Sprache und körperliche Leistung

Uns interessiert nicht die Ähnlichkeit zwischen, sondern der

Zusammenhang von Sport und Sprache. Ein offensichtlicher

Zusammenhang besteht darin, daß wir die Sprache zur Beschreibung von

Sportereignissen und deren Bedeutung verwenden. Das heißt nicht, daß

es ohne Sprache keinen Sport gäbe. Sport wurde zum Teil des

gesellschaftlichen Lebens, als sich Schriftsprachen herausbildeten.

Genügend visuelle Darstellungen (Petroglyphen und später

Hieroglyphen) deuten darauf hin, daß nicht nur die körperliche

Tätigkeit und die dazugehörige Übung als solche (z. B. die Jagd nach

wilden Tieren) beachtet, sondern die körperlich Tüchtigen auf

besondere Weise herausgehoben und behandelt wurden--im Grabmal des

ägyptischen Pharao Beni Hasan ist der Ringkampf in allen seinen

Varianten abgebildet.

Die Bewegungsmuster des Ballspiels im Kemari und die Muster der

Sprachverwendung im selben Kulturkreis hängen nicht unmittelbar

zusammen. Aber das Spiel ist durch ein Konfigurationsprinzip

gekennzeichnet: Zweck des Spiels ist es, den Ball so lange wie

möglich in der Luft zu halten. Fußball, auch das amerikanische

football, ist sequentieller Natur: Ziel des Spiels ist es, mehr Tore

als der Gegner zu erzielen. Im Kemari ist das Spielfeld durch vier

verschiedene Bäume markiert: Weide, Kirsche, Pinie und Ahorn. Beim

Fußball sind die Spielfeldgrenzen künstlich gezogen, außerhalb derer

die Spielregeln sinnlos wären. Auch die Sprachen beider Kulturkreise

sind durch unterschiedliche Strukturen gekennzeichnet, die

unterschiedlichen Erfahrungszusammenhängen entsprechen.

Die ihnen jeweils innewohnende Logik beeinflußt offenbar die Logik

der Sportart. Kemari ist nicht nur nicht-prädikativ und konfigurativ,

sondern vom Prinzip des amé beherrscht, das den Zusammenhang der

Dinge betont. Fußball und football sind analytische Planungsspiele,

Texte, deren Endpunkt das erzielte Tor oder der touchdown ist. Die

Mentalität, also der Ausdruck, den eine praktische Erfahrung in

bestimmten musterhaften Erwartungen findet, spielt im Sport also

ebenfalls keine geringe Rolle.

Sport ist ein Ausdrucksmittel. In der Ausübung einer sportlichen

Tätigkeit drücken sich nicht nur körperliche, sondern auch geistige

Fähigkeiten aus: Selbstkontrolle, Koordination, Planung.

Ursprünglich haben sich körperliche Leistung und einfache

Sprachformen ergänzt. Später gehen sie eigene Wege, ohne sich

allerdings jemals ganz zu trennen (wie die Olympischen Spiele der

Antike zeigen). Als die Sprache an ihre relativen Grenzen kam,

konnten die Ausdrucksformen des Sports einige Funktionen übernehmen:

Nicht die allergrößte Sprachfertigkeit könnte je die Dramatik eines

Wettkampfes, die Tragödie einer Niederlage oder das Hochgefühl eines

Sieges wiedergeben. Interessanter noch ist das, was die Sprache dem

Sport abgewann. Sie griff einige der typischen Merkmale des Sports

auf, verallgemeinerte sie und übertrug sie in veränderter Form auf

Gebiete, die mit Sport nicht mehr das Geringste zu tun haben: Sport

statt Krieg, Sport als Ordnungsprinzip oder als Zirkus für die Massen.

Zuallererst aber gewannen die Menschen dem Sport den

Wettbewerbsgedanken ab als nationale Eigenschaft, aber auch als

Merkmal der Bildung, der Kunst und des Marktes.

Der in der Sprache rationalisierte Wettbewerbsgedanke führte zu

Vergleich und zu Leistungsmessung, womit die Grundlagen für eine

Sportbürokratie und die institutionalisierten Aspekte des Sports

gelegt waren. Die Griechen hofierten die jeweiligen Sieger.

Zeitmeßgeräte kamen erst später zum Einsatz, vor allem, als in einem

allgemeinen Rahmen von Besitz, Recht und Erbrecht die Dokumentation

von Fakten an Bedeutung gewann. Das Spiel bedarf keiner Sprache, die

Schrift aber ermöglichte es, allgemein verbindliche Regeln zu

formulieren, die dann die Natur des jeweiligen Spiels auf Dauer

festlegten. Insofern ist die sich in organisierten Wettkämpfen

niederschlagende Institutionalisierung des Sports ein Produkt der

Schriftkultur und weist deren pragmatische Erwartungen auf.

In jeder Sportart verbirgt sich die Sehnsucht nach Natur und Freiheit,

eine Reminiszenz der überkommenen Überlebensstrategien des Jagens

und des Fischens. Ihrer Natur nach verrät die jeweilige Disziplin

aber zugleich die Veränderungen, die im Verhältnis des Menschen zur

natürlichen und sozialen Umwelt und zur von ihm geschaffenen

künstlichen Welt eingetreten sind. Das Schießen auf Zielscheiben

oder mit Laserstrahlen in Nintendo-Spielen steht eben am anderen Ende

der menschlichen Entwicklung. Jene Umstände, die zwangsläufig zur

Schriftkultur geführt hatten, änderten auch den Status der

sportlichen Tätigkeit. Der Wettkampf wurde zu einem Produkt mit

besonderem Status; der Siegerpreis versinnbildlicht den zeitlichen

Prozeß, durch den der Wettkampf evaluiert wird.

