Die Permissivität der kommerziellen Demokratie

Der Zustand der Politik in einem pragmatischen Rahmen von

Nichtsequentialität, nichtlinearen funktionalen Abhängigkeiten,

Nichtdeterminismus, dezentralisierten, nichthierarchischen

Interaktionsformen und beschleunigter Dynamik, extremem

Wettbewerbsdruck--d. h. in einem Rahmen jenseits der

Schriftkultur--entzieht sich gegenwärtig jeglicher Bestimmung. In

Fluß beschreibt die derzeitige politische Praxis angemessen. Wir

erleben einen Konflikt zwischen einer Politik, die in einem immer

noch auf Schriftlichkeit basierenden pragmatischen Rahmen verankert

ist, und einer Politik, die von Kräften geformt wird, die über den

Praxisrahmen der Schriftkultur hinausdrängen. Dieser Konflikt wirkt

sich auf den gegenwärtigen Zustand der Politik und das politische

Handeln aus. Er wirkt sich auf alles aus, was mit dem

Generationenvertrag und seiner Umsetzung zusammenhängt: auf

Bildungswesen, Demokratisierung, auf die Praxis der Justiz-,

Verteidigungsund Sozialpolitik sowie die internationalen Beziehungen.

Die die gegenwärtigen politischen Erfahrungen betreffenden

Veränderungen sind von einer starken Dynamik erfaßt, die den Umbruch

von einer auf Industrie gründenden Volkswirtschaft zu einer globalen

informationsverarbeitenden Dienstleistungsgesellschaft betreibt.

Damit einher geht der Übergang von der durch Mangel gekennzeichneten

Wirtschaft (in der gehortet und gespart wird) zu großen, integrierten,

kommerziellen Wirtschaftsstrukturen mit freiem Zugang zu (oder gar

mit Anspruch auf) Konsum und Wohlstand. Diese Wirtschaftsform nimmt

Einfluß auf das Individuum, das nicht mehr Selbstbeherrschung oder

Verzicht, sondern die Permissivität der kommerziellen Demokratie übt.

Folglich reagiert man auf politische und gesellschaftliche Problemen

mit epikureischer Lebensweise, die in gar nicht allzu ferner

Vergangenheit den Reichen und Mächtigen vorbehalten war: Rückzug aus

dem öffentlichen Leben, Hingabe an die Lust des Konsums, der

Unterhaltung, des Reisens und des Sports. Die Politik selbst wird,

wie Aldous Huxley es in seiner Beschreibung der Schönen neuen Welt

vorhersagte, zur Unterhaltung oder zu einem weiteren

Wettbewerbsfaktor, nicht so weit entfernt vom Geist und Buchstaben

der Börse, des Auktionshauses oder des Spielkasinos.

Die politische und gesellschaftliche Teilhabe an der permissiven

Demokratie ist in vielen Formen des Aktivismus kanalisiert, die alle

eine Akzentverlagerung von einer autoritätsverhafteten Politik hin zu

größerer Wahlfreiheit ausdrücken. Die neuen, die Interaktivität

betonenden elektronischen Medien kennzeichnen die Abkehr von einem

positivistischen Prüfen von Tatsachen (das aus der Wissenschaft

abgeleitet wurde und sich auf das gesellschaftliche und politische

Leben erstreckte), zu eher relativistischen Erwartungen von einer

erfolgreichen Darstellung in öffentlichen Meinungsumfragen, in

politischen Festakten und in dem Bild, das wir uns von uns selbst und

anderen machen. Die Macht der Medien ist längst schon größer als die

der Politik.

Damit ist der Prozeß noch nicht erschöpfend beschrieben. Aber wir

erkennen doch, wie bestimmte Formen des Aktivismus--von

(feministischen, ethnischen und sexuellen) Emanzipationsbewegungen

bis zu neuen Interessengruppen, die sich über Herkunft, Lebensstil

oder ein bestimmtes Engagement definieren--Politik in ihrer älteren

und neueren Form zur Beförderung ihrer eigenen Programme betreiben.

Offenheit, Toleranz, das Recht auf Experimente, Individualismus,

Relativismus sowie bestimmte Interessengruppierungen sind alle ihrem

Wesen nach insofern illiterat, als sie die strukuralen Merkmale der

Schriftkultur ablehnen und erst in einem Umfeld jenseits der

Schriftkultur möglich wurden. Einige dieser Bewegungen sind immer

noch vage konturiert, sind jedoch Teil der politischen Tagesordnung.

