Das programmierte Parlament

Praktische Politik bedeutet nicht Wahlen, sondern die alltägliche

Routinearbeit zur Lösung von Aufgaben, die für die durch die Politik

vertretenen Menschen von Belang sind. Wenn wir die Parteibindung

einmal außer acht lassen, dann ist das Ziel die Erhaltung oder

Verbesserung des Gemeinwohls. Die Gesetzgebung durch das Parlament

setzt eine Tradition fort, die vor der Schriftkultur liegt. Dennoch

wurde eine effektive Gesetzgebung erst innerhalb des pragmatischen

Rahmens möglich, der Schriftkultur hervorbrachte. Sobald die

Schriftkultur ihr Potential erreicht hatte, wurden neue Mittel für

die politische Praxis der Gesetzgebung notwendig. Hinter allem steht

die Erwartung, daß der Gesetzgebungsprozeß den praktischen

Bedürfnissen Rechnung tragen sollte, die in einem Kontext raschen

Wandels auftreten. Hier wie in anderen Bereichen kollidieren die

Kräfte, die am Werk sind.

Obwohl schriftkulturelle Perspektiven und Methoden der Gesetzgebung

nicht mehr ausreichend sind für Themen aus einem pragmatischen Rahmen,

der das schriftkulturelle Paradigma in Frage stellt, scheinen die

Politiker nicht willens zu sein, die Notwendigkeit des Wandels

einzusehen. Sie finden es nützlicher--und leichter zu

rechtfertigen--, schriftkulturelle Bildung gesetzlich zu verstärken,

statt das gesamte Bildungssystem auf den neuen Bedarf hin neu zu

bedenken. Sie alle akzeptieren zwar Expertenwissen,

Informationsnetzwerke, bedienen sich dieser Mittel auch, um ihre

Programme zu verbreiten, arbeiten aber unter Beschränkungen, die sich

aus der schriftkulturellen Praxis der Politik ergeben. Daß in einem

Zeitalter grenzenloser Kommunikation Fraktionssprecher

hochkomplizierte politische Programme praktisch vor leeren Stühlen

präsentieren, ist schwer vorzustellen. Es fällt ebenfalls schwer zu

glauben, daß man dabei an einer Sprache festhält, die in Erfahrungen

längst vergangener Zeiten wurzelt und die sich mehrfach als

ineffektiv erwiesen hat. Viele parlamentarische Verfahren laufen

darüber hinaus nach einem Protokoll ab, das viel mit dem Vergangenen

und nichts mit der Gegenwart zu tun hat. Wie im Falle der Justiz

sind Symbole offenbar wichtiger als Inhalte.

Dennoch gibt es unter dem Druck der Effizienzerwartungen auch

Veränderungen. Abgesehen von den durchaus nicht immer relevanten

Inhalten erschöpfen sich die Gesetzgebungsverfahren nicht mehr in

überzeugender Formulierung und formaler Logik. Sie spiegeln

zunehmend die globalen Erwartungen wider und greifen gern auf

Vermittlungstechnologien und Aufgabenverteilungsstrategien oder

Interaktivität zurück. Elektronische Modellierung und

Simulationsmethoden werden ausprobiert. Die neuen Methoden der

Informationsbeschaffung sparen den Parlamentariern viel Zeit.

Berater und Angestellte wenden leistungsstarke Wissensfilter an, um

nur die themenrelevanten Informationen in den politischen Prozeß

einfließen zu lassen. Politiker wissen, daß Wissen--zur richtigen

Zeit und im richtigen Zusammenhang--Macht ist. Die Mitglieder

computerisierter Parlamente wissen auch, daß jeder die Daten zur

Verfügung hat, aber nur wenige diese effektiv verarbeiten oder

effektiv damit umgehen können. Tatsächlich entwickeln die Parteien

Bearbeitungsprogramme, die den Politikern in öffentlichen

Diskussionen oder in Parlamentsdebatten überzeugendere Argumente an

die Hand geben. Die durch die neue Technologie erzeugte Transparenz

stellt den öffentlichen Zugang zur Diskussion sicher. Politischer

Wettbewerb ist eine Frage des intelligenten Gebrauchs solcher Daten.

Macht ergibt sich aus der Fähigkeit zur Informationsverarbeitung,

nicht aus der Menge der gespeicherten Informationen.

Diese verkürzte Darstellung klingt wie ein Vorgriff auf die Zukunft.

Das ist es aber nicht. Zwar steht der Prozeß noch am Anfang, aber er

ist unvermeidbar. Er wird früher oder später solche Komponenten wie

Amtszeit--die lange Amtsdauer eines Volksvertreters spiegelt

schriftkulturelle Ideale wider--öffentliche Evaluationsverfahren,

Kandidatur und Wahlmodus beeinflussen. Er wird auch ein Überdenken

der Beziehung zwischen Politikern und Wahlkreisen erfordern. Auch

Motive und Methoden der Gesetzgebung und ihre Legitimität könnten

sinnvoll überdacht werden. Erhöhte Vermittlung beeinflußt den

Zusammenhang zwischen Fakten und politischen Taten. Wenn die neuen

Kommunikationsmittel keine persönliche Interaktion zwischen

Politikern und Wählern gestatten, wird die Öffentlichkeit weiterhin

von der Politik entfremdet bleiben. Politik in den Massenmedien

gehört bereits der Vergangenheit an--nicht weil das Fernsehen vom

Internet überholt worden ist, sondern wegen der Notwendigkeit, die

individuelle Motivierung zum politischen Handeln zu fördern.

Politische Effizienz beruht auf menschlicher Interaktion. Nicht das

Medium zählt, sondern das, was durch das Medium erreicht wird.

Einen Gesetzesrahmen zu schaffen, der dieser neuen Natur der

menschlichen Beziehungen und dem neuen pragmatischen Kontext Rechnung

trägt, heißt, das Wesen der Prozesse zu verstehen, die den Umbruch

herbeigeführt haben. Die Konsolidierung der Bürokratie hilft diesem

Verständnis genauso wenig wie die Beibehaltung der Monarchie und des

Oberhauses in Großbritannien. Einen Sinn für diesen Prozeß kann man

nur dann entwickeln, wenn der politische Prozeß selbst auf die

vorherrschende Pragmatik abgestimmt wird.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 68 / 81 题