Die Erforschung des Virtuellen

Virtuelle Realitäten widmen sich nahezu allem, was auch die Künste

beschäftigt: Illusion von Raum, Zeit, Bewegung und Darstellung

menschlicher Gefühle. Wer mit einem solchen System in eine

interaktive Beziehung tritt, wird in das Innere von Bildern,

Geräuschen und Bewegungen hineingezogen. Sie alle sind simuliert,

Animation ist hier die neue Wissenschaftssprache, die im bewegten

Bild angelegt ist. In gewisser Hinsicht wird die virtuelle Realität

zu einem Allzwecksimulator einer variablen Wirklichkeit, sie wird

ermöglicht durch Vermittlungselemente wie Computergraphik, Animation,

digitaler Ton, Positionierungseinheiten und eine ganze Zahl anderer

Elemente. Innerhalb dieser virtuellen Realität stellen sie virtuelle

Gegenstände, Werkzeuge und Handlungsweisen zur Verfügung, die uns

Möglichkeiten unserer Selbstentfaltung und Selbstkonstituierung in

einer Welt des Meta-Wissens eröffnen.

Eine neue Qualitätsdimension spielt in der virtuellen Realität

insofern eine Rolle, als Wissenschaftler um ein kohärentes Bild der

ersten Minuten bei der Entstehung des Universums bemüht sind. Physik,

Genetik, Biophysik, Biochemie, Geologie und alles andere, was in

diesen in vielfältiger Weise vermittelten Forschungen eingebunden ist,

vollzieht hier den letzten Schritt von der Wissenschaft zur

Naturgeschichte und zur philosophischen Ontologie. Die Erklärung

dafür, daß Physiker ein nicht weiter teilbares Proton zur Erklärung

der Materie brauchten, ist nicht eine Frage von Zahlen, Präzision und

Gleichungen, sondern des gesunden Menschenverstands: Wenn Protonen

zerfallen könnten, würden Berge, Ozeane, Sterne und Planeten

zusammenbrechen und--zurück zu Neutronen und Elektronen

verwandelt--würde sich der ursprüngliche Big Bang in gegenteiliger

Richtung wiederholen. Mit den neuen experimentellen Methoden, mit

Teilchenbeschleunigung in der Computersimulation, mit den neuen

radioastronomischen Beobachtungsmöglichkeiten öffnet die virtuelle

Realität neue Formen der Lebenspraxis und ermöglicht vollkommen neue

physikalische Theorien. Ist dies alles in der Sprache zu leisten und

durch Sprache zu evaluieren?

Daß der Effizienzfaktor in dieser Entwicklung eine entscheidende

Rolle spielt, ist offensichtlich. Im Fall der Wissenschaft hat die

allgemeine Effizienzvorstellung verschiedene Komponenten. Eine Form

der Effizienz liegt darin, die Wissenschaft produktiv zu machen. Im

Vergleich etwa zur Effizienz von Hebel, Rolle und Flaschenzug ist die

Effizienz des Elektromotors in einer anderen Größenskala angesiedelt.

Für unsere heute neu entwickelten Instrumente gilt das Gleiche,

allerdings auf sehr viel dramatischere Weise. Die Wissenschaft ist

das aufwendigste und teuerste Unternehmen, das der menschliche Geist

hervorgebracht hat. Ihre derzeitige Entwicklung wird offenbar durch

eine Eigendynamik angetrieben: Wissen um des Wissens willen.

Wissenschaft brachte aber auch Technologie und Technik hervor, die

jegliche menschliche Tätigkeit und Leistung entscheidend beeinflussen.

Die zweite Effizienzkomponente, die zu unserer neuen Lebenspraxis

geführt hat, liegt in der Notwendigkeit begründet, diese neuen

Instrumente, die neuen Energieformen und die neuen Formen

menschlicher Interaktion zu beherrschen und zu kontrollieren. Die

Beherrschung eines mechanischen Werkzeugs ist etwas anderes als die

Beherrschung einer Programmiersprache, mit der eine hochkomplizierte

Technologie und enorme Energiemengen kontrolliert werden. Aber

obwohl diese neuen Formen der multimedialen Vermittlung in unserem

Leben zugenommen haben, wissen wir noch nicht so recht, wie wir damit

umgehen sollen, und noch weniger, wie wir sie in unsere Bildungs- und

Ausbildungsformen und in die immer kürzeren Zyklen der

wissenschaftlichen und technologischen Erneuerung integrieren können.