Die Schriftkultur bezieht sich bei ihrer Suche nach Argumenten für

ihr eigenes Überleben häufig auf Gründe, die aus Erfahrungen

hervorgingen, die sie verneinen.

Der Einfluß neuer praktischer Erfahrungen der Selbstkonstituierung

über digitale Netzwerke hat diese Erfahrungen schon zu Alternativen

gemacht, ungeachtet dessen, wie begrenzt die Einbindung eines

Individuums in sie ist. Aus der Interaktion im einzig uns bekannten

unzensierten Medium gewinnt eine andere politische Erfahrung an

Gestalt. Hier zählen nicht anonyme Wähler, die zu Mehrheiten ohne

sonderliche Wirkung zusammengeschlossen werden, sondern Individuen,

die bereit sind, sich an konkreten Entscheidungen zu beteiligen und

in den von ihnen gebildeten virtuellen Wahlgemeinschaften an der

politischen Maschinerie teilhaben, die den nächsten bedeutungslosen

Präsidenten hervorbringt. Das führt zu einer anderen politischen

Dynamik, die sich auf das Individuum konzentriert, zu effizienteren

Formen praktischer politischer Tätigkeit. Es gibt in dieser Hinsicht

keine Wunder zu vermelden. Aber zweifellos darf das Internet den

Fehlschlag des Versuchs von 1991, die politische Uhr in Rußland

zurückzudrehen, und einen Einfluß auf Ereignisse in China, Osteuropa

und Südamerika für sich verbuchen.

Wie ist es dazu gekommen?

Rückblickend können menschliche Beziehungen durch die ablesbaren

Wiederholungsmuster beschrieben werden. Unterschiede in den

Erfahrungen der Selbstkonstituierung treten unter dem Druck höherer

Effizienzerwartungen auf. Beziehungen mit einer politischen

Komponente, also mit gemeinsamen Anstrengungen und mit gemeinsamem

Ertrag und gemeinsamer Verantwortung, sind seit der synkretistischen

Phase der menschlichen Tätigkeit belegt. In dem durch

Unmittelbarkeit gekennzeichneten synkretistischen pragmatischen

Handlungsrahmen gibt es keine politische Dimension. Die politische

Identität beginnt--wie jede andere Form der menschlichen

Selbstkonstituierung--mit dem Bezug auf die Natur: Die Stärksten, die

Schnellsten, die Reaktionsstärksten werden als Führer anerkannt. Die

Mächtigsten sind erfolgreich für sich selbst. Dieser Erfolg

überträgt sich auf das Überleben: mehr Nahrung, mehr Nachkommen,

Unverwüstlichkeit, die Fähigkeit, Gefahren zu entkommen. Sobald man

das Natürliche vermenschlichte, wurden die Qualitäten, die einige

Individuen vor anderen auszeichneten, im Bereich der Natur und der

menschlichen Natur anerkannt. Als Stammeshäuptlinge, geistige Führer

oder Priester übernahmen sie politische Funktionen und bestätigten

die Gründe, die ihnen ihre Autorität verliehen hatten. Mit der Zeit

verloren natürliche Qualitäten ihre bestimmende Rolle. Die

spezifischen menschlichen Merkmale, vor allem intellektuelle

Qualitäten, kommunikative Fähigkeiten, Management- und

Planungsfertigkeiten wurden immer wichtiger. Moderne

Politiklehrbücher gehen auf die natürlichen Fertigkeiten gar nicht

mehr ein, sondern konzentrieren sich auf die Regierungskunst oder

-wissenschaft, auf politische Gerissenheit und List.

Die Veränderungen von den partizipatorischen Formen des politischen

Lebens, in dem Solidarität wichtiger ist als Unterschiede zwischen

den Menschen, zu den für unsere heutige Zeit charakteristischen

Formen der persönlichen und politischen Abgrenzung voneinander, haben

stattgefunden, weil die menschliche Praxis sie notwendig machte.

