Wir hatten es gut bei diesen freundlichen, gastfreien Mongolen von

+Sando+, die uns verkauften, was wir an Proviant brauchten, aber keine

Karawanentiere abgeben konnten. Die Gegend war übrigens sehr spärlich

bevölkert; nur einige wenige Jurten waren auf der Ebene zu sehen.

Eine große Karawane war kürzlich nach dem Tempel von Kum-bum und eine

zweite nach Sa-tscheo aufgebrochen. Die Mongolen, die noch hier waren,

besuchten uns alle. Ich frischte bald das Mongolische, das ich auf

meiner früheren Reise gelernt hatte, wieder auf, und überdies war

Schagdur ein vorzüglicher Dolmetscher; es war ja seine Muttersprache,

die er hier zu seiner Freude wiederfand.

Nach einigen angenehmen Rasttagen, während welcher die Kälte auf -32,5

Grad hinunterging, traten wir den Rückweg nach dem Anambaruin-gol an,

diesmal aber auf der Nordseite des Gebirgsstockes gleichen Namens.

In vier Tagen zogen wir nach Norden über diese Kette, welche die

Fortsetzung des Astin-tag bildet. Wir lagerten zuerst am Bulungir-nor,

wo die Wölfe rings um unser Lager heulten, nachher in bergigen

Gegenden. Der Hauptpaß +Scho-ovo+ (der kleine Obo) ist eine scharf

ausgeprägte Schwelle, und besonders der Nordabhang ist ungeheuer

steil. Die Kamele mußten, um nicht kopfüber in den Abgrund zu stürzen,

einzeln geführt werden. Ein mächtiger Fluß rauscht im Sommer durch das

nördliche Quertal und hat nur zu deutliche Spuren seiner aushöhlenden,

einsägenden Tätigkeit hinterlassen. Rebhühner kamen in Menge vor, und

ich lebte während der ganzen Reise durch den Anambar-ula von nichts

anderem, obgleich wir Schaffleisch vollauf hatten.

Von dem kleinen, am Nordfuße des Gebirges liegenden Aule +Scho-ovo+

an ging unser Weg nach Westen. Wir waren hier von der Stadt Sa-tscheo

oder Tung-chuan (von den Muselmännern Dung-chan genannt) nur noch eine

Tagereise entfernt. Vielleicht war es ein Glück, daß wir diesen Ort

während der Unruhen in China, von denen wir allerdings nichts gehört

hatten, nicht besuchten. Unser Führer war ein netter alter Mongole

(Abb. 181, 183), der die Gegend ganz genau kannte, uns fünf Kamele

bis nach dem Anambaruin-gol vermietete und uns einen reichlichen

Vorrat von Gerste, soviel wir transportieren konnten, verkaufte. Der

Boden war jetzt überall mit Schnee bedeckt, aber nicht so hoch, daß

unsere Tiere sich nicht an den Lagerplätzen an Gras hätten sattfressen

können. Er war auch von unzähligen Schluchten durchsägt, die bis zu 10

Meter tief waren und steile, schwer zu erklimmende Wände hatten. Der

nächste Lagerplatz hieß +Dawato+; dort tobte ein verwünschter Wind, der

vom Gebirge herabstürzte. Es scheint eine Art lokaler Föhn zu sein,

denn er hörte sofort auf, als wir am nächsten Tag einen kleinen Paß

überschritten hatten, und er erhöhte die Minimaltemperatur auf -16 Grad.

[Illustration: 174. Der Platz, an dem wir umkehrten. (S. 8.)]

[Illustration: 175. Das Gewölbe im Tale. (S. 8.)]

[Illustration: 176. Die Kamele werden einzeln nach dem Hauptpasse

hinaufgeführt. (S. 8.)]

[Illustration: 177. Die Quelle am 22. Dezember 1900. (S. 9.)]

