Der Zustand der Politik in einem pragmatischen Rahmen von
Nichtsequentialität, nichtlinearen funktionalen Abhängigkeiten,
Nichtdeterminismus, dezentralisierten, nichthierarchischen
Interaktionsformen und beschleunigter Dynamik, extremem
Wettbewerbsdruck--d. h. in einem Rahmen jenseits der
Schriftkultur--entzieht sich gegenwärtig jeglicher Bestimmung. In
Fluß beschreibt die derzeitige politische Praxis angemessen. Wir
erleben einen Konflikt zwischen einer Politik, die in einem immer
noch auf Schriftlichkeit basierenden pragmatischen Rahmen verankert
ist, und einer Politik, die von Kräften geformt wird, die über den
Praxisrahmen der Schriftkultur hinausdrängen. Dieser Konflikt wirkt
sich auf den gegenwärtigen Zustand der Politik und das politische
Handeln aus. Er wirkt sich auf alles aus, was mit dem
Generationenvertrag und seiner Umsetzung zusammenhängt: auf
Bildungswesen, Demokratisierung, auf die Praxis der Justiz-,
Verteidigungsund Sozialpolitik sowie die internationalen Beziehungen.
Die die gegenwärtigen politischen Erfahrungen betreffenden
Veränderungen sind von einer starken Dynamik erfaßt, die den Umbruch
von einer auf Industrie gründenden Volkswirtschaft zu einer globalen
informationsverarbeitenden Dienstleistungsgesellschaft betreibt.
Damit einher geht der Übergang von der durch Mangel gekennzeichneten
Wirtschaft (in der gehortet und gespart wird) zu großen, integrierten,
kommerziellen Wirtschaftsstrukturen mit freiem Zugang zu (oder gar
mit Anspruch auf) Konsum und Wohlstand. Diese Wirtschaftsform nimmt
Einfluß auf das Individuum, das nicht mehr Selbstbeherrschung oder
Verzicht, sondern die Permissivität der kommerziellen Demokratie übt.
Folglich reagiert man auf politische und gesellschaftliche Problemen
mit epikureischer Lebensweise, die in gar nicht allzu ferner
Vergangenheit den Reichen und Mächtigen vorbehalten war: Rückzug aus
dem öffentlichen Leben, Hingabe an die Lust des Konsums, der
Unterhaltung, des Reisens und des Sports. Die Politik selbst wird,
wie Aldous Huxley es in seiner Beschreibung der Schönen neuen Welt
vorhersagte, zur Unterhaltung oder zu einem weiteren
Wettbewerbsfaktor, nicht so weit entfernt vom Geist und Buchstaben
der Börse, des Auktionshauses oder des Spielkasinos.
Die politische und gesellschaftliche Teilhabe an der permissiven
Demokratie ist in vielen Formen des Aktivismus kanalisiert, die alle
eine Akzentverlagerung von einer autoritätsverhafteten Politik hin zu
größerer Wahlfreiheit ausdrücken. Die neuen, die Interaktivität
betonenden elektronischen Medien kennzeichnen die Abkehr von einem
positivistischen Prüfen von Tatsachen (das aus der Wissenschaft
abgeleitet wurde und sich auf das gesellschaftliche und politische
Leben erstreckte), zu eher relativistischen Erwartungen von einer
erfolgreichen Darstellung in öffentlichen Meinungsumfragen, in
politischen Festakten und in dem Bild, das wir uns von uns selbst und
anderen machen. Die Macht der Medien ist längst schon größer als die
der Politik.
Damit ist der Prozeß noch nicht erschöpfend beschrieben. Aber wir
erkennen doch, wie bestimmte Formen des Aktivismus--von
(feministischen, ethnischen und sexuellen) Emanzipationsbewegungen
bis zu neuen Interessengruppen, die sich über Herkunft, Lebensstil
oder ein bestimmtes Engagement definieren--Politik in ihrer älteren
und neueren Form zur Beförderung ihrer eigenen Programme betreiben.
Offenheit, Toleranz, das Recht auf Experimente, Individualismus,
Relativismus sowie bestimmte Interessengruppierungen sind alle ihrem
Wesen nach insofern illiterat, als sie die strukuralen Merkmale der
Schriftkultur ablehnen und erst in einem Umfeld jenseits der
Schriftkultur möglich wurden. Einige dieser Bewegungen sind immer
noch vage konturiert, sind jedoch Teil der politischen Tagesordnung.
