Im Herzen von Asien.
Zweiter Band.
[Illustration: „Einen Schritt weiter -- und es kostet euch den Kopf!“
(S. 225.)]
Im Herzen von Asien.
Zehntausend Kilometer
auf unbekannten Pfaden.
Von
Sven v. Hedin.
Mit 341 einfarbigen und bunten Abbildungen und 5 Karten.
Autorisierte Ausgabe.
Vierte Auflage.
=Zweiter Band.=
[Illustration]
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1919.
Inhalt des zweiten Bandes.
Seite
+Erstes Kapitel.+ Nach dem Anambaruin-gol 1-13
+Zweites Kapitel.+ Bei den Särtängmongolen und durch die
Gobiwüste 14-24
+Drittes Kapitel.+ Durch unbekanntes Land auf der Suche
nach Wasser 25-36
+Viertes Kapitel.+ Die Ruinen am alten Lop-nor 37-50
+Fünftes Kapitel.+ Lôu-lan 51-61
+Sechstes Kapitel.+ Ein Nivellement durch die Lopwüste 62-76
+Siebentes Kapitel.+ Der wandernde See 77-86
+Achtes Kapitel.+ Islam Bais Schicksal 87-103
+Neuntes Kapitel.+ Über die nördlichen Randgebirge nach
dem Kum-köll 104-116
+Zehntes Kapitel.+ Die Zusammensetzung der Karawane 117-130
+Elftes Kapitel.+ Im Schneesturm über den Arka-tag 131-146
+Zwölftes Kapitel.+ Die ersten Tibeter 147-157
+Dreizehntes Kapitel.+ Das Hauptquartier 158-169
+Vierzehntes Kapitel.+ Aufbruch nach Lhasa 170-183
+Fünfzehntes Kapitel.+ Die ersten Nomaden 184-197
+Sechzehntes Kapitel.+ In kritischer Lage 198-209
+Siebzehntes Kapitel.+ In Gefangenschaft der Tibeter 210-227
+Achtzehntes Kapitel.+ Rückzug unter Bewachung 228-238
+Neunzehntes Kapitel.+ Die letzten Tagemärsche nach
dem Hauptquartier 239-248
+Zwanzigstes Kapitel.+ Der Zug nach Süden 249-261
+Einundzwanzigstes Kapitel.+ Tibetische Truppen versperren uns
wieder den Weg 262-279
+Zweiundzwanzigstes Kapitel.+ Der Nakktsong-tso 280-291
+Dreiundzwanzigstes Kapitel.+ Der Tschargut-tso 292-303
+Vierundzwanzigstes Kapitel.+ Die lange Reise nach Ladak 304-314
+Fünfundzwanzigstes Kapitel.+ Via dolorosa 315-326
+Sechsundzwanzigstes Kapitel.+ Der Tso-ngombo 327-339
+Siebenundzwanzigstes Kapitel.+ Vom Panggong-tso nach Leh 340-351
+Achtundzwanzigstes Kapitel.+ Ein Besuch in Indien 352-361
+Neunundzwanzigstes Kapitel.+ Über das Kloster Hemis
heimwärts 362-370
+Register+ 371-390
Abbildungen.
Seite
„Einen Schritt weiter -- und es kostet euch den Kopf!“ (Titelbild)