Die Politik war und ist nicht das passive Ergebnis dieser

Veränderungen: Einige hat sie gefördert, andere bekämpft. Der

Überlebenstrieb hinter den partizipatorischen Formen wurde ständig

neu definiert und führte zu einer anderen Art der Bestätigung: nicht

nur besser sein als die anderen Gattungen, sondern besser als unsere

Vorgänger, besser als andere. Der Wettbewerb verlagerte sich vom

natürlichen Umfeld--Mensch gegen Natur--in den menschlichen Bereich.

Sobald der Vergleich mit anderen oder die Beurteilung durch andere

etabliert waren, entstand eine Hierarchie. Die schriftlich

festgehaltene Hierarchie wurde mit dem Entstehen von

Notationssystemen und mehr noch mit dem Beginn der Schrift eine

wichtige Erfahrungskomponente, eines ihrer strukturierenden Elemente.

Die am Hier und Jetzt orientierte Unmittelbarkeit wurde ersetzt

durch einen sich über Generationen hinweg erstreckenden und zwischen

verschiedenen Gesellschaften abspielenden Handlungsraum.

Denn solange das menschliche Handeln relativ homogen war, bestand

keine Notwendigkeit zum politischen Delegieren oder zur

Verdinglichung politischer Ziele in Regeln und Organisationen. Mit

der Diversifikation von Aufgaben wurde Integration erforderlich, zu

der Riten, Mythen, Religion, Verteilen von Pflichten und

Führungsstrukturen beitrugen. Die Menschen brachten nicht nur mehr

von ihrer Vergangenheit in heute praktische Erfahrungen ein, sondern

sie begannen auch, ihre Bemühungen aufzuzeichnen und deren

Angemessenheit zu bewerten, und damit auch die Angemessenheit ihrer

eigenen Politik. Die auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

gerichtete Aufmerksamkeit gestattete es ihnen, sich der Unterschiede

zwischen pragmatischen und politischen Erfahrungen und allen anderen

Erfahrungen (Magie, Mythos, Religion) bewußt zu werden. Unter den

Voraussetzungen einer zentralisierten, synkretistischen Autorität war

dies ein schwieriges Unterfangen. Das Natürliche, Magische,

Religiöse, Logische, Wirtschaftliche und Politische gingen ineinander

über. Praktische Erwartungen erwiesen sich als das eigentlich

kritische Moment. Das Anflehen unbekannter Mächte um Regen,

Jagderfolg oder Fruchtbarkeit unterschied sich von den Erwartungen,

die hinsichtlich der Einheit von Arbeit und Leben artikuliert wurden.

Zunächst waren diese Erwartungen unterschiedlich und ungenau. Sie

wurden zunehmend präziser, es entstand ein Verantwortungsgefühl, das

auf greifbaren Ergebnissen und Vergleichen beruhte.

Während die Selbstkonstituierung die Projektion individueller

Merkmale (biologischer, kultureller Art) auf eine gegebene praktische

Erfahrung darstellt, ist die politische Praxis zu einem großen Teil

eine Projektion von Erwartungen. In jedem entscheidenden Zeitpunkt

der praktischen Erfahrung wird die vorherige Erwartung weitergegeben,

wenn neue Erwartungen aufkommen. Entsprechend wird erwartet, daß

eine politische Führergestalt tatsächlich oder kraft ihrer Autorität

natürliche Qualitäten, kognitive und kommunikative Fähigkeiten

(Rhetorik) sowie andere Vorzüge aufweist. Wenn diese Erwartungen in

spezifische Funktionen (Stammeshäuptling, Richter, Heerführer,

gewählter Gesetzgeber oder herausgehobenes Mitglied der Exekutive)

und in politische Institutionen übergehen, ist die Projektion nicht

mehr die eines Individuums, sondern die Projektion der den

ausgesprochenen Zielen, Mitteln und Werten verpflichteten

Gesellschaft. Ob tatsächlich jeder Stammesführer der Schnellste,

jeder Richter der Objektivste, jeder Heerführer der Tapferste oder

jeder Gesetzgeber der Klügste war, wurde nach ihrer politischen

Anerkennung fast irrelevant. Dieser Aspekt wird im Kontext der

Schriftkultur bedeutsam. Er wird entscheidend im Übergang vom

pragmatischen Rahmen der Schriftkultur zu einem pragmatischen Rahmen,

in dem die Merkmale der Schriftkultur nur hinderlich sind.