Die Schriftkultur bezieht sich bei ihrer Suche nach Argumenten für
ihr eigenes Überleben häufig auf Gründe, die aus Erfahrungen
hervorgingen, die sie verneinen.
Der Einfluß neuer praktischer Erfahrungen der Selbstkonstituierung
über digitale Netzwerke hat diese Erfahrungen schon zu Alternativen
gemacht, ungeachtet dessen, wie begrenzt die Einbindung eines
Individuums in sie ist. Aus der Interaktion im einzig uns bekannten
unzensierten Medium gewinnt eine andere politische Erfahrung an
Gestalt. Hier zählen nicht anonyme Wähler, die zu Mehrheiten ohne
sonderliche Wirkung zusammengeschlossen werden, sondern Individuen,
die bereit sind, sich an konkreten Entscheidungen zu beteiligen und
in den von ihnen gebildeten virtuellen Wahlgemeinschaften an der
politischen Maschinerie teilhaben, die den nächsten bedeutungslosen
Präsidenten hervorbringt. Das führt zu einer anderen politischen
Dynamik, die sich auf das Individuum konzentriert, zu effizienteren
Formen praktischer politischer Tätigkeit. Es gibt in dieser Hinsicht
keine Wunder zu vermelden. Aber zweifellos darf das Internet den
Fehlschlag des Versuchs von 1991, die politische Uhr in Rußland
zurückzudrehen, und einen Einfluß auf Ereignisse in China, Osteuropa
und Südamerika für sich verbuchen.
Wie ist es dazu gekommen?
Rückblickend können menschliche Beziehungen durch die ablesbaren
Wiederholungsmuster beschrieben werden. Unterschiede in den
Erfahrungen der Selbstkonstituierung treten unter dem Druck höherer
Effizienzerwartungen auf. Beziehungen mit einer politischen
Komponente, also mit gemeinsamen Anstrengungen und mit gemeinsamem
Ertrag und gemeinsamer Verantwortung, sind seit der synkretistischen
Phase der menschlichen Tätigkeit belegt. In dem durch
Unmittelbarkeit gekennzeichneten synkretistischen pragmatischen
Handlungsrahmen gibt es keine politische Dimension. Die politische
Identität beginnt--wie jede andere Form der menschlichen
Selbstkonstituierung--mit dem Bezug auf die Natur: Die Stärksten, die
Schnellsten, die Reaktionsstärksten werden als Führer anerkannt. Die
Mächtigsten sind erfolgreich für sich selbst. Dieser Erfolg
überträgt sich auf das Überleben: mehr Nahrung, mehr Nachkommen,
Unverwüstlichkeit, die Fähigkeit, Gefahren zu entkommen. Sobald man
das Natürliche vermenschlichte, wurden die Qualitäten, die einige
Individuen vor anderen auszeichneten, im Bereich der Natur und der
menschlichen Natur anerkannt. Als Stammeshäuptlinge, geistige Führer
oder Priester übernahmen sie politische Funktionen und bestätigten
die Gründe, die ihnen ihre Autorität verliehen hatten. Mit der Zeit
verloren natürliche Qualitäten ihre bestimmende Rolle. Die
spezifischen menschlichen Merkmale, vor allem intellektuelle
Qualitäten, kommunikative Fähigkeiten, Management- und
Planungsfertigkeiten wurden immer wichtiger. Moderne
Politiklehrbücher gehen auf die natürlichen Fertigkeiten gar nicht
mehr ein, sondern konzentrieren sich auf die Regierungskunst oder
-wissenschaft, auf politische Gerissenheit und List.
Die Veränderungen von den partizipatorischen Formen des politischen
Lebens, in dem Solidarität wichtiger ist als Unterschiede zwischen
den Menschen, zu den für unsere heutige Zeit charakteristischen
Formen der persönlichen und politischen Abgrenzung voneinander, haben
stattgefunden, weil die menschliche Praxis sie notwendig machte.
