Veränderungen im Zustand praktischer menschlicher Erfahrungen bringen
Veränderungen in der Selbstidentifikation des Individuums und von
Gruppen mit sich. Neue politische Erfahrungen, die immer noch
Erwartungen unterworfen sind, die von der Vergangenheit übernommen
wurden, setzen eigentlich nicht die Vergangenheit fort. Entsprechend
verändert sich das Wesen politischer Erfahrungen. Vorstellungen über
Führung, Organisation, Planung und Legalität werden neu definiert.
Aus den Stammeshäuptlingen wurden die Könige des Mittelalters und
schließlich die neuzeitlichen Präsidenten. Es gibt jedoch keinen
Grund zur Annahme, daß bei verteilten Aufgaben und paralleler
Handlungsstruktur Zentralismus und Hierarchie die entscheidenden
politischen Prinzipien bleiben müssen. Exekutive, Legislative und
Judikative setzen die Ideale der liberalen politischen Demokratie um,
wie sie für den pragmatischen Rahmen der Industriegesellschaft
wesentlich werden. Doch sobald sich neue Umstände abzeichnen,
wandeln sich mit der Grundstruktur auch die Machtstrukturen.
In einem Rahmen nicht-hierarchischer Strukturen besteht z. B. kein
wirklicher Bedarf mehr am Präsidentenamt. Theoretische Argumente
müssen durch Fakten bekräftigt werden. Die neuen Lebensumstände
haben schon in vielen Ländern das Amt des Präsidenten auf reine
Repräsentationsfunktionen beschränkt. Andere Staaten schränken die
Macht des Präsidenten durch Gesetze so sehr ein, daß sie diesen Namen
nicht mehr verdient. Wirtschaftszyklen machen sogar die visionärsten
Staatsoberhäupter (so es sie denn gibt) zu bloßen Zuschauern von
Ereignissen, die sie nicht beeinflussen können.
Wer würde das Land repräsentieren, wenn die Funktion des
Staatsoberhauptes abgeschafft wäre? Wie kann ein Land ein
geschlossenes, in sich konsistentes politisches System
aufrechterhalten? Wer würde die Gesetze erlassen, wer umsetzen?
Solche Fragen ergeben sich ausnahmslos aus den Erwartungen der
Schriftkultur. Dagegen fördert die radikale Dezentralisierung, die
sich jenseits der Schriftkultur durchsetzt, andere politische
Strukturen. Der politisch interessierte Bürger ist ein Trugbild.
Die Wirklichkeit kennt Bürger, die ihre eigenen Ziele verfolgen,
welche allerdings politische Elemente beinhalten. Die Schriftkultur
führte zu repräsentativen Formen der Politik, die schließlich die
Bürger vom Prozeß der politischen Entscheidungsbildung ausschloß.
Die wirklichen politischen Ideale sind nunmehr eine Sache effizienter
menschlicher Interaktion. Für den Informationsaustausch über
Netzwerke, in denen Menschen gleicher Interessen kooperieren, ist die
Leistung eines Präsidenten völlig irrelevant. Die für diese Vorgänge
relevanten Übereinkünfte, die sich auf gegenseitige Bedürfnisse und
zukünftige Entwicklungen richten, werden außerhalb der politischen
Institutionen getroffen, die nur noch wenig damit zu tun haben.
Die meisten politischen Aufgaben von Präsidenten,
Nationalversammlungen oder anderen politischen Institutionen ergeben
sich noch immer aus Formen, die für eine vergangene politische Praxis
charakteristisch sind. Sie beruhen auf Bündnissen und
Verpflichtungen, die im Widerspruch zum pragmatischen Rahmen der
heutigen Welt stehen. Die Tatsache, daß Staatsoberhäupter auch
Oberbefehlshaber der Armeen sind, stammt aus einer Zeit, in der der
stärkste Mann der Führer wurde. Aber heute sind auch Frauen legitime
Kandidatinnen für ein Präsidentenamt. Trotzdem haben
geschlechtsspezifische Vorurteile verhindert, daß Frauen die
militärische Kompetenz erlangen, die man von einem Oberbefehlshaber
erwartet. Ein weiteres Beispiel: Warum muß ein Präsident beim
Begräbnis eines verstorbenen Staatsoberhauptes zugegen sein? Die
Bande des Bluts verbanden einst Könige und Adel stärker miteinander
als politische Argumente; aber kein Verkehrsmittel konnte sie zu den
Verstorbenen bringen, bevor deren Verfall einsetzte. Ein letztes
Lebewohl, das man heute anläßlich des Begräbnisses eines japanischen
Kaisers, eines muslimischen Führers oder eines atheistischen
Präsidenten wünscht, gehört zum politischen Theater, nicht zum
politischen Wesen. Die teure und trügerische Inszenierung von
Staatsbegräbnissen, Gelöbnissen, Einweihungen, Paraden und
Staatsbesuchen ist oft nichts anderes als eine Übung in
Scheinheiligkeit. Die Schauspiele gefallen nur, weil sie zynisch das
Bedürfnis des Volkes nach Spielen stillen. Pragmatisch relevante
Verpflichtungen sind nicht mehr das Vorrecht von Staatsbürokratien,
sie wurden in andere Zusammenhänge eingebunden. Wenn aber ein
Staatswesen historisch nicht sehr viel mehr ist als ein Ausdruck
archaischer Stammesinstinkte, dann hat sich die schriftkulturelle
Institution des Staates erübrigt.
Politische Heldenverehrung, Nationalismus im wirtschaftlichen Bereich
und ethnische Eitelkeit beeinträchtigen die Politik auf vielen Ebenen.
Der Nationalismus als eine Form kollektiven Stolzes und
psychologischer Ersatzbefriedigung für unterdrückte Triebe feiert
Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, die Zahl der Nobelpreisträger
und die Errungenschaften in den Künsten und der Wissenschaft mit
einer Leidenschaft, die einen besseren Anlaß verdient hätte. Stolz
und Vorurteilsgrenzen werden beibehalten, auch wo Staatsgrenzen de
facto nicht mehr existieren. Wissenschaftliche Hochleistungen sind
nie in der völligen Isolation von der gelehrten Welt entstanden. Das
Internet unterstützt--heute vielleicht noch nicht im gewünschten
Ausmaß--die Integration kreativer Anstrengungen und Ideen über
Grenzen hinweg. Die Kunst wird in ihm außerhalb des etablierten
Kunstgeschäfts gefördert.