Die Justiz beurteilen

Diese kleine Abschweifung in der Diskussion über die Politik kann

damit gerechtfertigt werden, daß Gerechtigkeit eine Frage sowohl von

Politik als auch von Recht ist. Die Anwendung der Gesetze ist die

Ausübung von Politik in kleinem Stil. Politisches Handeln, das an

eine neue Auffassung von Recht und Justiz gebunden war, welche sich

an der industriellen Arbeitswelt orientierte, setzte nicht nur fest,

daß alle (oder fast alle) vor dem Gesetz gleich sind, sondern auch,

daß die Justiz ihren eigenen unabhängigen Weg geht. Auch das

Rechtssystem unterlag dem historischen Wandel. Früher lag das Recht

in der Verfügungsgewalt der Herrschenden. Noch heute ist ein

Gouverneur oder Präsident in einigen Fällen die höchste

Appellationsinstanz. Wie die Politik beruht das Recht auf der

Rhetorik, auf der Sprache als Vermittlungsmechanismus.

Was in unserem Zusammenhang interessiert, ist der Wandel der im

Rahmen der Schriftkultur ausgearbeiteten Gesetzeskodizes und der

Rechtspraxis der Schriftkultur. Die Institution der Justiz und die

Rechtsberufe verkörpern Gerechtigkeitserwartungen im Rahmen einer

bestimmten Lebenspraxis. Neue Länder wurden entdeckt, neues Eigentum

wurde geschaffen, und Maschinen und Menschen ermöglichten eine höhere

Produktivität. Die Menschen kämpften um Rechte, der Zugang zur

Bildung wurde geöffnet, und die Welt wurde ein Ort neuer

Transaktionen, für die das Bodenrecht, das in Anlehnung an das

Naturrecht entstand, nicht mehr ausreichte. In diesem Zusammenhang

erhob sich die Frage nach dem Wesen der menschlichen Rechte und

Verpflichtungen. Im selben Zusammenhang begann aber auch die Sprache

der Rechtspraxis sich auf das heutige Juristenchinesisch hin zu

entwickeln, das kein normaler Mensch versteht, weil keiner es

verstehen soll. Das lag in der Natur der Sprache, war aber auch

beabsichtigt. Um mit der Ambiguität der Sprache fertig zu werden,

suchten die Juristen möglichst präzise Begriffe und unzweideutige

Formulierungen.

Die problematische Lage der Justiz zeigt sich daran, daß sie im

Bereich der politischen Praxis entwickelt wurde, nun jedoch politisch

unabhängig sein muß. Die Göttin mit den verbundenen Augen, die die

Waage der Gerechtigkeit hält, soll objektiv und gerecht sein. Die

Trennung von Judikative und Exekutive ist wohl die höchste

Errungenschaft des politischen Systems der Schriftkultur. Aber es

ist zugleich das Gebiet, in dem sich mit Blick auf die veränderte

Lebenspraxis jenseits der Schriftkultur ein Wandel von entscheidender

Bedeutung vollzieht. Vor allem gilt es, auch für diejenigen ein

gerechtes System zu schaffen, die sich weniger in dem durch die

Subjektivität der Machthaber abgesteckten Bereich und mehr im Bereich

der Informationsverarbeitung zu Hause fühlen. Justitia mit den

verbundenen Augen benutzt schon jetzt Röntgenstrahlen, um Klagen und

Gegenklagen abzuwägen. Modellierungen, Simulationen, Aussagen von

Genexperten und vieles mehr gehören bereits zum juristischen Alltag.

Der Kontext dieser Veränderungen wirft ein Licht auf ihre politische

Bedeutung. Wenn die Praxis von Politik und Justiz total getrennt

wäre, würde die Effizienz beider darunter leiden.

Die Politik förderte veränderte Einstellungen zu Demokratie,

Bürgerrechten, politischer Macht und sozialer Sicherung. Sie

entmystifizierte die Herkunft, Funktion und Rolle des Eigentums und

förderte eine relativere Sicht dieser Dinge sowie die Etablierung

allgemeingültiger Werte. Daher sollte die Justiz, die die Rechte der

einzelnen schützen soll, sich in Fragen der Gerechtigkeit nicht mit

dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufriedengeben. Wenn man dieses

Ideal an der juristischen Praxis mißt, ist dies fast schon ein

masochistisches Unterfangen. Die stetig und rasch zunehmenden

Interaktionen über Marktmechanismen wurden von Konfliktmomenten und

Verhandlungserwartungen begleitet. Ohne jeden Zweifel wird die

wichtigste Vermittlungsfunktion heutzutage von Juristen ausgeübt.

