Die Sprache der Weisheit

Das Nachdenken über den Menschen und seine Beziehungen zur Welt (zur

Natur, Kultur und Gesellschaft) stellt eine bestimmte Form der

philosophischen Erfahrung dar. Sie beinhaltet, sich seiner selbst

und anderer bewußt zu werden; Ähnlichkeiten und Unterschiede zu

erkennen; Veränderungen in unseren Lebensabläufen und

Lebensbedingungen zu erklären und das so gewonnene Verstehen in die

Formulierung neuer Fragestellungen umzusetzen. Die praktischen

Implikationen philosophischer Systeme sind vielfältig. Sie

beeinflussen die wissenschaftliche, moralische, politische,

kulturelle oder sonstwie geartete Form menschlicher Selbstentfaltung

in der Welt. Philosophische Systeme vermehren nicht unbedingt Wissen,

sondern Weisheit. Insofern ist das klassische Modell der

Philosophie als Dachwissenschaft aller Wissenschaften, oder zumindest

als alma mater aller Wissenschaften, noch immer gültig. Im Zentrum

philosophischer Systeme stehen menschliche Werte, nicht Fähigkeiten

oder Fertigkeiten, mit denen man bestimmte, durch eine Rationalität

vorgegebene Ziele erreichen kann. Dennoch ist der Status der

Philosophie durch innere und äußere Faktoren zunehmend in Frage

gestellt. Wenn die Philosophie an Bedeutung verloren hat, dann wohl

nicht zuletzt auch deshalb, weil die Philosophen einerseits mit dem

Anspruch der Allwissenheit auftraten, sich andererseits aber mit den

zentralen Aspekten der menschlichen Vernunft nur wenig beschäftigt

haben.

Die Philosophie besaß schon immer einen gewissen exklusiven Status.

Heute ist aus ihr eine Diskursform geworden, die sich entweder in

furchtbar gestelzter und umständlicher Sprache oder in einer Vielzahl

von spezialisierten Sprachen an einen relativ kleinen Kreis von

Eingeweihten wendet, in aller Regel ihrerseits Philosophen. Die

veränderte Rolle der Philosophie drückt sich auch im gegenwärtigen

Sprachgebrauch aus. Jeder spricht heute von "seiner Philosophie" und

meint damit alles Mögliche--Investitionsstrategien oder Strategien im

Fußball, Drogengebrauch oder Gesundheitsdiäten, Politik, Religion und

vieles andere.

Mißverstandene, aus der Schriftkultur übernommene kulturelle

Bedürfnisse und politische Bequemlichkeit führen dazu, daß die

tradierte Form der Philosophie als Fach an den Universitäten gelehrt

wird ohne Rücksicht darauf, was in diesem Fach gelehrt wird, wer es

lehrt oder welche Mittel er dafür verwendet. In den kommunistischen

Ländern ist Philosophie ein Pflichtfach gewesen, unter dessen

Bezeichnung die herrschende Ideologie vermittelt und gefestigt wurde.

In den liberalen Ländern hat die Philosophie ihren Glanz verloren;

hier ist die philosophische Abstraktion ein eben solches

Schreckgespenst wie der Mangel an Geld. Insofern ist allenthalben

eine philosophische Unbildung zu verzeichnen. Sie ist jedoch nicht

das Ergebnis von abnehmenden Lese- und Schreibfähigkeiten, sondern

einer veränderten Lebenspraxis.

Weder die Spezialisierung der Sprache der Philosophie noch die

Einbindung logisch-mathematischer Formalismen und Operationen haben

der Philosophie oder dem Philosophen das ursprüngliche Prestige

zurückgeben können. Zur Lösung der ihr eigenen, vor allem auf

menschlicher Erfahrung und das Gewissen bezogenen Fragen hat sie kaum

etwas beigetragen. Vielmehr hat sich die Philosophie als

Dachwissenschaft verflüchtigt in eine ganze Zahl von

Einzelphilosophien: analytische, europäische, feministische,

afro-amerikanische, grüne Philosophie usw. Jede dieser

Teilsdisziplinen hat eine eigene Sprache entwickelt und verfolgt

Fragestellungen, die in der Philosophie oder der Politik der

Schriftkultur verwurzelt sind.

