Ein Gespür für Design

Im Englischen heißt to design wörtlich "mit Zeichen (sign) umgehen".

Design, Gestalten und Entwerfen, heißt also einerseits, mit Hilfe von

Zeichen Gedanken, Gefühle und kommunikative Absichten auszudrücken,

und andererseits, seine eigene Persönlichkeit in Gegenstände

einzubringen, die für die praktischen Erfahrungen des Menschen eine

Rolle spielen. Die unmittelbare praktische Erfahrung kannte keine

Gestaltung, kein Design. Die Verwendung von Zeichen ermöglicht es

uns, die Gegenwart auf die Zukunft hin zu transzendieren. In der

Natur bedeutet Zukunft Befruchtung. In der Kultur bedeutet Zukunft

Bezeichnung, etwas in Zeichen bringen, d. h. etwas durch Zeichen

ausdrücken, etwas entwerfen. Im weitesten Sinn ist das Gestalten und

Entwerfen die Selbstbestimmung des Menschen, als jemand, der

Veränderung bewirkt. Diese verändernden Eingriffe betreffen die

Umwelt und unsere Wahrnehmung von Dingen (Werkzeuge eingeschlossen),

von Häusern, Kleidung, Bräuchen, religiösen Zeremonien,

Veranstaltungen, Nachrichten, Interpretationszusammenhängen,

Interaktionen und in jüngster Zeit auch von ganz neuen Stoffen und

virtuellen Realitäten. Shakespeare hätte am Eifer, mit dem unsere

Zeit Design betreibt, seine Freude gehabt. Er beschreibt Design

folgendermaßen: "...Und wie die schwangre Phantasie Gebilde / Von

unbekannten Dingen ausgebiert” (Ein Sommernachtstraum). Obwohl

Gestalten und Entwerfen sprachliche Elemente aufweisen, sind sie

dennoch im Grundsatz nichtsprachlich. Die wesentlichen Ausdrucks-

und Kommunikationsmittel sind visueller Art. Diese können

unterstützt werden durch andere Mittel, wie Ton, Textur, Geschmack

und Geruch und deren Kombination (Synästhesie), Rhythmus, Farbe und

Bewegung.

Die Natur bietet sich dem Menschen, der seine Identität durch

praktische Erfahrungen schafft, als etwas Gegebenes dar. In

Abgrenzung dazu erscheint die Natur des Menschen in der Retrospektive

als etwas Gestaltetes. In einigen Fällen bedeutet Gestalten

Selektieren. Man nimmt etwas aus seiner gewohnten Umgebung

heraus--einen Stock, einen Stein, eine Pflanze--und gibt ihm eine

neue, un-natürliche Funktion, indem man es in etwas anderes einfügt,

sei es zur Markierung von Land, zur Arbeitserleichterung, zum Stützen

eines Körperteils, zum Fallenstellen, für Angriff und Verteidigung

oder zum Färben von Kleidung oder Haut. Manchmal folgt dem Akt der

Selektion eine Form der Rahmensetzung, so wie der Rahmen bei einem

Tanzritual um den Totempfahl, bei einem Tieropfer, bei

Trauerzeremonien oder Sieges- und Fruchtbarkeitsfeiern. Selektion

und Rahmensetzung hängen mit Effizienzerwartungen zusammen. Sie

symbolisieren die Hoffnung auf Hilfe von magischen Kräften und

drücken die Bereitschaft aus, für ein Individuum, für die Familie

oder für die Gemeinschaft einzutreten. Dies ist bereits bei den

ersten Versuchen einer pragmatischen Rahmensetzung sichtbar. Eines

der wiederkehrenden Muster beim Gestalten und Entwerfen ist, die

formalen Merkmale, die in der Natur als schön empfunden werden,

nachzuahmen und diese dann in eine optimale Form in der Zukunft zu

integrieren. Auf diese Weise fließt die ästhetische Dimension des

menschlichen Alltags in die Tätigkeit des Entwerfens und Gestaltens

ein.

Notationssysteme (z. B. quipu, zeichnerische Abbildungen auf Stein

oder auf dem Boden, oder Hieroglyphen), die sich später zu einer

Schrift entwickelten, können als Design bezeichnet werden, nicht

zuletzt wegen ihrer ästhetischen Kohärenz. Erst wenn sprachlich

definierte Regeln und Erwartungen an die Stelle des Zeichensystems

treten, löst sich Schrift vom Design und wird Teil der

Spracherfahrung. So erklärt sich, daß Veränderungen in der Sprache,

die einen Rahmen für die Erfahrung von Zeit und Raum bildet, nicht

unbedingt auch Veränderungen im Bereich des Designs mit sich bringen.

Als sich die Schriftkultur herausbildete, war die ihr zugrunde

liegende Struktur in dem Gebrauch der Sprache eingebunden. Dies gilt

nicht in gleichem Maß für die Praxis des Designs. An diesem Punkt

etabliert sich Design als eigenständige praktische Disziplin mit

eigener Dynamik und eigenen Zielen. Es ist kein Zufall, daß das

technische Design als eine praktische Notwendigkeit im Zuge des Baus

von Pyramiden, Zikkurats und Tempeln entstand und seinen Höhepunkt

während der Industriellen Revolution im Entwurf und Gestalten von

Maschinen fand. Die Prämisse des Industriezeitalters ist: Alles ist

eine mechanische Maschine: Das Haus, die Kutsche, Öfen, die im

Unterricht verwendeten Geräte, Schulen, Universitäten, Ateliers,

sogar die Natur.

In der Industriegesellschaft war Designtätigkeit eine relativ

begrenzte und homogene praktische Tätigkeit. Jenseits der

Schriftkultur jedoch gewann sie eine umfassende Bedeutung, die sich

auf viele spezialisierte Anwendungsbereiche auswirkte: Werkzeugdesign,

Modedesign, Textildesign, Produktdesign, Graphikdesign, die vielen

Teilgebiete des technischen Designs (einschließlich des

computergestützten Designs), interaktive Medien und virtuelle

Realitäten, Gentechnik, neue Werkstoffe, event design (in

verschiedenen Bereichen, z. B. Politik), Netzwerkdesign und

Bildungsdesign. Einfache und komplexe Technologien, die visuelle

Sprache hervorbringen, schaffen komplexe Zusammenhänge, für die der

intuitive Gebrauch visueller Ausdrucksmöglichkeiten nicht mehr

effektiv genug ist. Folglich änderte sich die Bandbreite

designorientierter praktischer Erfahrungen. Design erlaubt heute

umfassendere, integrative Projekte auf höheren Synästhesieebenen und

gleichzeitig Formen variablen Designs, eines Designs, das mit dem

Menschen wächst, der sich in der Interaktionen mit einer durch Design

gestalteten Welt konstituiert.

In seiner digitalen Arbeitswelt hat das Design mehr als jede andere

praktische Erfahrung die Schriftkultur ersetzt. Die Ergebnisse des

Designs unterscheiden sich dem Wesen nach von denen, zu denen die

Schriftkultur führt.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 55 / 81 题