Die Politik war und ist nicht das passive Ergebnis dieser
Veränderungen: Einige hat sie gefördert, andere bekämpft. Der
Überlebenstrieb hinter den partizipatorischen Formen wurde ständig
neu definiert und führte zu einer anderen Art der Bestätigung: nicht
nur besser sein als die anderen Gattungen, sondern besser als unsere
Vorgänger, besser als andere. Der Wettbewerb verlagerte sich vom
natürlichen Umfeld--Mensch gegen Natur--in den menschlichen Bereich.
Sobald der Vergleich mit anderen oder die Beurteilung durch andere
etabliert waren, entstand eine Hierarchie. Die schriftlich
festgehaltene Hierarchie wurde mit dem Entstehen von
Notationssystemen und mehr noch mit dem Beginn der Schrift eine
wichtige Erfahrungskomponente, eines ihrer strukturierenden Elemente.
Die am Hier und Jetzt orientierte Unmittelbarkeit wurde ersetzt
durch einen sich über Generationen hinweg erstreckenden und zwischen
verschiedenen Gesellschaften abspielenden Handlungsraum.
Denn solange das menschliche Handeln relativ homogen war, bestand
keine Notwendigkeit zum politischen Delegieren oder zur
Verdinglichung politischer Ziele in Regeln und Organisationen. Mit
der Diversifikation von Aufgaben wurde Integration erforderlich, zu
der Riten, Mythen, Religion, Verteilen von Pflichten und
Führungsstrukturen beitrugen. Die Menschen brachten nicht nur mehr
von ihrer Vergangenheit in heute praktische Erfahrungen ein, sondern
sie begannen auch, ihre Bemühungen aufzuzeichnen und deren
Angemessenheit zu bewerten, und damit auch die Angemessenheit ihrer
eigenen Politik. Die auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
gerichtete Aufmerksamkeit gestattete es ihnen, sich der Unterschiede
zwischen pragmatischen und politischen Erfahrungen und allen anderen
Erfahrungen (Magie, Mythos, Religion) bewußt zu werden. Unter den
Voraussetzungen einer zentralisierten, synkretistischen Autorität war
dies ein schwieriges Unterfangen. Das Natürliche, Magische,
Religiöse, Logische, Wirtschaftliche und Politische gingen ineinander
über. Praktische Erwartungen erwiesen sich als das eigentlich
kritische Moment. Das Anflehen unbekannter Mächte um Regen,
Jagderfolg oder Fruchtbarkeit unterschied sich von den Erwartungen,
die hinsichtlich der Einheit von Arbeit und Leben artikuliert wurden.
Zunächst waren diese Erwartungen unterschiedlich und ungenau. Sie
wurden zunehmend präziser, es entstand ein Verantwortungsgefühl, das
auf greifbaren Ergebnissen und Vergleichen beruhte.
Während die Selbstkonstituierung die Projektion individueller
Merkmale (biologischer, kultureller Art) auf eine gegebene praktische
Erfahrung darstellt, ist die politische Praxis zu einem großen Teil
eine Projektion von Erwartungen. In jedem entscheidenden Zeitpunkt
der praktischen Erfahrung wird die vorherige Erwartung weitergegeben,
wenn neue Erwartungen aufkommen. Entsprechend wird erwartet, daß
eine politische Führergestalt tatsächlich oder kraft ihrer Autorität
natürliche Qualitäten, kognitive und kommunikative Fähigkeiten
(Rhetorik) sowie andere Vorzüge aufweist. Wenn diese Erwartungen in
spezifische Funktionen (Stammeshäuptling, Richter, Heerführer,
gewählter Gesetzgeber oder herausgehobenes Mitglied der Exekutive)
und in politische Institutionen übergehen, ist die Projektion nicht
mehr die eines Individuums, sondern die Projektion der den
ausgesprochenen Zielen, Mitteln und Werten verpflichteten
Gesellschaft. Ob tatsächlich jeder Stammesführer der Schnellste,
jeder Richter der Objektivste, jeder Heerführer der Tapferste oder
jeder Gesetzgeber der Klügste war, wurde nach ihrer politischen
Anerkennung fast irrelevant. Dieser Aspekt wird im Kontext der
Schriftkultur bedeutsam. Er wird entscheidend im Übergang vom
pragmatischen Rahmen der Schriftkultur zu einem pragmatischen Rahmen,
in dem die Merkmale der Schriftkultur nur hinderlich sind.
