Politische Programme werden wie Hamburger, Autos, Alkohol,
Sportereignisse, Kunstwerke und Finanzdienstleistungen vermarktet.
Erfolg in der Politik wird eher nach Marktkriterien bewertet als nach
ihren immer flüchtigeren politischen Auswirkungen. "Menschen wählen
nach ihrem Portmonnaie." Aber wählen sie denn? Eine Wahlnacht nach
der anderen zeigt, daß sie es nicht tun. Früher waren Analphabeten
gewöhnlich von der Wahl ausgeschlossen, ebenso Frauen, Schwarze in
Amerika und Südafrika und Ausländer in vielen europäischen Staaten.
In einer idealen Welt würde sich der Höchstqualifizierte um ein
politisches Amt bewerben, würden alle wählen und würde das Ergebnis
alle glücklich machen. Wie würde eine solche ideale Welt
funktionieren? Worte würden Tatsachen entsprechen. Die Belohnung
für politische Tätigkeit wäre die politische Erfahrung selbst, die
Genugtuung, anderen und somit sich selbst als Mitglied einer größeren
sozialen Familie zu nützen. Das ist eine utopische Welt aus
perfekten Bürgern, deren Vernunft, die sich in der Sprache der
Schriftkultur ausdrückt, Hüter der Politik ist. Wir sehen hier, wie
die Autorität des denkenden menschlichen Wesens etabliert und fast
automatisch mit Freiheit gleichgesetzt wird. In vielen pragmatischen
Kontexten mußte sich Individualität der rationalen Notwendigkeit
anpassen, jedoch nie so ausgeprägt wie in dem Kontext, der sich die
Schriftkultur zu einer seiner Triebkräfte wählte.
Aus der Perspektive der Schriftkultur gesehen erwartet man, daß die
Erfahrungen der Selbstkonstituierung als gebildeter Schriftkundiger
die Menschen dazu führt, ihre Natur dem Prinzip der Schriftkultur zu
unterwerfen und darin Erfüllung zu finden. Der Glaube, daß die
Bildung jemanden veranlaßt, ein Wort zu halten oder andere Menschen
zu respektieren, politische Erwartungen zu verstehen und seine
eigenen Gedanken zu formulieren, ist wohl eine Illusion. Wenn
darüber hinaus Politik dazu führen würde, daß jeder die Werte der
Schriftkultur akzeptiert und sie als seine zweite Natur verinnerlicht,
müßten sich Konflikte lösen, alle Menschen am Wohlstand teilhaben
und sich zudem angemessen demokratisch und verantwortlich verhalten.
Der Gebildete müßte die Verpflichtung fühlen, anderen diese Bildung
einzuimpfen, wodurch sich die Muster der menschlichen Erfahrungen so
veränderten, daß sie die schriftkulturelle Vernunft schlechthin
verkörpern würden. Isaiah Berlin hat neben anderen betont, daß der
Glaube an eine allumfassende Antwort auf alle sozialen Fragen nicht
zu halten ist. Eher ist der Konflikt ein hervorstechendes Merkmal
der menschlichen Lage. Dieser Konflikt entwickelt sich zwischen dem
Hang zu Vielfalt und Mannigfaltigkeit und der fast irrationalen
Erwartung, daß es eine einzige richtige Antwort auf unsere Probleme
gibt, die verfolgt zu werden sich lohnt und die erreicht werden kann,
wenn das zoon politikon den Primat der Vernunft über die Leidenschaft
anerkennt und statt eines chaotischen Individualismus freiwillig die
Anpassung an weithin geteilte Werte übt.
Unter den pragmatischen Umständen jenseits der Schriftkultur ist die
Erwartung, daß eine Wahl einstimmig oder mehrheitlich ausgeht, völlig
unwesentlich. Wahlergebnisse sind ein ebenso guter Indikator für den
Zustand einer Gesellschaft wie Seismographen es für die Gefahr eines
Erdbebens sind. Am Wahltag sind die Ergebnisse bekannt, nachdem die
ersten repräsentativen Stichproben genommen wurden. Eigentlich sind
die Ergebnisse schon vor der Wahl bekannt. Die verfügbaren
technischen Mittel würden es ermöglichen, daß die, die wählen
wollen--und die wissen, warum sie wählen--dies ohne größere Umstände
am Telefon tun könnten. Auch die allgemein verbreitete Verkabelung
mit einem für das Wahlergebnis ausgerüsteten Zentralrechner könnte
diesen Zweck erfüllen. Aber das würde nur einen Teil der Frage
beantworten. Der zweite Teil bezieht sich darauf, was sie wählen
sollen. Die politische Praxis bietet keine aufregenden
Wahlmöglichkeiten mehr. Das auf Schriftkultur beruhende politische
Handeln ist undurchsichtig, fast unergründlich. Also sieht sich der
Bürger nicht zum Engagement veranlaßt und nicht die Notwendigkeit,
sein Engagement durch den Urnengang auszudrücken. Als ich den Text
dieses Buches für die Veröffentlichung revidierte, gab es noch einen
dritten Aspekt: die Annahme nämlich, daß Wählen eine Partizipation an
der demokratischen Macht ist. Aber niemand, der sich der Dynamik der
heutigen Lebensumstände bewußt ist, wird den Begriff der Mehrheit mit
Demokratie gleichsetzen.