168. Die beladenen Kamele. 169. Umladen. 170. Lager in
Nordtibet 8
171. Das nach dem Passe des Akato-tag hinaufführende Tal.
172. Bahnen eines Weges über den Paß. 173. Ein Tal mit
zwei Stockwerken 9
174. Der Platz, an dem wir umkehrten 16
175. Das Gewölbe im Tale. 176. Die Kamele werden einzeln nach
dem Hauptpasse hinaufgeführt. 177. Die Quelle am 22. Dezember
1900 17
178. Im Tale des Anambaruin-gol. Blick nach Nordwesten 28
179. Blick nach Südosten vom Lager am Anambaruin-gol 29
180. Im Tale des Anambaruin-gol aufwärtsführender Weg. 181.
Einer unserer mongolischen Führer. 182. Die nach Dschong-duntsa
hinunterführende Schlucht 32
183. Mein mongolischer Führer 33
184. An den Felsen von Dschong-duntsa 44
185. Das Lager im Tale von Dschong-duntsa 45
186. Unsere Kamele im Tale von Dschong-duntsa 48
187. Das Lager in Lu-tschuentsa 49
188. Die Karawane auf dem Eise des Lu-tschuentsa-Baches 56
189. Sanddünen in der mittelsten Gobi. 190. Terrasse nördlich
von der Oase vom 1. Februar. 191. Tränkung der Kamele am
Brunnen im Lager Nr. 138 57
192. Lager mitten in der Sandwüste 68
193. Brunnen, in der letzten Oase gegraben 69
194. Auf dem Wege nach Altimisch-bulak. 195. Das angeschossene
Kamelweibchen. 196. Reinigung des Kamelskeletts. 197. Aus der
Oase Altimisch-bulak 72
198. Prüfung des Nivellierinstruments bei Altimisch-bulak 73
199. Meine Jurte in Chodai Kullus Oase. 200. Chodai Kullu und
sein wildes Kamel. 201. Das geschossene Kamel 80
202. Der erste Turm der untergegangenen Stadt 81
203. Aussicht von dem Tora des Hauptquartiers. 204. Das Haus
beim Lager 88
205. Der Lehmturm von der Südseite 89
206. Der Turm von Nordost. 207. Abbruch eines Turmes. 208. Haus
mit stehengebliebenen Türen 96
209. Ausgrabungen im Buddhatempel. 210. Schnitzereien in
Pappelholz 97
211. Geschnitzte Holzstücke aus den Ruinen 104
212. Schagdur mit einigen seiner Funde. 213. Das Haus, in
welchem die Manuskripte gefunden wurden. 214. Ausgrabungen
in Lôu-lan 105
215. Ausgrabungen in einem der Häuser von Lôu-lan 112
216. Die Nivellierungskarawane. 217. Lager am Wasserarm 113
218. Ein Ausläufer des wandernden Sees. 219. Mein Hirsch im
Garten. 220. Sirkin und Tschernoff mit den beiden kleinsten
jungen Kamelen 120
221. Im Schatten der Weiden am Seraiteich in Tscharchlik 121
222. Ein Teil des Stallhofes unseres Serai 128
223. Schereb Lama auf dem „Gelbohr“. 224. Der Tag vor dem
Aufbruch 129
225. Unser Lager in Jiggdelik-tokai 136
226. Der Tscharchlik-su bei der letzten, scharfen
Durchbruchsbiegung 137
227. Unser Lager in Unkurluk. Blick auf das Nebental 144
228. Die am Ufer des Kum-köll aufgestapelten Kamellasten. 229.
Ankauf von Schafen bei den Hirten von Unkurluk 145
230. Die Kamele am Ufer des Kum-köll 152
231. Turdu Bais Zelt 153
232. Eine angeschossene Orongoantilope 160
233. Erlegter tibetischer Bär 161
234. Berg beim Lager Nr. 16. 235. Das Steinmal auf dem
Knotenpunkte bei Lager Nr. 24. 236. Weidende Kamele 168
237. Sirkin mit meinem alten Reisekameraden von 1896. 238.
Endlich in einer Gegend mit gutem Wasser 169
239. Eine magere Weide in dem großen Längentale. 240. Die
Kamele waten durch den Fluß. 241. Flußübergang 176
242. Die beiden Eisbänder im Tal. 243. Bahnen eines Wegs 177
244. Kosak Schagdur, der Verfasser und der Lama Schereb als
mongolische Pilger 184
245. Der Verfasser als mongolischer Pilger verkleidet 185
246. Ein nächtlicher Überfall 192
247. Die drei Pilger beim Aufbruche aus dem Hauptquartier 193
248. Lager der drei Pilger 200
249. Auf dem Wege nach Lhasa in strömendem Regen 201
250. Ein junger tibetischer Hirt. 251. Älterer Tibeter 208
252. Eine Gruppe Tibeter. 253. Der Lama im Gespräche mit
Tibetern. 254. Die tibetischen Reiter 209
255. Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und heulten wie die
Wilden 216
256. Zelte tibetischer Häuptlinge 217
257. Tibetische Kavallerie 224
258. Tibetische Soldaten 225
259. Tibetische Soldaten. 260. Von Sirkin erlegter Kökkmek.
261. Gefrorenes Wild 232
262. Hirten von Dschansung im Gespräch mit dem Lama im Lager 233
263. Der Lama als Gehilfe beim Photographieren der Hirten 240
264. Die Nomadenzelte in der Bergschlucht. 265. Tibeterinnen.
266. Unser Lager am Jaggju-rappga 241
267. Das Lazarettzelt. 268. Kalpets Bett auf dem Kamel. 269.
Der Leichenzug 248
270. Der tote Kalpet auf seinem lebenden Katafalk 249
271. Kalpets Grab 256
272. Hladsche Tsering, das Mitglied des Heiligen Rates, seine
Pfeife rauchend 257
273. Die Gouverneure Hladsche Tsering und Junduk Tsering. 274.
Hladsche Tsering und Junduk Tsering 260
275. Blick nach Westen am Strande des Tschargut-tso 261
+Bunte Tafel.+ „... und jagten dann im wilden Laufe vor, hinter
und durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten!“ Von
Langlet 265
276. Die Garde der tibetischen Gesandten am Tschargut-tso 272
277. Im Kampf mit Wogen und Wind auf dem Tschargut-tso 273
278. Unser Lager auf der Insel. 279. Das südliche Felsufer
unseres Gefängnisses. 280. Die Zelte der Gouverneure 280
281. Das Ufer des Boggtsang-sangpo 281
282. Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92 288
283. Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92 289
284. Die Anführer unserer Leibwache 296
285. Das Tal des Boggtsang-sangpo 297
286. Das Fischen im Boggtsang-sangpo. 287. Die Yake werden
beladen. 288. Das Lager Nr. 103 am Quellbache 304
289. Lager Nr. 109 im Westen des Lakkor-tso 305
290. Das Gebirge auf der nördlichen Talseite bei Lager Nr. 114 312
291. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114 313
292. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114 320
293. Das Nordufer des Tsolla-ring-tso. 294. Lager an einem
zugefrorenen Sumpfe 321
295. Der Lama im Streit mit dem Anführer der Yakkarawane. 296.
Aussicht nach Südosten vom Lager Nr. 129. 297. Die Umgebung
des Lagers Nr. 133 324
298. Offene Landschaft am Tsangar-schar. 299. Geröllterrassen.
300. Unser erster Lagerplatz am Tso-ngombo 325
301. Doppelte Geröllterrassen 328
302. Das Tempeldorf Noh 329
303. Eine schwierige Passage am Ufer des Tso-ngombo. 304. Blick
nach Süden auf den mittelsten Tso-ngombo. 305. Der mittelste
Teil des Tso-ngombo 332
306. Beförderung des Gepäcks auf einem improvisierten Schlitten
über das Eis 333
307. Das Boot als Schlitten auf dem Tso-ngombo. 308. Der
gefährliche Felsenpfad. 309. Am westlichen Tso-ngombo 336
310. Am Panggong-tso 337
311. Gulang Hiraman, der Gesandte des Statthalters von Ladak,
mit seinem Gefolge 340
312. Gulang Hiraman auf seinem Pony 341
313. Musikanten und Tänzer in Drugub. 314. Lager vom 16.
Dezember 344
315. Kloster Dschova 345
316. Tempelhof in Tikkse. 317. Lamas in Tikkse mit ihrem
Prior. 318. Aussicht vom Kloster in Tikkse 348
319. Leh, die Hauptstadt von Ladak 349
320. Se. Exzellenz George Nathanael Lord Curzon, Vizekönig
von Indien 352
321. Ankunft der einzigen überlebenden Kamele in Leh 353
322. Schneesturm auf dem Passe Sodschi-la 356
323. Tempelhof in Hemis. 324. Portal von Doggtsang Raspas
Tempelsaal 357
325. Doggtsang Raspa 360
326. Lama in Maske. 327. Der Prior von Hemis. 328. Lama in
Festkleidung 361
329. Aus der Klosterküche in Hemis 364
330. Trompetende Lamas. 331. Posaunenblasende Lamas 365
332. Lesender Lama. 333. Ein Lama mit Gebettrommel. 334.
Lama, Trommel und Becken schlagend 368
335. Im Schejoktal. 336. Mein Reityak auf dem Wege nach dem
Kara-korum. 337. Der Kitschik-kumdan-Paß in der Nähe des
Kara-korum 369
Karten.
Mitteltibet. Maßstab 1 : 2000000.
Übersichtskarte der Reise Sven v. Hedins, 1899-1902. Maßstab
1 : 14000000.
Erstes Kapitel.
Nach dem Anambaruin-gol.
Sechs Tage durfte ich mich im Hauptquartier in Temirlik ausruhen, wo
die Eisberge um die Quellen herum beständig größer wurden und die
Kälte bis auf -27 Grad sank. Von wirklicher Ruhe konnte freilich keine
Rede sein, denn ich hatte tausend Dinge zu besorgen. Noch einmal wurde
an diesem wichtigen Kontrollpunkte eine vollständige astronomische
Beobachtungsreihe ausgeführt, die zuletzt aufgenommenen Platten wurden
entwickelt, eine neue Post nach Kaschgar geordnet und alle Abrechnungen
für die Karawane, die Verproviantierung und die Lohnzahlungen besorgt.
Ein Andischaner Kaufmann, der aus eigenem Antrieb in mein Lager
gekommen war, um dort Geschäfte zu machen, starb an der gewöhnlichen
schweren Bergkrankheit und wurde mit den üblichen Zeremonien begraben.
An einem sonnigen Tage wurde der kranke Togdasin ins Freie gebracht,
und alle Muselmänner sammelten sich um ihn, um durch allerlei
Gebetformeln sein Übel zu verjagen; dabei opferten sie Allah auch einen
Bock.
Viele Zeit verschlangen alle die Vorbereitungen zur bevorstehenden
Expedition durch die östlichen Wüsten. Der Proviant, der nach meiner
Berechnung für eine Reise von gegen 2000 Kilometer nötig war, wurde
beiseite gestellt und in Kisten und Säcken auf den Sattelleitern der
Kamele festgebunden. Meine kleine Jurte wurde gründlich repariert, die
Kuppel mit rotem Filz und der Zylinder mit weißem bekleidet, so daß das
Ganze aus der Ferne wie eine dänische Flagge aussah. Tscherdon erhielt
gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst, womit
er schon auf dem Ausfluge nach dem Kum-köll hatte beginnen müssen.
