Überall auf der Welt verfügt das Militär über die modernste
Technologie. Selbst Länder, die sich aufgrund ihrer
Bevölkerungsdichte, der relativ niedrigen Löhne und der bestehenden
allgemeinen Wehrpflicht eine unzeitgemäß große Armee leisten können,
bemühen sich unverhohlen um das Beste und Neueste, was Wissenschaft
und Technologie an Waffen zu bieten haben. Der Rüstungsmarkt ist
vermutlich der allumfassendste aller Märkte. Am beunruhigendsten ist
dabei sicherlich, daß sich der menschliche Geist zum Handlanger von
Tod und Zerstörung macht. In manchen Ländern reichen die
Nahrungssmittelvorräte gerade für ein oder zwei Erntezyklen, während
das Militär mit Vorräten für einen jahrelangen Einsatz ausgestattet
ist.
Heute verfügt das Militär über die ausgeklügeltsten Technologien, die
je entwikkelt wurden. Gleichzeitig beklagt die Öffentlichkeit den
geringen Bildungsstand der Truppen. Das gilt wohl weniger für die
Befehlsebene als für die eingezogenen jungen Soldaten. Armeen
unterweisen die Rekrutierten im Umgang mit Waffen, von denen die
meisten für Schriftunkundige entwickelt wurden, und im Lesen und
Schreiben. Letzteres festigt wohldosiert Ideologie, Religion,
Geschichte, Geographie, Psychologie und Sexualverhalten. Die
Situation ist paradox: Die heutigen militärischen
Anforderungsprofile--moderne Technologie, Aufgabenverteilung,
Netzwerke und verteilte Verantwortung--stehen im Konflikt mit den
traditionellen militärischen Tugenden--klare Befehlsstruktur,
Hierarchie, Autorität und Disziplin. Die technologischen Mittel, die
die Schriftkultur überflüssig machen, sind offenbar willkommen, aber
ihre Auswirkungen auf die Beschaffenheit des Menschen erscheinen
besorgniserregend.
Ein schriftgebildeter Soldat kann natürlich besser indoktriniert und
den Regeln und Zwängen unterworfen werden. Aber das Gesicht des
Krieges hat sich verändert: für die schnellen Abläufe ist das
Lesen--von Anweisungen, Befehlen, Botschaften--unzureichend, ja sogar
gefährlich. Um Ziele anzuvisieren, die sich mit enormer
Geschwindigkeit nähern, benötigt man die Mittlerdienste des digitalen
Auges. Konflikte sind heute so segmentiert wie die Welt insgesamt,
erkennbare Grenzen zwischen Gut und Böse bestehen nicht mehr.
Angesichts der komplexen Dynamik heutiger Konflikte ist eine
zentralistisch organisierte militärische Praxis mit Autoritäts- und
Hierarchiestrukturen kontraproduktiv.
Der Vietnamkrieg ist hierfür ein dienliches Beispiel. Befehle wurden
von oben an die Truppen weitergegeben, über Truppenführer, die für
die Kriegsführung in Vietnam nicht ausgebildet waren. Sogar der
Präsident der Vereinigten Staaten schaltete sich ein, allzu oft mit
Entscheidungen, die den Kriegsverlauf negativ beeinflußten. Die USA
vergaßen die Lehren ihrer eigenen Geschichte, indem sie die in der
Schriftkultur entwickelte europäische Kriegsführung für den
illiteraten Dschungelkrieg übernahmen. Später veröffentlichte
Memoiren (etwas die von Robert MacNamara) decken auf, wie das in
Regierung und Militär verkörperte schriftkulturelle Paradigma der
Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthielt, die rückblickend
den Verlust so vieler Menschenleben sinnlos machen.
