Sport und Selbstkonstituierung

Gymnastik als Körperkultur steht auch im Zusammenhang mit der

Entwicklung der Kunst. Sie ist nicht nur zufällige Abfolge von

Bewegungsübungen, sondern hat physische und metaphysische Dimensionen;

letztere haben zu tun mit der Suche nach idealen Proportionen, die

in philosophischen Zusammenhängen gesucht und ausformuliert wurden.

Entsprechend der Grundthese dieses Buches, daß sich die

Menschheitsentwicklung als fortschreitende Selbstkonstituierung in

praktischen Lebenszusammenhängen vollzieht, ist auch Sport keine

reflexive, sondern eine konstitutive Erfahrung. In der Ausübung

sportlicher Tätigkeiten entfalten die Menschen ihre körperlichen

Eigenschaften und deren Koordinierung. Diese Entfaltung gehört zur

Identitätsfindung und damit auch zur Eingliederung in eine

interaktive Gruppe Gleichgesinnter. Die Forschung führt die Anfänge

des Sports im wesentlichen auf Überlebenstechniken zurück und stellt

ihn damit in den Zusammenhang der Darwinschen Evolutionstheorie. Aus

der Perspektive eines Joggers erweist sich der Dauerlauf aber eher

als eine sehr persönliche, individuelle Erfahrung. Grundsätzlich ist

aber auch das Laufen eine gemeinschaftliche Angelegenheit von

Menschen, die der körperlichen Ertüchtigung einen bestimmten Wert und

soziale, kulturelle, wirtschaftliche und medizinische Bedeutung

beimessen. Wir schaffen uns nicht nur durch Dichtung,

Landbewirtschaftung oder die Herstellung von Maschinen, sondern auch

durch sportliche Tätigkeit. Der Sport besitzt wie die anderen

praktischen Erfahrungen natürliche, kulturelle und soziale

Dimensionen, die beim Erlebnis eines Sportereignisses

zusammmentreffen. Das Zusammenspiel der verschiedenen Dimensionen

kann Gegenstand eines Berichts werden: die Erklärung der Leistung

durch Training, Veranlagung, durch soziale Bedingungen (Stolz,

Ehrgeiz, Patriotismus). Vielen erscheint die Bedeutung eines

Sportereignisses daher auch nicht in der diesem Ereignis jeweils

eigenen Dynamik und dem speziellen Ablauf des einzelnen Wettkampfs,

sondern als vorbestimmt, wie in den magisch-mythischen Körperkulten

ja auch diese Bedeutung den gesamten Vorgang bestimmte. Dem Verlauf

eines Fußall- oder Hockeyspiels wird man diese Bedeutung nicht mehr

direkt ablesen können. Sie sind zu spezialisiert und stellen nichts

dar als sich selbst. Aber ein Spiel kann doch auch andere Funktionen

zugewiesen bekommen und statt eines nach bestimmten Regeln

ablaufenden Wettkampfes zu einem Nervenkrieg, zur Darstellung von

Gewalt, Nationalstolz oder zu reinem Exhibitionismus degenerieren.

Trotz identischer körperlicher Anlagen der Menschen hat der Sport in

unterschiedlichen Kulturen doch unterschiedliche Formen und

Bedeutungen angenommen. Ich habe dabei nicht die Freudsche oder

marxistische Theorie des Sports im Auge oder Huizingas Homo ludens.

Ich erkläre die Unterschiede viel mehr aus den unterschiedlichen

Kontexten, in denen sie sich wie jede andere Form menschlicher

Erfahrung entwickelt haben, also aus einer pragmatischen Perspektive.

Wenn ein Japaner in einem Kemari genannten Spiel gegen einen Ball

tritt, dann hat das mit Fußball wenig zu tun. Wenn ein

buddhistischer Bogenschütze den Bogen spannt, dann ist dieser Ablauf,

in dem das Verlangen nach Einheit mit der Welt zum Ausdruck kommt,

ein anderer als beim Bogenschießen afrikanischer Stämme oder beim

Bogenwettkampf der antiken Olympischen Spiele. Viele Beispiele

könnten dies ergänzen. Vielleicht sollten wir uns die

Bewegungsabläufe jüngerer, nicht aus dem Symbolismus vergangener

Zeiten hervorgegangener Sportarten wie Baseball, Wassergymnastik oder

Eistanz anschauen, um zu sehen, welche Aspekte menschlicher Tätigkeit

jeweils in sie eingegangen sind und welche Erfahrungsformen sie für

die Beteiligten ergeben. Überraschend ist vor allem die Vielfalt.

Die menschliche Phantasie ersinnt immer wieder neue Wettkämpfe, in

denen Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit messen können.

Ebenfalls wenig überraschend ist die Tatsache, daß sie alle dabei

bestimmte Regeln befolgen, Spielregeln oder auch solche der äußeren

Erscheinung (Kleiderregeln u. ä.). Neben solchen standardisierten

Erfahrungsmustern findet sich auch eine von diesem Standard

abweichende Praxis in Form von individuellen Regeln,

ad-hocKonventionen und privaten Wettkämpfen. Die soziale und die

private Ebene des Sports hängen lose zusammen. Als Profisportler muß

man die Regeln der standardisierten Erfahrung in bestimmten

Organisationsformen oder in anerkannten Wettkämpfen befolgen. Im

übrigen befindet sich derjenige, der einem Beruf im sportlichen

Bereich nachgeht, in einer ganz ähnlichen Situation. Hier ist die

Schriftkultur das Medium, das die Regeln faßt.

Jenseits der Schriftkultur — Band 4 · 第 39 / 81 题