Am 18. Januar gelangten wir an das Tal von +Dschong-duntsa+, eine sehr

breite, 50 Meter tief in mächtige Geröllbette eingeschnittene Furche

(Abb. 182). Von dem Stocke des Anambaruin-ula gehen unzählige derartige

Täler nach Norden, vereinigen sich nach und nach zu Hauptbetten und

laufen in die Wüste hinaus, wo sie jedoch bald aufhören. Nur dadurch,

daß wir eine kleine Schlucht, die in das obengenannte Haupttal

ausmündet, hinuntergingen, konnten wir seinen Boden überhaupt erreichen

(Abb. 184, 185, 186). Sie schlängelt sich wie ein Korridor, in dem das

Echo hellklingt, zwischen lotrechten Geröllwänden hin. Sie hat ziemlich

steiles Gefälle und wird immer enger und dunkler. Doch nach einer

letzten Biegung wird es wieder hell, und das sonnenbeleuchtete Tal

mit seiner Vegetation und seinem eisbedeckten Flusse strahlt uns wie

durch eine geöffnete Pforte entgegen. Auf dem linken Ufer des Flusses

lagerten wir in einer großartigen, phantastischen Natur.

Die Talmündungen, die vom Gebirgsstocke des Anambaruin-ula ausgehen,

sind wahrhaft großartige, entzückende Gegenden. In einer von ihnen, die

+Lu-tschuentsa+ heißt, lagen in einem Walde von kleinen Weiden mächtige

Eistafeln, an den Bachufern wuchs prachtvolles Gras, und Steinhütten

und Gerstenfelder verkündeten, daß sich hier vor noch gar nicht langer

Zeit Mongolen aufgehalten haben (Abb. 187, 188). Der Weg selbst ist

um so schlechter, mit Riesenschluchten bis ins Unendliche und mit

zahllosen kleinen Furchen dazwischen. Sie sind oft tief zwischen

lotrechten Wänden eingeschnitten; das Ganze ist ein Meer von Geröll,

malerisch, aber beschwerlich. Die Karawane verschwindet manchmal in

diesen Rinnen und taucht an einer weniger steilen Stelle wieder auf.

Bei dem Lager am +Gaschun-gol+ schoß Schagdur ein wildes Kamel. Diese

Tiere kommen in der Gegend ziemlich häufig vor, bald nördlich von

unserem Wege auf den untersten Abhängen des Gebirges und am Rande

der Wüste, bald auch, merkwürdigerweise, in den südlichen Tälern,

wo es meiner Meinung nach nicht schwer sein müßte, ganze Herden in

Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg gibt, hineinzutreiben. Wir sahen

sie oft in Herden von 15-20 Tieren.

Am 24. Januar wurde die letzte Strecke bis +Chan-ambal+ zurückgelegt,

wo wir auf derselben Stelle wie vor drei Wochen lagerten. Nahe

dabei trafen wir die einzige Karawane, die wir auf dieser ganzen

viermonatigen Reise sahen, zwei Chinesen, die auf zehn Kamelen gedörrte

und gefrorene Fische nach Sa-tscheo brachten. Sie kamen, wie sie

sagten, aus Lovo-nur, d. h. Lop-nor. Ich wollte ein oder zwei Pakete

ihrer Fische erstehen, aber sie weigerten sich hartnäckig, uns etwas

zu verkaufen. Meine Leute schlugen vor, wir sollten uns ganz einfach

nehmen, was wir brauchten, aber ich bin nicht für Gewalt und zog es

vor, die Chinesen unbehelligt weiterziehen zu lassen.

Mit der Rückkehr an diesen Lagerplatz, der von Abdall gerechnet Nr.

131 war, hatten wir den Anambaruin-ula umgangen, aber den eigentlichen

Zweck des ganzen Umweges, uns Kamele zu verschaffen, nicht erreicht.

Wir hatten nicht einmal ein Pferd kaufen können, und unsere Karawane

war durch den Umweg ermüdet worden. Die Kamele befanden sich noch

in guter Verfassung, aber mehrere Pferde zeigten schon Symptome der

Erschöpfung. Der Gewinn der Reise war, daß wir ein geographisch sehr

merkwürdiges Land kennengelernt hatten.

Große Strecken unbekannten Landes lagen noch vor uns, und in der

Zusammensetzung der Karawane mußte eine Änderung vorgenommen werden.