Er sollte während meiner Abwesenheit die Ablesungen besorgen und den
Barographen und Thermographen im Gang halten.
Zurückgelassen wurden nur Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai und Ali
Ahun; aber fünf Mann von den Jägern und Goldgräbern wurden angestellt,
um ihnen bei dem Umzuge nach Tscharchlik zu helfen, wo der Amban und
seine eingeborenen Beke versprochen hatten, sich ihrer anzunehmen.
Dort hatten sie übrigens nichts weiter zu tun, als unsere Rückkehr
abzuwarten, meine kostbaren Kisten und Aufzeichnungen zu hüten und
die Tiere zu pflegen, damit diese in gutem Zustande wären, wenn ich
im Frühling wiederkam. Islam sollte auch dafür sorgen, daß von Abdall
aus zwei Kähne mit Rudern und Fischnetzen rechtzeitig nach dem zu den
Kara-koschun-Sümpfen gehörenden See Tschöll-köll gebracht würden. Da wo
sie untergebracht würden, sollte auf einer Düne ein weithin sichtbares
Nischan (Wahrzeichen) errichtet werden, damit wir die Kähne finden
könnten. Ich sah nämlich ein, daß es uns nicht möglich sein würde, jene
Gewässer noch vor dem Schmelzen des Eises zu erreichen.
Die neue Expedition war folgendermaßen zusammengesetzt: der Kosak
Schagdur, die Muselmänner Faisullah (Karawan-baschi), Tokta Ahun und
Mollah aus Abdall (Führer nach Anambar-ula), Kutschuk, Chodai Kullu,
Chodai Värdi, Ahmed und der kürzlich ausfindig gemachte Jäger Tokta
Ahun, der, um Verwechslungen mit seinem Namensbruder vorzubeugen, Li
Loje genannt wurde; er sprach chinesisch und mongolisch, hatte in
Bokalik Pferde gestohlen und war ein bißchen verrückt. Elf Kamele
trugen das Gepäck, und elf Pferde wurden zum Reiten benutzt; wir hatten
also nur ein Reservepferd, beabsichtigten aber, falls es nötig sein
sollte, bei den Mongolen neue Pferde zu kaufen. Drei Hunde, Jolldasch,
Malenki und Maltschik, sollten uns begleiten. Da es meine Absicht war,
den Gas-See auszuloten, mußte Turdu Bai ein paar Tage mit dem Boote
mitkommen. Er wünschte die ganze Reise mitzumachen, bedurfte aber nach
den Mühen, die er ausgestanden hatte, der Ruhe.
So brach denn der ersehnte Aufbruchstag, der 12. Dezember, an, und
wir sollten Temirlik endgültig verlassen. Ich wurde geweckt, als es
noch dunkel war; die Männer trieben die Pferde an, und die Kamele
standen gebunden neben den ihrer wartenden Lasten. Der Tag graute;
es wurde klar und hell, die Luft war still, der Himmel rein, und
richtiges Frühlingswetter herrschte, als wir aufbrachen. Alle Kamele
waren gleichmäßig beladen, aber die Lasten konnten mit Leichtigkeit so
verteilt werden, daß einige Tiere für den Eistransport frei blieben
(Abb. 168, 169).
Alle machte die jetzt bevorstehende Reise froh und angeregt. Ich selbst
sehnte mich nach den Annehmlichkeiten des Wüstenlebens. Hagelstürme und
Schneetreiben hatten wir dort nicht zu fürchten. Kälte erwartete uns
freilich, da jetzt Mittwinter bevorstand, aber es würde eine trockene
Kälte sein, die sich mit Brennholz mildern läßt. Schön war es auch,
drei volle Wintermonate vor sich und demnach die Aussicht zu haben, daß
die meisten Probleme der Exkursion gelöst sein würden, wenn die warmen
Frühlingstage kamen. Wir waren aber auch darauf vorbereitet, daß sich
die Arbeiten noch auf die wärmere Jahreszeit erstrecken könnten, und
hatten deshalb leichte Sommerkleidung mitgenommen. Mein eigenes Gepäck
umfaßte drei große Kisten mit Instrumenten, Büchern, Karten, Platten,
Tage- und Marschroutenbüchern, Tabak, Kleidungsstücken, chinesischem
Silbergelde usw.
Nach freundlichem Abschied von den Zurückbleibenden und dem
armen Togdasin kommandierte ich „Marsch“, und nun läuteten die
Karawanenglocken der langen, dunkeln Reihe der Kamele, die jetzt
in königlicher Haltung von +Sum-tun-buluk+ fortzogen, den „300
Quellen“, wie Temirlik von den Mongolen mit zwei tibetischen und einem
mongolischen Worte genannt wird. Alle Kamele, sogar unser einziges
Dromedar, das ein boshaftes Vieh war, betrugen sich gut. Der Gischt
umgab die Lippen des Dromedars wie Seifenschaum und tropfte überall
auf seinem Wege in großen Flocken auf die Erde. Daß es sich im ganzen
dennoch manierlich betrug, war nicht sein eigenes Verdienst; hätte
es nur gekonnt, so würde es schon Unfug angestiftet haben. Sein
eines Vorderbein war am Packsattel festgebunden, so daß es, ohne im
geringsten im Gehen gehindert zu sein, doch nicht laufen konnte. Mit
dem unmittelbar vor ihm gehenden Kamel war es mittelst eines Strickes
und einer Kette verbunden und konnte seine Nachbarn nicht beunruhigen,
und sein Maul steckte in einer Halfter, die ihm nicht erlaubte, zu
beißen. Prächtig sah er aus, dieser Veteran von Kaschgar, mit seinen
funkelnden, wilden, kohlschwarzen Augen, die er, wenn er schlechter
Laune war, manchmal so verdrehte, daß nur das Weiße zu sehen war.
Die Karawane als Ganzes betrachtet hatte sich gründlich ausgeruht
und war in bestem Zustand; einige Kamele hatten nicht einmal Lasten
getragen, seit sie vor mehr als einem Jahre nach Jangi-köll gekommen
waren. Jetzt steckten sie auch in ihren Winterpelzen, wahren Dickichten
von Wolle. Zwei der ruhigsten, größten Tiere trugen mein persönliches
Gepäck; im übrigen hatten Mehl, Reis, Mais und Talkan (geröstetes Mehl)
das größte Gewicht; aber die Vorräte verminderten sich täglich, und
wenn wir die Gegenden erreichten, wo Eis und Brennholz mitgenommen
werden mußten, würde schon Platz dafür frei sein.
Von Faisullah geführt und von seiner Reiterwache eskortiert, schritten
die Kamele mit großen Schritten rüstig vorwärts.
Das Programm für die Wanderung, die auf diese Weise begann, war
folgendes: Ich wollte über den Astin-tag und an ihm entlang ziehen,
um seine orographische Struktur klarzulegen. Der Weg führte also
nordostwärts nach einer Gegend, welche die Mongolen, die sich dort
aufzuhalten pflegen, +Anambar-ula+ (mit der Genetivendung Anambaruin),
die Muselmänner aber Chan-ambal nennen; das letztere Wort ist eine
Korruption des ersteren. Wir hatten 400 Kilometer dorthin, und von
dort sollte es erst nach Norden durch einen unbekannten Teil der
Gobiwüste und dann nach den nördlich davon gelegenen Bergketten
hinaufgehen. Darauf wollten wir nach Westen ziehen und versuchen, nach
der früher erwähnten Quelle Altimisch-bulak und den Ruinen in der
Wüste zu gelangen, und schließlich durch die Wüste nach Abdall und
Tscharchlik, dem nächsten großen Sammelplatz, wandern.
