Daß wir uns in einer Gegend befanden, wo einstmals menschliche

Verbindungsstraßen gelegen haben mußten, wurde uns während der

folgenden Tagereise völlig klar. In dem breiten, offenen Tale, dem

wir nach Norden folgten, zeigten sich nämlich oft Steinmale und

Steinhaufen. Da, wo das Tal in flaches, wellenförmiges Terrain auslief,

teilte sich der alte Weg. Eine Reihe von Steinmalen erstreckte sich

nach Westsüdwesten, eine zweite nach Nordwesten. Der erste dieser

beiden Wege hat wahrscheinlich nach den Ruinen geführt, die wir

früher am Nordufer des Lop-nor gefunden hatten. Der zweite, den wir

einschlugen und der nach Turfan zu gehen schien, führte uns auf einen

niedrigen, rötlichschimmernden Kamm von ganz verwittertem Granit.

Fern im Norden wurde die Aussicht durch eine etwas höhere Kette

versperrt. Die Landschaft ist seltsam, öde, verlassen und stumm. Wie

die Menschenspuren uralt sind, ihre Bedeutung verloren haben und

nur noch in den Steinmalen als Erinnerungen aus vergangenen Zeiten

dastehen, so sind auch die Bergketten hier auf dem Wege, vom Erdboden

vertilgt worden. Wenn man an Tibet gewöhnt ist, kann man sich beinahe

nicht entschließen, diese kleinen Landrücken Berge zu nennen. Sie sind

zerfallende Ruinen von einstmals hohen Bergketten, welche jetzt durch

die Einwirkung der in der Atmosphäre wirkenden Kräfte Stück für Stück

zerstört werden. Doch denselben von Osten nach Westen gerichteten

Parallelismus wie in Tibet finden wir auch hier wieder.

In einer geschützten Spalte auf der Nordseite des Kammes fanden wir

eine liegengebliebene Schneewehe, die den Kamelen sehr zupasse kam.

Vielleicht hat dieser Schnee sie vor dem Verdursten gerettet, denn zum

Wasser hatten wir noch sehr weit.

Drittes Kapitel.

Durch unbekanntes Land auf der Suche nach Wasser.

Die ersten Anzeichen des Frühlings machten sich jetzt bemerklich, und

die Winde waren nicht mehr ganz so schneidend kalt wie bisher. Die

Minimaltemperatur stieg freilich selten über -20 Grad; aber unser

langer Winter näherte sich doch seinem Ende. Im Juli des vorigen Jahres

hatte er begonnen und ununterbrochen fortgedauert.

Am 11. Februar überschritten wir eine Bergkette von unbedeutender

relativer Höhe. Wilde Kamele haben hier außerordentlich zahlreiche

Spuren hinterlassen. Sie schienen oft nach der obenerwähnten

Schneewehe, der keine weiteren folgten, zu gehen. Wahrscheinlich hat

die Erfahrung die Tiere gelehrt, daß die geringe Schneemenge, die

hier gelegentlich fällt, an jener Stelle die größte Aussicht hat,

liegenzubleiben.

Am 12. gingen wir in einer fabelhaft öden Gegend, die nur selten durch

eine Kamelspur belebt wurde, nach Nordnordosten. In der Ferne sieht man

auf allen Seiten einzelne, niedrige Hügel, aber ziemlich lange Zeit

ist es unmöglich festzustellen, in welcher Richtung der Boden fällt.

Es gibt hier allerdings flache, gewundene Bachbetten, aber sie sind

trocken wie Zunder, und oft hat es den Anschein, als müßten Jahrzehnte

vergangen sein, seit sie zuletzt Wasser geführt haben. Der Blick reicht

unendlich weit nach allen Seiten hin. Da keine Veränderung eintrat

und keine Hoffnung vorhanden schien, daß wir hier Quellen oder Schnee

finden könnten, schwenkten wir nach Nordwesten und Westen ab.