Sechs Pferde, die nicht aussahen, als hätten sie noch Kräfte genug

für zweimonatige Strapazen, wurden ausgeschieden, und alles, was sich

entbehren ließ oder jetzt nicht notwendig war, von unserem Gepäck

abgesondert, besonders alle Gesteinproben und Skelette. Mit dieser

kleinen Karawane sollten Tokta Ahun und Ahmet nach Abdall zurückkehren.

Ersterer hatte außerdem folgende wichtige Aufträge auszuführen. Mit den

müden Pferden sollte er sich von Abdall nach Tscharchlik begeben und

dort von Tscherdon und Islam Bai allerlei später für uns notwendige

Proviantartikel erhalten, worüber ich ihm schriftlichen Befehl an die

beiden mitgab. Sodann hatte er wieder nach Abdall zurückzukehren, um

uns von dort aus entgegenzukommen, und den Postdschigiten, der der

Verabredung gemäß während meiner Abwesenheit vom Generalkonsul in

Kaschgar in Tscharchlik angelangt sein mußte, ebenfalls mitzunehmen.

Der Dschigit sollte hierbei noch immer dafür verantwortlich sein,

daß mir die Posttasche in unverletztem Zustande übergeben würde. Von

Kum-tschappgan sollte Tokta Ahun drei volle Tagereisen am Nordufer

des Kara-koschun entlangreiten, drei frische Pferde mitnehmen und in

einer geeigneten Gegend ein Standlager errichten. Zwei Kähne und einige

gut mit der Gegend bekannte einheimische Fischer hatte er ebenfalls

mitzubringen.

Nachdem diese Hilfsexpedition einen guten, angenehmen Rastplatz

ausgesucht, sollte sie dort eine Hütte bauen, ihre Netze auslegen

und Enten fangen, damit wir, die aus der Wüste kommen würden, nach

den Anstrengungen Obdach und Verpflegung vorfänden. Auf einem nach

Norden weithin sichtbaren Hügel sollten sie zweimal täglich, um 12

Uhr mittags und nach Einbruch der Dunkelheit, ein Feuer anzünden,

dessen Rauchwolken und Schein uns als Leuchtturm dienen könnten. An

dem verabredeten Vereinigungspunkte drei Tagereisen nordöstlich von

Kum-tschappgan mußten sie sich in spätestens 45 Tagen, vom 27. Januar

an gerechnet, einfinden und sofort mit dem Signalisieren beginnen,

sowie geduldig auf unsere Ankunft warten, falls wir aufgehalten werden

sollten. Tokta Ahun war betrübt, daß er sich von uns trennen sollte,

aber ich tröstete ihn damit, daß es sein Vorteil sein würde, wenn er

seinen Auftrag gut ausführe.

So dezimiert, zogen wir am 27. Januar weiter, um die Wüste Gobi gerade

nach Norden zu durchwandern. Wir marschierten also durch das Tal

hinunter, das der Anambaruin-gol durch die Bergkette des Astin-tag

geschnitten hat. An einer Flußbiegung standen drei von Äckern umgebene

mongolische Steinhütten. Das Tal erweitert sich, die Berge auf seinen

Seiten bilden isolierte Partien, Hügel und wellenförmiges Land, das

schließlich in die Wüste übergeht. Auch der Fluß wird schwächer, seine

Uferterrassen werden immer niedriger, seine Eisschollen immer dünner,

und nur ein unbedeutendes Rinnsal rieselt noch unter ihnen. Der Schnee

wird immer seltener, und es war deutlich zu beobachten, daß er bald

ganz aufhören würde.

An dem Punkte, wo die letzten Eisschollen im Tale lagen, machten wir

eine bedeutungsvolle Rast. Wo und wann würden wir das nächste Mal

Wasser finden? Darüber schwebten wir in gänzlicher Ungewißheit. Der

Sicherheit halber befahl ich, für 10 Tage Eis mitzunehmen. Die Eisdecke

des Bettes wurde aufgebrochen und fünf Säcke mit dicken Scheiben

gefüllt. Ein Sack reichte, unserer Ansicht nach, volle zwei Tage für

Leute und Tiere.