Die Reise nach Anambar, die ich in Kürze beschreiben werde, erforderte
17 Marschtage. Die beiden ersten führten uns über steinhart gefrorene
Sümpfe mit knisterndem Salz und kantigen Lehmschollen nach einer
Quelle im Norden des +Gas-Sees+. Am 14. Dezember machte ich mit einer
ganz kleinen Karawane eine Exkursion nach dem See, dessen Tiefen ich
im Boote zu loten beabsichtigte. Mir war gesagt worden, er sei so
salzig, daß er nie zufriere. Ein Kulanpfad zeigte uns den besten Weg
nach dem Ufer, wo das Erdreich trotz der Kälte so weich war, daß die
Pferde bis an die Knie in den Schlamm einsanken. Hier und dort lagen
Eisschollen, die wir als Brücken benutzen konnten, doch oft waren sie
so dünn, daß die Pferde durch sie durchtraten und fielen. Es war keine
leichte Sache, diesen tückischen Strand zu erreichen; aber schließlich
gelang es uns und wir lagerten an dem Punkte, wo die in einem Bette
vereinigten Quellbäche des Tschimentales in den See münden. Hier gab
es süßes Wasser nebst Kamisch an den Ufern, und Feuerung hatten wir
selbst. In einiger Entfernung zeigten sich fünf Yake. Es sollte gerade
Jagd auf sie gemacht werden, als Tokta Ahun merkte, daß der eine
gefleckt war, es sich hier also um zahme Tiere handelte. Sie waren
wahrscheinlich aus dem nächsten Mongolenlager durchgebrannt.
Aus der Seefahrt sollte jedoch nichts werden, denn soweit der Blick
reichte, war der Spiegel des Sees mit einer Eisdecke überzogen. Da
wir aber das Boot einmal mitgenommen hatten, sollte seine eine Hälfte
wenigstens als Schlitten dienen. Sein Holzrahmen gab vorzügliche
Kufen ab, und in dieser leichten Equipage wurde ich von Tokta Ahun
und Chodai Kullu schnell und vergnügt über den See gezogen. Das Eis
war ungleichmäßig, bald höckerig, bald mit einer dünnen Wasserschicht
bedeckt, bald von Rissen durchfurcht. Der Schlitten hüpfte über alle
Hindernisse hinweg, und ich glaubte, ich würde ein paar Lotungslinien
über den ganzen See bekommen. Doch auf einmal fing die Eisdecke an zu
knacken und in Wellenbewegung zu geraten. Tokta Ahun brach ein und
hätte ein Bad genommen, wenn er sich nicht noch rechtzeitig an dem
Boote gehalten hätte.
Nach einer ruhigen Nacht am Ufer dieses seichten Salzsumpfes kehrten
wir am nächsten Tage wieder um und trafen die Karawane an den Quellen
von +Julgun-dung+ (Abb. 170).
Während des Rasttages, den wir hier zubrachten, schickte ich Tokta Ahun
nach dem Akato-tag hinauf, um zu erforschen, ob das sich im Nordosten
unseres Lagers öffnende Tal von der Karawane passiert werden könne.
Er kam am Abend mit dem Bescheid zurück, daß das Tal nach einem Passe
hinaufgehe, von dem auf der Nordseite der Kette ein ebensolches Tal
nach den unmittelbar südlich vom Astin-tag liegenden Ebenen hinabführe,
daß dieser Weg also vorzüglich sei.
So brauchten wir am 17. Dezember nur seiner Spur zu folgen. Die Nacht
war bis jetzt die kälteste in diesem Winter gewesen, -29,6 Grad kalt.
Turdu Bai kehrte mit dem Boote nach Temirlik zurück.
Wir lassen diesen kümmerlichen Vegetationsgürtel, der der
„Tamariskenquelle“ (Julgun-dung) ihren Namen gegeben hat, hinter uns
zurück; der langsam nach dem Gebirge ansteigende Boden ist unfruchtbar
und mit Schutt bedeckt. Wieder treten wir in die stillen Bergsäle durch
ein 100 Meter breites Tor ein, wo eine 2 Meter tief eingeschnittene
Rinne das Wasser abfließen läßt, das gelegentlich einmal auf diese
trockenen Höhen herabregnet. Den ganzen Tag führte der Talgrund langsam
aufwärts; er war so eben wie eine Asphaltstraße, machte aber scharfe
Biegungen, in denen ich selten längere Peilungen als drei Minuten in
derselben Richtung machen konnte, bis ein neuer Vorsprung die Aussicht
auf die nächste Talbiegung verdeckte.
Das Material, aus dem der Akato-tag in dieser Gegend aufgebaut ist,
besteht ausschließlich aus feinem gelbem Ton, der so locker ist, daß
man schon mit der Hand Stücke davon abbrechen kann. Das Regenwasser
hat also bei der Ausarbeitung des Terrains in wilde, phantastische
Formen keine Schwierigkeiten zu überwinden. Unzählige kleine Täler und
Hohlwege münden auf beiden Seiten mit dunkeln, oft nur meterbreiten
Toren und lotrechten Wänden in dieses Tal ein. Alles ist steril, kalt
und trocken. Auch das Haupttal (Abb. 171), dem wir folgen, ist manchmal
so eng, daß ein paar von den Männern sich an den vorspringenden
Ecken aufstellen müssen, damit die Kamele mit ihren Lasten nicht
dagegenprallen.
Dann und wann öffnet sich der seltsame Hohlweg vor uns zu einer
phantastischen Perspektive mit lotrechten, ja bisweilen überhängenden
Kulissen. Heruntergestürzte Blöcke in jeder nur denkbaren Gestalt,
wie Würfel, Kugeln und Tetraeder, liegen als Warnungszeichen mitten
im Tale. Andere sind sichtlich auf dem Sprunge, herunterzufallen;
man begreift nicht, was sie noch festhält; ein Windstoß oder ein
leichter Regen würde genügen, um sie ins Rutschen zu bringen. Wir sind
ordentlich beruhigt, wenn der ganze Zug an derartigen gefährlichen
Stellen glücklich vorbeigekommen ist. Pyramiden, Mauern und Türme von
Ton, Terrassen, Korridore und Grotten folgen einander in endloser
Reihe. Die Karawane zieht mitten auf dem ebenen gelben Tonboden des
Tales, auf dem die Kamele, wenn er feucht wäre, wie auf Eis ausgleiten
würden, wo sie jetzt aber sicher gehen, ohne mit ihren weichen
Fußschwielen eine Spur zu hinterlassen.
Allmählich nehmen die relativen Höhen ab, und das Tal verliert seinen
Hohlwegcharakter. Bis an den Paß kamen wir nicht, lagerten aber in
seiner Nähe. Überzeugt, daß wir nie im Leben hierher zurückkehren
würden, verließen wir am Morgen in aller Frühe diesen stillen öden
Lagerplatz. Tokta Ahun und noch einige waren vorausgegangen, um einen
steilen, mühsam zu erklimmenden Abhang an der eigentlichen Paßschwelle
mit Spaten zu bearbeiten (Abb. 172). Es wunderte mich, daß sie, statt
in dem nach Norden führenden Haupttale hinaufzugehen, nach Osten in
ein Seitental abgebogen waren, welches so schmal war, daß man an den
Kamelen, wenn sie in den Biegungen warteten, nicht vorbeikommen konnte.