Die Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit) der Philosophie ist nach wie

vor festzumachen an der Praxis des Fragens und Antwortens, einer

Praxis, aus der heraus sich die Philosophie ursprünglich entwickelt

hat. Als eine Praxis, die dem menschlichen Wesen im Universum

menschlicher Erfahrung einen Platz zuweist, ist die Philosophie

ebenso relevant wie die praktischen Ergebnisse, die sich aus dieser

Positionierung des Menschen ergeben. Viele wissenschaftliche

Theorien, wie z. B. die Relativitätstheorie in der Physik oder die

Gentheorie in der Biologie, sind in philosophischer Hinsicht genauso

relevant wie in wissenschaftlicher Hinsicht. Andererseits weisen

auch zahlreiche philosophische Theorien eine erhebliche

wissenschaftliche Bedeutung auf: zahlreiche Komponenten im System der

Leibnizschen Philosophie, in Descartes’ Rationalismus oder in Peirces

Pragmatizismus. Sie alle entwickelten sich in einem bestimmten

pragmatischen Erfahrungsrahmen, in dem sich Vernunft zur Geltung

brachte und spezifische Formen der Rationalität in Frage stellte.

Die Philosophie, wie wir sie aus den überlieferten philosophischen

Texten kennen, ist ein Ergebnis jener Erfahrungen, die die Schrift

möglich (wenn auch nicht universell akzeptiert) und später

Schriftkultur notwendig machten. Ihre fundamentalen Oppositionen

entsprechen dabei im großen und ganzen den im Rahmen der Sprache

gefundenen praktischen Erfahrungen: Subjekt/Objekt,

rational/irrational, Materie/Geist, Form/Inhalt,

analytisch/synthetisch, konkret/abstrakt, Wesen/Phänomen. Auch der

traditionelle gnoseologische Ansatz der Philosophie und die auf der

aristotelischen Logik basierende formale Logik weisen eben diese

Sprachstruktur auf. Die grundlegende linguistische Unterscheidung

zwischen Subjekt und Prädikat kennzeichnet zumindest für die

westlichen Kulturkreise diesen Ansatz. Die zur Industriellen

Revolution hinführenden Effizienzerwartungen blieben nicht ohne

Einfluß auf die Lage der Philosophie. An diesem ihrem Wendepunkt

erkannten die Philosophen die praktischen Aspekte ihrer Disziplin.

Marx war davon überzeugt, daß der Mensch mit ihr die Welt verändern

würde. In der Tat hat sich die Welt verändert, aber auf eine ganz

andere Weise, als er und seine Anhänger dies prophezeit hatten. Der

feste Griff der verdinglichten Sprache hatte aus dem Arbeiterparadies

eine geistige Folterkammer gemacht.

Mit den Veränderungen der grundlegenden Strukturen veränderte sich

auch die Philosophie und befreite sich von den Sprachkategorien, die

ihren spekulativen Diskurs geformt hatten. Ungeachtet dieser

Veränderungen hielten Bildungsinstitutionen, Berufsverbände und auch

Fachkonferenzen an den alten, aus den schriftkulturellen Erwartungen

abgeleiteten Zielen und Funktionen fest. Das führte zu heftigen

Abgrenzungsversuchen (zu deren Hauptvertretern Feyerabend und Lakatos

gehören), die einer philosophischen Praxis das Wort redeten, die sich

der relativen Natur ihrer Aussagen bewußt ist.

Die in den Eingangskapiteln dargelegten neuen Formen der Logik und

wissenschaftliches Rechnen in algorithmischer und

nicht-algorithmischer Form befreite die Philosophie von den in der

traditionellen Sprache der Philosophie eingebetteten Dualismen.

Zufriedenstellendere Antworten auf ontologische, gnoseologische,

epistemologische und sogar historische Fragen müssen diese neuen,

kognitiv relevanten Wissensperspektiven erkennen lassen. Mit ihrer

Mathematisierung gewinnt die Philosophie neuen Zugang zur

Wissenschaft und damit eine erhöhte Effizienz. Sie ist logik- und

rechnerorientiert, hat genetische Schemata für die Erklärung von

Variation und Auswahl übernommen und sich um heute geläufige

memetische Methoden bereichert. Nun ist es in der Philosophie zwar

keineswegs ungewöhnlich, daß man auf das Aufwärmen alter Theorien und

Sehweisen verzichtet und sich statt dessen um das Verständnis neuer

pragmatischer Bedürfnisse bemüht. Die Verwissenschaftlichung der

Philosophie konnte sich indes erst durchsetzen, nachdem die Sprache

als einziges gedankliches Medium und die damit verbundene

Vorherrschaft der Schriftkultur überwunden waren.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 53 / 81 题