Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg

Der letzte unter dem Zeichen der Schriftkultur geführte Krieg war

vermutlich der Zweite Weltkrieg. Die Tatsache, daß der letzte

Weltkrieg mit dem Abwurf der Atombombe beendet wurde, ist ein

weiterer Beleg dafür, daß eine Skalenveränderung in einem

Lebensbereich zwangsläufig ihre Auswirkungen auf alle anderen

Lebensbereiche hat. Die Millionen von Kriegsopfern (von denen die

meisten nach den Maßstäben der Schriftkultur erzogen worden waren)

läßt uns zögern, in diesem Zusammenhang von Bildung und Schriftkultur

zu sprechen; das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die

systematische Grausamkeit und die Vernichtungskraft des Krieges aus

Merkmalen der Schriftkultur resultierten, die die Effizienz der

Kriegsmaschinerie und die Ausformulierung der Kriegsziele ermöglicht.

In der Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist das Kapitel über die

Sprache vermutlich genauso aufschlußreich wie ein Kapitel über die

neuen Waffen, die in diesem Krieg entwickelt wurden: die Vorläufer

der modernen Raketensysteme und die Atombombe. Alle Kriegsteilnehmer

wußten, daß der Feind ohne die integrierende Kraft der

schriftkulturellen Leistung nicht siegen konnte. Viele Bücher sind

darüber geschrieben worden, wie die Sprache der politischen und

ideologischen Diskurse die Feindseligkeit eskalieren lassen. Viele

der in diesem Krieg artikulierten Vorurteile wurden in Sprachwerken

von höchstem sprachlichen Niveau formuliert und von perfekten,

logischen Argumenten getragen. Andere Verfasser hoben indes auch die

Schwächen der Schriftkultur hervor. Roland Barthes zum Beispiel

untersuchte ihre faschistische Natur. Andere führten die

Unangemessenheit dieses Mediums auf dessen mangelnde Klarheit zurück;

es sei so opak, daß es Gedanken verberge, statt sie aufzudecken, daß

sie falschen Werten einen Sinn verleihe, statt sie als das

hinzustellen, was sie de facto waren.

Und tatsächlich wurde die Sprache der Politik die Sprache des Krieges.

Über Radio, Zeitungen und Massenkundgebungen erreichte sie ganze

Nationen. Die Industrie, auf der die Kriegsmaschinerie ruhte,

verkörperte in allem die Merkmale der schriftkulturellen Lebenspraxis.

Das industrielle Modell intensiver Produktion läßt sich an diesem

Fall gut ablesen. Millionen Menschen mußten an zahlreichen Fronten

bewegt, ernährt und logistisch geführt werden. Eine Wirtschaft in

der Krise, die alles andere als Überfluß bot, gehörte zu den

Antriebskräften dieses Krieges. Deutschland und seine Alliierten

hatten auf einen Blitzkrieg gesetzt und alle begrenzten Ressourcen

auf die Vorbereitung und Durchführung dieses Krieges aufgewendet.

Europa war gerade dabei, sich von der Wirtschaftskrise in der Folge

des Ersten Weltkrieges zu erholen. Mit dem Sieg versprach man den

Menschen den wohlverdienten Lohn. Die Schriftkultur wurde in allen

Bereichen, in denen sie etwas bewirken konnte, mobilisiert: in

Bildung, Propaganda, religiöser und nationaler Indoktrination, in den

rassistischen Rechtfertigungsdiskursen und in der Formulierung der

Kriegsziele. Sie richtete sich an die Soldaten an der Front und an

ihre Familien in der Heimat. Sie unterstützte Selbstdisziplin und

Entsagung, förderte Zentralismus und Hierarchie und lange, intensive

Arbeitszeiten bei relativ stabilen, wenn auch nicht unbedingt fairen

Arbeitsbeziehungen.

Sehr fortgeschrittene Formen der Arbeitsteilung und eine verbesserte

Koordination aller beteiligten Gruppen, also alle Merkmale

industrieller Produktionsweise, kennzeichneten auch die militärische

Praxis. Der Krieg führte zu Konfrontationen zwischen riesigen Armeen,

die auf allen Seiten praktisch die gesamte Zivilbevölkerung mit

einbezogen. Es gab Aushungerungsstrategien (Blockaden,

Getreidevernichtung, die Unterbrechung lebensnotwendiger Tätigkeiten),

und es gab die totale Vernichtung. Millionen von Menschen wurden

ausgelöscht. In der Struktur der Armee spiegelte sich die

zugrundeliegende Struktur des pragmatischen Rahmens. In ihrer

Funktionsweise spiegelte sich das Industriesystem, das darauf

zugeschnitten war, riesige Mengen an Rohstoffen zu verarbeiten, um

uniforme Produkte in Massenproduktion herzustellen.