Der Luxus einer großen Armee und die Kosten für lange militärische
Ausbildungszeiten gehören einer überholten Lebenspraxis an. Ein
Soldat auf Lebenszeit ist ein Anachronismus. Die Kriegswirklichkeit
verändert sich mit der Geschwindigkeit, in der neue Waffensysteme
entwickelt werden. Die neue Skala des Menschen verlangt nach
globaler Effizienz, die wir nicht erreichen, wenn wir produktive
Kräfte von produktiven Erfahrungen fernhalten. Vor dem war das
Militär eine von der Gesellschaft abgetrennte Institution. Unser
neues Entwicklungsstadium hat das Militär wieder in das Netz von
gemeinsamen Aufgaben und Funktionen innerhalb einer hocheffizienten
Lebenspraxis eingebunden. Zwischen dem mittelalterlichen Krieger in
voller Rüstung und dem heutigen Soldaten in Alltagskleidung--der oft
eine wissenschaftliche oder technische Ausbildung hinter sich
hat--liegen nicht nur mehr als 500 Jahre, sondern vor allem neue
Formen der Selbstkonstituierung und Identitätsfindung. Zwischen dem
Schwefeldampf, der vor zweitausend Jahren in der Schlacht von Delium
eingesetzt wurde, und der Bedrohung durch chemische und biologische
Waffen im Golfkrieg besteht ein oberflächlicher Zusammenhang. Das
Wissen, das in die Herstellung neuer chemischer und biologischer
Verfahren für eine hocheffiziente Landwirtschaft und für
Lebensmittelbearbeitung eingeht, dient auch bei der Herstellung
chemischer und biologischer Massenvernichtungswaffen. Die Gentechnik
und äußerst komplexe digitale Mittel und Methoden definieren die
Grenzen unserer Möglichkeiten neu.
Das ist weder eine Befürwortung effizienter Armeen, die wir bei
Naturkatastrophen dringend benötigen, noch eine Apologie von
Vernichtungskriegen, was und wer auch immer sie rechtfertigen mag.
Wenn es dennoch so klingt, dann liegt das daran, daß die schriftliche
Beschreibung des strukturellen Hintergrunds, vor dem sich die
militärische Praxis abspielt, den Stempel schriftkultureller Praxis
trägt. Das Militär hat mittlerweile erkannt, daß es unsinnig wäre,
schriftkulturelle Bildung als Koordinierungsmittel für militärische
Aufgaben wiederzubeleben. Denn sie ist kaum geeignet, im
Zusammenhang der hochentwickelten Rüstungstechnologie optimale
Leistungen zu erzielen. Auch eignet sie sich kaum dazu, Kriege zu
verhindern. Der in der Schriftkultur gebildete Mensch erwies sich
als ebensolche Kriegsbestie wie der zwangsweise eingezogene Soldat
oder der Söldner, wenn er diese nicht sogar an Bestialität übertraf.
Die fast 2 Millionen Kinder, alle Analphabeten, die als Söldner in
Asien oder Afrika dienen, sind Teil der gleichen Realität, die ich
hier beschreibe.
Die heutige Rüstungsforschung versucht, den Menschen aus der direkten
kriegerischen Konfrontation heraus zu halten. Nichts beeinflußt die
öffentliche Meinung bei militärischen Einsätzen mehr als Leichensäcke.
Sie verderben den Spaß am Spiel mit teuren Raketen, der auch der
Grund dafür war, daß man den Golfkrieg "Nintendo-Krieg" genannt hat.
Raketen erfreuen sich bei den Netoyens trotz ihrer Zurückhaltung
gegenüber militärischen Einsätzen größerer Beliebtheit.
Hocheffiziente, digital programmierte Systeme haben einen anderen
Bezug zu Raum und Zeit als die Menschen. Das verleiht den digitalen
Kriegsmaschinen und genetischen Waffen einen besonderen Vorteil
bezüglich der notwendigen Koordination. Die Zeit ist auf eine Weise
segmentiert, die sich der menschlichen Wahrnehmung und Kontrolle
entzieht; der Raum erweitert sich zu Dimensionen jenseits der
menschlichen Vorstellung und Kontrolle. Wesentliche Teile der
Kriegsmaschinerie operieren im All mit äußerst zeitempfindlichen
Geräten. Die Strategic Defense Initiative (S.D.I., Star wars
genannt) ist das bekannteste, obwohl inzwischen schon wieder
vergessene, Beispiel. Relativ triviale Systeme, wie sie zur
Orientierung der Truppen in der Wüste dienten, sind dabei schon
Routine. Die Ausdruckskraft, die wir aufwenden müssen, um
Motivationen zu steigern und der Irrationalität einen Anschein von
Rationalität zu verleihen, steht im krassen Gegensatz zu der
Geschwindigkeit und Präzision, die zur Umsetzung der taktischen und
strategischen Pläne entscheidend sind. Die Koordination solcher
Informationssystem-Maschinen kann nicht auf eine Sprache
zurückgreifen, die für diese dynamischen Abläufe weder präzise noch
schnell genug ist. Bei der Überschallgeschwindigkeit von Flugzeugen,
Raketen und Satelliten würde ein Soldat, wenn er ein Ziel ortet, für
das Auslösen einer Waffe keine Zeit mehr haben--vom Warten auf einen
Feuerbefehl ganz zu schweigen.
