Die Zukunft zeichnen

Zeichnen beginnt mit dem Sehen und führt zu einer Art von Wahrnehmung,

einem Verständnis von Welt, das sich von dem durch Sprache

gefilterten Weltverständnis unterscheidet. Aus kognitiver Sicht

impliziert Zeichnen, daß derjenige, der seine Identität durch den Akt

des Zeichnens setzt, das Innere und Äußere des Gezeichneten kennt.

Zeichnen setzt voraus, daß Dinge von innen heraus wachsen und sich zu

einem aktiven Ganzen formen. Sichtbare und unsichtbare Teile wirken

in einer Zeichnung zusammen, Oberfläche und Umfang wirken ineinander,

Lücken und Ausfüllungen ergänzen sich im dynamischen visuellen

Ausdruck. Jede Linie einer Zeichnung ergibt erst in ihrer Beziehung

zu einer anderen Linie Sinn. Im Gegensatz zu Wörtern und Sätzen

ergibt sich das Verstehen der einzelnen Elemente erst im Bild selbst.

Visuelle Darstellung erreicht im Gegensatz zum sprachlichen Ausdruck

ihre Kohärenz erst als konfigurales Ganzes. Man kann das Wort Tisch

schreiben, ohne das bezeichnete Objekt zu kennen. Um einen alten

Tisch zu zeichnen oder einen neuen Tisch zu entwerfen, muß ich einen

Tisch und seine Funktion indes gut kennen. Etwas zu entwerfen oder

zu gestalten bedeutet, sich in einer Sprache auszudrücken, die das

Machen beinhaltet. Desweiteren impliziert es das Wissen darum, daß

mit dem vorgestellten Objekt bestimmte praktische Erwartungen

verbunden sind. Folglich bedeutet das Design eines Tisches, daß ich

seine Funktionen praktisch erfahre, bevor ich ihn konkret entwerfe.

Entwerfen ist also eine virtuelle praktische Erfahrung im Grenzgebiet

zwischen dem, was ist, und dem, was die neuen Erfahrungen der

Selbstkonstituierung verlangen.

Im Akt des Designs projiziert der Mensch seine biologischen und

kulturellen Merkmale in das hinein, was er entwirft. Das entspricht

der Tatsache, daß Design aus praktischen Erfahrungen hervorgegangen

ist und das Mögliche um das Wünschenswerte erweitert. Der Begriff

Funktionalität bringt das zum Ausdruck, wenn auch nur teilweise. Mit

der Entstehung bestimmter in der Schriftkultur verankerter

Bedingungen--Ziel- und Absichtserklärungen, Beschreibung vorhandener

Mittel, Bewertungsverfahren--trafen Bild und schriftliche Entwürfe

zusammen. Die Schriftkultur bewirkte Veränderungen im Bereich des

Designs. Diese äußerten sich in allgemeinen Erwartungen von

Dauerhaftigkeit, Allgemeingültigkeit, Dualismus, Zentralismus und

Hierarchie. Internationaler Stil--ein Ausdruck, der weit über eine

bloße Stilbezeichnung hinausgeht--spiegelt die durch die

Schriftkultur gestellten Erwartungen an das Design wider.

Ist Zeichnen natürlich? Diese Frage ergibt nur mit der dazugehörigen

Frage einen Sinn: Ist Schriftkultur unnatürlich oder künstlich?

Alles bisher über das Zeichnen Gesagte impliziert, daß es keinesfalls

natürlich ist, obwohl es dem Abgebildeten näher ist als die Abbildung

durch Worte. Außer im metaphorischen Sinn, kann man keine

Abstraktion einer Zeichnung zeichnen, wenngleich wir von abstrakter

Malerei sprechen. Durch das Zeichnen definiert sich der Mensch als

jemand, der in der Lage ist zu sehen, zu verstehen (zum Beispiel die

unsichtbaren Teile eines Gegenstands, den Einfluß von Licht, wie

Farbe oder Material etwas runder oder heller erscheinen lassen), den

praktischen Kontext eines Gegenstands als entscheidend für die

Bedeutung, sowohl des Gegenstandes--real oder imaginär--, als auch

der Zeichnung anzusehen. Unterschiedliche Kontexte ermöglichen

unterschiedliche Arten des Zeichnens. Kontextlos ähnelt das Zeichnen

dem Babbeln eines Kindes, ist es ein fragmentarischer,

unvollständiger Ausdruck. Vitruvius zeichnete ganz anders als viele

spätere Architekten. Kritiker, die ihn mit Le Corbusier und seinen

architektonischen Werken, mit den Architekten des

Post-Strukturalismus und mit den Dekonstruktivisten und den

dekonstruktivistischen Designern verglichen, kritisierten deren

Zeichnungen als häßlich, schlecht oder unangemessen. Hier ist

Zeichnen kein Wurmfortsatz der Kunst mehr. Es klagt seine eigene

Rechtfertigung ein.

