Politische Sprachen

Die praktische politische Erfahrung artikuliert sich im Instrument

der Sprache. Vollzieht man vergangene politische Erfahrungen nach,

rekonstruiert man auch ihre Sprache(n). Diese Aufgabe ist fast

unlösbar, weil die Politik mit jedem Aspekt des menschlichen Lebens

verbunden ist: mit Arbeit, Eigentum, Familie, Geschlecht, Religion,

Erziehung und Ausbildung, Ethik und Kunst. Die Vielfalt der

politischen Erfahrungen entspricht der Vielfalt der pragmatischen

Umstände, in denen Menschen ihre Identität finden.

Der Vielzahl der praktischen Erfahrungen entspricht die Vielzahl der

politischen Sprachen. Es gibt wohl so viele politische Sprachen, wie

es Formen der Selbstkonstituierung in einer Gesellschaft gibt. Aber

vor dem Hintergrund dieser Vielfalt steht die Erwartung, daß Wort und

Tat übereinstimmen oder daß sie zumindest nicht zu weit auseinander

liegen.

Die Vielfalt der politischen Sprachen erweiterte sich erneut, als die

Sprachen des politischen Bewußtseins hinzukamen. Wo Werte das

Endziel der Politik waren, wurde der Wert der politischen Erfahrung

selbst ein Thema. Viele politische Projekte wurden auf dieser

selbstreflexiven Ebene verfolgt: Neue Formen der menschlichen

Zusammenarbeit und der politischen Organisation, Überlegungen zu

Erziehung und Bildung, Vorurteile, Emanzipation und Justiz. Dies

erklärt auch, warum sich in der Reihenfolge der praktischen

politischen Erfahrungen die Erwartungen nicht gegenseitig aufhoben.

Sie akkumulierten vielmehr als Ausdruck eines Ideals, wobei sie sich

immer vom jeweils letzten erreichten Ziel fortbewegten. Ohne ein

Verständnis für diesen Zusammenhang kann man die innere Dynamik

politischer Veränderungen nicht erklären.

Politik jenseits der Schriftkultur kommt nicht aus heiterem Himmel.

Sie beinhaltet Erwartungen, die unter verschiedenen pragmatischen

Umständen entstanden sind, und sie muß sich Herausforderungen

stellen--die wichtigste Herausforderung ist die in der neuen Skala

der menschlichen Erfahrung erwartete Effizienz--für die die

traditionellen Mittel und Strukturen nicht angemessen sind.

Politische Diskontinuität zu akzeptieren oder gar zu verstehen, war

schon immer schwer. Revolutionen werden erst gefeiert, wenn sie

stattgefunden haben und wenn die neuen Verhältnisse Stabilität

suggerieren.

Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?

Viel ist darüber geschrieben worden, daß die Sprache der Politik und

die politische Realität auseinander klaffen. Das Mißtrauen der

Menschen gegenüber der Politik hat einen Höhepunkt erreicht. Rolle

und Bedeutung der politischen Führer und Institutionen haben sich

offenbar verändert. Die Fähigsten sind nicht unbedingt an der

Politik beteiligt. Ihre Selbstkonstituierung vollzieht sich in

praktischen Erfahrungen, die lohnender und anspruchsvoller sind als

politische Tätigkeit. Politische Institutionen repräsentieren nicht

mehr die politischen Vertragspartner, sondern betreiben ihr eigenes

Überleben. Die Justiz führt ein eigenes Leben, sie kümmert sich--wie

die Öffentlichkeit glaubt--im Namen der Bürgerrechte mehr um die

Kriminellen als um die Gerechtigkeit. Steuern stützen extravagante

Regierungen und die gesellschaftliche Umverteilung von Reichtum;

darin spiegelt sich aber eher ein Schuldkomplex bezüglich vergangener

Ungerechtigkeiten als wahre gesellschaftliche Solidarität wider.

Statt menschliche Beziehungen zu fördern und die Zukunft in Angriff

zu nehmen, flicken sie immer noch die Vergangenheit. Jeder beklagt

sich. Aber immer weniger sind bereit, etwas zu tun, weil

individuelle Teilhabe und Engagement in der gegebenen politischen

Struktur zu nichts führen.