Selbst die Wartung dieser komplexen Kriegsmaschinerie kann mit
Mitteln der Schrift nicht mehr geleistet werden. Das elektronische
Buch gehört daher im militärischen Bereich zum Alltag. Dieses Buch
speichert die Beschreibung eines Gerätes digital. Wenn wir den
Inhalt eines solchen für Flugzeuge oder Waffensysteme an Flugzeugen
und Schiffen funktionswichtigen Buches in einem konventionellen
gedruckten Handbuch unterbringen wollten, würde das bloße Gewicht der
Bedienungsanleitung das Flugzeug startunfähig machen. Jede
Veränderung im System würde den Neudruck Tausender von Seiten
erfordern. Als elektronische Version ist das Buch eine Sammlung von
computerbearbeiteten Daten, die auf Wunsch visualisiert werden und so
programmiert sind, daß man jedes Problem und die dazugehörige Lösung
schnell und einfach ab-sehen kann--also gewissermaßen idiotensicher.
Dieses Buch hat keine Seiten im üblichen Sinn; es erstellt jede Seite
je nach konkretem Wartungs- oder Reparaturbedarf. Das elektronische
Buch wendet sich an eine andere Leserschaft. Sie besteht aus
visuellen Lesern, die wissen, wie man bildliche Anweisungen ausführt.
Dabei werden sie vom System überwacht und verlassen sich auf dessen
Feedback. Das Paradigma sich selbst bedienender und reparierender
Maschinen (eine von John von Neumann entwickelte Idee) ist längst
Wirklichkeit geworden.
Das elektronische Buch--das weit über den militärischen
Anwendungsbereich hinausgeht--ist eines von vielen Beispielen dafür,
wie veraltet unsere gute alte Schriftkultur ist. Über
(drahtgebundene oder drahtlose) Netze aufgebaute elektronische Bücher
unterstützen eine Vielfalt kooperativer Unternehmungen. Die
militärische Praxis macht sich solche Aktivitäten zunutze.
Entscheidend für derartige Kooperation ist der Zugang zu Ressourcen
und zu einer unbegrenzten Zahl möglicher Interaktionen. Die in den
elektronischen Büchern verwendeten Digitalformate dienen als Medium
für die Übermittlung und das Verstehen von gemeinsamen Zielen.
Die vermutlich einzige militärspezifische Komponente, die aus der
früheren militärischen Praxis übernommen wurde, ist die Unterordnung
des Individuums unter das militärische Ziel. Aber auch diese
Unterordnung folgt nicht mehr dem zentralistischen und hierarchischen
Modell der Schriftkultur. Von jedem einzelnen Soldaten wird heute
eine stärkere Eigeninitiative verlangt. Dieses Ansinnen drückt sich
vornehmlich in den verschiedenen Ausdrucks- und Kommunikationsmitteln
aus.
Die heutige Technologie macht es möglich, mit großer Geschwindigkeit
auf niedriger Höhe zu fliegen, aber die dem Menschen gesetzten
biologischen Grenzen lassen dies für den Piloten zu einer großen
Gefahr werden. Ab einer gewissen Geschwindigkeit kann der Mensch
seine Bewegungen nicht mehr koordinieren, was das Fliegen auf
niedriger Höhe zu einer selbstmörderischen Angelegenheit macht. Aber
auch Selbstmord ist keine Antwort auf Radargeräte des Feindes, denn
es gibt keine Worte, die den Piloten auf einen von Hitzedetektoren
geleiteten Flugkörper aufmerksam machen könnten. Folglich verändern
die vielen Sprachen, die die Maschinen lenken, und Sichtvorrichtungen
mit Detektionsfähigkeiten die menschliche Beteiligung bei
kriegerischen Einsätzen. Für diese Sprachen spielt die
Schriftsprache eine völlig untergeordnete Rolle.