Die beiden folgenden Tagemärsche gingen nach Südwesten. Ich hielt mit

dem Kurse immerfort auf Altimisch-bulak zu, da wir ja einen Bogen nach

Nordosten gemacht hatten. Unsere Lage war kritisch; der noch vorhandene

Eisvorrat reichte freilich für uns und die Pferde noch mehrere Tage,

aber die Kamele konnten keinen Tropfen mehr bekommen, und unser ganzes

Streben war darauf gerichtet, diese unermüdlichen Veteranen um jeden

Preis zu retten. Die Spuren der wilden Kamele wurden nunmehr stets

auf der Karte verzeichnet. Ich glaubte, daß man aus ihren Richtungen

Schlüsse auf die Lage von Quellen und Weideplätzen würde ziehen können.

Die Spuren gingen meistens nach Nordwesten oder Südosten. Im Südosten

dehnen sich die Kamischsteppen am Astin-joll aus, die wir schon

durchquert hatten, und im Nordwesten gab es wahrscheinlich Quellen,

die nur den Kamelen bekannt waren. Ich ging meistens zu Fuß und ruhte

mich nur zeitweise im Sattel aus. Wenn es wirklich darauf ankam, eine

Situation zu retten, hatte ich keine Ruhe zum Reiten. Die Kamele sind

unerschütterlich ruhig und geduldig; nachts liegen sie geknebelt,

keinen Grashalm bietet ihnen diese wüste Gegend, aber noch haben wir

Vorrat von der Gerste der Mongolen.

Am 16. Februar sah ich ein, daß wir, wenn wir eine Katastrophe

vermeiden wollten, direkt nach Süden gehen und versuchen müßten, den

Wüstenweg mit seinen salzigen Brunnen wieder zu erreichen. Vergeblich

spähten wir nach einer liegengebliebenen Schneewehe umher. Wir mußten

nach dem flachen Lande hinunter, wo wir wenigstens versuchen konnten,

einen Brunnen zu graben. Ich erstieg einen Paß in einer unbedeutenden

Kette. Die Aussicht war nichts weniger als ermutigend, denn auf allen

Seiten zeigten sich kleine Landrücken; es war dieselbe Mondlandschaft

wie immer, dieselben trockenen Hügel ohne eine Spur von Gras, aus dem

man auf eine gewisse Feuchtigkeit des Bodens hätte schließen können.

In einem breiten Tale sahen wir 57 frische Kamelspuren. Sie sammelten

sich fächerförmig von allen Seiten und vereinigten sich zu einer

Heerstraße, die ohne Zweifel nach einer Quelle führte. Nachher sahen

wir noch 30 Spuren, die alle nach der großen Heerstraße gingen. Wir

machten einen Augenblick Halt und hielten Kriegsrat. Gewiß war es,

daß es hier nach einer Quelle ging, aber wie weit war es dorthin?

Vielleicht mehrere lange Tagemärsche. Würde es nicht besser sein, nach

Altimisch-bulak, das wir wenigstens kannten, zu ziehen? Wir folgten

diesen Spuren nicht, so verlockend sie auch waren. Ganz kürzlich

waren sie wie helle Stempel in den Boden gedrückt worden, aber

merkwürdigerweise ließen sich die Kamele selbst nicht sehen. Bis in die

unendliche Ferne lag das Land leer und schweigend da. Es war, als ob

unsichtbare Geister diese Spuren hervorgerufen hätten. Ganze Karawanen

von wilden Kamelen waren hier kürzlich gezogen, aber kein Tier war

zu erblicken. Die Spuren führten nach Norden, vielleicht nach der

Pawan-bulak, einer Quelle, von der Abdu Rehim, wie er mir im vorigen

Jahre mitgeteilt hatte, gehört, die er aber nicht besucht hatte.

17. Februar. Unsere Lage fängt an, recht bedenklich zu werden. Die

Kamele haben seit zehn Tagen außer einigen Mundvoll Schnee, die wir vor

einer Woche fanden, nichts zum Löschen ihres Durstes bekommen. Ihre

Kräfte können nicht bis in alle Ewigkeit ausdauern.

Während unseres heutigen Marsches ließen wir die kleinen Ketten,

die wir auf dem Zuge nach Norden überschritten hatten, der Reihe

nach hinter uns zurück. Sie laufen eine nach der anderen im Westen

aus und verschwinden dort spurlos; sie stehen also nicht einmal in

fortlaufender Verbindung mit dem Kurruk-tag, obgleich sie zu demselben

orographischen System gehören. Fern im Westen sahen wir die Ketten

des Kurruk-tag; sie waren höher und größer als die bisher von uns

überschrittenen. Da wir in ihrer Nähe größere Aussicht hatten Wasser zu

finden als in der Wüste, richteten wir den Kurs dorthin und zogen nach

Westen.

