursprünglich auf ebenem Boden errichtet worden sind, davon ist man

schon beim ersten Anblick völlig überzeugt, denn die Plattform des

Hügels hat ganz dieselbe Fläche wie der Grundriß des Hauses. Die Teile

des Bodens ringsumher, die das Bauholz nicht schützte, sind vom Wind

ausgehöhlt worden und bildeten Einsenkungen. Da wohl 3 Meter von der

Oberschicht des Lehmbodens weggehobelt worden sind, kann man sich

denken, daß ziemlich lange Zeiträume verflossen sein müssen, seit das

Dorf verlassen worden ist.

Um Faisullah den Weg nach dem Lager zu zeigen, zündeten wir am Abend

einen gewaltigen Scheiterhaufen an. An der Basis des Turmes lagen

Massen von Balken und Pfosten, die ihrerzeit einen Rundbau um ihn

herum gebildet zu haben scheinen. Aus ihnen wurde ein Scheiterhaufen

von riesenhaften Dimensionen aufgetürmt, und es war ein in hohem

Grade phantastischer, großartiger Anblick, den alten, grauen Turm in

feuerroter Beleuchtung, die die Wirkungen des Mondscheins beinahe ganz

aufhob, zu sehen. Einige Leute schürten das Feuer mit langen Stangen,

die anderen saßen niedergekauert am Fuße des Turmes. Dicke Rauchwolken

und ganze Feuerwerke von Funken flogen nach Südwesten. In einer klaren

Nacht mußte ein solches Feuer schon in einer Entfernung von mehreren

Tagereisen sichtbar sein. Faisullah wurde auch durch seinen Schein auf

den richtigen Weg geführt, nachdem er Li Loje geholfen hatte, die Spur

nach der Quelle zu finden.

6. März. Als ich heute aufwachte, waren alle meine fünf Männer

verschwunden, und ich mußte sehen, wie ich mit dem Feueranmachen und

dem Essenkochen fertig wurde. Wir waren nämlich übereingekommen, daß

es am klügsten wäre, wenn wir den ganzen Tag zum Auskundschaften einer

besseren Stelle benutzten.

Die Leute sollten radial, jeder in einer anderen Richtung, gehen. Es

wurde eine förmliche Treibjagd auf Ruinen, und die Leute interessierten

sich so sehr dafür, daß sie viel zu lange aufblieben und sich beim

Feuer darüber unterhielten. Sie hatten den ganzen Tag vor sich, und

wenn sie sich vor Dunkelwerden nicht wieder einstellten, sollte ich

sie mit einem Signalfeuer zurückrufen, dessen Holzstoß sie vor dem

Aufbrechen aufzuschichten hatten. Schagdur hatte ich eine detaillierte

Marschroute gegeben, die angab, wo der vorjährige Lagerplatz lag und wo

die von Ördek gefundenen Ruinen zu suchen sein mußten.

Sonntagsruhe umgab mich auf allen Seiten, als ich erwachte; ich mußte

an das Leben in der Laubhütte am Chotan-darja, als die Hirten in den

Wald gegangen waren, denken. Ich photographierte mehrere Partien der

Dorfruinen, nahm eine Mittagshöhe, beendigte die Planaufnahme und

untersuchte die verschiedenen Schichten der Tonablagerungen.

Es waren ihrer sechs von verschiedener Dicke. Auffallend ist, daß

einige Schneckenschalen und Pflanzenreste enthalten, andere aber

nicht, was verschiedene klimatische Verhältnisse während verschiedener

Perioden anzeigt. Vielleicht haben sich die von organischem Leben

freien Schichten in salzigem Wasser gebildet. Da sich im alten See

Lop-nor Sedimente von 9,6 Meter Dicke haben absetzen können, liegt die

Vermutung nahe, daß der Kara-koschun, auch wenn die Ablagerung dort

viel unbedeutender ist, eines Tages wird nach Norden zurückwandern

müssen. Noch immer ist es derselbe See, der in die Nivellierung des

Landes eingreift, aber er führt ein Nomadenleben; bald liegt er im

nördlichen, bald im südlichen Teile der Wüste.

Mein Tag verlief in der Einsamkeit still und ruhig. Am Abend kamen die

Kundschafter, vom Feuerschein geführt, einer nach dem anderen wieder.

Schagdur traf erst um 9 Uhr ein; er war den ganzen Tag auf den Beinen

gewesen, die anderen hatten die heißen Stunden gewiß verschlafen. Die

Lehmterrassen hatten ihn in der Dunkelheit viele Purzelbäume machen

lassen. Die Rinnen zwischen ihnen sehen wie schwarze Gräben aus, man

kann ihre Tiefe nicht beurteilen und fällt infolgedessen oft wirklich

in den Graben. Schagdur hatte sich daher gerade hinlegen und die

Morgendämmerung abwarten wollen, als das Feuer aufgelodert war. Mein

prächtiger Kosak hatte so lange gesucht, bis er sowohl das Ruinenlager

vom vorigen Jahre wie Ördeks Fundort entdeckt hatte.

Der 7. März sollte zur Untersuchung des letzteren benutzt werden. Um

8 Uhr setzte ich mich mit allen Männern, außer Kutschuk, der für das

Signalfeuer sorgen sollte, in Marsch. Schagdur war unser Führer.

Der Weg ging genau südlich von dem Lagerturme vom 3. März, in dessen

Nähe wir eine tiefe Einsenkung kreuzten, die einem alten Kanale glich.

Ein neues „Tora“ wurde entdeckt. Beinahe in jedem Dorfe der Gegend

gibt es einen Lehmturm; hier und dort liegen Balken umher, die von dem

Vorhandensein ehemaliger Häuser Kunde geben. Ein solcher Balken hatte

7,8 Meter Länge und 35 × 17 Zentimeter Stärke. Hier sind also in

früheren Zeiten ebenso prächtige Pappeln gewachsen wie nur irgendwo in

den Urwäldern des Tarim.

Das Terrain, auf welchem wir jetzt wanderten, ist sehr interessant

und verdient eine flüchtige Beschreibung. Wir gehen nach Westnordwest

und kreuzen alle Lehmterrassen auf und ab im Zickzack. In kleinen

Gruppen stehen uralte Pappeln; ihre Gruppierung ist genau dieselbe

wie am Kara-köll, am Tschiwillik-köll und an den unteren Armen und

Wasserläufen des Tarim. Manchmal stehen sie in Linien, manchmal in

Hainen. Wo sie fehlen, haben sichtlich Flußarme gelegen oder Seen sich

ausgedehnt, und ihre Gruppierung zeigt den Verlauf der Ufer an. Sonst

sind Kamischstoppeln außerordentlich häufig, aber nur 20 Zentimeter

hoch. Die Stengel sind so von Staub und Sand durchdrungen, daß sie

bei der Berührung wie Ton zerspringen, aber die Blätter, die jedoch

seltener noch vorhanden sind, lassen sich noch biegen. Auch das Bauholz

ist in dieser Gegend so voll Sand, daß es im Wasser untergeht.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 4 / 42 段