Aufgrund der ihr eigenen Dynamik erfaßt die juristische Praxis jede

Art der allgemeinen Lebenspraxis, von multinationalen Geschäften bis

hin zu individuellen Beziehungen. In jüngster Zeit sucht sie ihren

Platz in der Welt der neuen Medien, in der das Copyright und der

Konflikt zwischen privatem Recht und öffentlichem Zugang der Lösung

bedürfen. Man kann also nicht sagen, daß das Recht im Gegensatz zur

Politik nicht proaktiv ist. Das Problem dabei ist, daß es in den

Kontext der Schriftkultur eingebunden bleibt, und zwar so, daß die

Form wichtiger als der Inhalt wird und am Wesentlichen vorbei zielt.

Früher war Latein die Rechtssprache und erinnert daran, wo die

Rechtspraxis der westlichen Welt ihren Ursprung hat. Heute können

nur wenige Rechtsanwälte Latein. Aber ihre eigene Sprache

beherrschen sie vorzüglich.

Juristenchinesisch wird mit dem Versuch gerechtfertigt, in einer

gegebenen Situation Doppeldeutigkeiten vermeiden zu müssen. Daran

wäre nichts falsch. Es ist jedoch falsch, wenn die Rechtssprache und

die in der Rechtssprache kodifizierten Verfahren nicht der

pragmatischen Erwartung der Gerechtigkeit entsprechen. Recht und

Gerechtigkeit sind nicht dasselbe, und jeder könnte hierfür ein

Beispiel anführen. Tatsächlich dient das Recht der Schriftkultur

nicht der Gerechtigkeit. Sein Zweck liegt oft genug daran, einen

Klienten freizusprechen. Ist ein Anwalt des Rechts seinen Klienten

oder der Gerechtigkeit gegenüber verpflichtet? Die Wirklichkeit

dürfte von der Erwartung der Bürger ziemlich weit entfernt sein.

Daher verliert die Justiz ihre Glaubwürdigkeit, weil sie durch ihre

Praxis den Geist des Gesellschaftsvertrags aushöhlt.

Kritik an Richtern und Anwälten ist so alt wie der Berufsstand. Hier

möchte ich mich nicht einreihen. Wichtig ist zu zeigen, daß selbst,

wenn Gerechtigkeit herrschen würde, die Gesetze und Methoden der

Justiz nicht für ewig gelten können. Einige Taten, die die

Gesellschaft früher akzeptierte--Kindesmißhandlung, sexuelle

Belästigung, Rassendiskriminierung--, gelten heute als illegal und

als ungerecht. Andere Verbrechen (Pfeifen am Sonntag, Küssen des

Gatten in der Öffentlichkeit, Sonntagsarbeit, um einige Beispiele aus

den USA zu geben) werden nicht mehr als Rechtsbruch angesehen.

Entscheidend ist die Einsicht, daß sich mit den Veränderungen der

Lebenspraxis die Bezugsrahmen verändern--für Moral und für Legalität.

Haben Juristen diese neue Situation geschaffen? Oder sind sie das

Ergebnis der neuen menschlichen Beziehungen, die sich aus neuen

pragmatischen Umständen ergeben haben? Wer beurteilt, ob das

Justizsystem den neuen Erwartungen entspricht? Keine dieser Fragen

ist leicht zu beantworten. Wenn Justiz die menschlichen Erwartungen

gestalten soll, muß sie deren Wesen begreifen und widerspiegeln und

muß im Hinblick auf die Rechte, die die Menschen in neue praktische

Erfahrungen ihrer Selbstdefinition einbringen, ihre eigene

Perspektive definieren. Es ist schön und gut, wenn das Rechtssystem

Mittel verwendet wie DNABeweisstücke, Videoaufnahmen und Internet,

die sich alle jenseits der Schriftkultur etabliert haben, aber wenn

sie dann alle den schriftkulturellen Winkelzügen unterworfen werden,

ist die ganze Anstrengung umsonst gewesen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 67 / 81 题