Unter den heutigen Arbeitsumständen kann kein Präsident, egal wie
mächtig er ist oder zu sein glaubt, und keine zentrale Regierung auf
die Ereignisse Einfluß nehmen, die für den Bürger wirklich wesentlich
sind. Jenseits der Schriftkultur werden Alternativen zu Zentralismus,
Hierarchie, Sequentialität und Determinismus in der Politik erwartet.
Vor allem benötigen wir Alternativen zu dualistischen Strukturen,
ob im Zweiparteiensystem, der Gewaltenteilung zwischen Legislative
und Exekutive oder dem Gegensatz zwischen Gesetzestreue und
Illegalität. Dies führt zu einer weit gestreuten Verteilung
politischer Ausgaben in Verbindung mit einer Politik, die Vorteile
aus den neuen strukturalen Bedingungen der Arbeits- und Lebenswelt
zieht. Selbstbestimmung wird zu den zentralen politischen Werten
zählen. Schnellere Lebensrhythmen, Globalität und die neuen
Skalen--in Politik und in der Lebenswelt allgemein--sprechen gegen
die schriftkulturelle Erwartung, daß Politik ein stabilisierender
Faktor der menschlichen Praxis sei. Wenn die Politik ihrer Aufgabe
gerecht werden will, sollte sie die Umstände für bessere
Verhandlungen und Interaktionen zwischen den Menschen schaffen. Nur
so kann man den Bürgern, die ihren Sinn für politische Verantwortung
und sogar ihren Glauben an Recht und Ordnung verloren haben, neue
politische Zuversicht geben.
In dieser global vernetzten Welt, in der die Skala von größter
Wichtigkeit ist, muß die Politik zwischen den vielen Ebenen
vermitteln, auf denen Menschen an dieser Globalität teilhaben. In
diesem Zusammenhang ist die Regelung von Gütern und Rechten ein
wichtiger politischer Bereich. Hier muß die Politik meinungs- und
wertebildend wirken. Zum Beispiel liegt die wirkliche Macht der
Informationsverarbeitung in der Interaktion derer, die Zugriff darauf
haben. Man sollte nicht gezwungen sein, Regeln, die aus dem feudalen
Besitz von Sprache oder aus dem industriellen Besitz von Maschinen
stammen, auf den freien Zugang zu Informationen oder zu Netzwerken
anzuwenden, die die gemeinschaftliche kreative Arbeit erleichtern.
Die politische Herausforderung liegt darin, das transparenteste
Umfeld zu liefern, ohne die Einheit der Interaktion zu
beeinträchtigen. Angesichts des vielfältigen Selbstregelungsbedarfs
in diesem neuen Bereich muß sich auch die Legislative neu orientieren
und von ihren alten Denkstrukturen befreien.
Die Ereignisse werden nur dann einen positiven Verlauf nehmen, wenn
sie die politische Erfahrung individueller Machtzuweisung erlaubt.
Natürlich bergen eine größere Auswahl und breitere Möglichkeiten
spezifische Risiken in sich. Hacking ist keineswegs neu. Der
deutsche Kriegskode wurde geknackt, und viele Länder sind sehr darauf
bedacht, Hackern von Rang Ehre zu erweisen: Wissenschaftlern, die das
Geheimnis genetischer Kodes knacken, oder Spionen, die hinter
Geheimnisse des Feindes kommen. Aus einer schriftkulturellen
politischen Perspektive kann man Hacking--eine sehr eigene Form
individueller Selbstkonstituierung--als kriminell bezeichnen. Im
neuen pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur ist Hacking in
einem Bereich angesiedelt, dessen Eckpunkte aus Kreativität, Protest,
Erfindungsgeist, Nichtkonformität und krimineller Energie bestehen.
Die geeignete Antwort auf Hacker wäre kein Strafenkatalog
mittelalterlicher oder industrieller Prägung, sondern Transparenz,
die auf lange Sicht mögliche kriminelle Motive unterminiert. Eine
Gesellschaft, die Kreativität sanktioniert, auch wenn diese auf
falsche Gebiete gelenkt ist, bestraft sich letztlich selbst. Wer an
seinem Terminal für ein Unternehmen arbeitet, das in der ganzen Welt
produziert und soziale und wirtschaftliche Programme fördert, die
Bürgern vieler Kulturen, unterschiedlichen Glaubens,
unterschiedlicher Rassen, politischer Überzeugungen, sexueller
Neigungen, unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlicher
Erwartungen zugute kommen, nimmt an der Weltpolitik mehr und
entscheidender teil, als all die Behörden und Bürokraten, die für
Aufgaben bezahlt werden, die sie nicht effektiv erfüllen können.
Wiederum ist es der pragmatische Rahmen, der uns zu Bürgern unseres
kleinen Dorfes oder unserer kleinen Stadt macht, der uns alle, auch
die Internetbürger, in die globale Welt integriert.