Politische Institutionen, die in den Voraussetzungen der
Schriftkultur fest verankert sind, debattieren immer noch darüber, ob
Telekommunikation akzeptabel und Telehandel sicher sei oder ob
Telebanking im nationalen Interesse liege. Während diese Debatten
andauern und antiquierte Steuergesetze gelten, greifen die neuen
praktischen Erfahrungen in der globalen Wirtschaft. Sich ausweitende
Netzwerke verändern das Wesen der menschlichen Transaktionen z. B.
dahingehend, daß immer weniger Menschen wählen, weil sie wissen, daß
die Funktion dieser Wahlen--nämlich eine (Aus-) Wahl zu
treffen--politisch bedeutungslos ist. Die Politik muß den Individuen
nähergebracht werden, und diese Notwendigkeit kann nur in Strukturen
verwirklicht werden, die dem Individuum mehr Macht statt einer
sinnleeren Repräsentation geben.
Politische Tätigkeit schuf Normen, Institutionen, Werte und
gesellschaftliches Bewußtsein. Niemand kann behaupten, daß Politik
eine harmonisierende Tätigkeit ist; das Zusammenleben mit anderen,
das Eingehen von Verträgen und das begrenzte Verfolgen individueller
Ziele bedeutet, im ständigen Kompromiß zu leben. Politische
Erfahrungen schaffen in unterschiedlichem Ausmaß Fähigkeiten,
Kompromissen Leben und Legitimität zu verleihen. Die Sprache ist das
Blut, das durch die Adern des zoon politikon fließt. Wenn sie von
der Schrift gezähmt ist, steckt diese Sprache ein sehr genaues Gebiet
des politischen Lebens ab. Der Herzschlag des gebildeten zoon
politikon entspricht einem Lebens- und Arbeitsrhythmus, der von der
Schriftkultur gesteuert wird. Der beschleunigte Rhythmus, der in
einer neuen Erfahrungsskala notwendig wurde, erfordert die Befreiung
der politischen Sprache von der Schriftkultur und die Partizipation
vieler Spezialsprachen an der politischen Erfahrung.
Es wird kaum überraschen, daß von Politikern durch die Generationen
hindurch hohe Sprachfertigkeiten erwartet wurden, auch dann, wenn
sich der Status der Sprache veränderte. Ungeachtet der einer
bestimmten Sprache eigenen Möglichkeiten und der spezifischen Form
der politischen Praxis ist der effektive Gebrauch wirkmächtiger
Ausdrucks- und Kommunikationsmittel unabdingbar. Sogar
schriftunkundige Könige oder Kaiser galten im Vergleich zu denen, die
schriftkundig waren, als die besseren Autoren. Sie diktierten
gewöhnlich einem Schreiber, der den Eindruck weitergab, daß die
Herrscher übersetzten, was ihnen höhere Mächte eingaben. Bestimmte
Bücher wurden politischen Führern zugeschrieben; Siege in Kriegen
wurden ihnen genauso zugeschrieben wie den militärischen Führern.
Gesetzbücher trugen ihren Namen, und sogar Wunder wurden ihnen
zugeschrieben, wenn sich die Politik mit Magie und Religion verband
(wobei sie oft das eine gegen das andere ausspielte). All dies und
vieles mehr sind Projektionen von Erwartungen.
Die spezifischen Erwartungen der Schriftkultur bestätigen die mit
ihren Merkmalen assoziierten Werte. Politik, Ideale der Aufklärung
und die Industrielle Revolution können nicht getrennt voneinander
gesehen werden. Erwartungen der Beständigkeit, Universalität,
Vernunft, Demokratie und Stabilität waren alle Bestandteil der
politischen Erfahrung. Die Schriftkultur förderte neue Formen des
politischen Aktivismus und ließ neue Institutionen entstehen. Das
Bewußtsein von Grenzen zwischen Kulturen und Sprachen nahm zu. Der
Zentralismus setzte sich durch, und Hierarchien--zurückhaltend oder
heimtückisch--wurden mit Hilfe des mächtigen Instruments der Sprache
etabliert. In diesem Kontext umriß die politische Erfahrung ihren
eigenen Bereich und ihre eigenen Effektivitätskriterien, die sich von
denen in den alten Stadtstaaten oder des Feudalismus unterschieden.