Nachdem ich die äußersten Vorsprünge des Gebirges hinter mir gelassen

hatte, gelangte ich auf ganz ebenen salzhaltigen Boden hinunter, der

jedoch auch Höcker in Gestalt von höchstens 2 Meter hohen Rücken und

Anschwellungen hatte. Die Wüste erstreckt sich im Südwesten bis ins

Unendliche, und auch im Nordosten wird ihr Horizont durch keine Berge

verdunkelt.

Nachdem ich fünf Stunden zu Fuß gegangen war, wartete ich auf die

Karawane. Das Terrain wurde nachher schlechter als die Sandwüste. Es

waren dieselben Jardang oder Lehmrücken, die wir von der Lopwüste her

kannten; hier aber waren sie bis zu 6 Meter hoch und 10 Meter breit.

Sie haben eine nordsüdliche Richtung und liegen in unzähligen Reihen.

Gäbe es nicht hie und da kleine Unterbrechungen durch Lücken, so wäre

das Terrain vollkommen unpassierbar, denn ihre Seiten sind senkrecht.

Wir müssen halbe, ja ganze Kilometer zwischen ihnen zurücklegen, ehe

die nächste Lücke uns erlaubt, einige zehn Meter in unserer Richtung

zu gehen. Hier nützt alle Geduld nichts; solch ein Terrain kann den

Menschen zur Verzweiflung bringen.

Schließlich gelang es mir aber doch, uns aus diesem zeitraubenden

Labyrinth hinauszulotsen. Bei dem zwischen einigen Hügeln

aufgeschlagenen Lager war das organische Leben nicht einmal durch eine

vom Winde verschlagene Tamariskennadel vertreten.

Todmüde krieche ich in meine Filzdecken und Pelze, habe aber noch lange

nicht ausgeschlafen, wenn der Kosak mich weckt. Schon bei Tagesgrauen

herrschte halber Nordsturm, der am Nachmittag in einen ohne Rast und

Ruh heulenden und pfeifenden Buran erster Ordnung ausartete, und

zwar in einen, der dicht am Erdboden hinfegt, Staub, Sand und kleine

Steine mitweht und uns eiskalt gerade in die Seite schlägt. Wie man

auch geht, immer wird man steif vor Kälte; die Hände schwellen auf und

verlieren das Gefühl. Dies ist eine neue Unannehmlichkeit, die sich zu

der Besorgnis um die Kamele und der Sehnsucht nach Wasser gesellt. Die

Drangsale sammeln sich bösen Geistern gleich um unsere Karawane. Das

Terrain ist abscheulich, unzählige Hügel müssen rechtwinklig gekreuzt

werden.

Ich ging voraus und schleppte die Meinen 40 Kilometer weit mit. Unser

Feuerungsvorrat war längst zu Ende, und kein Span war zu entdecken.

Nichts weiter als Steine, Kies und Sand in dieser tückischen

Mausefalle, die uns festhalten will und vor deren teuflischen Absichten

wir unser Leben retten müssen. Die Kette, auf die mein Kurs gerichtet

ist und an deren Fuße wir eine Quelle zu finden hofften, scheint

zurückzurücken und vor uns zu fliehen. Sie verschwand jetzt vollständig

im Nebel der Staubwolken; gegen Abend erschien sie daher unerreichbarer

denn je. Die Kamele bewahrten trotz dieses forcierten Marsches ihre

aufrechte, königliche Haltung und, obwohl sie keinen Stengel zu

fressen, keinen Tropfen Wasser zu trinken bekamen, gingen sie doch mit

hocherhobenem Kopfe und großen, nie unsicheren Schritten vorwärts.

Wir lagerten in der Dämmerung in einem offenen Tale, das keinen Schutz

vor dem Sturm gewährte. Die Jurte bekam drei Überzüge von Filzdecken,

aber der Ofen ließ sich aus Mangel an Brennholz nicht benutzen. Das

bißchen Wärme, welches ich selbst, mein treuer Reisekamerad Jolldasch

und das flackernde Licht verbreiten, wehen die Windstöße fort. Ein

Sandwall wird rings um den unteren Jurtenrand aufgeworfen, aber

trotzdem ist es drinnen so kalt wie in einem Keller. Von dem Eise sind

nur noch einige Stücke übrig. Meine armen Begleiter begnügten sich

mit einem Souper von einigen Stückchen Eis und Brot und krochen dann

so schnell wie möglich unter ihre Filzteppiche; eine Holzlatte, die

geopfert wurde, reichte nur zum Wärmen meines Tees.

Während draußen der Sturm die ganze Nacht tobte, schlief ich gut und

ruhig in meinen Pelzen, fand es aber am Morgen des 19. Februars recht

kalt, als ich ohne das gewöhnliche Morgenfeuer aufstehen mußte. Sobald

ich nach einem Becher Tee und einem Stück Brot fertig war, eilte ich

zu Fuß voraus. Wasser, Wasser! Das war der einzige Gedanke, der alle

beherrschte; wir mußten um jeden Preis eine Quelle finden, denn die

Kamele hatten seit zwölf Tagen nichts getrunken. Unsere Lage war

wirklich kritisch; fanden wir kein Wasser, so würden die Kamele eines

nach dem anderen sterben, gerade wie in der Wüste Takla-makan. Hier

hatten wir jedoch den Vorteil, daß die Luft kalt und der Boden hart

und eben war und uns erlaubte, die Gegenden in langen Tagemärschen zu

durchmessen.

[Illustration: 178. im Tale des Anambaruin-gol. Blick nach Nordwesten.

(S. 14.)]

[Illustration: 179. Blick nach Südosten vom Lager am Anambaruin-gol.

(S. 14.)]

Ich hielt noch immer auf die Quelle Altimisch-bulak zu, deren Lage

ich seit dem vorigen Jahre kannte. Doch nach Abdu Rehim sollte es

östlich von ihr noch drei Quellen geben, und diese waren es, auf die

ich jetzt hoffte und die ich suchte. Wie leicht aber konnten sie

hinter Bodenerhebungen verborgen, hinter kleinen Kämmen versteckt oder

tief in einer vom Wege aus unsichtbaren Bodensenke liegen. Wir konnten

ahnungslos an ihnen vorbeigehen und uns wieder in dieses Meer von

Einöden hineinverlieren. Sehr beeinträchtigt wurden wir auch durch den

Sturm, der uns nur die allernächsten Gegenstände unterscheiden ließ.

Entferntere Berge und Anhöhen verhüllte der Nebel; ich konnte mich

daher nicht der Karten vom Vorjahre zur Orientierung bedienen. In der

Takla-makan wußten wir wenigstens, daß wir stets an den Chotan-darja

gelangen würden, gleichviel auf welchem Wege wir nach Osten gingen,

und nach dem Zuge im Bett des Kerijaflusses mußten wir schließlich

den Tarim erreichen, wenn wir nur nördlichen Kurs einhielten. Dort

handelte es sich um Linien, hier aber um Punkte, an denen man in der

staubgesättigten Luft leicht vorübergehen konnte, und hätten wir dies

getan, so würden wir die Gegenden des Tarim nie wiedergesehen haben.

Mit steigendem Interesse beobachteten wir die oft ziemlich frischen

Spuren der wilden Kamele, die nur im losen Sande vom Winde ausgelöscht,

sonst aber deutlich waren. Man weiß, daß die Tiere vom Wasser kommen

oder nach Wasser gehen und daß die Spur, ob man sie nach dieser oder

jener Richtung hin verfolgt, früher oder später an eine Quelle führen

muß. Aber es kann Tage und Wochen dauern.

Ich fühlte mich stets versucht, den Kamelpfaden zu folgen, und tat es

mehrere Male. Sie sind sehr sonderbar. Ohne die geringste Veranlassung

machen sie scharfe Biegungen im rechten Winkel; wenn sie mich aber gar

zu sehr in die Irre führen, verlasse ich sie voller Ärger, aber nur,

um bald auf einen neuen Pfad zu geraten. Im großen und ganzen liefen

die Spuren von Norden nach Süden. Sah ich nach Norden, so erblickte

das Auge eine rotbraune, sterile Bergwand, während im Süden nur die

unabsehbare Wüste lag. Also war es am besten, westwärtszugehen und nach

Abdu Rehims drei Quellen zu suchen.

