Kohärenz und Diversität

Wissenschaft führt die Ergebnisse diversifizierter Erfahrungen

zusammen und verleiht dem menschlichen Bedürfnis nach einem

zusammenhängenden Blick auf das Ganze gebührenden Ausdruck. Wir

haben allerdings zeigen können, daß sich globale Zusammenhänge, wie

sie in der Sprache formuliert sind, und spezialisiertes Wissen nicht

unbedingt vereinbaren lassen. Dementsprechend haben die

Wissenschaftler den Versuch, den allgemeinen (sprachlichen) Rahmen

mit dem spezialisierten (wissenschaftlichen) Blickwinkel in Einklang

zu bringen, aufgegeben. Die Einsicht, daß die Wissenschaftssprache

nicht nur ein Beschreibungsinstrument ist, sondern ein formender

Faktor der wissenschaftlichen Arbeit, hat sich nur mühsam durchsetzen

können, zumal die Sprache ihre Darstellungsmechanismen für unser

Raum- und Zeitempfinden bereithielt. Es war offenbar weniger

schwierig zu erkennen, wie die Art des Messens von bestimmten

Phänomenen (besonders in der Physik) das beobachtete System

veränderte, als zu verstehen, wie eine sprachlich formulierte

Hypothese den Rahmen für eine subjektive Wissenschaft abgab. Die

Subjektivität sprachlicher Beschreibung entspricht einer spezifischen

Erfahrung, nämlich derjenigen, in der wir Dinge durch Sprache

identifizieren.

Bestimmte Entwicklungen in den Wissenschaften sind nicht für alle

Wissenschaftszweige identisch. So entwickelten sich Astronomie und

Geometrie unterschiedlich und auch jeweils anders als andere

wissenschaftliche Disziplinen. Der Konflikt zwischen den Zielen und

den Mitteln der Wissenschaft führte dazu, daß sich die Wissenschaft

allmählich von der Sprache befreite. Damit aber wurden neue Sprachen

notwendig. Das Aufbrechen der Sprachbarrieren und die damit

einhergehende Emanzipation von der Schriftkultur stellt schon in sich

eine praktische Erfahrung eigener Art dar. Zwei Aspekte der Sprache

werden dabei neu überdacht: der epistemologische und der

kommunikative. Unter dem epistemologischen Status überprüfen wir,

inwiefern die Sprache als Medium der Wissenschaft und bei der

Herausformung der Perspektive wissenschaftlicher Fragestellungen

fungiert. Der kommunikative Status bezieht sich auf ihre Leistung

bei der Verbreitung gemeinsamen Wissens. Die Ebenen der

Fragestellung, Ergebnisformulierung, Interpretation, des

Experimentierens und Evaluierens sowie der Mitteilung und Verbreitung

sind dabei verschieden. Sie werden sich noch weiter auseinander

entwickeln. Die der neuen Wissenschaft eigene Rationalität läßt sich

nicht mehr darauf beschränken, der techné einen logos beizugeben.

Das Erbe Francis Bacons, des weitsichtigen Theoretikers der

experimentellen Wissenschaften, und Descartes, dessen

Verstehensgesetze die schriftkulturelle Phase des wissenschaftlichen

Denkens beherrschten, hat sich daher in dem Augenblick erschöpft, in

dem wir die beherrschende Rolle einer einzigen Sprache zugunsten

einer Pluralität vieler (Sonder-) Sprachen aufgegeben haben und von

der Schriftkultur in ein Stadium jenseits der Schriftkultur

eingetreten sind.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 48 / 81 题