Krieg als praktische Erfahrung

"Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln",

schrieb Carl von Clausewitz (Über den Krieg, 1818). Es ist schwierig,

dem zu widersprechen, aber man könnte diese Feststellung historisch

relativieren und folgendermaßen paraphrasieren: Krieg ist die

Fortsetzung des Überlebenskampfes einer Gesellschaft, die die

verfügbaren Ressourcen zu kontrollieren und zu verteilen beansprucht.

Entsprechend orientiert sich der Kampf an den Strukturen anderer

praktischer Erfahrungen. Die Jagd--eine frühe Kampferfahrung ohne

menschlichen Gegner--erforderte Waffen, die schließlich auch zum

Krieg taugten. Es waren die Werkzeuge, die die primitiven Menschen

nutzten, um Nahrung zum eigenen Überleben und für das Überleben der

Gemeinschaft zu beschaffen. Zukünftige Aspekte dieser Aktivitäten

und die damit assoziierten moralischen Werte lassen uns manchmal

vergessen, daß die synkretistische Natur der Menschen, d. h. die

Projektion natürlicher Anlagen in die praktische Erfahrung, im

Synkretismus der benutzten Werkzeuge zum Ausdruck kommt. Dieser

Synkretismus ergab sich aus der Arbeitsteilung, deren frühes Ergebnis

der Berufssoldat ist.

In dem Maße, in dem sich die militärischen Werkzeuge von den

Arbeitswerkzeugen zu unterscheiden begannen, trat eine konzeptuelle

Komponente (Taktik und Strategie) hinzu. Sie bestand aus einer

bestimmten Abfolge, einer eigenen Logik und einer Methode, auf

Feindesmanöver zu reagieren. Von Clausewitz betonte ausdrücklich,

daß der Krieg eine Fortsetzung der Politik ist; frühere Äußerungen zu

diesem Thema behandelten den Krieg als Teil der Lebenspraxis. Zwei

byzantinische Herrscher, Maurice (539-602) und Leo der Weise

(836-911) versuchten militärische Strategien und Taktiken pragmatisch

zu begründen. Ihnen zufolge bestimmt der pragmatische Rahmen die

Natur des Konflikts, die Kriegsbedingungen und die Waffen.

Tatsächlich stand jede uns bekannte Veränderung in der militärischen

Ausrüstung im Einklang mit den Veränderungen der Praxiserfahrungen

einer Gesellschaft. Die Erfindung des Steigbügels durch die Chinesen

(600) verbesserte deren Reitkünste. Dies ermöglichte eine

Kriegsführung, in der das Rückgrat der Schlachtformation nicht mehr

aus Fußsoldaten, sondern aus berittenen Soldaten bestand.

Mechanische Apparate (z. B. das im Jahr 1100 erwähnte Trebuchet) zum

Schleudern großer Steine oder anderer Wurfgeschosse verlagerten die

Kriegsanstrengungen von umfangreichen Verteidigungsmaßnahmen (die vor

dem 14. Jahrhundert erbauten Festungen, Stadtmauern und Burgen) hin

zu Offensivstrategien. Das gleiche galt für die Kanonen, die die

Türken bei der Eroberung Konstantinopels (1453) einsetzten. Aber

nicht die militärische Praxis als solche interessiert uns, sondern

ihre Bedeutung für die Sprache und die Schriftkultur.

In einer begrenzten Skala menschlicher Aktivitäten mit vielen

autarken, kleinen Gruppen bestand kaum ein Bedarf an organisierter

Kriegsführung oder an speziell ausgebildeten Soldaten. Rudimentäre

militärische Praxis mit ihren beiden Komponenten von Angriff und

Verteidigung wurde erst in einer erweiterten Skala relevant. Diese

Entwicklung vollzog sich parallel zur Entstehung der Sprache,

besonders der Schrift. Das erwähnte Buch von Sun Tzu und weitere

frühe Zeugnisse von Kriegen (in Mythologie, religiösen Werken, Epen

und philosophischen Texten) sind hier zu nennen. Diese militärische

Praxis vereinte Überlebenstechniken und -werkzeuge, wie zum Beispiel

Jagen und die Abgrenzung und Bewachung des Gebiets, das die Nahrung

lieferte.

