Viele von uns erinnern sich vielleicht noch an die Probleme, die
Alice in Lewis Carrolls Through the Looking Glass mit der Sprache hat,
vor allem mit den vielfältigen Bedeutungen, die einzelne Wörter
annehmen können. Wenn wir vor diesem Hintergrund die großen
philosophischen Werke von Platon über Leibniz, Kant und Hegel bis zu
Peirce und anderen Revue passieren lassen, sehen wir Alices Kummer in
einem anderen Licht. Abgesehen von Wittgenstein hat wohl kaum jemand
Anstoß an der menschlichen Fähigkeit genommen, einzelnen Wörtern
soviel unterschiedliche Bedeutung zukommen zu lassen.
Wenn wir uns heute fragen, was die Welt nachhaltig verändern, was sie
"bewegen" könnte, würden wir die Antwort auf diese Frage vermutlich
in einem neuen Zeichensystem sehen. Das von Peirce entwickelte
kognitive Modell des diagrammatischen Denkens ist hierfür ein gutes
Beispiel. Weitere Bereiche, in denen solche Zeichensysteme
entwickelt wurden, sind Kybernetik, Biogenetik, computergestütztes
Rechnen, die Erforschung der künstlichen Intelligenz und des
künstlichen Lebens sowie politische, soziale, ästhetische und
religiöse Begriffe. Sie alle haben neue Formen der menschlichen
Selbstkonstituierung erleichtert, die nun gemeinsam zum
widersprüchlichen Bild der heutigen Welt beitragen. Alle diese
Sprachen veranschaulichen den für unsere heutige Zeit grundlegenden
Prozeß der zunehmenden und fortschreitenden Vermittlung, der
Auffächerung in zahllose Spezialsprachen und der Veränderung im
Status und im Wertesystem des Schriftkulturideals. Sie verleihen der
Philosophie ihr wissenschaftliches Gewand. Klarheit (die nur schwer
in der natürlichen Sprache zu erreichen ist), Evidenz und Sicherheit
scheinen in der Wissenschaftssprache selbstverständlich. Hinzu
kommen Objektivität und die seit jeher verführerische Wahrheit, mit
der sich die Philosophie immer schwer getan hat, zumindest als
annäherbare Größe.
Für die permanente Entfaltung des philosophischen Diskurses gibt es
einen inneren Grund: Die Menschen, die Philosophie betreiben,
verändern sich in dem Maße, wie sich die Welt verändert, in der sie
leben. Menschliches Denken ist Teil dieser Welt; die Fähigkeit und
der Drang, über neue Fragen nachzudenken, neue Antworten zu suchen
sowie der Zweifel an unserer Fähigkeit, jemals die richtige Antwort
zu finden, ist ein wesentlicher Teil dessen, was den Menschen
auszeichnet. Wir sollten uns vor Augen führen, daß die erhöhte
Vermittlung auch für die Philosophie Folgen mit sich bringt.
Vermittlung bedeutet einerseits ein hohes Maß an Integration dessen,
was die menschliche Praxis hervorbringt, und andererseits ein nicht
weniger hohes Maß an Unabhängigkeit, das das Subjekt gegenüber dem
Gegenstand der Arbeit oder des Nachdenkens gewinnt. Es leuchtet wohl
ein, daß die Wissenschaft immer mehr Wissen über einen immer
begrenzteren Bereich von Gegenständen erlangt; dieser Umstand steht
aber im Widerspruch zu der Vorstellung von Philosophie, die sich in
der Sprache herausgebildet hat und die im Ideal der Schriftkultur
verkörpert ist. Gemäß dieser metaphorisch definierten Vertiefung des
Wissens gewinnen die Philosophen untereinander an Unabhängigkeit,
werden aber aufgrund der notwendigen Verknüpfung dieses Wissens
stärker als je zuvor in einen Forschungsverbund eingebunden. Was
diese paradoxe Situation im einzelnen bedeutet, ist nicht leicht
darzulegen. Allgemein zeichnen sich zwei qualitativ gegensätzliche
Richtungen ab:
1. die Konzentration auf einen präzise bezeichneten Bereich des
Wissens oder Handelns, um diesen genau verstehen und kontrollieren zu
können;
2. ein abnehmendes Interesse am Ganzen, das sich nicht zuletzt aus
der Annahme ergibt, daß die Teile letztendlich durch die
gesellschaftlichen Integrationsmechanismen des Marktes nolens volens
wieder vereint werden.