Die meisten Menschen schauen auf eine frühere politische Erfahrung

zurück und interpretieren die Vergangenheit im Lichte der Bücher, die

sie gelesen haben. Sie sehen nicht, daß der Komplexität der heutigen

menschlichen Erfahrung nicht mit den Lösungen von gestern beizukommen

ist. Auch die Verfassung der Vereinigten Staaten und die Erklärung

der Menschenrechte spiegeln das Denken und den Stil der Schriftkultur

wider. Ähnliche Dokumente gibt es in Lateinamerika, Europa, Indien

und Japan. Sie sind so nutzlos, wie Geschichte nur sein kann, wenn

neue Umstände der menschlichen Selbstkonstituierung sich von den

Erfahrungen unterscheiden, die sich in diesen Dokumenten ausdrücken.

Revisionismus hilft nicht weiter. Der neue weite Kontext braucht

keine hehren Prinzipien, sondern dynamische politische Strukturen und

Verfahren. Wenn die Welt sich als eine allseits verknüpfte neu

erfindet, hat sie sich von engen Vorschriften und traditionellen

Bedeutungen befreit.

Obwohl die Zahl der neu entstehenden Länder immer größer wird (und es

ist offen, wieviel hinzukommen), wissen wir von keinem politischen

Dokument, das der Unabhängigkeitserklärung, der Erklärung der

Menschen- und Bürgerrechte oder dem Kommunistischen Manifest

vergleichbar ist. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, daß die

Schriftkultur heute eine unangemessene Grundlage für Politik ist.

Unsere Kultur ist keine Kultur der Ideen mehr, seien sie religiös

oder weltlich. Sie wird von Prozessen, Methoden und Erfindungen

gekennzeichnet, die in vielen Zeichensystemen ausgedrückt werden, die

eine andere Dynamik als die der Sprache der Schriftkultur besitzen.

Die Ideen der Schriftkultur wenden sich an Intellekt, Seele und Gemüt.

Sehr wohl dürfen wir in dieser Zeit des Umbruchs aber Maßnahmen

erwarten, die die ungehinderte Interaktion auf dem Markt und in

anderen Bereichen menschlicher Selbstkonstituierung (Religion,

Bildung, Familie) garantieren. Stetige Globalisierung heißt, daß

Stabilität nationaler Wirtschaftssysteme und nationaler Bildungs-,

Sport- oder Kunstsysteme genauso bedeutungslos ist wie nationale

Grenzen und die theatralischen Inszenierungen der Diplomatie und der

internationalen Beziehungen.

Die Dynamik des Umbruchs zeigt sich auch in dem Bestreben vieler

Länder, in die globale Wirtschaft integriert zu werden und sich

dennoch einen Hauch nationaler Identität zu bewahren oder zu schaffen.

Staatliche Souveränität in Form von nationaler Autonomie des

Handels, im Finanzwesen oder der Industrie ist eine Illusion.

Selbstbestimmung, die immer zu Lasten irgendeiner anderen ethnischen

Gruppe geht, erinnert an primitive Stammestriebe. Die Grundstruktur

der Schriftkultur spiegelt sich in nationalen Bewegungen und in ihren

dualistischen Wertesystemen wider. Die einfache Logik von Gut und

Böse, die in einem Vagheitskontext schwerer zu definieren, aber

dennoch richtungsweisend ist, bestimmt Koalitionsbildungen, unsere

Richtlinien im Umgang mit Migrationsbewegungen und die Verteidigung

unserer nationalen Interessen, obwohl ein jeder Integration und

freien Markt fordert.

Gleichwohl ist auch die Sprache der heutigen Politik vom heutigen

pragmatischen Rahmen geformt. Die Freiheit, die zu propagieren sie

vorgibt, ist die der kommerziellen Demokratie: gleiches Recht auf

Konsum ist die politische Errungenschaft der jüngeren Geschichte.

Die Tatsache, daß die Staaten der Europäischen Union ihre

Marktsouveränität aufgegeben haben, bestätigt unsere These. Daß sie

immer noch eigene diplomatische Vertretungen und eine eigene

Verteidigungs- und Einwanderungspolitik betreiben, bezeugt nur den

Konflikt zwischen der Politik der Schriftkultur und einer Politik

jenseits davon.

Menschenrechte, die aus natürlichen Zyklen abgeleitet wurden, sind

etwas anderes als politische Rechte und Verantwortlichkeiten, die

sich aus einem maschinellen Fortschrittsmodell herleiten lassen.