Die dritte und letzte Effizienzkomponente ist im Bereich der

Erfindung, Entdeckung und Erklärung angesiedelt. Nicht zuletzt unter

dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungen (Staat, Geschäftswelt

und verschiedene Interessengruppen investieren in die Wissenschaft,

um damit bestimmte Ziele zu verfolgen) steht die Wissenschaft unter

hohem Erwartungs- und Leistungsdruck.

Aus der Sicht des Marktes sind diese Erwartungen dann erfüllt, wenn

sich die Investitionen auszahlen. Enorme Summen gehen daher nicht

nur in zukunftsträchtige wissenschaftliche Projekte, sondern als

Risikokapital in Unternehmensneugründungen, die die

wissenschaftlichen Ergebnisse technologisch umsetzen. Innerhalb

dieser ökonomischen Dynamik ist jegliche Form der Abkapselung oder

gar der Geheimnistuerei abwegig. Sofern man versucht,

wissenschaftliche Entwicklungen geheimzuhalten, stößt man bald an die

Grenzen der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit: Interaktivität und

die Zusammenführung unterschiedlichster, weltweit verbreiteter

wissenschaftlicher Aktivitäten, Vernetzung dieser Arbeit,

Arbeitsteilung und vor allem geteilte Ressourcen determinieren

heutzutage den Fortschritt in den Wissenschaften. Insofern ist es

kaum noch verständlich, wie in den USA und in Europa die Bürokratie

der Wissenschaftsverwaltung diese neuen Formen der Wissenschaft und

damit den wissenschaftlichen Fortschritt behindert. Sie stehen noch

immer unter dem schriftkulturellen Einfluß von Nationalstolz,

Sicherheit und ähnlichem und hüten einen Wissenschaftsbetrieb, der

längst passé ist.

Auch der Konflikt zwischen Wissenschaft und Ethik gewinnt eine neue

Dimension. Nicht alle wissenschaftlichen Ergebnisse, die richtig

sind, sind auch gut für die Menschheit. Höhere Effizienz kann sich

für den Menschen und für die Erhaltung des Lebensstandards als

kontraproduktiv erweisen. In vielen Bereichen--zu viele, um sie

anzuführen--ist der Mensch bereits vollständig durch Maschinen

ersetzt. Enorme körperliche oder geistige Anstrengung, Gefahren, die

von Chemikalien, von Strahlung oder anderen widrigen Elementen

ausgehen, können auf diese Weise vermieden werden. Die Entfernung

von Menschen aus Arbeitsprozessen, in denen er sich schließlich

entfaltet und zu seiner Identität gefunden hatte, macht diese

Arbeitsprozesse gewiß auch fragwürdig. Heute reden wir nicht mehr

nur über die genetische Manipulation der Bevölkerung, über die

geistige Manipulation des Menschen, über die Entwicklung

intelligenter Maschinen, die selbst ihre Hersteller beherrschen. Wir

haben diese Möglichkeiten alle verwirklicht oder stehen zumindest

kurz vor ihrer Verwirklichung. Wissenschaft und Technologie, und

noch weniger die Philosophie können diesen in der Entwicklung

zwangsläufig angelegten Konflikt einfach ignorieren. Auch sollten

wir uns der Gefahr bewußt werden, daß wir allzu leichtfertig und aus

begrenztem Blickwinkel heraus zu scheinbar unproblematischen

wissenschaftlichen Lösungen greifen oder daß wir uns von dem Wahn

leiten lassen, grundsätzlich alles zu realisieren, was machbar ist.

Immerhin: Wir könnten bereits unseren Planeten zerstören, tun dies

aber nicht, oder doch zumindest nicht so radikal, wie wir es tun

könnten. Vor allem muß sich die Wissenschaft selbst einer

permanenten Selbstkritik und Selbstbefragung unterziehen. Es ist

daher wohl kein Zufall, daß die Naturwissenschaften nunmehr, jenseits

der Schriftkultur, die Philosophie wiederentdecken oder zumindest

ihrerseits eine Komponente philosophischer Selbstreflexion entwickeln.

Quo vadis, Philosophie?

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 52 / 81 题