Wir haben heute eine ganze Reihe von philosophischen
Einzeldisziplinen, Rechtsphilosophie, Ethik, Wissenschaftsphilosophie,
Sport, Erholung, Feminismus, Ökologie, Afrozentrismus--aber keine
allumfassende Existenzphilosophie mehr.
Die wissenschaftliche Einkleidung der Philosophie trägt zu deren
Bemühen bei, eine neue Legitimität zu gewinnen. Sie arbeitet mit
Begriffen und Methoden, die an Rationalität orientiert sind, und
entfaltet sich in Naturwissenschaft und Technologie. Durkheim hat
das Phänomen der Arbeitsteilung mit Hilfe von Darwins Modell der
natürlichen Auslese erklärt. Heute versuchen die Philosophen, die
sich als Memetiker verstehen, Darwins Prinzipien an Rechnern zu
simulieren, um daran das Überleben und die Fortentwicklung von Ideen
zu beobachten. Spencer war davon überzeugt, daß die Zunahme an
produktiver Arbeitskraft das Glück des Menschen vermehren würde.
Heute versuchen Philosophen, die Relation zwischen Befriedigung in
der Arbeit und Persönlichkeit im Diagramm zu erfassen. Wieder andere
verhelfen Comtes Positivismus zu neuem Leben, entwickeln utopische
Systeme aus vergangenen Zeiten weiter oder ersinnen eine
Berechnungsmethode für intellektuelles Wohlergehen. Einem
Philosophen, der die traditionellen Grenzen der Philosophiegeschichte
hinter sich lassen möchte, kann im Prinzip alles zum Gegenstand des
philosophischen Hinterfragens werden.
Wann immer neue Bewegungen, von denen einige mehr, andere weniger
gerechtfertigt waren und die allesamt die Verlagerung von einer auf
Autorität gründenden Schriftkultur hin zur grenzenlosen Wahlfreiheit
in einem schriftkulturlosen Zusammenhang widerspiegeln, wirksame
Instrumente zur Unterstützung ihrer Programme benötigten, griffen sie
zurück auf die Philosophie oder wurden von der Philosophie ergriffen.
So treffen heute im Namen der Philosophie Säkularismus und
Pluralismus mit vielen anderen Bewegungen zusammen, mit der
Schwulenbewegung, dem Feminismus, Multikulturalismus,
Alternsforschung, neuen Holismen, Populärphilosophie, sexueller
Emanzipation, Virtualität und vielem mehr. Diese Situation läßt den
Drang der philosophischen Bemühungen nach neuer Effizienz erkennen,
zugleich aber auch Anstrengungen, die Beziehungen zur Schriftkultur
beizubehalten. Die enorme Bandbreite der Gegenstände, die heute für
die Philosophie attraktiv zu sein scheinen, obwohl sie sich ganz
offensichtlich nicht zum philosophischen Gegenstand eignen, läßt
berechtigte Zweifel aufkommen. Sofern die Sprache der Philosophie
nicht ohnehin unverständlich ist, scheint sie sich heute damit zu
begnügen, Dinge zu diskutieren, statt Gründe zu hinterfragen oder gar
neue Gedanken oder Erklärungsmodelle zu entwickeln. Billige
Verallgemeinerungen helfen niemandem weiter, und man kann sich des
Eindrucks nicht erwehren, daß die Befreiung der Philosophie von der
Schriftkultur viel weniger produktiv ist als der vergleichbare
Befreiungsprozeß der Naturwissenschaften von der Sprache.
Wenn wir uns im World Wide Web die Bereiche näher anschauen, die der
Philosophie gewidmet sind, wird dieser Eindruck nachdrücklich
bestätigt. Insgesamt scheint es so, als habe die Philosophie dieses
neue Medium als Alternative zum traditionellen philosophischen
Diskurs noch nicht akzeptiert. Nicht zuletzt deshalb setzt sich wohl
die Meinung durch, daß die Naturwissenschaftler selbst die besten
philosophischen Überlegungen zu ihren eigenen Beiträgen zu bieten
haben.
