Das Militär als Institution

Theodor Heuss nannte die allgemeine Wehrpflicht das Kind der

Demokratie. Die allgemeine Wehrpflicht wurde in der französischen

Revolution eingeführt--Levée en masse von 1793. Der Bürgersoldat

ersetzte Söldner und Berufssoldaten. Der Ruf "Aux armes, mes

citoyens", der zu einer Strophe der französischen Nationalhymne wurde,

glorifizierte die Hoffnungen jenes Augenblicks. Preußen folgte dem

Beispiel aus wirtschaftlichen Gründen: billige Menschenkraft für den

Krieg. Auf dem langen Weg, eine gesellschaftliche Institution zu

werden, erhielt das Militär die Unterstützung des Staates, den es

verteidigte, oder der privaten Institutionen (Kirche, Landbesitzer,

Kaufleute), die seine Dienste benötigten.

Im Gegenzug richtete die Institution ihre Strukturen an den

praktischen Erfahrungen der Menschen aus und erhöhte ihre Effizienz.

An jedem entscheidenden Entwicklungspunkt des Menschen mußte das

Militär eine Effizienz beweisen, die es als entscheidenden Faktor bei

der Verteidigung der Ressourcen rechtfertigte. Wenn die Effizienz

nicht mehr genügte und das Militär die sozio-ökonomischen Fundamente

zu sehr belastete, wurde es gestürzt, wie wir es an Militärdiktaturen

immer wieder beobachten können.

Wie andere stark strukturierte Handlungsbereiche des Menschen

identifizierte sich das Militär durch repetitive Handlungsformen.

Jede einzelne Handlung konnte verstanden werden als eine gegebene

Menge von weiteren Aufgaben oder Befehlen, die wiederum mit

bestimmten Motivationen und Rechtfertigungen verbunden waren und die

insgesamt die dem Militär spezifische Arbeitspraxis darstellten.

Einige dieser Strukturen bezogen sich auf das Leben innerhalb dieser

Organisation, etwa die Möglichkeit der Beförderung oder die

Beeinflussung zukünftiger Handlungen. Sie waren intern in dem Sinne,

daß sie von den impliziten Regeln abhingen, die diese Institution

sich gegeben hatte. Andere waren externer Art und drückten das

Verhältnis zwischen Militär und Gesellschaft aus: Symbolstatus,

Machtbeteiligung, Akzeptanzerwartungen.

Entwicklungen im militärischen Bereich führten zu Veränderungen in

der Sprache, die die für die militärische Praxis charakteristischen

Interaktionen definierte und modifizierte. Die Sprache paßte sich

zunehmend dem militärischen Ziel--dem Sieg--an und löste sich von der

alltäglichen Sprache, die Träger jenes Diskurses war, in dem sich die

Kriegsgründe herauskristallisierten. Dementsprechend fanden auch die

Beziehungen zur Außenwelt--zu den zukünftigen Militärangehörigen, zu

den sozialen, politischen und kulturellen Institutionen und zur

Kirche--in einer Sprache statt, die sich von der alltäglichen Sprache

immer weiter entfernte.

Mit den Veränderungen in der Struktur der Lebenspraxis und mit den

Veränderungen, die aus einer wachsenden Skala resultierten, ergaben

sich auch Veränderungen im Militärbereich. Wenn sich die Individuen

überwiegend als schriftkulturell gebildete Individuen konstituierten,

mußte auch das Militär die Erwartungen und Merkmale der Schriftkultur

übernehmen. Vermutlich ergaben sich daraus die ersten

Militärakademien. Von Moltkes Überlegungen über veränderte

Verhältnisse zwischen Offizieren und Untergebenen nahmen viele

Fortschritte in der Kriegstechnologie vorweg: den Einsatz

dampfgetriebener Kriegsschiffe (durch die Japaner im Krieg gegen

Rußland 1905); die Einführung von Radio, Telefon und automotivem

Transport (im Ersten Weltkrieg); und das (von Erich Lindendorf

entwickelte) Konzept des totalen Krieges. Alle Entwicklungen ergaben

sich in einem pragmatischen Rahmen, in dem Schriftkultur nötig war

und in dem sich die Merkmale der Schriftkultur in allen Formen der

Lebenspraxis widerspiegeln. Der totale Krieg ist seiner Struktur

nach der Vorstellung von einer universalen Bildung und Schriftkultur

ähnlich: in der Forderung, das eine einzige Schriftkultur und Bildung

alle anderen zu ersetzen habe. Und die stillschweigende Erwartung

der Dauerhaftigkeit der Institution, die sich in den Regeln und

Bestimmungen, den Hierarchien und zentralistischen Strukturen

niederschlägt, ähnelt denen von Staat, Industrie, Religion,

Bildungswesen, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Das gleiche gilt

für Zentralismus, Hierarchie und Disziplin. Das erklärt im übrigen,

warum fast alle Armeen dieser Welt ähnliche, auf Schriftkultur

basierende Strukturen angenommen haben. Im Gegensatz dazu sind zum

Beispiel Guerillakriege insofern ‘analphabetisch’, als sie nicht auf

den Konventionen der Schriftkultur beruhen. Sie entfalten sich

dezentralisiert und gründen auf der Dynamik sich selbst

organisierender kleiner Zentren. Deshalb werden sie von allen

Militärstrategen als so gefährlich angesehen.

Die militärischen Handlungsmuster und die sich wiederholenden

Sprachmuster, die wir mit diesen militärischen Handlungen assoziieren,

drücken die Haltungen und Werte dieses pragmatischen Rahmens aus.

Auf dem Höhepunkt der schriftkulturellen Entwicklung verfolgte zum

Beispiel England eine stark strukturierte, fast schon ritualisierte

Art der Kriegsführung. Zu den Hauptklagen während der amerikanischen

Revolution gehörte, daß die Bewohner der Kolonien nicht nach den

Regeln kämpften, die das schriftkulturell gebildete Westeuropa die

vergangenen Jahrhunderte hindurch aufgestellt hatte. Mit dem Umbruch,

der zu einem Stadium jenseits der Schriftkultur hinführte,

erschöpften sich diese Haltungen und Werte und mit ihnen die Sprache

und die Muster militärischer Handlungen, es sei denn, sie wurden auf

andere Bereiche, insbesondere auf Politik und Sport, übertragen.

Nachdem sich das Militär als gesellschaftliche Institution etabliert

hatte, wurde es zu einem Selbstzweck und bestimmte die Regeln des

sozialen und politischen Lebens, statt sie von dort zu übernehmen.

Nach den beiden Weltkriegen übernahm das Militär in vielen Ländern

unter verschiedenen politischen und ideologischen Vorwänden die Macht.

Militärdiktaturen oder vom Militär gestützte Diktaturen, die die

gleichen Merkmale wie zentralistische Monarchien oder auch

Demokratien unter einer Präsidialverfassung aufwiesen, schossen

überall dort aus dem Boden, wo sich andere Regierungsformen als

ineffektiv erwiesen hatten. In vielen Teilen der Erde, die sich noch

immer an wirtschaftlichen und politischen Modellen der Vergangenheit

orientieren, also zum Beispiel in Südamerika, dem Nahen Osten und

Afrika, geschieht dies noch heute.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 73 / 81 题