Aber beide Quellen unterscheiden sich vom politischen Status der

Menschen, die im neuen pragmatischen Rahmen globaler Netzwerke und

extremer Aufgabenverteilung eingebunden sind. Man könnte sagen, daß

die großen politischen Dokumente der Vergangenheit als Reaktion auf

einen unhaltbaren Zustand, nicht aber in Antizipation neuer

Möglichkeiten und Erwartungen verfaßt wurden. Diese Dokumente

versuchen, in einer Welt relativ autonomer Einheiten--der

Nationalstaaten--die widerstreitenden Kräfte, die eher um Ressourcen

und Produktivkräfte als um Märkte kämpften, zu vereinigen, zu

homogenisieren und zu integrieren. Die darin ausgedrückten Werte

sind die Werte der Schriftkultur, für die die aus der Schriftkultur

erwachsenen Ideologien eintraten.

Aber vielleicht dokumentieren diese Texte auch noch etwas anderes, z.

B. moralische Maßstäbe, die wir im Laufe der vergangenen 200 Jahre

offenbar verloren haben; oder kulturelle Maßstäbe für die

Gesellschaft und für ihre Politiker, Maßstäbe, die heute kaum noch

gelten. Wenn dem so wäre, dann ist der Preis für höhere politische

Effizienz der Verlust jeglicher Maßstäbe und der gegenwärtig zu

verzeichnende beklagenswerte intellektuelle Zustand der Politik. Die

fehlende Wechselbeziehung zwischen der politischen Praxis und ihrer

Sprache rührt vom pragmatischen Kontext her, der sich im Zustand der

Sprache spiegelt. Während das wirkliche Leben von vielen Sprachen

gestaltet wird, dominiert in der Politik immer noch das Ideal der

einen Schriftkultur, der einen daraus hervorgegangenen Sprache. Ihre

Regeln werden auf Interaktionen und Evaluationen angewendet, die

nicht auf die Selbstkonstituierung durch Sprache reduziert werden

können.

Politisches Handeln folgt im großen und ganzen Mustern, die für die

Schriftkultur charakteristisch sind, obwohl es sich selbst

nichtsprachlicher Zeichensysteme bedient: Bilder, Filme oder Videos,

neue Netzwerktechniken mit schnellem Informationsaustausch. Die

früheren Erwartungen, daß Politiker die Maßstäbe der Schriftkultur

erfüllen, werden auf neue politische und praktische Erfahrungen

übertragen. Dabei liegen die praktischen Erfahrungen fast aller

Menschen heute in Gebieten, in denen die Vergangenheit kaum noch eine

Rolle spielt. Die von der Industriegesellschaft entwickelten

politischen Prinzipien gestalten noch heute unsere Institutionen und

Gesetze, die weitgehend mit ihrem eigenen Erhalt beschäftigt sind.

Weil sich die Bürger heute nicht um ihre eigene Freiheit sorgen

müssen, nehmen sie sie als selbstverständlich hin und entziehen sich

ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung. Sie erwarten von ihren

Politikern, daß diese an ihrer Stelle gebildet sind. So kommt es

dazu, daß wir einerseits ein politisches Leben erwarten, das sich an

Homogenität und einer deterministischen Sicht der sozialen Welt

orientiert; andererseits aber zur Bewältigung der Probleme

politisches Spezialistentum und Mittel und Methoden fordern, die für

heterogene und nicht-deterministische politische Prozesse

charakteristisch sind. Diesem Konflikt begegnen wir mit einer

Denkhaltung, die das Problem deshalb nicht lösen wird, weil sie das

Problem ist.

Die Koordination des politischen Handelns durch schriftkulturelle

Sprache und Methoden und die Dynamik einer neuen politischen Praxis

jenseits der Schriftkultur passen einfach nicht zusammen. Also

scheint es, als würden Institutionen, Normen und Regelungen ein

Eigenleben annehmen und ihre eigenen Werte und Erwartungen

perpetuieren. Die ihnen eigene Dynamik ist von der Dynamik des

politischen Lebens und vom neuen pragmatischen Kontext abgekoppelt.

Die unglaubliche Menge geschriebener Sprache (Reden, Artikel,

Formulare, Verträge, Regelungen, Gesetze, Abhandlungen) kontrastiert

zu den rapiden Veränderungen, die fast jeden politischen Text

überflüssig machen, bevor er in den Printmedien oder in den

flüchtigen Bits und Bytes der elektronischen Datenverarbeitung

erscheint.