Ich ging, als brennte es hinter mir, und ließ die Karawane weit hinter

mir zurück. Meine in Schweden gemachten Stiefel hingen nach den 300 zu

Fuß zurückgelegten Kilometern kaum noch in den Nähten zusammen, und

meine Füße waren voller Blasen und schmerzten mich sehr. Schagdur,

der mir sonst mein Reitpferd nachzubringen pflegte, ließ sich nicht

blicken. Ich hatte beschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis ich

Wasser gefunden hatte; ich wurde heute 36 Jahre alt und erwartete zum

Abend eine angenehme Überraschung. Die Kamelspuren wurden nach Westen

zu immer zahlreicher und bestärkten meine Hoffnung. Ich konnte jetzt

keine zwei Minuten gehen, ohne eine Spur zu kreuzen.

Schließlich gelangte ich an einen niedrigen Bergrücken, der mich zwang,

eine südwestliche und südsüdwestliche Richtung einzuschlagen; ich ging

daher in ein ausgetrocknetes Bett hinunter, in dem kürzlich 30 Kamele

gewandert waren. Da ich hier eine Tamariske fand und Fährten von Hasen

und Antilopen erblickte, blieb ich eine Weile an einer geschützten

Stelle stehen. Diese Tiere können sich nicht sehr weit vom Wasser

entfernen.

Jetzt kam Schagdur, und wir beratschlagten. Im Süden zeigten sich

mehrere Tamarisken; dorthin lenkten wir unsere Schritte. Der Boden war

hier stark feucht, aber auch mit einer dicken Salzkruste überzogen, und

der Brunnen, der gegraben wurde, als die Karawane dort angelangt war,

lieferte eine konzentrierte Salzlösung. Wir gingen daher nach Südwesten

weiter. Der Sturm schob von hinten nach.

Ich eilte mit Schagdur vorwärts. Mein Schimmel folgte mir von selbst

wie ein Hund, und Jolldasch schnüffelte und suchte überall umher.

Nun folgten wir der Spur einer Herde von 20 Kamelen. So kamen wir

mitten vor einen Talschlund, der auf unserer rechten Seite zwischen

3 und 4 Meter hohen Terrassen gähnte. In dieser ziemlich breiten,

trompetenförmigen Mündung vereinigten sich alle Kamelspuren der Gegend

zu einem Bündel oder einer Heerstraße, die in das Tal hineinging. Ich

folgte ihr und war noch nicht zehn Minuten gegangen, +als ich Jolldasch

an einer weißglänzenden Eisscholle saugen sah+!

Wir waren gerettet und hatten einen neuen Haltpunkt gewonnen, an dem

die Karawane sich für die nächste Wüstenstrecke kräftigen konnte!

Die Quelle war wie gewöhnlich salzig, aber die Eisscholle, die nur

12 Meter Durchmesser hatte und 10 Zentimeter dick war, war ganz süß.

Merkwürdigerweise hatte die Quelle nicht mehr als zwei kleinen, auf

niedrigen Kegeln wachsenden Tamarisken Leben gegeben.

Schagdur blieb erstaunt vor dem Eise stehen und glaubte fast, daß ich

auf irgendeine geheimnisvolle Weise von dieser im Tale versteckten

Quelle Kenntnis gehabt haben müsse, da ich direkt dorthingegangen war.

Oben auf der linken Uferterrasse erhob sich eine kleine

halbmondförmige, einer Brustwehr oder einem Schirme gleichende Mauer,

hinter welcher entschieden Jäger auf die wilden Kamele, die an der

Quelle tranken, zu lauern pflegten.

Nun ließen wir uns nieder und zündeten ein Feuer an. Die Karawanenleute

waren ebenfalls erstaunt und außerordentlich erfreut. Alle segneten

diese rettende Eisscholle, von der wir mit neuen Eisvorräten nach

Altimisch-bulak ziehen konnten. Erst aber bedurften wir einiger

Rasttage nach dem Eilmarsche, dessen Wirkungen alle in den Beinen

spürten. Faisullah und Li Loje gingen talaufwärts, um dort nach Weide

auszuschauen, und kamen mit einigen dürren Stauden wieder, welche

die Kamele sich gut schmecken ließen. Von dem Eise sollten sie erst

fressen, nachdem sie sich von dem Marsche ausgeruht hatten, aber die

Pferde durften sofort an seiner porösen Fläche knabbern.

