Die Krabben haben pfeifen gelernt

Einige der heutigen politischen Systeme werden als Demokratien

angesehen, andere behaupten, es zu sein. Einige gelten als

Diktaturen irgendeiner Art, und niemand würde dies als Qualifikation

akzeptieren. Aber gleich, welche Bezeichnung man wählt, in all

diesen Systemen herrscht die Schriftkultur. Manche halten

Schriftkultur und Bildung als für die Demokratie lebenswichtig; aber:

die größte Diktatur (der Ostblock) konnte einen hohen allgemeinen

Bildungsstand vorweisen. Sie scheiterte, weil die zugrundeliegenden

Strukturmerkmale mit anderen Erfordernissen, vor allem pragmatischer

Art, kollidierten.

Ein Weltreich, das vierte in der geschichtlichen Abfolge nach dem

Osmanischen Reich, Österreich-Ungarn und dem Britischen Empire,

zerbrach. Was das Scheitern des Sowjetreichs so wichtig macht, ist

die ihm zugrundeliegende Struktur. Die früheren Mitglieder des RGW,

die osteuropäischen Staaten, die einst mit der Sowjetunion den

Ostblock bildeten, geben eine gute Fallstudie für die an der Dynamik

jenseits der Schriftkultur beteiligten Kräfte ab. Während ich dieses

Buch schrieb, kam mir ein Ereignis zugute, das wohl kaum je

wiederholt wird: Eine feste Struktur menschlichen Handelns, die im

Grunde einem leicht veränderten Paradigma der Industriellen

Revolution folgte, sich selbst als Arbeiterparadies pries und unter

der Illusion eines messianischen Kollektivismus lebte, beharrte auf

Schriftkultur als seiner kulturellen Grundlage.

Selbst die schärfsten Kritiker des Systems mußten einräumen, daß das

allgemeine Bildungsprogramm zu den historischen Leistungen des

Kommunismus zu zählen ist. Weite Teile der Bevölkerung, die vor der

Machtergreifung der Kommunisten nicht lesen und schreiben konnte,

wurden alphabetisiert. So mangelhaft das Schulsystem vielleicht war,

es bot kostenlose und obligatorische Bildung, die wesentlich besser

war als das kostenlose Gesundheitssystem. Die Ausbildungsoffensive

sollte neue Generationen auf produktive Aufgaben vorbereiten und jede

einzelne Person einem Indoktrinationsprogramm unterziehen, das über

das mächtige Medium der Schriftkultur ablief. Noch Nikita

Chruschtschow erklärte: "Wer glaubt, daß wir die Lehren von Marx,

Engels und Lenin aufgeben, täuscht sich gewaltig. Wer darauf wartet,

muß warten, bis die Krabben pfeifen können." Als in Rußland die

Lenin-Statuen umgestürzt wurden und Marx’ Name gleichbedeutend mit

dem Scheitern des Kommunismus wurde, müssen die Menschen seltsame

Geräusche von Krustentieren vernommen haben.

Das abrupte und unerwartete Scheitern des kommunistischen Systems ist

der unerwartete Beweis für die Hauptthese dieses Buchs. Der

Zusammenbruch des Sowjetsystems kann als das Scheitern einer Struktur

gesehen werden, die Schriftkultur als ihr wichtigstes Bildungs- und

Handlungsprinzip einsetzte und sich darauf verließ, um ihre

ideologischen Ziele innerhalb und außerhalb des Blocks zu verbreiten.

Nicht die Schriftkultur an sich scheiterte, aber die Strukturen,

welche ihr zu eigen sind: begrenzte Effizienz, sequentielle

praktische Erfahrungen der menschlichen Selbstkonstituierung in einer

hierarchisierten und zentralistischen Wirtschaft; deterministische

(somit implizit dualistische) Arbeitsverhältnisse, ein auf dem

industriellen Modell der Arbeitsteilung beruhendes Effizienzniveau,

eine der zentralen Planung unterworfene Vermittlung;

Undurchschaubarkeit, die sich in besessener Geheimhaltung äußerte,

und schließlich die fehlende Öffnung für die neue Skala der

Menschheit--kurz, ein pragmatischer Rahmen, dessen Merkmale sich in

der Schriftkultur zeigen. Tatsächlich unternahm das kommunistische

System einiges, um Integration und Globalität zu bekämpfen. Es hielt

an bestimmten nationalen und politischen Grenzen fest in der falschen

Annahme, daß Isolation einen gesteuerten und geordneten Waren- und

Gedankenaustausch zulassen würde; es hielt an der Verbreitung einer

Ideologie der Diktatur des Proletariats fest und übte Koexistenz mit

dem Rest der Welt in der Annahme, daß diese Schritt für Schritt zu

kommunistischen Werten konvertieren würde.

Alle schriftkulturellen Tätigkeiten--und das war fast alles--wurden

subventioniert. In keinem anderen Teil der Welt unter keinem anderem

Regime wurden so viele Menschen so radikal der Schriftkultur

unterworfen. Daß das System scheiterte, sollte niemanden dazu

veranlassen, die Leistungen der Menschen zu ignorieren, die unter

einem Banner, das ihnen nichts bedeutete, zwangsvereint waren: Große

künstlerische Leistungen, Dichtung und Musik, umfangreiche Pflege der

Volkskunst, spektakuläre Leistungen in Mathematik, Physik und Chemie

brachen unter Terror und Zensur hervor. Als Künstler, Autor oder

Wissenschaftler zu überleben hieß, Kreativität zu erzwingen, wo es

fast keinen Raum mehr für sie gab. In keinem anderen Regime dieser

Erde lasen die Menschen mehr, hörten sie mehr Musik, besuchten sie

Museen mit größerer Leidenschaft und sorgten sie füreinander im

Familien- und Freundeskreis. Und sie taten es keineswegs nur deshalb,

weil sie sonst nichts zu tun hatten.

Es versteht sich von selbst, daß vor allem der Mißbrauch der Sprache

(im politischen Diskurs und im gesellschaftlichen Leben) zu der fast

einmütigen stillschweigenden Ablehnung des Systems führte, und mehr

noch in der stillschweigenden, feigen Komplizenschaft mit ihm. Als

die schriftkulturelle Maschinerie des Ausspionierens der Bevölkerung

zerbrach, sahen sich die Menschen im unbarmherzigen Spiegel ihres

opportunistischen Selbstbetrugs. Zu den historischen Dokumenten

gehören nicht nur Solschenizyns Romane, Jewtuschenkos Lyrik und

Schostakowitschs Musik, sondern auch das Schreckliche, was Freunde

über Freunde, Verwandte über Verwandte kolportiert haben. Die

Deutschen waren, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht besser als

ihre faschistischen Führer; die Menschen im Sowjetblock waren, von

einigen Ausnahmen abgesehen, nicht besser als die Führer, die sie so

lange Zeit gewähren ließen.

Aber kein Ostblockexperte und keine Regierung hatten die Dynamik des

Umbruchs bemerkt. Das System war wirtschaftlich bankrott, aber

militärisch immer noch lebensfähig (wenn auch überschätzt). Die

Struktur, in der die Menschen ihr Potential verwirklichen

wollten--eines der Ideale des Kommunismus--bot wenig Anreize. Die

Dynamik des Systems war dadurch stark beeinträchtigt, daß ein

überkommener pragmatischer Rahmen und ein Wertesystem künstlich

aufrechterhalten wurden, die für Wandel nicht geeignet waren,

insbesondere für den Wandel zur postindustriellen Gesellschaft, wie

er sich in der westlichen Welt vollzog.

Die Hauptereignisse, die zum Zusammenbruch führten, liefen auf den

Fernsehbildschirmen vor den Augen der Nationen ab, im Bann der

Dynamik von Liveübertragungen, für die die Schriftkultur und der

vorherige schriftkulturelle Gebrauch des Mediums nie gut ausgerüstet

waren. Die Jagd auf Ceausescu in Rumänien, der Fall der Berliner

Mauer, die Ereignisse in Prag, Sofia und Tirana knüpften an den Geist

des Fernsehdramas aus den polnischen Werften an. Während des

versuchten Putsches in der Sowjetunion nahm die Entwicklung

kurzfristig eine andere Wendung, verleugnete den schriftlichen Medien

quasi jegliche Rolle außer der des späten Chronisten. Der erste

Unterricht in Sachen Demokratie vollzog sich über Videokassetten.

Verschiedene Netzwerke, von WTN (WorldWide Television News) bis zu

CNN, aber hauptsächlich die alte Technik des Faxgeräts besorgten den

Rest. So primitiv die digitalen Netzwerke auch waren und in jenem

Teil der Welt noch immer sind, sie spielten eine wichtige Rolle.

Keine politischen Manifeste oder raffinierten ideologischen Dokumente

wurden verbreitet, sondern Bilder, Diagramme und Liveberichte. In

der Zwischenzeit übernahm das Entertainment fast die gesamte

verfügbare Bandkapazität. Der gesamte westliche Konsum der letzten

15 Jahre (Mode, Fast-food-Ketten, Softdrinks und Konsumelektronik)

durchdrang das Leben derer, deren Revolte unter dem Banner des Rechts

auf Konsum stattgefunden hatte. Hier wie im Rest der Welt trennten

sich das Geistige und das Politische für immer. Das Geistige bezieht

Alimente; das Politische wird der Treuhandverwalter.

Das System scheiterte am mangelnden Verständnis für die Faktoren, die

zu neuen produktiven Erfahrungen führen: eine optimale Interaktion

der Menschen, progressive Mediation und spezialisiertere Formen der

Selbstkonstituierung, Einrichtung von Netzwerken und deren

Koordination, individuelle Freiheit und frei gewählte Zwänge.

Ähnlich erging es den Kirchen im Ostblock. Weil sie das Regime

ablehnten, gingen die Menschen in die Kirche, die ihrerseits eine

Hochburg schriftkultureller Praxis ist (unabhängig vom Buch oder von

den Büchern, die ihr programmatisch zugrunde liegen). Sobald es der

Religion möglich war, ihre schriftkulturellen Merkmale durch die

Ausübung von Zwängen zu behaupten, ging die Zahl der Kirchgänger wie

überall auf der Welt zurück.

Viele Fragen sind noch offen. Wie muß man z. B. im Kontext der

globalen Wirtschaft das Entstehen neuer Nationalstaaten und mächtiger

nationalistischer Bewegungen beurteilen, wenn der postnationale Staat

und die transnationale Welt schon Wirklichkeit geworden sind? Die

Frage ist ihrem Wesen nach politisch. Ihr Fokus liegt auf der

Identität. Die Identität spiegelt alle Beziehungen wider, über die

die Menschen sich als Teil einer größeren Einheit

konstituieren--Stamm, Stadt, Region, Nation: Als Träger gemeinsamer

biologischer und kultureller Merkmale, gemeinsamer Werte, einer

gemeinsamen Religion, eines gemeinsamen Raum-, Zeit- und

Zukunftsgefühls.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 64 / 81 题