Politische Institutionen, die in den Voraussetzungen der

Schriftkultur fest verankert sind, debattieren immer noch darüber, ob

Telekommunikation akzeptabel und Telehandel sicher sei oder ob

Telebanking im nationalen Interesse liege. Während diese Debatten

andauern und antiquierte Steuergesetze gelten, greifen die neuen

praktischen Erfahrungen in der globalen Wirtschaft. Sich ausweitende

Netzwerke verändern das Wesen der menschlichen Transaktionen z. B.

dahingehend, daß immer weniger Menschen wählen, weil sie wissen, daß

die Funktion dieser Wahlen--nämlich eine (Aus-) Wahl zu

treffen--politisch bedeutungslos ist. Die Politik muß den Individuen

nähergebracht werden, und diese Notwendigkeit kann nur in Strukturen

verwirklicht werden, die dem Individuum mehr Macht statt einer

sinnleeren Repräsentation geben.

Politische Tätigkeit schuf Normen, Institutionen, Werte und

gesellschaftliches Bewußtsein. Niemand kann behaupten, daß Politik

eine harmonisierende Tätigkeit ist; das Zusammenleben mit anderen,

das Eingehen von Verträgen und das begrenzte Verfolgen individueller

Ziele bedeutet, im ständigen Kompromiß zu leben. Politische

Erfahrungen schaffen in unterschiedlichem Ausmaß Fähigkeiten,

Kompromissen Leben und Legitimität zu verleihen. Die Sprache ist das

Blut, das durch die Adern des zoon politikon fließt. Wenn sie von

der Schrift gezähmt ist, steckt diese Sprache ein sehr genaues Gebiet

des politischen Lebens ab. Der Herzschlag des gebildeten zoon

politikon entspricht einem Lebens- und Arbeitsrhythmus, der von der

Schriftkultur gesteuert wird. Der beschleunigte Rhythmus, der in

einer neuen Erfahrungsskala notwendig wurde, erfordert die Befreiung

der politischen Sprache von der Schriftkultur und die Partizipation

vieler Spezialsprachen an der politischen Erfahrung.

Es wird kaum überraschen, daß von Politikern durch die Generationen

hindurch hohe Sprachfertigkeiten erwartet wurden, auch dann, wenn

sich der Status der Sprache veränderte. Ungeachtet der einer

bestimmten Sprache eigenen Möglichkeiten und der spezifischen Form

der politischen Praxis ist der effektive Gebrauch wirkmächtiger

Ausdrucks- und Kommunikationsmittel unabdingbar. Sogar

schriftunkundige Könige oder Kaiser galten im Vergleich zu denen, die

schriftkundig waren, als die besseren Autoren. Sie diktierten

gewöhnlich einem Schreiber, der den Eindruck weitergab, daß die

Herrscher übersetzten, was ihnen höhere Mächte eingaben. Bestimmte

Bücher wurden politischen Führern zugeschrieben; Siege in Kriegen

wurden ihnen genauso zugeschrieben wie den militärischen Führern.

Gesetzbücher trugen ihren Namen, und sogar Wunder wurden ihnen

zugeschrieben, wenn sich die Politik mit Magie und Religion verband

(wobei sie oft das eine gegen das andere ausspielte). All dies und

vieles mehr sind Projektionen von Erwartungen.

Die spezifischen Erwartungen der Schriftkultur bestätigen die mit

ihren Merkmalen assoziierten Werte. Politik, Ideale der Aufklärung

und die Industrielle Revolution können nicht getrennt voneinander

gesehen werden. Erwartungen der Beständigkeit, Universalität,

Vernunft, Demokratie und Stabilität waren alle Bestandteil der

politischen Erfahrung. Die Schriftkultur förderte neue Formen des

politischen Aktivismus und ließ neue Institutionen entstehen. Das

Bewußtsein von Grenzen zwischen Kulturen und Sprachen nahm zu. Der

Zentralismus setzte sich durch, und Hierarchien--zurückhaltend oder

heimtückisch--wurden mit Hilfe des mächtigen Instruments der Sprache

etabliert. In diesem Kontext umriß die politische Erfahrung ihren

eigenen Bereich und ihre eigenen Effektivitätskriterien, die sich von

denen in den alten Stadtstaaten oder des Feudalismus unterschieden.