Nun, der Führer würde wohl Bescheid wissen. Bald darauf befanden wir
uns unter dem steilen Abhange des Passes, der schwierig aussah und auf
dem die Spaten unter aufwirbelnden Staubwolken in voller Tätigkeit
waren.
Jetzt mußte das erste Kamel heran, das sich mit einigen mühsamen Rucken
hinaufarbeitete. Alle Männer schoben von hinten nach und stützten
die Lasten. Einige Tiere fielen und mußten abgeladen werden, worauf
ihre Lasten hinaufgetragen wurden. Das Kamel, das den viel Platz
einnehmenden Holzvorrat trug, hatte es am schlimmsten, aber es machte
seine Sache bis auf einen kleinen Kniefall gut.
Von dem Passe (3466 Meter) ging es nach Südosten, was mir sofort
verdächtig vorkam; aber der Weg war ja rekognosziert, und Tokta Ahun
stand dafür ein, daß das hinabgehende Tal, ebenfalls ein Hohlweg, bald
nach Osten und Nordosten umbiegen und auf offenes Terrain führen würde.
In den überraschendsten Zickzackbiegungen schlängelte es sich nach
tiefer liegenden Gegenden hinunter.
Nur eine schwierige Passage erwarte uns noch, hieß es. Hier war das Tal
wirklich so tief und eng, daß kaum ein Fußgänger sich hindurchzwängen
konnte. Doch über die Halden auf der rechten Seite konnten wir die
Kamele vorbeiführen.
Eine Strecke weiter machte jedoch der Zug Halt, und die Männer eilten
an die Spitze. Der Korridor war hier so schmal, daß die Lasten auf
beiden Seiten anstießen und die Kamele erst weiter konnten, nachdem
die Wände mit Äxten bearbeitet worden waren. Unterdessen ging ich
voraus und gelangte an eine Stelle, die noch schwieriger war. Der
Hohlweg hatte sich wie eine schmale Rinne unter den Tonwänden der
linken Talseite, die überhängende, gefährliche, zerrissene Gewölbe
bildeten, eingeschnitten. Oberhalb des tiefen Grundes der Rinne gab
es keinen Weg; wir mußten es dort unten versuchen. Doch gerade an
dem schmalsten Punkte hatte kürzlich ein Bergrutsch stattgefunden.
Gewaltige Blöcke und Tonstücke füllten die Passage aus und sperrten
den Weg. Einige von ihnen konnten wir mit vereinten Kräften unter
das Gewölbe rollen, und diejenigen, welche gar zu groß waren, wurden
mit Spaten und Beilen zerstückelt. Die Seitenwände wurden erweitert,
über die liegengebliebenen Bruchstücke bahnten die Pferde einen
Weg, und die Kamele wurden vorsichtig und einzeln durch dieses Loch
geführt, in welchem die Karawane im Falle eines neuen Bergrutsches
lebendig begraben worden wäre. Am schwersten hatte es wie gewöhnlich
das Brennholzkamel. Es blieb mitten im Loche stecken und machte eine
so verzweifelte Anstrengung loszukommen, daß die Holzlast unter Lärm
und Gepolter herunterfiel und ein paar Tonblöcke von den Wänden
herabstürzten. Es sah unheimlich aus, als die ganze Gesellschaft in
einer undurchdringlichen Staubwolke verschwand, und man konnte einen
verhängnisvollen Bergrutsch befürchten.
Tokta Ahun machte ein klägliches Gesicht und gestand ein, daß er nicht
bis an das Ende dieses heimtückischen Hohlweges geritten sei. Er war
sehr niedergeschlagen, denn er pflegte darin sonst sehr gewissenhaft zu
sein und völlig korrekte Auskunft zu geben.
Ich habe nie eine so eigentümliche Talform gesehen. Eigentlich sind es
zwei Täler oder ein Tal mit zwei Stockwerken (Abb. 173). Das untere
Stockwerk ist, von dem Boden des oberen gerechnet, 10 Meter tief und
lotrecht eingesägt. Hierdurch entstehen auf den Seiten des unteren Tals
Terrassen, die jedoch absolut unpassierbar sind. Auch das obere Tal
wird nachher so eng, daß beide in ein tief in das Tonlager eingesägtes
Tal verschmelzen, wo Dämmerung herrscht und man immerwährend in Gefahr
schwebt, durch abstürzende Blöcke von ungeheuren Dimensionen erschlagen
zu werden.
Wir schreiten mit unaufhörlichen Unterbrechungen vorwärts; bald müssen
vorspringende Ecken weggehauen, bald hindernde Tonmassen aus dem Wege
geräumt werden. Noch einige Schritte, und die Karawane macht Halt.
Tokta Ahun meldet, daß das Tal gesperrt sei. Von den mehrere hundert
Meter hohen Bergen auf beiden Seiten hatte ein Rutsch stattgefunden,
der das Tal verstopfte. Doch temporäre Bächlein hatten sich unter
dem herabgestürzten Material einen Durchgang gegraben, der einem
Gletschertore glich; auf seiner Deckenwölbung würden wir wohl, falls
sie nicht unter dem Gewichte der Kamele einstürzte, weiterziehen können.
Ich zog es jedoch vor, selbst zu rekognoszieren, bevor der Versuch
gewagt wurde. Unweit dieser gefährlichen Brücke verschmälerte sich das
Tal noch mehr und ging in eine zwei Fuß breite Spalte von 15 Meter
Tiefe über. Schließlich wurde diese dunkel; heruntergefallene Blöcke
bildeten ein Dach; der Abflußkanal des Wassers war hier unterirdisch
und ähnelte einem steilen, gewundenen Grottengange, in welchem kaum
eine Katze ihren Weg hätte finden können (Abb. 174, 175).
Jetzt war es klar: wir +mußten+ umkehren. Die Karawane stand so
zwischen den Tonwänden des Korridors eingeklemmt, daß das letzte
Kamel rückwärtsgehen mußte, ehe Raum genug vorhanden war, daß es sich
umdrehen konnte; ebenso wurde der Reihe nach mit den anderen verfahren.
In der Dunkelheit ließen wir uns in einer kleinen Erweiterung nieder,
wo man nicht vor gefährlichen Bergstürzen Angst zu haben brauchte. Die
Tiere mußten fasten und dursten. Wie war diese seltsame Gegend finster,
unheimlich und still! Dann und wann erklingt das schrille Läuten der
Kamelglocken, wenn die Tiere den Kopf bewegen. Die Männer halten am
Feuer Rat, und das Echo vervielfältigt ihre Stimmen; es klingt, als
unterhalte man sich in einem Säulengange oder in einem Königssaale.
Es ist nicht angenehm, auf demselben Wege zurückzukehren, am
allerwenigsten in einer Rinne, wo Tausende von Tonblöcken wie an
einem Haare über unseren Köpfen hängen und die Kamele wie Käfer zu
zerquetschen drohen. Hätte es in der Nacht einen größeren Bergsturz
gegeben, so waren wir wie in einer Mausefalle gefangen gewesen.
