Computationale Wissenschaft

Die Sprache ist mehrdeutig, ungenau und in bezug zu den beobachteten

und erklärten Phänomenen nicht neutral. Aus diesem Grund mußte die

Informationswissenschaft Sondersprachen konstruieren, die die

Ambiguität der natürlichen Sprachen vermeiden und die hohe Effizienz

automatischer Verarbeitung ermöglichen. Viele formale Sprachen sind

die neuen wissenschaftlichen Laboratorien, die uns auf das neue

Zeitalter der computerwissenschaftlichen Disziplinen vorbereiten.

Parallel hierzu entwickelten sich neue Formen des wissenschaftlichen

Experiments, die der Komplexität und Dynamik der neuen

wissenschaftlichen Gegenstände und Fragestellungen gerecht werden.

Wir fassen diese neuen Formen unter dem Namen der Simulation

(manchmal auch Modellierung); sie beschäftigen sich nicht mehr mit

dem Verhalten bestimmter, von uns untersuchter Aspekte der Welt,

sondern mit deren Beschreibungen.

Wenn wir die Explosion eines weit entfernten Planeten untersuchen

wollen, brauchen wir Daten über einen Zeitraum, der weit über das

Alter der Menschheit hinausreicht. Statt zu warten (sozusagen bis in

alle Ewigkeit), werden astrophysikalische Phänomene modelliert und

mit Hilfe komplizierter mathematischer Beschreibungsmodelle im

Computer visualisiert. Auch die Radioastronomie beschäftigt sich

längst nicht mehr mit dem Sichtbaren und ist schon gar nicht mit der

Geschichte der Planetennamen belastet. Ihr Gegenstand sind

Planetensysteme, kosmische Physik, Dynamik und die Entstehung des

Universums. Die Geometrie vieldimensionaler (mehr als drei) Räume

hat ebensowenig mit dem Sichtbaren zu tun--mit Landvermessung oder

Hausbau; sie entwickelt theoretische Konstrukte mit einer Praxis des

Denkens, Erklärens und sogar Handelns, die ohne die Verallgemeinerung

von Raumdimensionen nicht denkbar ist. Für all diese

wissenschaftlichen Tätigkeiten werden wissenschaftliche Sprachen

benötigt, die mit unserer natürlichen Sprache wenig zu tun haben und

auch nicht in sie übersetzbar sind.

Zahlreiche andere Beispiele verdeutlichen die Grenze zwischen der

heutigen Wissenschaft und der natürlichen Sprache. In solchen

Forschungszusammenhängen entsteht auch eine nicht auf Sprache

basierende Rationalität. Mit dem Eintritt der Wissenschaften in das

Computerzeitalter werden aus Notwendigkeiten Möglichkeiten. Es gibt

Forschungsbereiche, in denen die Kürze eines bestimmten Ablaufs die

direkte Beobachtung oder eine angemessene sprachliche Beschreibung

unmöglich machen. Solche extrem kurzen Vorgänge mit schnellem

Energieaustausch und hohen Frequenzmustern können nur mit einem

Beobachtungsapparat angegangen werden, dessen Trägheit niedriger ist

als die der untersuchten Phänomene, und mit einem konzeptuellen

Rahmen, den die Sprache, die durch ein hohes Trägheitsmoment

gekennzeichnet ist, nicht bieten kann.

Die Struktur der Sprache spiegelt denjenigen Erfahrungsbereich wider,

der sie hat entstehen lassen; das Gleiche gilt für die Schriftkultur.

Deshalb müssen ihre Strukturen mit den Strukturen der neuen

Lebenspraxis, d. h. der neuen wissenschaftlichen Gegenstände und

Fragestellungen sowie der neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen

Arbeitens in Konflikt geraten. Wir haben die konfligierenden

Strukturelemente in den vorausgegangenen Kapiteln eingehend

diskutiert. In Frage steht in allen Fällen die Effizienz der

wissenschaftlichen Tätigkeit, die sich zunehmend auch solchen Fragen

wie Rekuperationsmechanismen in Natur und Gesellschaft oder

Strategien der Ko-Evolution mit der Natur (anstelle von

Dominanzstrategien) widmet und dabei mit Hilfe der erhöhten

Vermittlungskapazitäten und starker integrativer Mechanismen der

Computer holistische Modelle entwickelt. Eine Idealisierung dieser

neuen Möglichkeiten wäre genauso kontraproduktiv wie eine

Dämonisierung der in unsere Schriftkultur eingebetteten Lebenspraxis.

Dennoch kommen wir nicht umhin, uns damit auseinanderzusetzen, was

nicht mehr den Erfordernissen unserer Entfaltung innerhalb der neuen

Skala der Menschheit entspricht, und uns ein Bild von alternativen

Erfahrungsformen zu machen, in denen sich eine neue Rationalität

herausbildet.

In dem sich rapide ausweitenden Zusammenhang, in dem sich unsere

parallel verlaufenden wissenschaftlichen Forschungen und die durch

schnelle und zuverlässige Netzwerke getragenen verteilten Aufgaben

abspielen, haben sich Wissenschaft und Forschung vom Modell

industrieller Verfahrensweisen ein für allemal befreit. Die

Forschung, an die ich denke, wird nicht mehr in wenigen

zentralistisch organisierten Institutionen abgewickelt, die mit

großem finanziellen und instrumentellen Aufwand arbeiten; diese

werden vielmehr zunehmend ersetzt durch zahllose Experimente, die an

den verschiedensten Forschungseinrichtungen überall auf der Welt

durchgeführt werden. Unter dem Begriff der Tele-Präsenz fassen wir

heute eine Forschungswirklichkeit, innerhalb derer Wissenschaftler,

die Tausende von Meilen voneinander entfernt arbeiten, mit den

unterschiedlichsten Geräten, Meß- und Testinstrumenten Experimente

gemeinsam durchführen. Die Rolle von Laboratorien als Ort

wissenschaftlicher Selbstkonstituierung des Menschen wird übernommen

von Kollaboratorien, einer Verbindung aus tatsächlichen

Forschungsgeräten, die in den neuen Organisationsformen gleichwohl

effizienter eingesetzt werden können, und virtuellen

Forschungsplätzen, bei denen sich mehr Kreativität entfalten kann.

Für Forschungen im Nano-Bereich ist Interaktion im wörtlichen Sinne

der zeitgleichen Zusammenarbeit und Koordination grundlegend. Inter-

bzw. Multidisziplinarität ist hier kein Zukunftsziel mehr, sondern

praktische Voraussetzung für die Art der Integration, die die

heutigen wissenschaftlichen Projekte erfordern.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 49 / 81 题