Der Berufspolitiker trat an die Stelle ererbter Macht. Die Politik

öffnete sich der Bevölkerung und bestätigte Toleranz, Achtung vor der

Person und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Politische

Funktionen wurden designiert und politische Institutionen gebildet.

Regeln für deren gutes Funktionieren wurden schriftlich fixiert. Das

Bündnis zwischen Politik und Schriftkultur sollte sich schließlich in

eine inzestuöse Liebe verwandeln; doch bevor das geschah, mußten sich

politische Erfahrungen in den damaligen Revolutionen zunächst

endgültig emanzipieren.

Diese Errungenschaften gebührend zu würdigen, war nicht leicht. Sie

wurden auch getrübt durch die aus früheren politischen Zusammenhängen

übernommenen Vorurteile (bezüglich Geschlecht, Rasse, Religion und

Eigentum). Wir müssen aber anerkennen, daß die politische Praxis

eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Effizienz eines

pragmatischen Rahmens zu erhöhen, der die Schriftkultur endgültig

etablierte. Damals wurden die Bildung und der Zugang zu ihr in ihrer

politischen Bedeutung erkannt und in Einklang mit den

Effizienzerwartungen verfolgt, die zur Industriellen Revolution

führten. Der Prozeß war alles andere als universell. Die westliche

Welt übernahm hier die Vorreiterrolle. Ihre politischen

Institutionen förderten Investitionen aller Art, und Erziehung und

Bildung waren solche Investitionen.

Politische Institutionen spiegeln die Lebenspraxis des Bürgers wider

und zugleich ihre Lebens- und Arbeitserfahrungen. Während der

Begriff Analphabetentum wohl zum ersten Mal 1876 in einem englischen

Text auftauchte, betraf dieses Phänomen 1880 nur ein Prozent der

deutschen Bevölkerung. Mit "Heil dem König, heil dem Staat / Wo man

gute Schulen hat!" ließ man König und Staat hochleben. Damals erfand

Thomas Alva Edison die Glühbirne (1879) Alexander Graham Bell das

Telefon (1876 patentiert), Nikolaus Otto den

Viertaktverbrennungsmotor (1876) und Nikola Tesla den

Wechselstromgenerator (1884). Aber Leo Tolstoi wußte, als er Krieg

und Frieden schrieb, daß nur ein Prozent aller Russen lesen konnte.

In vielen anderen Teilen der Welt sah es nicht viel besser aus. Es

war eine Zeit, in der die Alphabetisierung buchstäblich ein

Instrument der politischen Diskriminierung war. Auf die Ungebildeten,

die Analphabeten, blickte man verächtlich herab, ebenso wie auf

Frauen (einigen wurde Lesen, Bildung und Studium untersagt) und

Nationen, die als unwissend und moralisch minderwertig galten

(Rußland gehörte dazu).

Die zunehmende Bedeutung der Wissenschaft und der Gebrauch effektiver

technischer Mittel, die sich in der Beherrschung der Natur zeigten,

beeinflußten das politische Wesen der Staaten und die Beziehungen

zwischen den Nationen. Rationalität war die Grundlage der Legalität;

der Staat bekam Priorität vor den Individuen--ein unmittelbarer

Ausdruck seiner schriftkulturellen Anlagen. Regeln galten für alle

gleich (es wurde in ein effektives "Alle sind gleich" übersetzt, was

sich allerdings von den leeren Formeln populistischer Bewegungen

unterschied). Die Rationalität leitete sich aus der Schriftkultur ab.

Effektiv zu sein hieß, die zu beherrschen, die weniger effektiv

waren (Bürger, Gemeinschaften, Nationen).

Die politische Institution ist eine Maschine; eine von vielen im

pragmatischen Rahmen der Industriellen Revolution. Sie machte immer

nur eine Sache zu einer Zeit, und ein Teil der Maschine mußte nicht

unbedingt wissen, was der andere gerade tat. Zwischen Input und

Output wurde Energie verbraucht, und was herauskam--politische

Entscheidungen, Sozialpolitik, Vorschriften--war die Massenproduktion

von etwas, worüber die Gesellschaft verhandeln konnte: Schmieren

vermindert Reibung. Parteien wurden gebildet, politische Programme

formuliert und der Zugang zur Macht für viele geöffnet. Zwei

Voraussetzungen galten: Die Menschen sollten in der Lage sein, ihre

Meinung über Themen des öffentlichen Interesses zu formulieren, und

sie sollten in der Lage sein, den politischen Prozeß zu überwachen,

womit sie die Verantwortung für ihre politischen Rechte übernahmen.