Wenn wir die praktischen Zusammenhänge und die großen Veränderungen

im Bereich des Designs, das ursprünglich von Sprache geprägt

wurde--Vitruvius schrieb ein monumentales Werk über die

Architektur--außer acht lassen, ist diese Aussage richtig. Aber wir

haben es hier mit einem Entwicklungsprozeß zu tun: von einem Design,

das von der in Vitruvius’ Werk ausgedrückten Lebenspraxis geprägt ist,

über ein Design, das der Schriftkultur unterworfen war, bis hin zu

einem Design, das um seine Emanzipation als eine neue Sprache ringt;

mit einer kritischen Komponente und einem konstruktiven Impuls, der

die Welt verändern möchte.

Design hat viele formale Erfordernisse aus solchen praktischen

Erfahrungen übernommen, die der Schriftkultur unterworfen waren.

Aber es gibt auch einen grundlegenden Konflikt zwischen Design und

Sprache, und mehr noch zwischen Design und Schriftkultur. Dieser

Konflikt wurde innerhalb des Designbereichs nie gelöst. Die

Schriftkultur hat der Bildung ihre formativen Strukturen aufgedrängt,

daraus resultierte eine geisteswissenschaftliche Kunsterziehung. Es

versteht sich von selbst, daß Designer, professionelle und angehende,

die Annahme, daß ihr Handwerk auf das Podest der ewigen Werte der

Schriftkultur gehoben werden müsse, stets abgelehnt haben. Statt

dazu angehalten zu werden, in konkreten Zusammenhängen die

Notwendigkeit schriftkultureller Werte aufzuspüren, werden das Design

und die Designausbildung dem traditionellen Mischmasch aus Geschichte,

Sprache, Philosophie, einer Prise Naturwissenschaft und vielen

sonstigen Wahlmöglichkeiten beigepackt. Eine eigene Theorie, allein

das Suchen nach einer solchen, wird als frivol verworfen. Und all

das, was man nur als Intuition bezeichnen kann, wird systematisch

wegerklärt, anstatt gefördert zu werden.

Vom Standpunkt der Bildung aus betrachtet, kann man die künstliche

Beibehaltung eines auf der Schriftkultur basierenden

Ausbildungsprogrammes für Design rechtfertigen, aber der allgemeinere

Rahmen unserer praktischen Erfahrungen hat die Veränderungen, die das

Design seit seiner Entstehung als Berufsfeld bewirkt hat, längst

anerkannt. Der Konflikt zwischen Ausbildung und Anstellung hat dazu

geführt, daß man das Design von Einengungen zu befreien versuchte,

die sich nachhaltig auf sein Wesen auswirkten: Wie können wir uns von

den mechanischen Komponenten des Designs (paste-up, rendering,

Modellierung) lösen? Diese Ansätze kamen von außen und waren von der

allgemeinen Dynamik angeregt, die die Veränderung von der Pragmatik

der Schriftkultur zur Pragmatik jenseits der Schriftkultur bewirkte.

Diese Veränderung hatte auch neue Design-Werkzeuge zur Folge, die dem

Designer neue Ausdrucksmöglichkeiten öffneten: Animation,

Interaktivität und Simulation. Der Designer sah sich ermutigt,

innerhalb seines Gebietes neue Wege zu suchen, die verschiedenen

Möglichkeiten seiner Tätigkeit auszuloten und seine Erkenntnisse in

neuen Gestaltungsformen auszudrücken. Der PC und verschiedene

Techniken zur schnellen Erstellung von Prototypen brachten Design und

Ausführung näher zusammen. Auch wurden neue Vermittlungsebenen in

den Designablauf eingebaut.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 56 / 81 题