Das Bewußtsein von den verfügbaren Ressourcen entsprach dem

Bewußtsein der Skala. Die Skala, die aus einem Mitglied einer

Lebensgemeinschaft auch einen Krieger machte, ergab sich aus den

frühen Siedlungsformen, dem erhöhten Bedarf an Nahrungsmitteln, aus

größerer Produktivität und Besitzanhäufung--woraus sich wiederum die

Notwendigkeit herleitete, die Sprachverwendung über die Unmittelkeit

der Mündlichkeit hinaus zu entwickeln. Die Effizienz von Arbeit und

Kampf war in etwa auf der gleichen Ebene angesiedelt. In gewisser

Weise dauerten Kriege ewig; der Frieden war nur eine Erholungspause

zwischen den militärischen Auseinandersetzungen. Gefangenschaft

(meist gleichbedeutend mit Sklaverei) unterstrich die Bedeutung

menschlicher Arbeitskraft und Tüchtigkeit für die Sicherung einer

Gemeinschaft, die Vermehrung des Reichtums der Mächtigen und den

Lebensunterhalt aller anderen. Auch die soziale Struktur des

Militärs war an Effizienz und Vermittlung gebunden. Zwar wurde die

Kampfeffizienz in Größenordnungen von gezielter Zerstörung oder

Bewahrung (des Lebens und lebenswichtiger Einrichtungen) gemessen,

sie umfaßte jedoch auch Verteidigungsmaßnahmen, deren Ziel es war,

Zerstörungen durch den Feind gering zu halten oder zu verhindern.

Während einzelne Konflikte keine weitere über die Mündlichkeit

hinausgehende Sprache erforderten, wurde bei Konflikten zwischen

größeren Gruppen der Bedarf nach einem Koordinierungsinstrument

deutlich. Neue Wörter und Konstruktionen bezeugen derartige

Konflikte und die mit ihnen assoziierten magisch-mythischen

Manifestationen. Die Sprache projizierte diese Erfahrung auf den

Hintergrund verschiedener anderer Praxiserfahrungen. Schon immer

besaßen Armeen jeglicher Art, unter jeder Regierungsform, wegen ihrer

besonderen Funktion einen Sonderstatus in der Gesellschaft.

Natürlich hat die Schrift keine Armeen geschaffen, aber sie bot doch

(selbst in den rudimentärsten Notationsformen) die Voraussetzung

dafür. Die Schrift beeinflußte die Kriegsführung: als Auflistung von

Mitteln und Menschen, als Bericht über Kriegshandlungen und deren

Folgen, als Planungsinstrument. Alle Bestandteile dieser Institution

objektivieren den Zweck des Krieges in einer bestimmten Zeit. Sie

objektivieren zudem die Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft, und,

während Friedenszeiten, zwischen einer Gesellschaft und ihren

Soldaten. Die Objektivierung vollzieht sich durch die Sprache. Die

Sequenzialität der Schrift und die Notwendigkeit, konfliktbezogene

militärische Abläufe auszudrücken, gehören zusammen. Das Zitat von

Clausewitz ist nur die sprachliche Fortschreibung der vielen Aspekte

des Krieges.

"Konnte Gideon hebräisch lesen? Konnte Deborah es?", mögen jetzt

manche mit Blick auf die Heerführer des Alten Testaments fragen.

Andere könnten Beispiele aus den griechischen Epen und den Chroniken

des Nahen Osten anführen. Die römische Mythologie und die Zeugnisse

des Islam geben keinen Aufschluß darüber, ob all ihre Krieger lesen

und schreiben konnten. Aber sie geben uns Aufschlüsse über die

Umstände, die zur Einrichtung einer Armee als eine eigenständige

Institution in Fortsetzung der synchretistischen Praxiserfahrung

führten, und darüber, wie sich diese Institution allmählich ihren

eigenen Daseinsbereich und ihre eigene Daseinsberechtigung schuf.