Wer braucht Philosophie und wozu?
Brauchen wir heute noch Philosophie? Ist sie ohne die sprachliche
Vermittlung zwischen den Philosophen und ihrem Publikum überhaupt
noch möglich? Können wir ohne sie leben? Kann sie im Zeitalter
hochgradiger Spezialisierung noch als vermittelnde Instanz zwischen
den Menschen wirken? Kann sie je noch als Selbstbewußtsein der
Menschheit fungieren, wie es sich in Hegels Philosophie ausdrückt?
Und worin könnte ihre Aufgabe liegen, wenn sie tatsächlich in den
Naturwissenschaften aufginge, Teil des naturwissenschaftlichen
Fachdiskurses würde?
Ich tendiere dazu, der Philosophie ebenso wie der Schriftkultur trotz
der veränderten Situation und Bedeutung der Sprache auch weiterhin
Möglichkeiten und Relevanz einzuräumen. Ihre Funktionen müssen im
pragmatischen Zusammenhang noch definiert werden--als
Vermittlungsinstanz, als Selbstbewußtsein der Menschheit, als
deutender Diskurs über die Menschheit und die Natur. Wir müssen
nicht noch einmal im einzelnen wiederholen, daß die Philosophie in
den verschiedenen Skalen der Menschheit unterschiedliche Interessen
verfolgt hat, die sich aus den jeweiligen Effizienzerwartungen
ergeben hatten. Noch nie hat uns die Philosophie Brot auf den Tisch
gestellt oder Werkzeuge an die Hand gegeben. Ihre Fertigkeit bestand
darin, Fragen zu formulieren, vor allem die entscheidenden
Fragen--"Was ist was?" und "Warum?"; mit diesen Fragen hat sie nach
den Ursprüngen der Dinge geforscht. Indem sie nach den Gründen von
Phänomenen und Handlungen forschte, mit anderen Worten: Indem sie
versuchte, die Welt und die scheinbare Ordnung der Welt zu verstehen,
war sie gleichzeitig Philosophie und Deuter der Wissenschaften.
Daraus entwickelten sich die weiteren entscheidenden Fragen, "Wie
können wir Wissen erlangen?" und "Wie können wir erklären?" Diese
Fragen wurden dann jedoch nicht mehr von den eigentlichen Philosophen,
sondern zwingender von denen weiterverfolgt, die nach
wissenschaftlicher Rationalität suchten.
Keine noch so detaillierte Philosophiegeschichte kann uns eine
ausreichende Definition von Philosophie geben. Der Gegenstand der
Philosophie verändert sich, wie sich die Menschen im Verlauf ihrer
praktischen Selbstkonstituierung verändern. Alle Natur- und
Geisteswissenschaften (Ethik, Ästhetik, Politik, Soziologie und
Rechtswissenschaft) haben sich aus der Philosophie heraus entwickelt.
Selbst unsere Beschäftigung mit der Sprache ist letztendlich
philosophischer Natur. Philosophie ist wohl die einzige wirkliche
Form der Abstraktion. Sie ist nicht am Individuum interessiert, am
Phänomen, am Unmittelbaren, nicht einmal am Gedanken, sondern immer
nur an der Abstraktion derselben. Selbst wenn andere Disziplinen wie
Mathematik, Logik, Linguistik oder Physik sich um die abstrakten
Vorstellungen im Umfeld ihrer Disziplinen bemühen, um ihnen dann im
Zusammenhang ihrer praktischen Erfahrungen Leben zu verleihen, sucht
die Philosophie doch immer wieder die nächsthöhere Abstraktionsebene,
die Abstraktion der Abstraktionen. Die Naturwissenschaft verwendet
Abstraktionen als Instrument, um an das Konkrete heranzukommen; die
Philosophie geht den entgegengesetzten Weg. Sie sucht immer den
nächsten Schritt, den Schritt in das Unendliche. Jedes Ergebnis ist
vorläufig. Philosophisches Experimentieren besteht nicht darin,
systematisch nach Ursachen zu suchen, sondern darin, das Suchen,
Fragen und Nachfragen niemals abbrechen zu lassen. Es gibt keine
richtigen oder falschen philosophischen Theorien. Philosophie ist
ihrem Wesen nach kumulativ und selbstverzehrend.