Es war recht lustig, die Kamele abends mit kleingehackten Eisstücken

zu füttern. Sie standen geduldig wartend im Kreise, und ein Stück nach

dem anderen wurde zwischen ihren Zähnen zermalmt. Sie knabberten das

Eis wie kleine Kinder Kandiszucker, und ihre Augen glänzten vor Freude

und Zufriedenheit. Für uns wurden einige Säcke mit großen Eisscheiben

gefüllt. Die Scholle war ergiebiger, als wir anfänglich geglaubt hatten

und genügte überreichlich für unsere Bedürfnisse; aber die wilden

Kamele, die sich während unseres Aufenthaltes der Quelle nahten, mußten

unverrichteter Sache wieder umkehren.

Am 22. Februar legten wir nur 20 Kilometer zurück. Infolge des Nebels

täuscht man sich unaufhörlich in der Entfernung. Wir lagerten in einer

kleinen Oase von Tamarisken und Kamisch. Die Sträucher waren ziemlich

dicht, aber trocken und lieferten uns Material zu größeren Feuern, als

wir seit lange gehabt hatten.

Die Landschaft verändert sich von einem Tage zum anderen nur wenig und

ist höchst einförmig. Alle Berge bleiben rechts liegen. Die Ausläufer

des Kurruk-tag zeigen sich als abgebrochene Ketten, und wir passieren

eine nach der anderen. Wir haben also gefunden, daß dieser Gebirgszug

nach Osten hin immer niedriger und unbedeutender wird, ebenso wie das

Land in jener Richtung steriler und die Quellen seltener und salziger

werden.

Alles ist still und öde, nur der unermüdliche Wind fegt am Boden hin.

Ich wanderte gedankenvoll durch dieses unbekannte Land und folgte

mechanisch einer Ansammlung von Kamelspuren, die mich an eine neue

Quelle mit einer weithin glänzenden Eisscholle führte. Hier treffen

die Pfade der wilden Kamele gleich Radien aus allen Himmelsrichtungen

zusammen. Auch hier durften unsere Tiere eine Weile grasen; ich ging

unterdessen nach Südwesten weiter.

Als ich zwischen niedrigen Hügeln talaufwärts ging, einem ziemlich tief

in den Boden eingetretenen Pfade folgend, erblickte ich ein großes,

schönes Kamel, das mich in dem Gegenwinde nicht witterte. Ich blieb

stehen und wartete auf die Karawane, um Schagdur Gelegenheit zu geben,

es zu schießen. Teils brauchten wir Fleisch, teils wollte ich ein

vollständiges Skelett und eine Haut haben. Doch die Hunde verjagten das

Tier, und so entging es der Gefahr. Schagdur war in der Hoffnung, dort

eine Beute erwischen zu können, an der Quelle geblieben.

Wieder kreuzten wir eine inselähnliche kleine Oase, wo die Tiere

eine Stunde weiden durften, während ich meinen einsamen Spaziergang

fortsetzte. Im Süden schimmerte es gelb aus dem Nebel, offenbar eine

neue lockende Oase. In ihrem südlichen Teile erblickte ich 18 weidende

Kamele und blieb wieder stehen, um auf die Karawane zu warten. Die

wilden Kamele betrachteten die schwarze Reihe ihrer zahmen Verwandten

mit unablässiger Aufmerksamkeit. Li Loje wurde zurückgeschickt, um

Schagdur zu holen. Dieser kam atemlos an, war aber zu hitzig und schoß

zu früh. Die Tiere verschwanden mit Windeseile in westlicher Richtung,

und ich fürchtete, daß sie ihre Kameraden in Altimisch-bulak warnen

würden und ich auf das Skelett verzichten müßte.

Wir lagerten an diesem herrlichen Platze, wo es Weide, Brennholz und

Wasser im Überfluß gab. Es war die dritte von Abdu Rehims Quellen.

Seine Angaben hatten sich als durchaus zuverlässig erwiesen.