Das, was die Schriftsprache der Schriftkultur zum entscheidenden

Faktor für die Arbeit und die Marktabläufe werden ließ, machte sie

auch in den für die militärischen Ziele angemessenen Formen für die

Kriegsführung unentbehrlich. Deshalb wurden auch alle nur denkbaren

Anstrengungen unternommen, diese Sprache als Leistungsträger der

eigenen Bemühungen und als Sprache des Feindes zu verstehen. Keine

Anstrengung wurde unterlassen, um so schnell wie möglich an die

sprachlich codierten Informationen über Taktik und Strategie

heranzukommen und um dieses sprachliche Wissen umgehend in

Gegenstrategien und Überraschungsangriffe umzusetzen. Sprache wurde

zu einem entscheidenden Operationsbereich. Man entschlüsselte die

Codes des Feindes und sparte nicht an Geld, Intelligenz oder

Menschenleben, wenn es darum ging, die gegnerischen Pläne zu

entschlüsseln. Die klügsten Köpfe wurden herangezogen, um

Täuschungsstrategien zu entwickeln und umzusetzen: die Sprache des

Feindes war der direkte Zugang zu dessen Gedanken.

Natürlich ist die Sprache des Krieges etwas anderes als die Sprache

unseres Alltags; aber sie hat doch ihren Ursprung in der

Alltagssprache und wird in ihr ausgedrückt. Strukturell sind beide

Sprachen gleich. Mit dem Zugang zur Sprache des Feindes habe ich

einen Zugang zu seinen Plänen. Viele sind davon überzeugt, daß der

entscheidende Schlag im Zweiten Weltkrieg die Entschlüsselung des

Codes der deutschen Enigma-Maschinen war; somit wäre bei allen

Anstrengungen von Millionen Menschen die Sprache zum entscheidenden

Faktor des Krieges geworden. Polnischen Geheimschriftanalytikern und

dem Britischen Geheimdienst mit Alan Turing (der Vater des modernen

computergestützten Rechnens) gelang es, Nachrichten zu entziffern, zu

rekonstruieren, zu übersetzen und sie neu verschlüsselt in alliierten

Codes (das sogenannte ULTRA-Material) als entscheidende taktische

Waffen zu verwenden.

Gegen Ende des Krieges hatte sich die Welt bereits nachhaltig

verändert. Im Rahmen des Krieges und im direkten Zusammenhang mit

den Veränderungen in den Formen der menschlichen Selbstkonstituierung

hatte ein Strukturwandel eingesetzt, der eine veränderte Lebens- und

Arbeitsdynamik mit sich brachte. Verschiedene Lebensaspekte, die den

Krieg letztendlich verursacht hatten, wurden durch die neuen

lebenspraktischen Umstände in Frage gestellt und durch neue

Bedürfnisse ersetzt: dazu gehörte insbesondere die Einsicht,

nationale Interessen zu überwinden und Grenzen zu überschreiten,

besonders die im Krieg zum Ausdruck gebrachten Grenzen von Haß und

Zerstörung; die Einsicht in die Notwendigkeit, Ressourcen zu teilen

und auszutauschen. Sehr weit vorausschauende Beobachter erkannten

auch, daß trotz der Opfer, die der Krieg gefordert hatte, das

Bevölkerungswachstum rasant ansteigen und eine neue Skala der

Lebenspraxis erfordern würde, die sich in einem fest strukturierten,

unflexiblen System mit nur wenigen Freiheiten kaum würde entfalten

können.

Der Golfkrieg und die nicht enden wollenden weltweiten

Terroranschläge können rückblickend als Produkt eines Krieges

verstanden werden, der der Schriftkultur ein Ende bereitet hat. Der

Blitzkrieg und der Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki

boten nur einen Vorgeschmack auf den schnellen, effizienten

schriftlosen Krieg, zu dessen jüngsten Entwicklungen ausgeklügelte

genetische Texte und eine Nanotechnologie gehören, die dem Laien als

ein blühendes Produkt aus Science-fiction-Romanen erscheint.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 74 / 81 题