Allen Guttman hat folgende Kennzeichen des heutigen Sports

herausgestellt: Säkularität, Chancengleichheit, hochspezialisierte

Rollenverteilung, Rationalisierung, Bürokratisierung, Quantifizierung

und Streben nach neuen Rekorden. Er hat die Merkmale jedoch nicht

mit den allgemeinen Strukturen des Sports korreliert und im

Zusammenhang mit der allgemeinen menschlichen Lebenspraxis bewertet.

Unter diesem Gesichtspunkt nämlich würde sich Effizienz als viel

wichtiger als etwa die sogenannte Chancengleichheit, Quantifizierung

oder Bürokratie erweisen. Der Effizienzgedanke wird evident, wenn

wir die komplizierten, bisweilen obskuren Regeln sportlicher

Veranstaltungen in ritualistischen Kulturen mit Ansätzen vergleichen,

diese Regeln zu vereinfachen und die Abläufe so transparent wie

möglich zu gestalten. Als einige afrikanische Stämme den

europäischen Fußball übernahmen, stellten sie ihn in den Kontext

ihrer rituellen Handlungen. Sämtliche kulturellen Voraussetzungen

dieses Spiels wurden aufgegeben und durch andere, aus einem anderen

Praxiszusammenhang stammende Voraussetzungen ersetzt. Der Inyanga

(Medizinmann) war für das Ergebnis verantwortlich; Spieler und

Anhänger mußten die Nacht vor dem Spiel gemeinsam am Lagerfeuer

verbringen; Ziegen wurden als Opfergaben dargebracht. Die Zeremonie

wurde zum entscheidenden Strukturmerkmal, nicht das Spiel; Sieg oder

Niederlage waren sekundär. Erst als jene Stämme näher mit

schriftkulturellen Zivilisationen in Beziehung traten, gewann der

utilitaristische Aspekt die Oberhand. Die Fußballspieler aus Afrika,

die heute in den ersten Ligen der europäischen Länder Millionäre

werden, erkennen nur die Rituale des Siegers (und die entsprechende

Prämie) an. Und wenn wir daraufhin den europäischen Fußball mit dem

amerikanischen football vergleichen, wird ebenfalls evident, wie sich

aus veränderten Strukturen der Lebenspraxis neue sportliche Muster

herausbilden.

In unserem Zusammenhang ist die Tatsache wichtig, daß die

Schriftkultur neben anderen Formen der Lebenspraxis auch den Sport im

Rahmen der für die Industriegesellschaft typischen Dynamik nachhaltig

geprägt hat. Als Wiege des Industriezeitalters ist England zugleich

der Ausgangspunkt für viele Sportarten und andere Formen der

körperlichen Ertüchtigung gewesen. Aber mit den Veränderungen der

Lebenspraxis sind manche der für die Industrielle Revolution

wichtigen Entwicklungen überholt. Dazu gehört z. B. die Isolation

der Nationalstaaten. Schrift und Schriftkultur fördern nationale

Eigenheit. Seinem Wesen nach sollte der Sport über den nationalen

Grenzen stehen. Aber die Erfahrung lehrt uns (und die Olympischen

Spiele 1936 in Berlin sind nur der Extremfall), daß

Sportveranstaltungen im Zeichen der Schriftkultur wie viele andere

Lebensformen nationalistisch durchdrungen wurden. So degeneriert der

sportliche Wettkampf oft genug zur feindlichen Auseinandersetzung und

zum Konflikt. Im alten Griechenland, in China oder Japan wurde keine

Leistung gemessen, anstelle des Vergleichs stand die körperliche

Harmonie und Ästhetik im Vordergrund. In England wurde der Sport

institutionalisiert und die sportliche Leistung in Rekordlisten

festgehalten. In England wurde die Geschichte des sportlichen

Wettkampfs als Rechtfertigung dafür geschrieben, daß er der

gebildeten Oberklasse vorbehalten blieb, ausschließlich für Amateure,

denen der Sieg als Lohn genügte.

Einige Spiele wurden im Rahmen der Schriftkultur erst erfunden und

mit Funktionen versehen, die auch die Schriftkultur kennzeichnen.

Sie veränderten sich in dem Maße, in dem sich die Schriftkultur und

ihre Rolle veränderten, und brachten eine neue Kultur zum Ausdruck,

in der immer mehr Sprachen mit immer begrenzteren Funktionsbereichen

vorherrschten. Im Informationszeitalter, in dem viele Aufgaben, die

ursprünglich der Sprache zufielen, von anderen Ausdrucksmitteln

übernommen worden sind, ist Sport für viele eine Frage der Datenfülle

geworden. Wer sich an der Schönheit des Tennisspiels erfreut,

interessiert sich erst in zweiter Linie für die Geschwindigkeit des

ersten Aufschlags. Aber nach einer gewissen Zeit wird auch er

begreifen, daß die neuen illiteraten Bedingungen das Spiel und die

Schönheit seiner Abläufe bis zur Unkenntlichkeit verändert haben.

Wer siegen will, benötigt einen schnellen und harten Aufschlag, der

aus dem Spiel kaum mehr als einen extremen kurzen (wenn überhaupt)

Austausch von harten Schlägen werden läßt. Ähnliches gilt für

Baseball, American football, Basketball und Hockey: Sie alle sind

begleitet von unzähligen Statistiken, die für den Kenner oft

wichtiger sind als das Spiel selbst. Die Veränderungen, denen Natur

und Zweck des Sports unterworfen sind, stehen im Einklang mit dem

Prozeß, der eine einzige, allseits beherrschende Sprache durch eine

Vielzahl von begrenzten Sondersprachen ersetzt und damit zugleich die

Notwendigkeit von Schriftkultur und schriftkultureller Bildung

eingeschränkt hat.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 40 / 81 题