Es kostete uns einen Tag, nach dem Punkte, wo das Tal sich geteilt
hatte, zurückzukehren. Tokta Ahun und Mollah ritten inzwischen das
Haupttal hinauf und kehrten abends mit der Nachricht zurück, daß
sie nun wirklich einen Ausgang aus den verwickelten Labyrinthen des
Akato-tag gefunden hätten.
Am 20. Dezember wurde ich geweckt, als es noch stockfinster war.
Morgens wird jedoch weiter keine Beleuchtung spendiert als das
freundliche, gemütliche Licht, welches das Feuer des Ofens, dessen
Tür weit offen steht, ausströmt. Ein flackernder, roter Feuerschein
verbreitet sich über das Innere der Jurte. Ich kleide mich schnell an
und sehne mich bei der starken Kälte nach meinem heißen Tee.
[Illustration: 171. Das nach dem Passe des Akato-tag hinaufführende
Tal. (S. 5.)]
[Illustration: 172. Bahnen eines Weges über den Paß. (S. 6)]
[Illustration: 173. Ein Tal mit zwei Stockwerken. (S. 7.)]
[Illustration: 168. Die beladenen Kamele. (S. 2.)]
[Illustration: 169. Umladen während des Marsches. (S. 2.)]
[Illustration: 170. Lager in Nordtibet. (S. 4.)]
Schon in dunkler Nacht waren einige der Leute voraus nach dem Passe
hinaufgeeilt, um dort einen Weg anzulegen. Jetzt folgten wir dem
rechten Tale, das wirklich zu einem Passe führte. Auch dieser war auf
der letzten Strecke greulich steil, und die Kamele konnten nur mit
Hilfe der Leute hinaufkommen (Abb. 176). Die umfangreiche Aussicht
zeigte sofort, daß wir uns auf dem Hauptkamme der Kette befanden (3698
Meter). Im Norden zieht sich der endlose Rücken des Astin-tag hin,
im Süden der Tschimen-tag, im Südosten die Einöden von Zaidam, und
ostwärts erblickt man etwas, von dem man nicht sagen kann, ob es
ein Gebirge, Wolkengebilde, Nebel oder nur ein Wüstenreflex ist. Der
+Akato-tag+ ist anders als alle übrigen Bergsysteme in Tibet. Er ist
ein unentwirrbares Durcheinander von Hügeln und Tonkuppeln, die aufs
wildeste von unzähligen, tiefen und engen Schluchten durchsägt werden.
Es ist eine leblose, düstere Gegend.
Als wir auf ebeneren Boden hinuntergelangt waren, fanden wir einen
Pfad, der von menschlichen Wanderern herrühren mußte. Der Sicherheit
halber hatte ich jedoch schon am Morgen einige Leute mit sechs Pferden
nach Julgun-dung zurückgeschickt, um mehr Eis zu holen, da unser
Eisvorrat zu sehr zusammengeschmolzen war.
Tokta Ahun hatte von einem Passe, dem Kara-dawan, auf dem Wege nach
Anambar gesprochen. Als wir jetzt das breite, ebene Tal zwischen dem
Akato- und dem Astin-tag in nordöstlicher Richtung durchquerten, galt
es, den Weg nach diesem Passe ausfindig zu machen.
Bald fanden wir den schon gestern gesehenen Pfad wieder, aber jetzt sah
er bedeutend breiter aus. Die durch Abnutzung verursachte Einsenkung
des Bodens war deutlich zu sehen, besonders da, wo das Erdreich hart
war, obwohl der Zahn der Zeit schon sehr an ihr genagt hatte. Auf
Hügeln und Vorsprüngen an den Seiten waren Iles (Wegzeichen) in Gestalt
kleiner Steinhaufen errichtet. Ohne Zweifel ist diese Straße von
mongolischen Lhasapilgern in Zeiten von Unruhe und Unsicherheit in den
sonst von ihnen durchreisten Gegenden benutzt worden.
In einer Rinne, in welcher wir zwischen den Hügeln hinzogen, verloren
wir diesen Weg, und auch auf den Anhöhen waren keine Steinhaufen mehr
zu sehen. Wir zogen jedoch in dem Tale weiter, und freundliche Mächte
führten uns zu einer in dieser unendlich wüsten Gegend unerwarteten
Entdeckung, zu einer von vortrefflicher Weide umgebenen kleinen Quelle
(Abb. 177).
Die Quelle ist salzig, aber die Eisschollen unterhalb derselben sind
süß. Sie erstrecken sich 150 Meter weit in das Tal hinein, wo mit ihnen
auch die Vegetation aufhört.
Nachdem wir endlich auf ebenes Land geraten waren, gerieten wir dort in
ein Terrain, das viel schlimmer war als die labyrinthähnlichen Gänge
der Täler. Der Boden besteht aus salzhaltigem Tone, der Kammern, Rücken
und Schwellen bildet, welche so hart wie Ziegel sind und unsern nach
Nordosten laufenden Weg unter rechten Winkeln kreuzen. Man erhält den
Eindruck, daß die Oberschicht des Erdreiches sich ausgedehnt haben muß
und sich infolgedessen wie die Schale eines einschrumpfenden Apfels
in Runzeln gelegt hat. Die Rücken sind hohl, und alle Risse gähnen
schwarz. Ihre Höhe beträgt einen Meter, die Zwischenräume drei Meter.
Wir ziehen zwischen ihnen durch, zwei Männern folgend, die mit Spaten
vorausgehen.
Auch an diesem Abend erreichten wir eine Quelle mit Weide. Hier ging
einsam ein wildes Kamel spazieren. Während wir im Kamischdickichte
lagerten, birschte sich Schagdur an das Tier heran. Der Schuß
widerhallte dumpf in der Dämmerung, und ich ritt nach dem Platze hin,
von dem der an einem Vorderbeine verwundete Einsiedler vergeblich zu
entfliehen suchte. Chodai Kullu machte ein Lasso und warf dem Kamel
die Schlinge um den Hals, worauf es zu Boden gerissen und geschlachtet
wurde. Jetzt hatten die Leute frisches Fleisch für mehrere Tage, und
das prächtige Fett in den Höckern wurde auch mitgenommen. Nach Spuren
und Dung zu urteilen, besuchen die wilden Kamele diese Quelle im Sommer
in großen Herden.
Einen herrlicheren Weihnachtsabend konnte man sich in diesen kalten,
öden Gegenden kaum wünschen. Die Luft war ruhig, der Himmel klar und
blau. Nachdem Feuerung eingesammelt, ein paar Säcke mit Eis gefüllt und
das Kamelfell zu Kopfkissen zerschnitten worden war, brachen wir auf
und folgten den ganzen Tag dem alten Wege, dessen Steinhaufen wir bei
der Quelle wiedergefunden hatten. Der Weg wurde bisweilen von bis zu
zwanzig parallelen Pfaden bezeichnet, welche Zeugnis davon ablegten,
daß Karawanen mit Kamelen und Pferden hier in ganzen Reihen gezogen
sind. Vielleicht schrieb er sich aus einer Zeit her, als die weiter
östlich wohnenden Mongolen ihre Herden in Temirlik weiden ließen. Erst
in der Dämmerung gelangten wir an den Fuß des Astin-tag und schlugen
unsere Zelte in der Mündung eines zwei Ketten trennenden Tales auf.
