Die Emanzipation

Die Mehrzahl der heute benutzten Gegenstände entstand entweder im

Zuge der Designrevolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder als

Folge der Bemühungen, alltägliche Gebrauchsgegenstände im Hinblick

auf ihren Gebrauch in einem neuen praktischen Umfeld neu zu entwerfen.

Vom Telefon zum Fernsehgerät, vom Auto zum Flugzeug und

Hubschrauber, vom Bleistift zum Füllfederhalter und

Einwegkugelschreiber, von der Schreibmaschine zum

Textverarbeitungssystem, von der Registrierkasse zum Scanner, vom

Herd zur Mikrowelle--die Liste kann unendlich fortgesetzt

werden--wurde eine neue Welt entworfen und produziert. Und die

nächste Welt steht schon vor der Tür, eine Welt mit Robotern,

sprachgesteuerten Maschinen und vernetzten Expertensystemen, die

entweder wir benutzen werden oder die auf die ein oder andere Weise

uns benutzen. Kohle-, öl- oder gasbetriebene Dampf- und

Kraftmaschinen werden durch kompakte, elektrische oder

elektromagnetische Hochleistungsmotoren ersetzt, die integrierter

Bestandteil der jeweiligen Maschinen sind und die von komplexen

elektronischen Kontrollsystemen überwacht werden.

Es gibt kaum etwas aus dem Zeitalter der Schriftkultur, was nicht

durch leistungsfähigere Alternativen ersetzt und vollkommen anders

strukturiert sein wird. Wie steht es um die Technologie der

Schriftkultur? Man kann hier den alten Werbeslogan wiederholen: "Die

Schreibmaschine ist für den Füller, was die Nähmaschine (erinnern Sie

sich noch an die pedalgetriebene Nähmaschine?) für die Nadel ist.”

Remington produzierte in den siebziger Jahren des vergangenen

Jahrhunderts die wunderschöne Schreibmaschine Scholes and Glidden.

Man konnte kaum sagen, ob dieses mit bunten, handgearbeiteten Blumen

schmuckvoll verzierte Stück in ein Büro oder in ein viktorianisches

Arbeitszimmer gehörte. Jetzt ist sie ein Museumsstück. Vergleichen

wir sie mit einem heutigen Textverarbeitungssystem: Die äußere Schale

mag den zwei- bis dreijährigen Erneuerungszyklus von Hardware

überdauern. Die Leistungsfähigkeit des Chips wird sich nach dem

Mooreschen Gesetz alle 18 Monate verdoppeln. Die Software, Herz und

Kopf der Maschine, wird ständig verbessert. Sie bietet heutzutage

ein Rechtschreibprogramm, enthält Wörterbücher, korrigiert die Syntax

und schlägt stilistische Veränderungen vor. Bald wird sie Diktate

aufnehmen. Dann wird sie wahrscheinlich überholt sein; erstens, weil

der Computer in ein Netzwerk integriert und nach Gebrauch aufgerufen

wird, und zweitens, weil die schriftliche Nachricht für den neuen

Kontext nicht mehr angemessen ist. Diejenigen, die diese etwas

simple Vorhersage bezweifeln, mögen sich einige andere Fragen stellen:

Wo ist das dekorative Tintenfaß, wo sind die wunderschönen Muster

von Fabergé und Tiffany? Wo sind die Füllfederhalter, die Gestetner

Maschinen? Wo das Kohlepapier? Wurden sie ersetzt durch tragbare

Diktiergeräte oder Taschencomputer, durch kleine Miniaturgeräte, in

die ein schnurloses Telefon integriert ist? Wurden sie ersetzt durch

den Computer, Internet-Browser und das digitale Fernsehen? Von

Edward Bulwer-Lytton ist der Satz überliefert: "Die Feder ist

mächtiger als das Schwert.” Sie wurden zu Museumsstücken. Der

Einwegkugelschreiber wurde symptomatisch für eine Gesellschaft, die

nicht nur den Kugelschreiber wegwirft, sondern auch die Schrift.

Die Emanzipation des Designs tritt zunächst auf der strukturellen

Ebene auf. Man kann einen Brief, ein Manuskript oder einen

Geschäftsplan mit einem Bleistift schreiben, aber es ist etwas ganz

anderes, dazu eine Schreibmaschine, ein Textverarbeitungsprogramm

oder das Internet zu benutzen. Die kognitiven Vorgänge dieser

Tätigkeit--die im Kopf ablaufenden Prozesse--führen zu einem jeweils

anderen Ergebnis. Es gibt kein passives Medium. In jedem Medium

sind Erwartungshaltungen und Interaktionsmuster gespeichert. Je

interaktiver ein Vorgang ist, desto stärker verändert sich der Akt

des Schreibens an sich. Es gibt Nachrichten, die an eine große

Gruppe von Adressaten gerichtet sind. Zum Beispiel der Mullah, der

vom Turm eines Minaretts das Abendgebet spricht; ein Priester, der

seine Gemeinde anspricht, ein Staatspräsident in einer

Fernsehansprache oder ein Spammer, der Werbemüll im Internet

versendet, der Nachrichten an Millionen von e-mail Adressen schickt.

Jede dieser kommunikativen Handlungen geschieht innerhalb eines

kontextuellen Rahmens, der die Parameter für ein Vorverständnis setzt.

Dem Großteil der Menschen sagt das Wort Spammer gar nichts. Selbst

heute haben 50% der Weltbevölkerung niemals ein Telefon benutzt. Und

auch bei 50 Millionen Menschen im Internet bleibt das Netizenship

eher eine Vision. Design als semiotische, integrative, praktische

Erfahrung ist eine Frage von Kommunikation und Kontext.

Erst Design schuf die Möglichkeit, eine Nachricht so zu verändern,

daß sie nicht eine anonyme Gruppe anspricht (die Gläubigen, die sich

versammelt haben, oder die Mitglieder einer Gesellschaft, die an den

ihr Leben beeinflussenden politischen Entscheidungen interessiert

sind), sondern jedes einzelne Individuum, und dies in einer Form, die

das Interesse am jeweiligen Zustand des Individuums und den Respekt

für seinen Beitrag innerhalb eines Systems mit geteilten Aufgaben

widerspiegelt. Die Semiotik von Gruppen- oder Massenkommunikation

ist grundverschieden von der Semiotik des Pointcasting. In

technologischer Hinsicht besitzen wir bereits die nötigen

Voraussetzungen für diese individualisierte Kommunikation. Sie

findet aber nicht statt aufgrund der impliziten, auf der

Schriftkultur basierenden Erwartungen hinsichtlich der Funktionsweise

von Kirche, Staat, Bildung, Handel und anderen Institutionen. Die

Praxis des Designs fordert uns auf, die zentrale Position eines

Verfassers zu überdenken. Im Modell der Schriftkultur erfolgt die

Kommunikation in einem Verhältnis eins : viele. Dieses Modell geht

von einer Hierarchie innerhalb einer Sequenz von Interaktionen aus

(ein Wort wird geäußert, der Zuhörer versteht, reagiert, usw.). In

der industriellen Praxis hat dieses Modell funktioniert. Durch das

Medium des Fernsehens perfektioniert, erlangte es Globalität. Aber

Skala ist nicht eine Frage von Zahlen. Wichtiger sind Interaktivität,

Intensität, effiziente Befriedigung individueller Bedürfnisse und

Erwartungen. Effizienz bedeutet nicht mehr, wie viele Personen sich

am Ende des Kommunikationskanals befinden, sondern wie viele Kanäle

nötig sind, um wirklich jeden effektiv zu erreichen. Ein neues

Design kann die Kommunikationsstruktur verändern und

partizipatorische Elemente einbringen. Anhänger der Schriftkultur

verbinden mit dieser Alternative die Form eines computergeschriebenen

Briefs, der mit einer Adressenliste in einer Datenbank verknüpft wird.

Für diejenigen, die umzudenken und ihre Ziele neu zu formulieren

bereit sind, heißt Effektivität jedoch mehr, nämlich die Überwindung

der Schriftstruktur.

Die erste Herausforderung liegt darin, die Sprache der Individuen zu

kennen, auf ihre spezifischen Merkmale (kognitiv, emotional,

physisch) zu reagieren und sie persönlich anzusprechen. Das führt zu

individualisierten Nachrichten, die gleichzeitig viele Menschen

erreichen, die an ähnlichen Themen interessiert sind (Umwelt, Bildung,

Familie). Darüber hinaus wird es möglich, daß mehrere Menschen

gleichzeitig an dem selben Text schreiben, oder der Text einer Person

von einer zweiten durch ein Bild ergänzt oder mit Animationen,

gesprochenen Worten oder Musik gekoppelt wird. Bei diesen Formen des

Designs werden Hierarchien abgeschafft, was gleichzeitig zu neuer

Interaktivität ermuntert. Ein Design, das solche Muster menschlicher

Erfahrung anstrebt, muß sich von den Begrenzungen der Sequentialität

befreien. Ein solches Design kann sich nicht mehr dem dualistischen

Denken von Gut und Böse usw. unterwerfen, wie sie oft in Bezug auf

die Form auftritt (Typographie, Layout, Kohärenz). Statt dessen

orientiert es sich an Urteilskoordinaten, die von "weniger

angemessen" bis zu "besonders angemessen" reichen. Nicht mehr in

Stein, Holz oder Metall gemeißelt und gegossen, sondern in einen

weichen Mantel gehüllt (als Software oder als variable,

selbstregulierende Regelmenge), kann das Design sich verbessern, sich

verändern und seine optimale Form erreichen durch die vielen Beiträge

derjenigen, die ihre Identität in der Interaktion mit dem Design

finden. Der Benutzer kann nach Belieben das Design vollenden, indem

er innerhalb bestimmter gesetzter Grenzen, Form, Farbe, Material,

Oberflächenbeschaffenheit und sogar die Funktion des Gegenstandes

modifiziert.

Die Kenntnis der Sprache der adressierten Individuen ist noch

tiefgreifender. Die Sprache des Individuums zu kennen, bedeutet, die

darin verkörperte Erfahrung zu kennen. Folglich operiert das neue

Design nicht mehr nur auf der semantischen oder syntaktischen Ebene,

sondern ist pragmatisch orientiert. Jedes Individuum zu erreichen,

bedeutet, einen Kontext für eine praktische Erfahrung erst zu

schaffen: das Lernen, die Teilhabe an politischen Entscheidungen, das

Kunstschaffen, und vieles mehr. Aber man sollte realistisch bleiben,

auch wenn wir hier gerne Optimismus verbreiten würden. Die üblichste

praktische Erfahrung besteht darin, an der Verteilung des in diesem

neuen Effizienzrahmen gewonnenen Wohlstands teilzuhaben. So

entmutigend dies klingen mag, letztlich ist der Konsum, als extrem

individualisierte Tätigkeit, die vielversprechendste Möglichkeit des

effektiven Pointcasting. Die Fragen, die von Visionären, Innovatoren

und Risikokapitalisten, die alle auf das Internet setzen, heute

gestellt werden, legen diese Schlußfolgerung nicht immer nahe.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 57 / 81 题