24. Februar. Nach meinem Besteck und meinen topographischen

Berechnungen müßte Altimisch-bulak in Westsüdwest 28 Kilometer von

dieser Oase liegen. Ich führte also den Zug in dieser Richtung

an, wurde aber von der nächsten, rechter Hand liegenden Bergkette

gezwungen, einen westlicheren Kurs einzuhalten. Dies mußte die Kette

sein, unterhalb welcher die Quelle von Altimisch-bulak liegt; hier

konnte von einem Irrtum keine Rede sein. Wäre das Wetter nur klar

gewesen, so hätten wir die Oase schon aus weiter Ferne erblicken

müssen, nun aber verschwand alles im Staubnebel. Man hätte an der Oase

vorbeigehen können, ohne sie zu sehen.

Doch mein Glücksstern lenkte meine Schritte, und die gelbe Weide

schimmerte aus dem Nebel hervor (Abb. 194). Die Umrisse von fünf

Kamelen zeichneten sich über dem Schilfdickicht ab. Schagdur entledigte

sich seines Mantels und seiner Mütze und schlich sich dorthin. Mit dem

Fernglase beobachtete ich den Verlauf der Jagd. Als der Schuß krachte,

begann es sich im Schilfe zu regen, erst langsam, dann schneller, und

schwarze Schattenrisse huschten über das Kamisch und verschwanden

jenseits der Grenze der Oase. Es waren 14 Stück. Nach einem zweiten

Schuß kam Schagdur triumphierend zu mir, um zu melden, daß er zwei

Kamele erlegt habe. Das eine war ein junges Weibchen, das stehend

photographiert und dann getötet wurde (Abb. 195). Das zweite war ein

gewaltiges „Bughra“, das an dem Schusse sofort verendet war (Abb. 196).

Sein Skelett und seine Haut sollten nach Stockholm gebracht werden.

[Illustration: 180. im Tale des Anambaruin-gol aufwärtsführender Weg.

(S. 14.)]

[Illustration: 181. Einer unserer mongolischen Führer. (S. 16.)]

[Illustration: 182. Die nach Deschong-duntsa hinunterführende Schlucht.

(S. 16.)]

[Illustration: 183. Mein mongolischer Führer. (S. 16.)]

Den Muselmännern imponierte es außerordentlich, daß es mir trotz des

Nebels gelungen war, Altimisch-bulak zu finden. Die zurückgelegte

Entfernung betrug den letzten Tag 31 Kilometer; ich hatte mich also

nur um 3 Kilometer verrechnet, was nicht viel ist, da die Länge

der berechneten Strecke 2000 Kilometer betrug. Hier knüpften sich

die astronomischen und topographischen Beobachtungsreihen an die des

vorigen Jahres an, und es konnte mit den vorhandenen Daten nicht schwer

sein, die Ruinen wiederzufinden.

Meine Jurte wurde in demselben Dickicht von Tamarisken und Kamisch,

wo sie das Jahr vorher gestanden hatte, aufgeschlagen. Die Kamele und

Pferde durften grasen. Es war ein gesegneter, glücklicher Tag.

Die noch übrigen Tage des Februars verbrachten wir in Ruhe an den

Quellen von Altimisch-bulak (Abb. 197). Daß beständig ein Wind ging

und das Land ewig in Nebel gehüllt war, störte uns wenig, denn wir

hatten alles, was wir brauchten, und unsere Zelte lagen vor dem Winde

geschützt. Der Brennholzreichtum war unerschöpflich, und das Feuer

in meinem Ofen erlosch erst spät in der Nacht, wurde aber schon

frühmorgens, ehe ich aufstand, wieder angezündet. Die Muselmänner

fanden das Fleisch des jungen Kamelweibchens vortrefflich, und unsere

Karawanentiere sah man in zerstreuten Gruppen behaglich weiden.

Ein ganzer Tag wurde auf Generalrepetition mit den Nivellierinstrumenten

und den Männern, die bei dem Präzisionsnivellement durch die Wüste

meine Gehilfen sein sollten, verwendet (Abb. 198). Der Umfang der

Oase wurde mit Schritten ausgemessen; der vertikale Fehler auf

dieser Strecke von 2756 Meter betrug nur 1 Millimeter. Das Resultat

prophezeite also Gutes für das große Nivellement durch die Wüste auf

einer Linie von mehr als 80 Kilometer Länge.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 3 / 42 段