Als wir das Lager fertig hatten, wurde ein munter sprühendes
Weihnachtsfeuer angezündet, das einzige, was an das große Fest in der
Heimat erinnerte. Um mir die wehmütigen Gedanken, die an diesem Tage
stets auf mich einstürmen, zu verjagen, rief ich Schagdur und weihte
ihn in meinen Plan ein, den Versuch zu machen, nach Lhasa zu gelangen.
Er war Feuer und Flamme dafür und glaubte, es würde uns gelingen,
wenn wir uns vorschriftsmäßige Tracht und zuverlässige mongolische
Reisekameraden zu verschaffen wüßten. Von nun an unterhielten wir uns
oft abends über diese waghalsige Reise. Das Gespräch wurde russisch
geführt, damit die Muselmänner nicht merkten, wovon die Rede war.
Während der letzten Tage des Jahrhunderts lenkten wir unsere Schritte
in den Tälern zwischen den parallelen Ketten des Astin-tag beständig
nach Nordosten. Die Kälte war scharf, und der Wind hielt noch immer
an und brachte manchmal Schnee, der jedoch nur in den schattigen
Schluchten liegen blieb. Die Berge glänzten mit ihrem weißen
Schneegewande zwischen den Wolken hervor. Das Terrain war günstig;
wir passierten eine Menge kleiner abflußloser Becken, deren Boden sich
nach Regen in bald verdunstende Miniaturseen verwandelten. Zerstreut
stehende Steppengrasbüschel, Teresken und Jappkak versahen uns mit
Brennmaterial. Von Wild sahen wir in diesen Tagen nur Kamelspuren und
einzelne Raben, die uns folgten. Tokta Ahun, der hier ein weniger guter
Führer war als in den Kara-koschun-Sümpfen, fand den Kara-dawan nicht,
ich kam aber ohne Hilfe durch das Gebirge.
Als ich am 27. Dezember in dem fürchterlich kalten Wintermorgen aus
meiner Jurte schaute, fand ich den Boden mit einer ziemlich hohen
Schneeschicht bedeckt, und das Schneetreiben dauerte den ganzen
Tag an. Der Wind verfolgte uns ebenso eigensinnig wie im Sommer im
inneren Tibet. Am 29. Dezember schliefen wir bei Sturm ein, erwachten
am folgenden Morgen bei Sturm, ritten den ganzen Tag durch heulende
Sturmböen und lagerten am Abend im Sturme. Es weht und zieht in der
Jurte, die auf allen Seiten verankert werden muß, um nicht umzukippen,
in welchem Falle der erhitzte Ofen die Filzdecken in Brand setzen
und meine kostbaren Kartenblätter in alle Winde fliegen würden. Wir
sehnten uns nach der Wüste, wo die Luft, wenigstens während der kalten
Jahreszeit, nicht in beständigem Aufruhr ist, sondern wo gewissermaßen
Waffenstillstand herrscht.
Einige der Quellen, an welchen wir lagerten, haben chinesische Namen:
Lap-schi-tschen, Ku-schu-cha und Ja-ma-tschan. An den letztgenannten
knüpft sich die Erinnerung an eine blutige Episode. Im Sommer 1896,
um die Zeit, als ich mich das vorige Mal in Nordtibet befand, kamen
die Reste der in der Gegend von Si-ning geschlagenen Armee der
aufrührerischen Dunganen an diese Quelle. Die Chinesen schickten ihnen
von Sa-tscheo ein Kriegsheer entgegen; es kam zum Kampfe, eine große
Zahl Dunganen wurden erschlagen, andere wieder als Gefangene nach
Sa-tscheo gebracht. Massen von menschlichen Skeletteilen lagen noch an
der Quelle. Fünfhundert Dunganen mit Frauen und Kindern entkamen. Sie
hatten eine Anzahl Kamele, Maulesel und Pferde bei sich, die sie aus
Mangel an Lebensmitteln verzehrten. Während dieser Unruhen wurde von
Abdall eine Gesandtschaft nach Sa-tscheo geschickt, bestehend aus einem
Chinesen, einem Dunganen und zwei Muselmännern, nämlich Islam Ahun,
einem Verwandten Tokta Ahuns, und Erke Dschan, dem älteren Bruder des
Nias Baki Bek, eines unserer Freunde in Kum-tschappgan. Als diese vier
Männer durch das Astin-tag-Gebiet zurückkehrten, trafen sie dort mit
den Dunganen zusammen und wurden von ihnen an der Ja-ma-tschan-Quelle
getötet. Die 500 Dunganen zogen nach Abdall, wo sie durch ein ihnen
entgegentretendes Heer gezwungen wurden, die Waffen zu strecken. Dann
wurden sie nach Kara-kum, einer neuangelegten Kolonie, gebracht, wo sie
noch heute in Frieden leben und den Beweis liefern, daß die Chinesen
gegen ihre rebellischen Untertanen nicht immer barbarisch sind.
An der Ja-ma-tschan-Quelle steht eine 1½ Meter hohe Steinpyramide,
welche eine Tafel mit chinesischen Schriftzeichen trägt -- ob damit die
Erinnerung an den kläglichen Sieg über eine Handvoll ganz erschöpfter
Dunganen bewahrt oder ausgedrückt werden soll, daß diese arme Gegend
zum Reiche der Mitte gehört, ist mir unbekannt.
Vor etwa 30 Jahren hielten sich in diesen Gebirgsgegenden oft
dunganische Jäger auf. Die einzigen Spuren, die sie hinterlassen haben,
waren einige Fuchsfallen, von den Muselmännern „Kasgak“ genannt. Diese
sehen genau aus wie Gräber oder längliche Steinhaufen und bilden
einen Tunnel; am inneren Ende hängt ein großer Stein so lose, daß er
herunterfällt und den Fuchs erschlägt, der in die Falle kriecht, um
sich ein in einer Schlinge hängendes Fleischstück zu holen. Durch
den Verkauf von Fuchsfellen hatten diese Jäger einen ziemlich guten
Verdienst.
In der Nacht auf den 31. Dezember hielt der Sturm mit furchtbarer Wut
an. Die Stangen fielen von der Kuppel der Jurte herunter, und diese
mußte provisorisch mit Stricken festgebunden werden. Das Feuer muß
ausgehen, und man taut erst auf, wenn man in seinem warmen Pelzneste
liegt; dann aber kann es draußen toben, soviel es will. Es war morgens
trotz des klaren Himmels dunkel, und man hörte nur das Heulen des um
die Ecken pfeifenden Windes. Das Jahrhundert endete in diesen Gegenden
mit einem richtigen Säkularsturme. Das Reiten ist unter solchen
Umständen eine Tortur. Man kämpft vergebens mit der Kälte und kann
kaum die Lebensgeister wachhalten. Man wird schläfrig und betäubt,
die Glieder erstarren sozusagen in der Stellung, die man zu Pferde
einnimmt, und es bedarf einer Kraftanstrengung, um aus dem Sattel zu
kommen. Die Neujahrsnacht war sehr kalt und sternenklar, und der Mond
stand wie eine elektrische Bogenlampe am Himmel. Ich las die Bibeltexte
und die Psalmen, die am letzten Abende des Jahres in allen Kirchen
Schwedens gesungen werden, und wartete in meiner Einsamkeit die Wende
des Jahrhunderts ab. Es ist ein großer Anblick, wenn das Jahrhundert in
die Nacht der Zeiten hinabsinkt! Hier läuteten keine Kirchenglocken;
nur der Sturm, dem der Wechsel der Jahrhunderte nichts anhaben kann,
sang mit brausenden Orgeltönen seinen wehmütigen Trauermarsch.