Der Berufspolitiker trat an die Stelle ererbter Macht. Die Politik
öffnete sich der Bevölkerung und bestätigte Toleranz, Achtung vor der
Person und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Politische
Funktionen wurden designiert und politische Institutionen gebildet.
Regeln für deren gutes Funktionieren wurden schriftlich fixiert. Das
Bündnis zwischen Politik und Schriftkultur sollte sich schließlich in
eine inzestuöse Liebe verwandeln; doch bevor das geschah, mußten sich
politische Erfahrungen in den damaligen Revolutionen zunächst
endgültig emanzipieren.
Diese Errungenschaften gebührend zu würdigen, war nicht leicht. Sie
wurden auch getrübt durch die aus früheren politischen Zusammenhängen
übernommenen Vorurteile (bezüglich Geschlecht, Rasse, Religion und
Eigentum). Wir müssen aber anerkennen, daß die politische Praxis
eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Effizienz eines
pragmatischen Rahmens zu erhöhen, der die Schriftkultur endgültig
etablierte. Damals wurden die Bildung und der Zugang zu ihr in ihrer
politischen Bedeutung erkannt und in Einklang mit den
Effizienzerwartungen verfolgt, die zur Industriellen Revolution
führten. Der Prozeß war alles andere als universell. Die westliche
Welt übernahm hier die Vorreiterrolle. Ihre politischen
Institutionen förderten Investitionen aller Art, und Erziehung und
Bildung waren solche Investitionen.
Politische Institutionen spiegeln die Lebenspraxis des Bürgers wider
und zugleich ihre Lebens- und Arbeitserfahrungen. Während der
Begriff Analphabetentum wohl zum ersten Mal 1876 in einem englischen
Text auftauchte, betraf dieses Phänomen 1880 nur ein Prozent der
deutschen Bevölkerung. Mit "Heil dem König, heil dem Staat / Wo man
gute Schulen hat!" ließ man König und Staat hochleben. Damals erfand
Thomas Alva Edison die Glühbirne (1879) Alexander Graham Bell das
Telefon (1876 patentiert), Nikolaus Otto den
Viertaktverbrennungsmotor (1876) und Nikola Tesla den
Wechselstromgenerator (1884). Aber Leo Tolstoi wußte, als er Krieg
und Frieden schrieb, daß nur ein Prozent aller Russen lesen konnte.
In vielen anderen Teilen der Welt sah es nicht viel besser aus. Es
war eine Zeit, in der die Alphabetisierung buchstäblich ein
Instrument der politischen Diskriminierung war. Auf die Ungebildeten,
die Analphabeten, blickte man verächtlich herab, ebenso wie auf
Frauen (einigen wurde Lesen, Bildung und Studium untersagt) und
Nationen, die als unwissend und moralisch minderwertig galten
(Rußland gehörte dazu).
Die zunehmende Bedeutung der Wissenschaft und der Gebrauch effektiver
technischer Mittel, die sich in der Beherrschung der Natur zeigten,
beeinflußten das politische Wesen der Staaten und die Beziehungen
zwischen den Nationen. Rationalität war die Grundlage der Legalität;
der Staat bekam Priorität vor den Individuen--ein unmittelbarer
Ausdruck seiner schriftkulturellen Anlagen. Regeln galten für alle
gleich (es wurde in ein effektives "Alle sind gleich" übersetzt, was
sich allerdings von den leeren Formeln populistischer Bewegungen
unterschied). Die Rationalität leitete sich aus der Schriftkultur ab.
Effektiv zu sein hieß, die zu beherrschen, die weniger effektiv
waren (Bürger, Gemeinschaften, Nationen).
Die politische Institution ist eine Maschine; eine von vielen im
pragmatischen Rahmen der Industriellen Revolution. Sie machte immer
nur eine Sache zu einer Zeit, und ein Teil der Maschine mußte nicht
unbedingt wissen, was der andere gerade tat. Zwischen Input und
Output wurde Energie verbraucht, und was herauskam--politische
Entscheidungen, Sozialpolitik, Vorschriften--war die Massenproduktion
von etwas, worüber die Gesellschaft verhandeln konnte: Schmieren
vermindert Reibung. Parteien wurden gebildet, politische Programme
formuliert und der Zugang zur Macht für viele geöffnet. Zwei
Voraussetzungen galten: Die Menschen sollten in der Lage sein, ihre
Meinung über Themen des öffentlichen Interesses zu formulieren, und
sie sollten in der Lage sein, den politischen Prozeß zu überwachen,
womit sie die Verantwortung für ihre politischen Rechte übernahmen.