Die Wirtschaft hat sich einer tiefgreifenden Umstrukturierung

unterzogen oder steht davor. Personalabbau in großem Umfang,

flachere Hierarchien und reibungslose Qualitätskontrolle haben die

wirtschaftliche Leistung beeinflußt. Aber sehr wenig davon hat die

sakrosankten staatlichen Institutionen berührt. In den USA belaufen

sich die Ausgaben von 40 Ministerien, 135 Bundesbehörden, die über

ein Zivilpersonal von 2,1 Millionen und ein Militärpersonal von 1,9

Millionen Menschen verfügen, auf 1,5 Billionen Dollar pro Jahr.

Allein die Kosten für das Umsetzen von Regeln und Anordnungen

betragen über 250 Milliarden Dollar jährlich. Um die Steuergesetze

erfüllen zu können, müssen Unternehmen und Einzelpersonen fast

denselben Geldbetrag aufwenden. Wenn die Wirtschaft so ineffizient

wie die Politik wäre, stünden wir vor einer Krise globalen Ausmaßes,

deren Konsequenzen niemand absehen kann. In den europäischen Staaten,

besonders in Deutschland und Frankreich, sind die entsprechenden

Ausgaben--relativ--noch höher.

In den Augen mancher Bürger müßte heute daher eine

Unabhängigkeitserklärung mit der folgenden Zeile beginnen: "Uns

platzt der Kragen--wir nehmen es nicht länger hin." Aber auch das

würde nicht heißen, daß sie wählen gehen. Wenn fünfmal mehr Menschen

die vulgäre amerikanische Fernsehserie Married with Children

anschauen als sich an den amerikanischen Wahlen beteiligen, wird klar,

wie sehr Moral und intellektuelle Qualität von Politikern und

Bürgern einander entsprechen. So zynisch diese Bemerkung klingt, sie

stellt nur fest, daß das politische Handeln jenseits der

Schriftkultur und die politischen Urteilskriterien nicht mehr den

politischen Erfahrungen der Schriftkultur folgen.

Ein Staat, der allein auf einer durch Schriftkultur und Sprache

genährten Politik beruht, ist auch in der Sprache ge- und befangen.

Die in der Sprache ausgedrückten Erfahrungen sind ihrem Wesen nach

nicht zwangsläufig demokratisch. Das gilt z. B. für unsere

Bezeichnungen von Geschlecht, Rasse, gesellschaftlichem Status, Raum,

Zeit, Religion, Kunst und Sport. Wenn sie erst einmal in die Sprache

eingegangen sind, leben sie einfach fort und beeinflussen jedes

politische Handeln. Die Sprache ist nicht neutral, und noch weniger

ist es die schriftkulturelle Praxis. Minderheitengruppen haben

völlig zu Recht darauf hingewiesen. Zwar verhindert Schriftkultur

nicht jeglichen Wandel; sie läßt Wandel im schriftkulturellen Bereich

zu, solange sie auf den praktischen schriftkulturellen Erfahrungen

beruhen. Aber wenn die Schriftkultur selbst in Frage gestellt wird,

wie es heute zunehmend geschieht, widersetzt sie sich diesem Wandel.

Wenn die Formulierung Verfall der moralischen Werte bedeutet, daß die

Politik die Erwartungen der Wähler nicht erfüllt, dann wären die

schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt; denn Politiker sind nicht

besser und nicht schlechter als ihre Wähler. Aber heute führt nicht

mehr die individuelle Leistung zu Erfolg oder Mißlingen.

Integrationsformen schaffen neue Formen von Kooperation und

Wettbewerb. Solche Prozesse werden von effizienteren Mitteln, d. h.

von Aufgabenteilung, Parallelität und gegenseitiger Überprüfung, von

Kooperation über Netzwerke, automatischen Planungs- und

Managementverfahren usw. betrieben. Sie stehen im Einklang mit den

neuen Motivationen. Wenn die romantische Vorstellung, daß die Besten

unsere Führer werden, wirklich zuträfe, hätten wir allen Grund, uns

über unsere Dummheit zu wundern. Aber tatsächlich ist es irrelevant,

wer die politische Führung hat. Der neue Effizienzgrad und das neue

erworbene Recht auf Wohlstand verweisen auf eine politische Praxis,

die von pragmatischen Kräften gesteuert ist. Solche Kräfte sind vor

Ort am Werke und ergeben nur in einem Kontext direkter Effizienz Sinn.

Wir sollten sie nicht nur als selbstverständlich ansehen, sondern

auch zu verstehen versuchen, wie sie arbeiten und wie man sie lenken

kann.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 63 / 81 题