Am 1. Januar 1901 stürzten mit unverminderter Kraft unerschöpfliche
Kaskaden von Luft durch die Täler. Von einer kleinen Paßschwelle
erblickten wir das gewaltige Bergmassiv des +Anambaruin-ula+.
Der +Anambaruin-gol+ ist ein Fluß, der hier die Astin-tag-Kette
durchbricht, um in die Sandwüste hinauszugehen und dort zu sterben.
Die Gegend pflegt oft, besonders im Sommer, von Mongolen besucht zu
werden, und als wir nachher in einiger Entfernung ein grasendes Pferd
umherlaufen sahen, nahmen wir fest an, daß wir jetzt mit Mongolen
zusammentreffen würden. Das Tier betrachtete uns mit scheuen Blicken,
als wir unsere Zelte in der Talweitung am Flußufer aufschlugen. Doch
wie gründlich wir auch am nächsten Tage partienweise die Gegend
abstreiften, von Mongolen war keine Spur zu entdecken; sie waren
augenscheinlich schon lange fortgezogen.
Für uns war es eine Enttäuschung, sie nicht zu finden und auf ihre
Auskunft über die Gegend verzichten zu müssen. Da wir jedoch Zeit
hatten, beschloß ich, die Mongolen um jeden Preis ausfindig zu machen.
Dieser Abstecher war auf 310 Kilometer zu veranschlagen; wir gingen
dabei um den Gebirgsstock des Anambaruin-ula herum.
Um für die ersten Mongolen, die wir treffen würden, eine angenehme
Überraschung in Bereitschaft zu haben, wollten wir das entlaufene
Pferd mitnehmen. Es erwies sich aber als ganz unmöglich, das Tier
einzufangen; nicht einmal mit Lasso und Treibjagd ließ es sich
überrumpeln. Schließlich stürmte es talaufwärts davon. Es war in der
Einsamkeit verwildert und so scheu wie ein Kulan.
Zweites Kapitel.
Bei den Särtängmongolen und durch die Gobiwüste.
Jetzt schritt unser Zug mehrere Tage lang gerade nach Osten. Den ersten
Tag ging es ein großartiges, zwischen wilden, nackten Felswänden
eingeschnittenes Tal hinauf, in welchem der Anambaruin-gol, mit
blauschimmerndem, glattem Eise bedeckt, im Winterschlafe lag (Abb.
178, 179, 180). Einige Steinhütten zeigten, daß Mongolen das Tal dann
und wann besuchten. Gerade unter dem Passe, der die östliche Grenze
des Tales bildet, ließen wir uns in der Kälte nieder. Eine Herde von
12 Archaris kletterte geschickt und mit affenartiger Sicherheit auf
einigen Felsvorsprüngen neben unserem Wege umher. Während sie die
Karawane betrachteten, schlich sich Schagdur unter ihren sicheren
Aussichtspunkt. Der Schuß rollte wie ein Echo zwischen den Bergwänden,
und ein kolossaler Widder taumelte haltlos aus einer Höhe von 50 Meter
herunter. Es wird von diesen wilden Schafen erzählt, daß sie, wenn sie
auf ihren Felsenpfaden stolpern und ausgleiten, immer auf die Hörner
fallen und dadurch die Wucht des Anpralls dämpfen. Schagdurs Opfer
gehorchte diesem Gesetze sogar im Tode, denn er schlug mit den Hörnern
polternd auf das Geröll auf. Unser Weg war lang gewesen, und im Lager
war viel zu tun. Erst um Mitternacht kamen die Leute mit dem Archari,
das sie auf ein Kamel geladen hatten, an. Es war mörderisch kalt in
dem Winde, -28,5 Grad. Man glaubte, die Kälte in der klaren Nachtluft
förmlich zittern zu sehen, und der Mond stand hoch und hell über den
Schneefeldern der Gebirge.
Am folgenden Tag überschritten wir noch einen Paß und gelangten in die
Gegenden des Gebirges, aus denen die Sommerflüsse südwärts nach dem
Zaidambecken gehen. An einer Stelle sahen wir dessen Sandwüste zwischen
isolierten, mächtigen Bergkomplexen.
So wanderten wir durch diese wilde Gebirgswelt nach Osten weiter.
Wir hatten unter der Kälte und dem Winde zu leiden, es fehlte an
Feuerungsmaterial, und ein paar Packleitern gingen darauf. Die Tiere
hatten es auch nicht besser, denn die Weideplätze waren ebenso selten
wie spärlich, und sogar die Quellen waren knapp. Den Kamelen macht es
nichts aus, ein paar Tage zu dursten, die Pferde aber kauten Schnee,
wenn sich ihnen weiter nichts bot. Im Norden erhebt sich das mächtige
Massiv des Anambaruin-ula, im Süden ein kleinerer Bergrücken. Als es
am 6. Januar Tag wurde, sahen wir offene Ebenen im Süden und Südosten
und vor uns hatten wir jetzt das Hochlandbecken, das +Särtäng+ heißt
und von Särtängmongolen bewohnt wird, die mit den Bewohnern von Zaidam
stammverwandt sind.
Fern im Osten sieht man den +Bulungir-nor+ und die Wasserläufe, die
sich in diesen kleinen See ergießen. Die vortrefflichen Weiden, die uns
nach dem platten Lande zogen, waren jetzt freilich gelb, aber unsere
Tiere würden sich nichtsdestoweniger dort sattfressen können, und wir
wollten sie, obwohl es schon zu dämmern anfing, gern noch zum Abend
erreichen. Einige schwarze Punkte hier und dort hielten wir für Zelte
und Herden, aber die Entfernung war zu groß, um etwas deutlich erkennen
zu können, und nach einer Weile hüllte sich das Land in Dunkelheit.
Schagdur und Mollah sprengten voraus; eine Stunde später erhellte
ein Feuer die Nacht; sie hatten augenscheinlich den Rand der Steppe
erreicht und dort trockenes Gras und Gestrüpp in Brand gesteckt. Die
langsam gehende Karawane brauchte noch zwei Stunden, um dorthin zu
gelangen; als wir aber einmal da waren, durften die Tiere ungeknebelt
die ganze Nacht grasen. In solchen Gegenden laufen sie nicht fort.
Als ich am folgenden Morgen geweckt wurde, hatten die Leute schon
weiter im Süden einige Zeltlager entdeckt, nach denen wir unsere
Schritte hinlenkten. Zuerst gelangten wir an drei Jurten, um welche
herum große Herden von Rindern, Pferden und Schafen weideten. Eine alte
Frau kam herausgelaufen und empfing uns ohne eine Spur von Furcht;
sie fuhr, während sie schwatzte, ganz ruhig mit ihrer Handarbeit --
Schnurdrehen -- fort. Doch bat sie uns, ja nicht hier zu bleiben, denn
hier seien nur Frauen und Kinder zu Hause; wir zogen deshalb weiter,
bis wir drei andere Jurten erreichten, wo zwei Männer versicherten, daß
wir willkommen seien und unsere Zelte bei ihnen aufschlagen könnten.