Die schon vorher ansehnlichen Lasten der Kamele wurden hierdurch noch

vergrößert, aber das Terrain war gut, und es ging eben und langsam

bergab. Es ist herrlich, das Gebirge hinter sich lassen zu können und

erst in einer freundlicheren Jahreszeit dorthin zurückzukehren.

Nur ich, Schagdur und Faisullah durften an diesem Tage reiten, doch

sobald die Zugordnung in Gang gekommen war, sollten wir die vier Pferde

abwechselnd benutzen.

Je weiter wir uns von der Bergkette entfernen, desto mehr schmelzen

die Einzelheiten ihres Aufbaues zusammen; aber je weiter wir gelangen,

desto deutlicher zeichnen sich dafür ihre beiden Rücken ab. Der

hintere, den die Mongolen +Tsagan-ula+ (das weiße Gebirge) nennen,

erhebt sich hoch und dominierend mit seinem schön gezeichneten,

schneebedeckten Kamme; der vordere, nördliche, den der Fluß

durchbricht, steht schwarz da und hat gemäßigtere, sanftere Linien.

Das Terrain und die Landschaft verändern sich vollständig; das

Geröll, das uns seit einem Monat zu schaffen machte, wird spärlicher

und hört ganz auf, der Boden wird weicher, und wir können zwischen

den Schneeflecken reiten, so daß die Pferde von den unangenehmen

Schneesohlen, die sich unter den Hufen bilden, verschont bleiben.

Hier und dort ist die aus Teresken und Tamarisken bestehende

Steppenvegetation recht üppig. Im Norden versperren niedrige, rötliche

Berge die Aussicht über das Wüstenmeer. Neben einem kleinen Hügel

fanden wir einen vortrefflichen Platz für das Lager. Dürre Büschel

versahen uns mit Kamelfutter und Feuerung, und in einer Spalte lag noch

eine letzte Schneewehe, so daß wir den Eisvorrat nicht anzubrechen

brauchten. Zwei wilde Kamele wurden von den Hunden in die Flucht

gejagt, liefen aber so schnell längs des Fußes der Hügel hin, daß

die Hunde, wie sehr sie sich auch anstrengten, so weit hinter ihnen

zurückblieben, daß an ein Einholen gar nicht zu denken war.

Der nächste Tag brachte uns pfeifenden westlichen Sturm, der mit

aufgewirbeltem Staub und schweren, grauen Wolken gesättigt war. Für

die Pferde wurden einige Eimer Schnee über dem Feuer geschmolzen, die

Kamele aber und die Hunde konnten sich selbst von den Schneewehen

versehen. Wir näherten uns dem Fuße des Wüstengebirges. Die

Steppenvegetation ist oft außerordentlich üppig. Sie besteht aus

jenen holzigen, oft ziemlich hohen, Nadeln tragenden Sträuchern und

Büschen, welche die Muselmänner „Tschakkande“ und „Köuruk“ nennen

und die mit der gewöhnlichen Tamariske verwandt sind. Manchmal sind

sie vertrocknet, und dann liegen ganze Wagenladungen vortrefflichen

Brennmaterials bereit, so daß man oft in Versuchung gerät, nur um

ihretwillen zu lagern.

Wir überschreiten ein sehr breites, aber wenig tief eingeschnittenes

Bett, dem alle Gewässer der Gegend zuströmen. Das Bett geht nach

Westnordwest, in der Richtung des Lop-nor-Beckens. Obwohl das Gefälle

auf der anderen Seite außerordentlich stark wurde, war es für uns

doch leicht, über den niedrigen Paß der Wüstenkette hinüberzukommen,

auf dessen anderer Seite die Zelte zwischen weichen, trockenen und

angenehmen Sanddünen aufgeschlagen wurden. Unterhalb des Passes begann

jetzt auch „Suk-suk“ (Saksaul, ~Anabasis ammodendron~) aufzutreten.

