Die systematischen Bereiche der menschlichen Tätigkeit verändern sich
mit rasanter Geschwindigkeit. Die Wissenschaft, die sich mit immer
kürzeren und intensiveren Phänomenen auseinandersetzt, weist
expressive Mittel auf, innerhalb derer die Sprache entweder eine
sekundäre Rolle spielt oder durch andere, nicht-sprachliche
Ausdrucksmittel ersetzt worden ist. Verfahren, die die Kohärenz der
heute erforschten Phänomene in den Griff bekommen, müssen dieser
neuen Wirklichkeit angepaßt werden. Die in der Sprache angelegte
Kohärenz vermittelt Erfahrungen aus der Vergangenheit, kann aber kaum
solche Erfahrungen angemessen erklären, die durch die neuen
Kohärenzformen gekennzeichnet sind. In jüngerer Zeit hat sich vor
allem eine Frage aufgedrängt: Gibt es irgendein Verbindungselement
zwischen der Sprache, den möglichen vorhandenen Botschaften, die in
unserem Universum von anderen Zivilisationsformen auf anderen
Planeten ausgetauscht werden, den Informationen, die wir auf unserer
genetischen Ebene austauschen oder jenen biochemischen Spuren, die
wir aus dem Verhalten von Ameisenkolonien oder Bienenvölkern kennen?
Jede Antwort auf diese Frage wäre aus heutiger Sicht voreilig. David
Hirsch behauptet, wie schon gesagt, daß 97% aller menschlichen
Tätigkeit begriffsfrei vonstatten gehen. Die Kontrollmechanismen,
denen diese Tätigkeiten unterliegen, kennzeichnen nicht nur den
Menschen, sondern auch biologische Einheiten auf niederer Ebene (z.
B. die Insekten). Unsere Forschung nach kosmischen
Zivilisationsformen außerhalb unseres Planeten, Genetik, Biochemie,
von Memetik gar nicht zu reden, wird durch diesen Hinweis nicht
unbedingt gefördert. Unsere Erklärungsversuche von abstrakten
mathematischen Konzepten oder dem Verhalten komplexer Systeme (wie
etwa dem menschlichen Nervensystem), von denen einige Lernfähigkeiten
oder Tendenzen der Selbstorganisation aufweisen, stellen uns vor
ungemein hohe Ansprüche: Sind wir mit unseren Bemühungen, das
menschliche Wesen nachzubilden, im Begriff, uns selbst wegzuerklären?
Die Replikation von Gedanken, die auf dem von der Evolutionstheorie
bereitgestellten genetischen Modell basieren, bringt wiederum neue
Perspektiven mit sich. Doch selbst wenn es uns gelänge, Methoden für
die erfolgreiche Replikation zu entwickeln, hätten wir damit noch
nicht zwangsläufig die Charakteristika der Selbstidentifikation des
Menschen in den Griff bekommen.
Und es drängt sich eine weitere Frage auf: Wissenschaft ergibt sich
aus der grundlegenden Erkenntnis, daß das Gesetz der Schwerkraft
überall gilt, daß Elektrizität nicht von den geographischen
Koordinaten des Ortes abhängt, an dem Menschen leben, und daß das
wissenschaftliche Rechnen am Computer eine universelle Rechenart ist.
Dennoch ist die Wissenschaft nicht wertneutral; ein Modell hat
Vorrang vor einem anderen; eine Form der Rationalität setzt sich
gegenüber anderen durch. Die Wahrheit einer wissenschaftlichen
Theorie und ihre empirische Angemessenheit sind nur lose miteinander
verbunden. Für Wissenschaftler sind Fragen der Wissenschaft oder der
vorherrschenden Modelle eine Frage der Rationalität, während sie für
andere, die sie in ihren praktischen Lebenszusammenhang einbinden
müssen, zu einer Frage der Angemessenheit werden. Das ist mehr als
eine kulturelle oder eine memetische Angelegenheit. Wir sehen uns
vielmehr der Tatsache ausgesetzt, daß die natürlichen Voraussetzungen
des Menschen ungeachtet der Vernunft oft genug wegerklärt werden.