Ich führe diese Beispiele--die im Vergleich zum Nintendo-Krieg, den
wir vor einigen Jahren auf unseren Fernsehgeräten verfolgen konnten,
rudimentär sind--als jemand an, der an das Leben, den Frieden und an
die Verständigung zwischen den Menschen glaubt; aber auch als jemand,
der beobachtet, wie sich in einem der sprachabhängigsten Bereiche
menschlicher Interaktion und Tätigkeit Sprache, Schrift und
schriftkulturelle Bildung zunehmend erübrigen. Wie alles, was sich
von Schrift und Schriftkultur löste, wurde auch die militärische
Praxis entmenschlicht. Für den militärischen Bereich ist diese
Konsequenz sehr begrüßenswert. Wir lassen Maschinen gegen Maschinen
kämpfen und sich gegenseitig töten. Wir machen aus dem Krieg einen
Krieg der Gene und der Genmanipulation, der neuronalen Netze und der
maschinellen Intelligenz, des intelligenten Datenbank-Managements und
vernetzter, verteilter Aufgaben. Wie bereits in den Fabriken und den
Büros wird der Mensch in der militärischen Praxis von Programmen
ersetzt, die durch ein Wissen betrieben werden, das nicht durch
Schrift und Schriftkultur vermittelt wird. Die neuen Sprachen der
Rüstungstechnologie verändern die Struktur militärischer Tätigkeit
und die Rolle, die die Sprache dabei spielt. Daß Computerspiele mit
Flug- und Kampfsimulationen im Grunde nichts anderes sind als die
Präzisions- und Zerstörungssysteme des Golfkriegs, brauchen wir hier
nicht noch einmal zu wiederholen. Aber daß diejenigen, die solche
Spiele spielen, sich Fähigkeiten aneignen, die wir von Jet-Piloten
und den Betreibern dieser äußerst produktiven Technologie erwarten,
verdient Beachtung und sollte uns nachdenklich stimmen.
Können Waffen sprechen, schreiben und lesen? Verstehen sie die
Sprache des Offiziers, der entscheidet, wann sie abgefeuert werden
sollen? Kann ein intelligentes Waffensystem kompetent darüber
entscheiden, ob ein Ziel tatsächlich vernichtet werden soll, obwohl
die gegebenen Umstände eine Zerstörung aus moralischen Gründen
verbieten würden? Können genetische Methoden der Feindvernichtung
ethischen Kriterien standhalten? Ich stelle diese Fragen--die alle
nur mit einem Nein beantwortet werden können--mit Bedacht. In ihrer
schriftkulturellen Ausprägung beruht die militärische Praxis auf
Befehl und Gehorsam, wofür wir die Sprache benötigen. Das stellt uns
vor einen unlösbaren Widerspruch. Die nicht-militärische Praxis wird
zunehmend von vielen Spezialsprachen vermittelt und in einem
umfassenden Netz verteilter Aufgaben synchronisiert. Wenn die
militärische Praxis weiterhin auf der Schriftlichkeit beruhen würde,
hieße das, unterschiedliche Strukturen der Lebenspraxis zu pflegen
und Ziele mit ungleicher Effizienz zu verfolgen. Noch immer spiegeln
sich schriftkulturelle Prinzipien in den hierarchischen und
zentralistischen Strukturen des Militärs wider (in den Vereinigten
Staaten ist wie in vielen anderen Ländern der Präsident der
Oberbefehlshaber der Armee). Andererseits erfordert die
Effizienzerwartung nicht-hierarchische Strukturen mit eigener
Kompetenz, die die Koordination und Kooperation innerhalb eines
großen Netzes mit verschiedenen Aufgaben garantiert. Die partielle
Schriftlichkeit des Militärs formuliert heute die neuen militärischen
Ziele und Aufgaben, wie zum Beispiel die Umsiedlung von Flüchtlingen
oder die Unterstützung von Opfern einer Naturkatastrophe. Die
kleineren, guerillaartigen Kriege, mit denen der internationale
Terrorismus seine Ziele durchsetzen will, haben zu kleinen Armeen mit
hervorragend ausgebildeten Spezialisten geführt, die die
Zivilbevölkerung schützen. Terroristische Anschläge sind ein
globales Phänomen, aber im Gegensatz zu den kleinen Kriegen des
Mittelalters respektiert der analphabete Terrorist oder das
bewaffnete Kind, das zum Kampf gezwungen ist, keine Regeln und
erkennt keine übergeordnete Autorität an.