Während des Marsches am 29. Januar verloren wir uns wieder in einem

Gewirr von nicht sehr hohen Bergen. Von neuem stießen wir auf einen

deutlichen Weg aus früheren Zeiten. Am Boden war keine Spur mehr davon

zu sehen; er war schon lange von der Zeit vertilgt worden, aber auf

allen Hügeln und Vorsprüngen standen kleine Steinmale oder Wegzeichen,

deren wir wohl 20 zählten. Gewöhnlich bestehen sie aus einer großen und

einer kleinen Steinplatte, die sich aneinanderlehnen, oder auch aus

einem würfelförmigen Steine, der zwei aufeinandergelegte runde Steine

trägt. Daß es sich hier nicht um einen zufälligen Jägerpfad handelt,

beweisen die Steinmale. Jäger finden sich überall zurecht und bleiben

nicht ausschließlich auf bekannten Wegen, Steinmale aber sind nur für

Reisende nötig, die sonst nicht wissen, wo der Weg geht. Wahrscheinlich

war es die Fortsetzung des Weges, den wir schon im Astin-tag gesehen

hatten, und ohne Zweifel ist er von Pilgern benutzt worden. Er wird

wohl ziemlich alt sein; die Steinmale kann nur die Verwitterung

vernichten, denn keine Stürme können sie hier mit Sand verschütten oder

umwerfen.

Nachdem wir noch einen kleinen Paß überschritten hatten, lag das

gelbe Meer der Wüste vor uns. Seine Dünenwellen sahen unheimlich und

bizarr aus. In der letzten Talmündung wurde Rast gemacht. Man hat hier

das Gefühl, sich an der Küste des Wüstenmeers zu befinden. Auf einer

Anhöhe thronte ein letztes Steinmal. Saksaule wuchsen hier üppig und

erreichten eine Höhe von 3 Meter.

Die letzten Ausläufer auf beiden Seiten dieser Talmündung sind zur

Hälfte versandet. Die Dünen klettern hoch an ihnen hinauf. Sie

versinken in die unbekannte Tiefe des Wüstenmeers. An Niederschlägen

fehlt es in diesen Wüstenbergen nicht. Von Zeit zu Zeit fällt hier

Regen, dessen Wasser sich zu einem Bach vereinigt, der, wenn auch

von kurzer Dauer, doch eine bedeutende Wassermenge führen zu können

scheint. Und daß er eine achtunggebietende Kraft besitzt, sehen wir an

seiner sich zwischen kolossalen Sanddünen hinschlängelnden Rinne. Bald

läuft diese nach Osten, biegt aber, wenn sie auf einen Sandberg stößt,

nordwärts ab, bald nach Westen, um, von einer anderen Düne abgedrängt,

wieder nach Norden zu gehen. Ohne einen solchen natürlichen Korridor

wäre es ziemlich schwer gewesen, sich einen Weg durch diesen gewaltigen

Flugsandgürtel zu bahnen, und man erstaunt, daß die Erosion stark genug

ist, den Sand zu bekämpfen.

Den ganzen Tag ging ich zu Fuß voraus, um nicht in dem ewigen, eisigen

Winde zu erfrieren. Dann und wann guckt eine zur Hälfte begrabene

Saksaulpflanze aus dem Sande. Die gestern noch außerordentlich

zahlreichen Spuren von wilden Kamelen und Antilopen haben ganz

aufgehört; die scheuen Tiere wollen das Terrain überschauen und

hüten sich vor einer so schmalen, gefährlichen Passage. Noch mehrere

Kilometer vom Fuße des Gebirges entfernt liegen Granitstücke von

Kubikmetergröße auf dem Sande. Weshalb liegen sie da? Weshalb begräbt

sie der Triebsand nicht? Dies muß seinen Grund in den Bahnen haben, die

der Wind beschreibt und die keine Ablagerung in der Nähe eines solchen

Hindernisses zulassen.

Allmählich wird das Bett weniger ausgeprägt, sein Boden ist oft

versandet, und die Dünen auf den Seiten erreichen nicht mehr

die himmelstürmende Höhe wie am Fuße des Gebirges. Die kleine

Wüstenkette, die wir in zwei Pässen überschritten haben, gleicht einem

Wellenbrecher, der die Ausbreitung des Flugsandes nach Süden unmöglich

macht. Sie schützt den nördlich vom Astin-tag liegenden Steppengürtel.

Schließlich hörte das Bett zwischen den Dünen auf, bildete vorher aber

noch eine Erweiterung, die einem kleinen See glich, obwohl keine Spuren

von Wasser entdeckt werden konnten. Im Norden dieser Bodensenkung erhob

sich ein hoher Dünenwall, und von seinem Kamme erblickten wir das

eigentliche Wüstenmeer in seiner ganzen, großartigen Öde; es sah ebenso

aus wie in so vielen anderen Gegenden, in denen ich die Wüste Gobi

durchwandert hatte. Nicht die kleinste Pflanze überschritt die Grenze;

im Norden, Osten und Westen sah man nichts als Sand, Sand und wieder

Sand (Abb. 189, 192).

Wie gewöhnlich in den Sandwüsten ging ich zu Fuß voraus, und nur

langsam konnte die Karawane meinen schnellen Schritten folgen. Ich

glaubte an mein altes Wüstenglück und war überzeugt, daß ich auch jetzt

die Meinen durch die Gefahren der Dünenberge lotsen würde. Ich hatte

das Fernglas bei mir, suchte die ebensten Flächen aus und freute mich

über die Einsamkeit und die große Stille.

Das heutige Lager wurde mitten in der Sandwüste aufgeschlagen, wo

ringsherum nichts als Sand zu sehen war.

Während des folgenden Tagemarsches wurden die Dünen immer niedriger

und gingen schließlich in den darunterliegenden Lehmboden über, der

in mehrere ungleiche Etagen von nach Norden abfallenden Terrassen

ausgearbeitet ist. Am 1. Februar wurde diese Landschaftsform noch

ausgeprägter (Abb. 190). Die Terrassen zeigen wie Finger nach

Nordnordost und sind oft 50 Meter hoch. Gegen Abend erreichten wir zu

unserer freudigen Überraschung wieder einen Steppengürtel, wo Kamisch

und Tamarisken üppig wucherten und Spuren von Wölfen, Antilopen und

Kamelen einander kreuzten. Ein Brunnen gab in einer Tiefe von 1,14

Meter salzhaltiges aber trinkbares Wasser (Abb. 191). Es quoll jedoch

so langsam aus dem auf blauem Ton ruhenden Sandlager, daß es nur den

Appetit der Kamele nach „mehr“ reizte.

Noch einen Tag erfreuten wir uns des Steppengürtels und folgten den

Pfaden der wilden Kamele nach Norden. Sogar eine Gruppe knorriger

Pappeln wurde passiert. Doch nur in einer von ihnen war noch ein

Fünkchen Leben; die übrigen waren lauter geschlagene Helden.

Bei dem Lager, das hier aufgeschlagen wurde, es war Nr. 138, hatten

wir alles, dessen wir bedurften, und wir verbrachten hier zwei sehr

notwendige Ruhetage. Während ich eine Sonnenobservation machte,

buken die Männer Brot und hielten große Wäsche. Ein sehr ergiebiger

Brunnen spendete den Kamelen für lange Zeit Wasser. Sie tranken je

sieben Eimer. Das Wasser war fast ganz süß, und dadurch, daß wir es

in dem offenen Becken gefrieren ließen, konnten wir unseren Eisvorrat

vergrößern.

Hinter diesem Punkte folgte wieder sterile Wüste, aus deren lockerem

Lehmboden vom Winde sehr eigentümliche, bis zu 8 Meter hohe Kegel und

Würfel geformt worden sind, die oft täuschende Ähnlichkeit mit Ruinen

von Häusern und Mauern haben. Am Abend wurde ein wichtiger Punkt

erreicht, und jetzt kam Mollahs Wegkenntnis zum erstenmal zur Geltung.

Er war mehrmals mit Karawanen von Abdall nach Sa-tscheo und zurück

geritten, hatte dabei stets den Astin-joll (den unteren Weg) durch die

Wüste benutzt und kannte dort alle Brunnen und ihre Namen. An einem der

letzteren, +Atschik-kuduk+ (der salzige Brunnen), schlugen wir jetzt

unsere Zelte auf. Er verdiente seinen Namen, denn das Wasser war selbst

für die Kamele absolut untrinkbar. Spuren in dem feuchten, salzhaltigen

Boden verrieten, daß vor gar nicht langer Zeit eine Karawane von Abdall

nach Sa-tscheo hier vorbeigezogen war und ohne Zweifel Fische, welche

die Chinesen sehr lieben, transportiert hatte.

Dieser Wüstenweg ist schon von Kosloff, Bonin und möglicherweise auch

von Marco Polo bereist worden. Es war meine Absicht, ihn nur zu kreuzen

und direkt nach Norden weiterzuziehen, aber die Klugheit gebot uns

doch, uns nicht in unbekannte Wüstengegenden hineinzuwagen, ohne mit

einem genügenden Eisvorrat versehen zu sein. Der nächste Brunnen im

Westen war der +Tograk-kuduk+ (Pappelbrunnen); dort sollte das Wasser

nach Mollahs Versicherung gut sein. Wir begaben uns also dorthin und

ruhten einen Tag, an dem ein bedeutender Eisvorrat von dem Brunnen

geholt wurde (Abb. 193). Es war keine Kunst, die Säcke zu füllen, da

die Kälte noch -27,5 Grad betrug. Bei Tage war es allerdings nur ein

paar Grad kalt.

Als wir uns am 8. Februar nordwärts auf eine lange, ziemlich waghalsige

Reise ohne Rasttage begaben, hatten wir also für Menschen und Tiere auf

mindestens zehn Tage Wasser.

Durch dichtes Schilf, das von der Kälte gelb und dürr geworden ist und

knisternd bricht, wenn wir hindurchschreiten, geht es einem unbekannten

Lande entgegen, aus dem nie zuvor eine Kunde zur Kenntnis der Europäer

und ebensowenig der Asiaten gelangt ist. Ich ging, wie gewöhnlich, weit

voraus. Unzählige Spuren von wilden Kamelen und Antilopen zeigen sich

in allen Richtungen, Kulane aber gibt es in dieser Gegend nicht; die

Luft ist wohl zu dicht für ihren geräumigen Brustkorb. Auf einmal hört

der Vegetationsgürtel auf und endet mit einem Labyrinth von Lehmkegeln,

die tote Tamarisken tragen. In einer Bodensenkung, wo das Erdreich

feucht aussah, hielt ich es für der Mühe wert, noch einen Brunnen zu

graben. Im Norden erhob sich eine wohl 70 Meter hohe Terrasse. In eine

ihrer Talmündungen wollten wir hineinziehen.

Die Karawanenglocken kommen immer näher. Die Weide war an dieser Stelle

gut, und die Kamele sollten noch einmal eine stärkende Mahlzeit haben.

Der Brunnen gab leidliches Wasser, und aus der Winterkälte machten wir

uns wenig; sie wurde durch prächtige Feuer gemildert.

Ein passendes Tal lockte uns in seine Mündung hinein, und einen

ganzen Tag ritten wir durch seine Rinne nach Norden. Der Boden hebt

sich außerordentlich langsam, für das Auge geradezu unmerklich.

Nach vorhandenen Karten von Innerasien müßte hier eine gewaltige

Bergkette liegen, aber die Anhöhen, die wir jetzt auf allen Seiten

sahen, waren so unbedeutend, daß sie kaum den Namen Berge verdienten.

In einer kleinen Schlucht fand ich Stücke eines uralten Eisentopfes

von sphärischer Form und einen Dreifuß, der unten einen Ring hatte.

Offenbar waren hier in früheren Zeiten Chinesen oder Mongolen

vorbeigekommen. Waren wir hier vielleicht wieder auf die Fortsetzung

des Weges, den wir im Astin-tag gesehen hatten, gestoßen, oder war dies

ein alter Weg nach Chami?

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 2 / 42 段