Die Menschen werden niemals aufhören zu staunen und sich zu fragen,
was ist was?, schon gar nicht, solange ihre Tätigkeit den Bereich der
Dinge, des Seienden ständig erweitert. Sie werden sich immer wieder
fragen, was sie wissen können, mit welcher Gewißheit sie das, was sie
wissen, für wahr oder wenigstens für relevant halten dürfen. Der
Mensch ist gekennzeichnet durch seine Fähigkeit zu denken, Dinge
herzustellen und Werkzeuge zu beherrschen, Werte zu entwickeln und
sich mit anderen Menschen als Lebensgemeinschaft mit gemeinsamen
Anliegen und Ressourcen zu konstituieren, und dies im freien Spiel
seiner Kräfte, Möglichkeiten und Charakteristika (die in solchen
Begriffen wie homo conomicus, zoon semioticon, zoon politikon, homo
ludens gefaßt sind). All diese Bezeichnungen mögen wesentliche
Aspekte der Menschheit benennen. Das einzig wirklich herausragende
Merkmal des Menschen liegt indes darin, daß er denken und alles
hinterfragen kann. So wie die genetische Anlage des Menschen durch
die Sprache gekennzeichnet ist, so ist sie durch Denken und Fragen
gekennzeichnet, die sich vermutlich zuallererst in Sprachmechanismen
äußerten. Wenn ein Kind seine erste Frage stellt, ist seine gesamte
genetische Anlage involviert.
Wir sind, wer und was wir sind, durch unsere fragende Interaktion mit
anderen Menschen. Geist und Verstand existieren nur durch diese
Interaktion. Das bedeutet, daß das Philosophieren Teil der
menschlichen Selbstkonstituierung und Identitätsfindung ist. Der
einzige Gegenstand der Philosophie ist der Mensch mit seiner
Entfaltung in der Lebenspraxis. Zusammen mit anderen fortlebenden
Formen der Bildung und der Schriftkultur wird auch die Philosophie
als eine von vielen anderen fortwirken. Aber jenseits der
Schriftkultur wird die Philosophie wie in allen vorangegangenen
Stadien der Menschheit die Arbeits- und Lebensumstände widerspiegeln,
die für den neuen pragmatischen Rahmen charakteristisch sind. Sie
wird sich auch dem Test der Marktbedürfnisse unterziehen müssen. Die
Wissenschaft kann die hohen Investitionen mit neuen
Erklärungsmodellen rechtfertigen. Auch kann sie neue technologische
Entwicklungen anstoßen. Die Philosophie muß ihre Rechtfertigung
indes auf andere Weise suchen. Die Notwendigkeit ihres Tuns ist nur
schwer faßbar. Da sie nicht wie die schriftkulturelle Bildung,
Religion oder Kunst von der Vergangenheit lebt, muß sie sich neu
besinnen auf die Vernunft als den Bereich menschlicher Tätigkeit.
Wenn sich die Philosophie mit alternativen Formen der Lebenspraxis
auseinandersetzt, kann sie auf sehr praktische Weise den Menschen
helfen, sich einerseits von der Fortschrittsbesessenheit--sofern wir
Fortschritt verstehen als eine Folge sich ständig übertreffender
Rekorde in Produktion, Distribution und Erwartung--und andererseits
von der Furcht vor all den Konsequenzen des Fortschritts zu befreien.
Auch könnte sie die Aufmerksamkeit des Menschen darauf richten,
Alternativen zu all dem zu entwickeln, was die Unversehrtheit der
Gattung und seine Qualitätsansprüche beeinträchtigt, das Verhältnis
des Menschen zur Umwelt mit eingeschlossen. Wenn Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft im allumgreifenden ungebildeten Wahn des
Augenblicks kollabieren, dann ist die Philosophie uns eine Antwort
auf die Frage schuldig, ob es noch eine Zukunft gibt. Aber diese
Zukunft gewinnt Gestalt durch Menschen, die an der offenen Welt der
vernetzten Interaktionen teilhaben. Banalitäten werden als Antworten
auf diese entscheidende Frage mithin nicht genügen.
Kapitel 4: