Raum und Zeit: befreite Geiseln

Die enzyklopädische Tradition erhob den wissenschaftlich tätigen

Menschen (l’homme scientifique) zum Mittelpunkt und definierte ihn

durch Sprache. In dieser Tradition vollzog sich eine ganze Serie von

fortschreitenden Veränderungen der wissenschaftlichen Praxis. Wir

können sie an der Sprache ablesen, in der sie ausgedrückt wurden.

Das synkretistische Stadium des Menschen war durch Beobachtung und

kurze Zyklen von Aktion und Reaktion gekennzeichnet. Die frühen

Formen wissenschaftlichen Denkens waren noch nicht von der

praktischen Entfaltung des Menschen in der Welt abgekoppelt. Bilder

und später Benennungen von Pflanzen, Tieren, Bergen und Flüssen

gehören in diese Zeit. Erst als sich das Beobachten zu einem

dauerhaften Selbstzweck verselbständigte, wurde aus der

wissenschaftlichen Tätigkeit eine eigenständige Praxis.

Die Wissenschaft entstand zusammen mit dem magischen Denken und

setzte ihre weitere Entwicklung auch in dieser Symbiose fort, bis sie

sich schließlich gemeinsam mit der Religion dem Magischen entzog und

widersetzte. Beobachten und Furcht vor dem Beobachteten waren lange

eins. Die Bezeichnungen der Sterne geben Aufschluß über die

Veränderungen in der Sprache, in der die Astronomie sich ausdrückte.

Nur wenig wußte man offenbar in jener Zeit über die Mechanik des

Kosmos. Mythische Bezeichnungen wurden durch die Tierkreiszeichen

magischen Ursprungs ersetzt (jeweils mit Bezug zu den praktischen

Tätigkeiten des Menschen im Jahreszeitenwechsel), später auch durch

die christlichen Taufnamen und heute durch die detaillierten

numerischen Auflistungen von Positionen, Bewegung und Beziehungen.

In die Beobachtung der Himmelskörper, aus der sich ein Gefühl für

Dauer und Zeit (wie lange braucht ein bestimmter Planet für die

Veränderung seiner Position?) einstellte, brachte der Mensch seine

spezifischen biologischen und kognitiven Merkmale ein: Sehen,

Assoziieren, Vergleichen. Beobachtungen und Benennungen bezogen sich

auf Positionen und auf Lichtintensität. Mit der sich allmählich

einstellenden Zeitvorstellung verloren die Himmelskörper ihre Bindung

an die Götter. Auch zu Zeiten eingeschränkter wissenschaftlicher

Aktivität (Europa zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert) wurden

Planeten beobachtet, Himmelskarten mit verschiedenen Konstellationen

gezeichnet und die Grundlagen für spätere Fortschritte in der

Astronomie gelegt. Physikalische Eigenschaften wie Licht, Farbe und

Klarheit führten zu präziseren Bezeichnungen; die Identifikation von

Sternen wurde in manchen Lebenszusammenhängen (vor allem der

Seefahrt) von entscheidender Bedeutung für erfolgreiches Handeln.

Magie und Wissenschaften ermöglichten indes unterschiedliche

Erklärungen für Erfolg. Zu jener Zeit wurden die Sterne anhand von

Merkmalen identifiziert, die jedem, der sie benötigte, offenkundig

waren. Die magische Dimension ergab sich aus den Assoziationen

zwischen den Eigenschaften bestimmter Personen und dem Verhalten

bestimmter Planeten, d. h. aus dem abgeleiteten Einfluß, den die

Himmelskörper auf für den Menschen entscheidende Ereignisse ausübten.

In diesem gesamten Zusammenhang wirkte die Sprache als Werkzeug für

Integration und Beobachtung und als Mittel für die damals gültige

logische Praxis, z. B. für Deduktion. Die Sprache formte die

Erfahrung und Auffassung von Zeit, speicherte das erworbene Wissen

und wurde auf diese Weise zu einem entscheidenden Medium für die

Selbstentfaltung des Menschen in der Zeit. Die Rolle der Sprache

wurde durch die Schriftkultur gefestigt, die die in der Sprache

gefundenen Erkenntnisse verallgemeinerte, wodurch wiederum effektive

Mittel zur Strukturierung neuer Erwartungen geschaffen waren. Erst

als zeitabhängige praktische Erfordernisse wie die Relativität, denen

mit schriftkulturellen Mitteln nicht mehr begegnet werden konnte,

einen kritischen Punkt erreichten, wurde die Zeiterfahrung aus den

Fesseln der Verbalsprache befreit.

Ein enormer kognitiver Schritt war nötig, um von der Unmittelbarkeit

der persönlichen Umgebung zur abstrakten Raumvorstellung zu gelangen.

Die Geometrie--wörtlich: Landvermessung--verbindet die sich konkret

stellenden Aufgaben (Landvermessung, Hausbau, Ausbau, Beobachtung der

Himmelskörper) mit der Verallgemeinerung von Entfernung. Die

Vermessung des Landes führt nicht nur zu dessen Beschreibung, sondern

auch zu dessen Neuschaffung in der abstrakten Kategorie des Raumes.

Die Sprache spielte bei all dem eine entscheidende Rolle. Zunächst

blieben die geometrischen Konventionen eng auf die praktischen

Implikationen bezogen. Sobald allgemeinere Raumerfahrungen jenseits

der unmittelbaren Raumbeziehungen durch Seefahrt, Siedlungsformen,

Strategien der Landesverteidigung usw. möglich wurden, veränderte

sich die Sprache der Geometrie. Bedingt durch weitere Entwicklungen

der Lebenspraxis und durch eigene, inhärente Antriebe bildeten sich

schließlich zahlreiche geometrische Sprachen heraus.

Die Sprachen, die die Grundlagen der Geometrie, der algebraischen

Geometrie, der Topologie und der Differentialgeometrie bilden, sind

so verschieden wie die Erfahrungen, aus denen sie abgeleitet wurden.

Oft reicht die schriftkulturelle Sprache aus, um geometrische

Probleme zu formulieren, sie versagt aber bei der Lösung dieser

Probleme. Der intuitive visuelle Charakter der Geometrie ist

offensichtlich besser als die Schrift geeignet, Phänomene der

Symmetrie, vieldimensionale Räume und Konvexität zu erfassen. Starre

und elastische Räume verhalten sich anders als Räume, die durch

Sprache beschrieben werden. Die Bezüge der geometrischen Notationen

sind in aller Regel sehr abstrakt. Dadurch, daß Raum und Zeit von

der Sprache losgelöst wurden, haben sich Rationalität, in der die

wissenschaftliche Praxis begründet ist, und Vernunft, in der die

Philosophie ihren Ursprung hat, nachhaltig verändert.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 47 / 81 题