Nach weit verbreiteter Auffassung ist--wie weiter oben schon
ausgeführt--das Denken an die Sprache gebunden, also ist die Sprache
das Medium des Denkens. Andere (und hier beruft man sich immer
wieder auf Einstein) behaupten demgegenüber, ihr Denken würde sich in
Bildern, Geräuschen oder einer Mischung aus verschiedenen
Sinneseindrücken vollziehen. Bis heute ist ungeklärt, ob dies eine
metaphorische Umschreibung oder eine Tatsache ist. Das gleiche gilt
aber auch für die Sprache. Daß wir unsere Gedanken sprachlich
ausdrükken, und zwar durchaus mit Mühen und meist ungenügend, muß
nicht heißen, daß wir nur in der Sprache denken. Die Tatsache, daß
die Sprache ein Medium der Erklärung und Interpretation ist,
Schlußfolgerungen, Ableitungen und gelegentlich hypothetisches Denken
(sogenannte Abduktionen) ermöglicht, ist kein Beleg dafür, daß sie
das einzige Medium dafür ist. Naturwissenschaftler denken in der
Sprache mathematischer oder logischer Formeln oder in neueren
Programmiersprachen, ohne sie deshalb zur alltäglichen Verständigung
oder für Gedichte oder Liebesbriefe zu verwenden.
Die Schriftkultur gründet den Primat der allgemeinen Bildung auf die
Überzeugung, daß das Denken sprachlicher Natur sei. Dementsprechend
ist eine gute Sprachbeherrschung, wie sie in den Regeln der
Schriftkultur kodifiziert ist, Voraussetzung für erfolgreiches Denken.
Abgesehen davon, daß dies ein Zirkelschluß ist, der die
Voraussetzung zum Ergebnis macht, hätten Wissenschaft und Philosophie
dieser kühnen Annahme so manches entgegenzusetzen. Sie ist niemals
bewiesen worden, und angesichts der Verbindungen zwischen allen
Zeichen, die am Denkprozeß beteiligt sind, ist sie wohl auch nicht zu
beweisen. Bilder lassen Wörter assoziieren, aber andere
Sinneseindrücke tun dies auch. Worte wiederum rufen Bilder, Musik
und ähnliches hervor. Die integrative Natur des Denkens ist
vermutlich durch freiwillige Entscheidungsmechanismen oder durch
genetische Mechanismen bestimmt, die so strukturiert sind, daß sie
ein bestimmtes Zeichensystem (Sprache, die Formelsprache der
Mathematik, Diagramme) als vorherrschend anerkennen, ohne dabei
Denkweisen auszuschließen, die nicht auf diesen Voraussetzungen
beruhen.
Das Verständnis von Denken als sprachlichem Denken hat zu bestimmten
Formen der Lebenspraxis geführt, die nur unter dieser Voraussetzung
entstehen konnten. Wir können Denken aber auch anders definieren,
was wiederum zu anderen notwendigen und nützlichen Denkweisen führen
kann oder bereits geführt hat. In diesem Zusammenhang stellt sich
besonders eine Frage: Müssen wir denkende Maschinen--d. h. Programme,
die vollkommen autonom solche Operationen durchführen, die wir
üblicherweise mit menschlichem Denken verbinden--deshalb von der
Diskussion ausnehmen, weil sie keine schriftkulturelle Bildung
besitzen? Viele wissenschaftliche Versuche wären unter solchen
Voraussetzungen gar nicht erst auf den Weg gebracht worden, dazu
gehören vor allem die vielen neuen Entwicklungen von intelligenten,
selbstregenerierenden Werkstoffen. Diese wissenschaftlichen
Disziplinen, die auf ungewohnten Denk- und Arbeitsweisen beruhen,
welche relativ unabhängig von Sprache, Bildung und Schriftkultur
funktionieren, haben zu anderen, komplementären Definitionen von
Denken und Rationalität geführt. Indem man Denken mit anderen
menschlichen Regungen--mit Emotionen, Humor, Ästhetik oder der
Fähigkeit, Gedanken durch verschiedene Medien, Sinne oder Sprachen zu
projizieren--zusammen sieht, wird man vermutlich zu noch kühneren
wissenschaftlichen Ansätzen und Fragestellungen gelangen.
Bevor wir uns diesen anderen Definitionen des Denkens und des
Verhältnisses von Rationalität und Vernunft zuwenden, wollen wir
einige Merkmale des zeitgenössischen Denkens, besonders in
Wissenschaft und Philosophie betrachten. Im Vergleich zu vergangenen
Lebensumständen ist der Anteil der Sprache im Arbeits- und
gesellschaftlichen Leben zurückgegangen. Wenn sich unser Denken nur
in der Sprache vollziehen würde, hieße das, daß auch der Anteil des
Denkens abgenommen hat. Nur wenige würden dieser These zustimmen.
Der Rest an Sprache, der in unserem Zusammenleben und im beruflichen
Miteinander geblieben ist, bringt lediglich die Segmentierung unseres
Lebens und unserer Interaktionsformen zum Ausdruck. Dieser Rest an
Sprache, dessen Beherrschung eine weitere Bildung oder
schriftkulturelle Fertigkeit voraussetzt, besteht aus
gesellschaftlichen Allgemeinplätzen und eignet sich in keiner Weise
als Medium für das Denken. Parallel zu der abnehmenden Bedeutung der
natürlichen Sprache gewannen die Sprachen der Wissenschaft und
Technologie in dem Maße an Vielfalt und Bedeutung, in dem die
Erwartungen an wissenschaftliche und technologische Effizienz stiegen.
Im begrenzten Umfeld der natürlichen Sprachverwendung wurden die
Ausdrücke, die die Menschen für das alltägliche Funktionieren
benötigen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse nach Vielfalt und
Veränderung in unseren gegenseitigen Beziehungen hervorgebracht. Es
sind weitgehend Sprachkonserven mit begrenzter Funktion, die aus
vorangegangenen Situationen ungeachtet der sie hervorbringenden
Umstände übernommen wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ein
schriftunkundiger, ja analphabetischer Nachbar niemals auffallen
würde; denn alles, worin er uns gegenübertritt, kommt ohne Bildung
und weitgehend ohne Schrift aus: Autofahren, Wäschewaschen, Kochen,
Bankgeschäfte, Telefonieren, Fernsehen, Einbindung in das Internet.
Mit ein wenig Übung kann man all diesen Tätigkeiten nachgehen, ohne
durch ein Bildungshandicap oder gar durch Analphabetismus aufzufallen.
Die neuen Geräte, die neuen Stoffe, die neuen Nahrungsmittel und
Arzneien, die eher im Grenzgebiet der Wissenschaft als in unserem
Lebens- und Arbeitsmittelpunkt angesiedelt sind, werden die
Möglichkeiten von und den Bedarf an Zivilisationsformen, die von mehr
als einer Ausdrucks- und Kommunikationsform gelenkt sind, noch
erhöhen.
In einer Welt, in der hochspezialisierte Tätigkeiten vorherrschen,
führen auch Ungebildete oder Analphabeten im Sinne der Schriftkultur
ein unbemerktes und reibungsloses Dasein, ohne ihr eigenes Leben oder
die Effizienz des Systems zu beeinträchtigen. Auch hat sich ihre
Rolle verändert. Denn auch eine analphabetische Rationalität ist
zielorientiert, sie drückt sich lediglich mit anderen Mitteln aus.
Auch sie formuliert Aussagen über das zukünftige Verhalten von
Systemen, die von hochspezialisierten, extrem funktionsorientierten
Sprachen betrieben werden und deren Betrieb nicht von der Bildung
ihres Betreibers abhängt. Wissenschaftliche Bildung ist entweder in
Fähigkeiten zu lokalisieren, die man durch Ausbildung und Einübung
erwerben kann, oder aber in die Systeme eingebaut, die von Menschen
betrieben werden, die weniger über deren Funktionsweisen wissen als
die Maschinen selbst.
Falscher Sprachgebrauch, nachlässige Formulierungen und fehlerhafte
Grammatik, Alltagsfloskeln und die Unfähigkeit oder der Unwille, ein
Gespräch zu führen, sagen noch immer etwas über das Denken aus, wenn
auch vielleicht etwas anderes, Unerwartetes: z. B., daß Denkformen,
die auf nichtsprachlichen Zeichensystemen beruhen, effektiver und
hinsichtlich der vor uns liegenden Probleme zeitgemäßer sind;
vielleicht auch, daß sich das, was sich in einem Zeichensystem als
angemessen und effektiv erweist, nicht mit dem gleichen Ergebnis in
einen anderen lebenspraktischen Zusammenhang übertragen läßt. Die
Naturwissenschaften jedenfalls versuchen sich weitgehend von den
Ungenauigkeiten, Mehrdeutigkeiten und stereotypisierenden Floskeln
der Sprache zu befreien; im großen und ganzen trifft dies auch für
die moderne Philosophie zu, obwohl ihr keine vergleichbaren
Alternativen zur Verfügung stehen. Die Aufgabe der
Naturwissenschaften und in eingeschränkterem Maße auch der
Philosophie liegt heute darin, Sprache(n) zu finden, die Phänomene
wie Kontinuität, Vagheit und Unbestimmtheitsrelationen behandeln
können.
Die hochspezialisierten Lebensformen basieren nicht mehr vornehmlich
auf individuellem Wissen, sondern auf Individuen, die sich als
Informationsschnittpunkte, bzw. Knoten, verstehen. Wenn die
Notwendigkeit zu individuellem, selbständigem Denken abnimmt, dann
entspricht dies der extremen Segmentierung unserer Arbeitswelt und
dem Umstand, daß die aus dieser segmentierten Arbeit hervorgegangenen
Teilbeiträge technologisch erfolgreich zusammengeführt werden könnten.
Für unser Privatleben und alles, was wir für unseren
Lebensunterhalt tun (Ernährung, Erholung, Unterhaltung), gilt das
Gleiche. Unser Denken beschränkt sich auf das Auswählen: aus
vorgefertigten Menüs, aus Konfektionsware, aus Fertigbauteilen, aus
Waschprogrammen. Aber die Gegenstände unseres täglichen Gebrauchs
verkörpern die Intelligenz eines anderen. Das verdinglichte Denken,
das in die Genmanipulation, in Materialien und Maschinen eingegangen
ist, schränkt das originale, tatsächliche Denken des einzelnen ein.
Der heutige Mensch bindet sich in das Informationsnetzwerk ein und
verbringt den weitaus größten Teil seines Lebens damit, Informationen
zu verarbeiten: Anweisungen für Tätigkeiten, die das gewünschte
Ergebnis zeitigen. Man könnte sagen, die Menschen verlassen sich auf
lebendige Maschinen, die sich dem Benutzer anpassen, sich
eigenständig auf veränderte Bedingungen umstellen und sich selbst
reparieren. Rationalität ist zunehmend in diese Technologie
integriert und damit aus dem Prozeß der individuellen
Selbstkonstituierung wegrationalisiert. Die Folgen können immens
sein, aber sie werden gefährlicher, je weniger wir über sie
nachdenken oder uns ihrer bewußt sind.
Vergangenheit und Gegenwart haben auf dieser Ebene der Technologie
keine gegenseitige Anbindung mehr. Der einzelne braucht nicht mehr
zu denken, muß sich in dieses Programm, das eine Rationalität mit
allerhöchster Effizienz und Vernunft verkörpert, einfügen. Niemand
braucht mehr zu wissen, wie die Dinge unseres alltäglichen Lebens
hergestellt werden und wodurch ihre Qualität garantiert ist. Nicht
der Prozeß der Herstellung ist wichtig, sondern allein das Ergebnis.
Effizienz ist vorrangig gegenüber individuellem Know-how. Das Denken
ist dem Denken entfremdet in dem Sinne, daß jegliches Denken, also
jegliche Rationalität, außerhalb der Selbstkonstituierung des
einzelnen liegt. Es scheint, als führen dieses veräußerte Denken und
diese veräußerte Rationalität ein Eigenleben. Memetische Mechanismen
belegen diesen Prozeß.
In diesem unserem Stadium jenseits der Schriftkultur ziehen wir nicht
nur aus der erhöhten Effizienz unseren Nutzen, wir erleben auch, wie
das neue pragmatische Instrumentarium eigene, sich selbst erneuernde
Antriebskräfte entwickelt. Es scheint bisweilen so, als würden nicht
die Menschen um erhöhte Kreativität und Produktivität ringen, sondern
als würden sich Wohlstand und Überfluß als gegebene Größen in unserem
Leben um die Erfüllung der Effizienzerwartungen in unserer global
angelegten Skala kümmern. Mit der technologischen Entwicklung und
wissenschaftlichen Erneuerung Schritt zu halten, wird zum Selbstzweck,
der irgendwie von menschlicher Vernunft abgekoppelt wurde. Die
verwirrende Rationalität unbegrenzter Wahlmöglichkeit geht einher mit
der Erkenntnis, daß Wertoptionen vollends verschwunden sind und kein
Raum mehr bleibt für vernunftgelenktes Nachdenken. In der Folge
werden die sozialen und politischen Aspekte des Daseins
kurzgeschlossen, besonders diejenigen, die den Status von
Wissenschaft und Philosophie betreffen. Wissenschaftliche Forschung
wird oft daraufhin befragt, ob ihre Ziele überhaupt sinnvoll sind.
