Kleiner, besser einsetzbar, so effizient wie möglich--das sind die
Merkmale der neuen Waffen, die auf der Wunschliste fast jeder Armee
der Welt stehen. Die Verteidigungsexperten haben die Forschungs- und
Entwicklungsziele spezifischer formuliert. Im folgenden sind einige
davon, die allesamt bald veraltet sein werden, aufgeführt:
* Weltweit und unter allen Wetterbedingungen einsetzbare Kräfte für
begrenzte Kriegsführung, die keinen Hauptstützpunkt benötigen;
einschließlich einer Einheit, die 30 Tage lang logistisch unabhängig
ist;
* Das Aufspüren von strategisch beweglichen Zielen;
* Globale Befehlskontrolle, Kommunikation und Aufklärungsausrüstung
(C3I), für die Überwachung ausgewählter Territorien und
Informationsübermittlung in Echt-Zeit an Befehlsstellen;
* Waffensysteme, die der Feind nicht anvisieren kann und die die
feindlichen Abwehrmaßnahmen durch Einsatz von digitalen Signaturen
und elektronischen Systemen überwinden;
* Überlegene Luftverteidigungssysteme;
* Waffen, die ihre Ziele selbständig erfassen, klassifizieren,
verfolgen und zerstören;
* Reduzierung der Operations- und Nachschubressourcen um 50%, ohne
die Einsatzfähigkeit zu beeinträchtigen.
Alles, was man dazu sagen kann, ist, daß in dieser militärischer
Effizienz alle Merkmale der Zivilisation jenseits der Schriftkultur
zum Ausdruck kommen: Globalität, Vernetzung, offene Ziele und
Motivationen, verminderte menschliche Beteiligung und viele partielle
Sondersprachen. Der fragwürdige Aspekt dabei ist die Dauerhaftigkeit
der Institution des Militärs, die vermutlich das widerstandsfähigste
Vermächtnis der Schriftkultur ist. Die Technologie jenseits der
Schriftkultur verlangt, daß wir die Abstraktionen (die Sprache, den
genetischen Code) beherrschen, die sie vorantreiben, ebenso wie die
mit dieser Sprache verbundenen partiellen Spezialbildungen, die der
militärischen wie jeder anderen Praxis zugehört. Die partielle
Spezialbildung der militärischen Praxis bestimmt ihren
Handlungsspielraum und die Interpretation ihrer Handlungen. Daher
ist es zum Beispiel auch wichtig, daß Abrüstungsverträge nicht ohne
diese militärische Spezialsprache, d. h. ohne Militärexperten, die
wir mit diesen Verträgen aus ihren Aufgaben entlassen wollen,
formuliert werden. Ein jeder dieser Verträge führt dazu, daß ein
Teil dieser Rüstungssprache und der damit verbundenen Technologien
ausrangiert wird oder doch zumindest an Bedeutung verliert; wie ein
jeder Vertrag natürlich auch neue Wege für erhöhte militärische
Effizienz eröffnet.
In der neuen militärischen Praxis geraten Technologien und die damit
verbundenen militärischen Spezialsprachen in eine Konfrontation.
Wenn wir also heute darüber nachdenken, welche Befehle ein Offizier
erteilt, ob eine Waffe diese Befehle versteht usw., dann bedeutet das,
daß wir das Militär aus einem Blickwinkel betrachten, der aus jener
Zivilisationsphase stammt, von der das Militär sich zunehmend absetzt.
Künstliche Augen (Radar, Sichtsysteme), Geruchsdetektoren,
berührungsempfindliche Vorrichtungen, Geschwindigkeitssensoren und
viele andere digitale Instrumente entziehen den Menschen der direkten
kriegerischen Konfrontation und eliminieren den Tod als mathematische
Größe in der Formel des Krieges. Wer Photos aus vorangegangenen
Kriegen neben die Trickbilder von Computerspielen hält, vergleicht
eine Daseinsform, die durch direkte Konfrontation und durch die
Erfahrung begrenzter Lebensbedingungen gekennzeichnet ist, mit einer
Daseinsform, die aus vermittelten Wirklichkeitserfahrungen besteht.
Der von Leuchtspurgeschossen aufgehellte Himmel, die unheimlichen, an
Videospiele erinnernden Vorgänger, die durch entfernt plazierte
Kameras beobachteten Ziele scheinen einem ganz anderen Bereich als
dem der Zerstörung und des Blutvergießens anzugehören, wo es noch
moralische Bedenken gegeben hat. Die Erwartung ist pragmatisch, der
Maßstab ist die Effizienz.
Die Gründe für das Überleben der Institution des Militärs in ihrer
schriftkulturellen Struktur und der Mangel an Verständnis dafür, was
Schriftlichkeit und Schriftkultur im pragmatischen Rahmen der
heutigen Globalität überflüssig machten, sind nicht identisch.
Ersteres erklärt sich aus der immensen Trägheit eines riesigen
Apparates; letzteres daraus, daß wir uns als Produkte einer auf
Schriftkultur gründenden Erziehung und Bildung nicht so ohne weiteres
von uns selbst distanzieren können. Einen derart fundamentalen
Umbruch zu verstehen und zu akzeptieren, ist nicht leicht.
Universitäten, Bastionen der Schriftkultur, die die illiterate
Rüstungstechnologie entwickeln, befinden sich in dem Dilemma,
entweder ihre Identität zu verleugnen oder Agenzien einer
Zivilisation jenseits der Schriftkultur zu werden. Sie halten
unverbrüchlich am Ideal der Schriftkultur und damit auch an dem der
Verteidigung und Abschrekkung fest, die ja ihrerseits den
schriftkulturellen Wert der Nationalgrenze widerspiegelt; denn wir
haben noch nicht gelernt, mit einer Dynamik des Umbruchs umzugehen,
die sich nicht aus militärischen, sondern aus sozioökonomischen
Bedürfnissen ergibt. Die politische Landkarte hat sich in den
vergangenen Jahren drastisch verändert. Die Gründe hierfür sind in
jenen Faktoren zu sehen, die den pragmatischen Kontext unserer
Lebenspraxis im Rahmen der heute erreichten Skala verändert haben.
Globalität ist kein Traum, kein politisches Ziel, kein utopisches
Projekt mehr. Globalität ist eine aus dieser neuen Skala erwachsende
Notwendigkeit.