Diese zwei Voraussetzungen führten zu einem Verständnis von

Demokratie und Freiheit, das schließlich die Grundlage der liberalen

Demokratie wurde. Sie bestätigten auch die schriftkulturellen

Erwartungen, daß Demokratie und Freiheit--wie die Schriftkultur

selbst--universell und ewig sind.

Diese Politik schlug sich mit ihren eigenen Waffen. Diktaturen

(linke und rechte), Nationalismus, Rassismus, Kolonialismus,

katastrophale Kriege und die gleichmachende Mittelmäßigkeit der

Bürokratie haben die großen Hoffnungen vom Höhepunkt des

schriftkulturell inspirierten politischen Handelns auf den Tiefpunkt

der heutigen zynischen Indifferenz gebracht. Statt der Partizipation

der Menschen am politischen Prozeß und statt Mitverantwortung sehen

wir den korrupten Sozialstaat mit der allgegenwärtigen hedonistischen

Hingabe an Spaß und Unterhaltung. Die Komplexität der politischen

Erfahrung verhindert sogar die symbolische Partizipation der Menschen

an der Regierung. Freiwillige Arbeit und Wahlen, ein Recht, für das

die Menschen mit einer Leidenschaft gekämpft haben, die nur noch

durch ihre jetzige Gleichgültigkeit übertroffen wird, haben ihre

Bedeutung verloren. Es fehlt das Feedback, das die Motivation zur

politischen Mitverantwortung stärken könnte. Und offenbar hat die

Forderung von Gleichheit und Freiheit einen so kleinen gemeinsamen

Nenner gefunden, daß die Politik nur noch Mittelmäßigkeit verwalten,

nicht aber Exzellenz fördern kann. Von allen Funktionen der

nationalen Einheit als Verkörperung der politischen

Selbstkonstituierung ist scheinbar nur noch die Funktion der

Umverteilung erhalten geblieben.

Individuelle Freiheit, für die im Zeichen der Schriftkultur hart

gekämpft wurde, zeigt sich bestenfalls konformistisch und

opportunistisch. Es ist fraglich, ob der verlorene Gemeinsinn ein

fairer Preis für das Recht auf Individualität ist. Millionen von

Menschen, die sich vom politischen Diskurs des Hasses haben verführen

lassen (im Faschismus, Kommunismus und Nationalismus und durch

Rassismus und Fanatismus), haben ihre hart erkämpften Rechte

verschwendet, als sie anderen Eigentum, Meinungs-, Glaubens- und

sonstige Freiheiten, Würde und schließlich das Leben nahmen. Nach

Auschwitz sollte die Politik nicht noch einmal eine Instanz der

Schikane und geistiger und moralischer Verzerrung werden. Doch sie

wurde es. Und wir alle wissen, mit welchem Opportunismus wir die

heutigen Tragödien (Hunger, Unterdrückung, Krankheit,

Umweltkatastrophen) durch das politische Entertainment vereinnahmen

lassen.

Im Zusammenhang der Skala, die die Schriftkultur kennzeichnete,

entwikkelte sich der Gedanke des Nationalstaats. Auch heute

versuchen selbst die Nationen, die die politische Integration

betreiben, sich als autarke Einheiten zu festigen. Vielleicht werden

nationale Grenzen weniger scharf bewacht, aber sie werden als durch

die Schriftkultur definierte Grenzen aufrecht erhalten. Wenn

Autarkie unerreichbar ist, liegt die Antwort in Expansion.

Ideologische, rassenspezifische, wirtschaftliche und andere Argumente

werden vorgebracht, um die Politik im Krieg mit anderen Mitteln

fortzusetzen. Die zwei Weltkriege haben die auf Schriftkultur

basierende Politik auf den Höhepunkt getrieben. Der Kalte Krieg (die

erste globale Schlacht) hat diese Politik zu ihrer letzten Krise,

jedoch noch nicht ihrem Ende gebracht.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 62 / 81 题