Diese zwei Voraussetzungen führten zu einem Verständnis von
Demokratie und Freiheit, das schließlich die Grundlage der liberalen
Demokratie wurde. Sie bestätigten auch die schriftkulturellen
Erwartungen, daß Demokratie und Freiheit--wie die Schriftkultur
selbst--universell und ewig sind.
Diese Politik schlug sich mit ihren eigenen Waffen. Diktaturen
(linke und rechte), Nationalismus, Rassismus, Kolonialismus,
katastrophale Kriege und die gleichmachende Mittelmäßigkeit der
Bürokratie haben die großen Hoffnungen vom Höhepunkt des
schriftkulturell inspirierten politischen Handelns auf den Tiefpunkt
der heutigen zynischen Indifferenz gebracht. Statt der Partizipation
der Menschen am politischen Prozeß und statt Mitverantwortung sehen
wir den korrupten Sozialstaat mit der allgegenwärtigen hedonistischen
Hingabe an Spaß und Unterhaltung. Die Komplexität der politischen
Erfahrung verhindert sogar die symbolische Partizipation der Menschen
an der Regierung. Freiwillige Arbeit und Wahlen, ein Recht, für das
die Menschen mit einer Leidenschaft gekämpft haben, die nur noch
durch ihre jetzige Gleichgültigkeit übertroffen wird, haben ihre
Bedeutung verloren. Es fehlt das Feedback, das die Motivation zur
politischen Mitverantwortung stärken könnte. Und offenbar hat die
Forderung von Gleichheit und Freiheit einen so kleinen gemeinsamen
Nenner gefunden, daß die Politik nur noch Mittelmäßigkeit verwalten,
nicht aber Exzellenz fördern kann. Von allen Funktionen der
nationalen Einheit als Verkörperung der politischen
Selbstkonstituierung ist scheinbar nur noch die Funktion der
Umverteilung erhalten geblieben.
Individuelle Freiheit, für die im Zeichen der Schriftkultur hart
gekämpft wurde, zeigt sich bestenfalls konformistisch und
opportunistisch. Es ist fraglich, ob der verlorene Gemeinsinn ein
fairer Preis für das Recht auf Individualität ist. Millionen von
Menschen, die sich vom politischen Diskurs des Hasses haben verführen
lassen (im Faschismus, Kommunismus und Nationalismus und durch
Rassismus und Fanatismus), haben ihre hart erkämpften Rechte
verschwendet, als sie anderen Eigentum, Meinungs-, Glaubens- und
sonstige Freiheiten, Würde und schließlich das Leben nahmen. Nach
Auschwitz sollte die Politik nicht noch einmal eine Instanz der
Schikane und geistiger und moralischer Verzerrung werden. Doch sie
wurde es. Und wir alle wissen, mit welchem Opportunismus wir die
heutigen Tragödien (Hunger, Unterdrückung, Krankheit,
Umweltkatastrophen) durch das politische Entertainment vereinnahmen
lassen.
Im Zusammenhang der Skala, die die Schriftkultur kennzeichnete,
entwikkelte sich der Gedanke des Nationalstaats. Auch heute
versuchen selbst die Nationen, die die politische Integration
betreiben, sich als autarke Einheiten zu festigen. Vielleicht werden
nationale Grenzen weniger scharf bewacht, aber sie werden als durch
die Schriftkultur definierte Grenzen aufrecht erhalten. Wenn
Autarkie unerreichbar ist, liegt die Antwort in Expansion.
Ideologische, rassenspezifische, wirtschaftliche und andere Argumente
werden vorgebracht, um die Politik im Krieg mit anderen Mitteln
fortzusetzen. Die zwei Weltkriege haben die auf Schriftkultur
basierende Politik auf den Höhepunkt getrieben. Der Kalte Krieg (die
erste globale Schlacht) hat diese Politik zu ihrer letzten Krise,
jedoch noch nicht ihrem Ende gebracht.