Noch vor 15 Jahren war die Hälfte der Amerikaner der Meinung, daß
Wissenschaft und Technik die vielfältigen Probleme der Gesellschaft
nicht nur nicht lösen können, sondern dafür verantwortlich sind. Die
Balance ist verloren gegangen, aber die Denkhaltungen derer, die den
Zielen und Werten der Schriftkultur verpflichtet bleiben, haben sich
deshalb nicht geändert. Sie widersetzen sich den Natur- und
Geisteswissenschaften, statt sie als notwendige, wenn auch in sich
widersprüchliche Einheiten aufzufassen. Und in Europa, wo man den
Entwicklungen in den neuen Wissenschaften eher hinterherläuft, zeigt
man sich noch zurückhaltender. Skepsis ist gesund und notwendig,
aber sie hat auch ihren Preis.
Quo vadis, Wissenschaft?
Entdeckung und Erklärung sind die beiden Ebenen, auf denen das
Verhältnis von Sprache und Wissenschaft relevant wird. Wir sollten
vorausschicken, daß Schriftkultur und Schriftlichkeit niemals als
Mittel wissenschaftlicher Forschung und auch Sprache nicht als
Werkzeug für Entdeckungen angesehen wurden. Man behauptete lediglich,
daß die Sprache den ersten Zugang zur Wissenschaft und damit das
Fortführen wissenschaftlicher Arbeit im wesentlichen ermöglicht.
Diese Behauptung traf in der Vergangenheit auch zu, solange sich
wissenschaftliches Arbeiten im homogenen kognitiven Umfeld
allgemeingültiger Raum- und Zeitdarstellungen abspielte. Mit der
Veränderung dieses Umfelds stand dessen Ratio neuen Entdeckungen und
den Erklärungen bereits gefundener Entdeckungen im Wege. Neben
vielen anderen Codes greift die Wissenschaft heute vornehmlich auf
symbolisches Denken zurück, wie es in Mathematik, Logik, Genetik,
Informatik usw. verbreitet ist. Wissenschaft als zentralistisch
organisierte Institution macht heute neuen wissenschaftlichen
Arbeitsweisen Platz, die oft völlig unabhängig voneinander existieren
und so der Skala des jeweiligen Interessensphänomens gerechter werden.
Diese Unabhängigkeit und das Gespür für die veränderte Skala ergibt
sich aus den unterschiedlichen Forschungsgegenständen der
Spezialdisziplinen, aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven und
Fragestellungen sowie aus unterschiedlichen Zeichensystemen, die als
effizientes Forschungsinstrument oder aber als Medium für effiziente
Erklärungsmodelle bereitstehen.
Platon hatte bekanntlich ausreichende mathematische Kenntnisse als
die Voraussetzung für die Zulassung zur Akademie erklärt. Heute
würden die Hüter der Wissenschaften Logik, bzw. die Beherrschung von
künstlichen Sprachen wie etwa Programmiersprachen, fordern, wobei
diese ja selbst wiederum ständig optimiert, differenziert und durch
Erwartung einer erhöhten computationalen Effizienz verändert werden.
Zur Zeit des "Redners" Sokrates galt die Sprache als Grundlage und
Konstituens von Städten, Gesetzen und Künsten. Zur Zeit des
römischen Dichters Lukrez wurde Physik in Versen abgefaßt (7000
Hexameter legten die epikureische Atomtheorie dar). Galilei
bevorzugte den Dialog in seiner italienischen Umgangssprache, damit
seine Zeitgenossen die Entdeckungen der Physik und Astronomie
verstehen konnten. Bei Newton wurde die Sprache durch Formeln und
Gleichungen ersetzt, die seitdem das Vokabular der Physik ausmachten.
Ähnliche Entwicklungen können wir in den Wissenschaftsgeschichten
Chinas, Indiens oder des Nahen Osten verfolgen. Wenn also heute neue
visuelle oder multimediale Sprachen entwickelt werden, dann
entspricht dies unserer veränderten, auf eben diesen Phänomenen
beruhenden Lebenspraxis. Sie führen zu noch mehr Arbeitsteilung,
Vermittlung und neuen Interaktionsformen; sie führen hin zu einer
Lebenspraxis, die eher intensional als extensional ist.