Politik: So viel Anfang war noch nie

Hölderlins Zeile "So viel Anfang war noch nie" trifft den heutigen

Zeitgeist. Sie gilt für viele Anfänge: für neue Paradigmen in der

Wissenschaft, technologische Entwicklungen, Kunst und Literatur.

Vermutlich aber ist sie am besten auf die Anfänge im politischen

Leben anzuwenden. Die politische Landkarte der Welt verändert sich

schneller denn je. Es ist gefährlich, Ereignisse zu verallgemeinern,

die noch nicht abgeschlossen sind. Aber wir können sie auch nicht

ignorieren, vor allem wenn sie den Umbruch von der Schriftkultur zu

einer Phase jenseits davon dokumentieren.

Diejenigen, die sich mit der Entwicklung und dem Verhalten der

menschlichen Gattung befassen, glauben, daß die kooperative Bemühung

die Entwicklung der Sprache, wenn nicht ihre Entstehung, erklärt.

Gemeinsame Anstrengung ist auch die Wurzel der Selbstkonstituierung

des Menschen als gesellschaftliches Wesen. Die gesellschaftliche

Dimension, die mit dem Bewußtsein verwandtschaftlicher Zugehörigkeit

beginnt und der eine Verantwortung gegenüber Nichtverwandtem folgt,

ist neben der Herstellung von Werkzeugen die Antriebskraft der

intellektuellen Entwicklung der Menschen. Oder einfacher: die

Begriffe gesellschaftliches Wesen (zoon politikon) und sprechendes

Wesen (zoon phonanta) sind eng miteinander verknüpft. Aber diese

Verknüpfung deckt das Wesen der gesellschaftlichen und politischen

Erfahrungen der Menschen nicht vollständig ab.

Verschiedene Tierarten entwickeln ebenfalls Interaktionsmuster, die

man als gesellschaftlich bezeichnen könnte, ohne dabei jedoch das

hohe kognitive Niveau des homo habilis zu erreichen. Auch sie

tauschen Informationen aus, hauptsächlich über Gesten, Geräusche und

biochemische Signale. Nahrung aufspüren, Gefahr signalisieren und

rudimentäre Formen kooperativer Bemühungen sind im Tierleben

dokumentiert. Das macht sie weder zu gesellschaftlichen Wesen, noch

bezeichnen wir die angewandten Mittel als Sprache. Politik--in ihrer

frühen Form wie auch in den heutigen Manifestationen--ist eine

bestimmte Menge zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich aus dem

bewußten Bedürfnis ergaben, die Praxis der menschlichen

Selbstkonstituierung zu optimieren. Die Politik ist nicht

gleichzusetzen mit der Rudelbildung von Wölfen, dem Herdentrieb von

Rotwild, oder mit den komplexen Beziehungen in einem Bienenstock.

Überdies läßt sich Politik nicht allein auf Überlebensstrategien

reduzieren, denn die sind auch für einige Primaten und wahrscheinlich

auch für andere Tiere charakteristisch.

Die Struktur, die der Praxis zugrundeliegt, durch die Menschen zu

ihrer Identität finden, drückt sich in menschlichen Handlungen aus, z.

B. dem Herstellen von Werkzeugen, dem Teilen von Nah- oder

Fernzielen und dem Eingehen gegenseitiger Verpflichtungen materieller

oder geistiger Art. Veränderungen in den Bedingungen der

Lebenspraxis bewirken Veränderungen zwischenmenschlicher Beziehungen.

Daß die Skala der menschlichen Welten und somit die Skala der

menschlichen Lebenspraxis sich verändert, entspricht der Dynamik, in

der sich die Spezies konstituiert. Die Anfänge der Landwirtschaft

und die Bildung der vielen Sprachfamilien liegen in einer Zeit, in

der eine kritische Masse erreicht wurde. An dieser Schwelle war die

synkretistische Interaktion der Menschen bereits in gut abgegrenzten

Mustern der Lebenspraxis verwurzelt. Der pragmatische

Handlungsrahmen formte das beginnende gesellschaftliche und

politische Leben und wurde wiederum von ihm stimuliert. Die Politik

ergab sich aus der erhöhten Komplexität der menschlichen

Interaktionen. Die praktischen gesellschaftlichen und politischen

Erfahrungen beziehen sich auf Arbeit, Glauben, natürliche und

kulturelle Unterschiede, auch auf geographische Faktoren, insofern

sich einige Formen der menschlichen Erfahrung aus den Bedingungen der

Umwelt ergaben. Daher ist, historisch gesehen, die Politik eng an

das wirtschaftliche Leben, an Religion, Rassenzugehörigkeit oder

ethnische Identität, geographische Faktoren, Kunst oder Wissenschaft

gebunden.

Die der menschlichen Praxis zugrundeliegende Struktur, die das

Bedürfnis nach Schriftlichkeit und Schriftkultur bestimmte,

determinierte auch das Bedürfnis nach den angemessenen Ausdrucks-,

Kommunikations- und Bedeutungsmitteln. Dies zeigt sich in der

Politik noch deutlicher, da sie in einen auf Schriftlichkeit

basierenden Rahmen eingebettet ist. Folglich sollten sich, sobald

sich bestimmte pragmatische Umstände verändern, auch Wesen, Mittel

und Ziele der Politik verändern.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 61 / 81 题