Die Veränderungen in der Kriegsführung entsprechen den

unterschiedlichen Ebenen der Schriftkultur: von dem persönlichen

Kampf zwischen zwei Kriegern, der kaum Sprache verlangte und mit dem

Sieg des Stärkeren endete, hin zu den kriegerischen

Auseinandersetzungen zwischen vielen Menschen, bei denen hoch

entwickelte Technologien--die ebenfalls wenig Sprache

erforderte--eine entscheidende Rolle spielte. In jenen Formen der

kriegerischen Auseinandersetzung, in denen sich zwei Armeen direkt

gegenüberstanden, trug die Sprache die entscheidenden

Koordinationsleistungen. Zur Bestimmung der Kriegsziele, zur

Formulierung und Verbreitung der Pläne, auch zur Veränderung der

Pläne an veränderte Bedingungen war die Sprache mindestens ebenso

wichtig wie die Zahl der Pferde, die Qualität der Waffen und der

Munition. Wie beim Jäger lag die Fähigkeit des Soldaten im Angriff

und in der Verteidigung und darin, bei sich verändernden

Machtverhältnissen die Mittel an die Ziele anzupassen. Die ersten

und vermutlich die meisten Kriege wurden geführt, bevor es eine

allgemein verbreitete Schriftkultur gab. Die bedeutendsten uns

bekannten Krieger alter Zeiten--die ägyptischen Pharaonen Thutmosis

III. in der Schlacht um Meggido (1479 v. Chr.), Ramses II. in der

Schlacht bei Kadesch gegen die Hethiter, Nebukadnezar und Darius, die

Spartaner unter Leonidas (480 v. Chr.), Alexander der Große (bei der

Eroberung Babylons 330 v. Chr.), Julius Cäsar (49-46 v. Chr.) und

Octavian (31 v. Chr.) und die zahllosen chinesischen Krieger aus

dieser und späterer Zeit--benötigten für ihre Kriege keine

Schriftlichkeit und Schriftkultur. Ihre Strategien ergaben sich aus

den gleichen Erwartungen und pragmatischen Notwendigkeiten, die

schließlich zur Herausbildung der Schrift führten.

Kriege wurden geführt auf gut ausgewähltem Terrain, von Soldaten, die

Befehle ausführten, die einem begrenzten Befehlsrepertoire entnommen

wurden. In der Terminologie der generativen Grammatik: Es gab eine

eingeschränkte Sprache des Krieges mit nicht allzuvielen

Möglichkeiten zur Generierung von Kriegssätzen. Als sich mit den

verbesserten Arbeits- und Produktionsmethoden die Mittel der

Kriegsführung mehrten, konnten die Befehlshabenden mehr Kriegstexte,

mehr Drehbücher schreiben. Mit zunehmender Kriegseffizienz stieg

auch die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der militärischen

Anstrengungen aufgrund mangelnder Integration und Koordination. Die

militärische Struktur spiegelte die Merkmale einer menschlichen

Praxis wider, die zur Schriftsprache und später zur Schriftkultur

führte: eine relativ geringe Dynamik; zentralisierte, hierarchische

Organisationsformen; ein geringes Anpassungsniveau; eine strikt

sequentielle Handlungsweise und eine deterministische Mentalität.

Durch die Jahrhunderte hindurch entwickelte sich mit dem Fortschritt

von Wissenschaft und Technologie die Waffentechnik und

Militärstrategie weiter.

Der Rahmen, der das Ideal der Schriftkultur schuf, berührte nicht nur

die technische Kriegsführung, sondern auch die Strategie, nach der

Kriege ausgespielt wurden. Ungeschützte vorrückende Linien waren

Teil einer Konfrontationsdynamik, die die im alltäglichen Leben

vorherrschende Linearität widerspiegelte. Eine Reihe nach der

anderen feuerte ihre Salven ab und ging dann zum entscheidenden

Bajonettangriff über. Die Struktur der Schrift (Sequenzen,

Hierarchie, Akkumulation, Abschluß) und die Struktur dieses

besonderen Militäreinsatzes ähneln einander. Schriftkundigkeit

gehörte erst sehr spät zum Qualitätsprofil eines Soldaten. Nachdem

sie aber erst einmal Bestandteil der militärischen

Selbstkonstituierung war, veränderte sie die Kriegsführung und

erhöhte die militärische Effizienz. Nun handelte es sich nicht mehr

um Gefechte zwischen verfehdeten Feudalherren, sondern um große

Konflikte zwischen Nationen. Diese Konflikte wurden zwar seltener,

gewannen aber an Intensität. Ihre Dauer entsprach den relativ langen

Produktions-, Verteilungsund Verbrauchszyklen, die die

schriftkulturelle Praxis kennzeichnen.

Der Krieg wurde bestimmten Regeln unterworfen. Er wurde zivilisiert,

zumindest in einigen Aspekten. Die katholische Kirche als Hüter der

Schriftkultur im Mittelalter, in dem viele kleinere Kriege zwischen

verfehdeten Feudalherren ausgetragen wurden, übernahm dabei die

Führung. Zum Schutz von Nahrung und Leben in den barbarischen

Gesellschaften Europas nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches

versuchte die einzig wirksame Machthierarchie, die Soldaten mit den

schriftkulturellen Gesetzen der Kirche zu bändigen. Die weltlichen

Herrscher akzeptierten diese Vorschriften, nicht ohne eigene

pragmatische Überlegungen im Hinterkopf. Man brauchte ein

Jahrtausend um zu begreifen, daß ein Krieg niemals endgültige

Ergebnisse zeitigt. Aber man lernte auch, daß Kriegserfahrung neues

Wissen schuf (etwa über die verwendeten Mittel, über klimatische

Strukturen und geographische Territorien, über Merkmale des Feindes)

und Kreativität freilegte--was man die Kunst des Krieges nennt. Im

Angesicht von Tod und Zerstörung sind Kriege jedoch auch die

erbarmungslosesten Schulen unseres Lebens.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 72 / 81 题