Die Bezüge zwischen Sport und Schriftkultur sind alles andere als
offensichtlich. Das Zuschauen bei einer Sportveranstaltung setzt
keine sonderliche Bildung voraus, und um in einer sportlichen
Disziplin oder einer Mannschaft ein Star zu werden, bedarf es keiner
besonderen Lese- und Schreibfähigkeiten. Die mit Sport verbundenen
Tätigkeiten und Abläufe gehören zu unserem alltäglichen körperlichen
Repertoire und bildeten einstmals die Grundlage für die primitiven
Überlebenstechniken. Auch die auf körperliche Leistungsfähigkeit
bezogenen magisch-mythischen Rituale können ohne Rekurs auf mündliche
oder schriftliche Sprachlichkeit erklärt werden. Außergewöhnliche
physische Fähigkeiten wurden und werden noch heute in einigen
Kulturen als Ausdruck von Kräften gedeutet, die sich unserer direkten
Kontrolle und unserem Verständnis entziehen. Götterverehrung nahm
oft die Form außergewöhnlicher körperlicher Leistung an; in
archaischen Kulturen wurden Athleten als Dankesopfer dargebracht,
weil das Beste den Göttern zum Wohlgefallen diente.
Frühe Formen dessen, was später Sport genannt wurde, fielen zeitlich
mit der Entwicklung jener Zeichensysteme (Gesten, Laute, Formen)
zusammen, die schließlich zur Schrift führten. Es war eine
synkretistische Entwicklungsphase, in der das Physische den Intellekt
beherrschte. Das Laufen bei der Jagd und das Laufen als Spiel sind
zwei gänzlich verschiedene Erfahrungsformen, die unterschiedlichen
pragmatischen Kontexten angehören, sie verfolgen unterschiedliche
Zwecke und zeitigen unterschiedliche Ergebnisse. Zwischen diesen
Erfahrungsformen liegen etwa 20000 Jahre. Der in einem Wettkampf
ausgedrückte Grad der Abstraktion und Verallgemeinerung setzte
Selbsterfahrungen voraus, in denen sich das Verhältnis vom Physischen
zum Geistigen radikal veränderte. Die Bezeichnung Sport entwickelte
sich vermutlich in dem lebenspraktischen Rahmen, in dem sich die
Trennung von säkularen und nicht-säkularen Formen der Lebenspraxis
vollzog. Die Pflege und Ausbildung der biologischen Anlagen und
magisch-mythische Praktiken beruhten beide auf der Einsicht in die
besondere Bedeutung des Körpers und in die Notwendigkeit, diese
Einsicht allgemein zu verbreiten. Die beherrschende Antriebskraft
war auch hier die Effizienz, nicht als solche bewußt gemacht, nicht
begrifflich gefaßt, aber anerkannt im Körperkult und in dem Bemühen,
diesen zum Teil der allgemeinen Kultur zu machen. Wettkampf
(griechisch athlos) und Preis (griechisch athlon, woraus sich der
Begriff Athlet ergab) sind Verallgemeinerungen jener
lebenspraktischen Situationen, die Überleben und Wohlergehen
befördert hatten.
Sport ist eine komplexe Erfahrung mit rationalen und irrationalen
Komponenten, die im Verhältnis von Sport und Schriftkultur beide eine
Rolle spielen. Wir wollen uns die Entwicklung anschauen, die den
Sport in seiner heutigen Form hat entstehen lassen: einerseits ein
Freizeit- und Entspannungsphänomen, andererseits eine hochkompetitive
Form der Arbeit, die wie jedes andere Produkt menschlicher Arbeit auf
dem Markt gehandelt wird.
Die Verbindung zwischen dem Ergebnis körperlicher Arbeit und
körperlicher Leistungsfähigkeit stellte sich im Zusammenhang einer
sehr begrenzten, aber stark strukturierten Tätigkeit ein. Sie wurde
schnell zum Maßstab des Überlebenserfolgs, und so drückt sich die
Rationalität einer Lebensgemeinschaft, für die das Überleben der
Tüchtigsten zur alltäglichen Erfahrung gehört, im Prinzip des
Wettkampfs und der Konkurrenz aus. Athleten fanden sich zum
Wettkampf ein, um den Göttern wohlgefällig zu sein, um Fruchtbarkeit,
Regen oder ein längeres Leben zu erflehen oder Dämonen zu vertreiben.
Viele Petroglyphen und frühe Schriftdokumente heben die Rolle des
Stärkeren, Schnelleren und Geschickteren heraus. Alle Kulturen haben
Hinweise darauf überliefert, daß das Körperliche und dessen
besonderer symbolischer Status eine wichtige Rolle gespielt haben.
Die Einsicht, daß einige biologische Merkmale des Menschen seine
Überlebenschancen erhöhten, führte auch zum Verständnis der
Rationalität des Körpers. Die Einbindung dieser Rationalität in eine
Kultur des Körperbewußtseins führte zu praktischen Erfahrungen der
Selbstentfaltung, die schließlich im Profisport ihren vorläufigen
Endpunkt fand. Ein irrationales Element liegt darin, daß alle Männer
und Frauen zwar struktural gleich, manche aber dennoch physisch
vorteilhafter ausgestattet sind. Wie bei allen anderen Formen der
Identitätsfindung wurde auch hier das Unerklärbare einem
Erklärungsbereich zugewiesen, der jeglicher Rationalität entbehrt.
Deshalb werden Bitten um Regen und Gesundheit oder das Vertreiben
böser Geister mit sportlicher Tätigkeit verknüpft. Der Kult des
Körpers, besonders bestimmter Körperteile, ergab sich aus Erfahrungen
des Menschen, die zum Bewußtsein seiner selbst führten. Als Körper
und Körperteile Selbstzweck wurden, stand die Rationalität
körperlicher Leistungsfähigkeit zu Überlebenszwecken zu anderen,
jenseits individuellen oder kollektiven Wohlergehens liegenden
Gründen im Widerspruch. Ritual und Mythos, Religion und Politik
nahmen sich dieser irrationalen Komponenten an. In
frühgeschichtlichen Kulturen, in denen die Kenntnis körperlicher
Phänomene noch nicht sonderlich ausgeprägt war, wurde von der
physischen Leistungskraft der wettstreitenden Athleten auf das
zukünftige Wohlergehen der ganzen Gesellschaft geschlossen.
Müssen wir in einem Zusammenhang, in dem das Überleben der
Tüchtigsten an körperliche Leistungsstärke gebunden war, von der
Vorstellung ausgehen, daß ein Kämpfer ähnlich einem allein lebenden
Tier, das sich den anderen nur zu Paarungszwecken anschließt, allein
auf sich gestellt aus der Menge herausragt und sich nur dem Kampf
stellt, um zu töten oder getötet zu werden? Wohl nicht. Der Mensch
hat sich stets in kooperativen Formen entfaltet, wie primitiv sie
ursprünglich auch waren. Bis zu einer bestimmten Skala ging der
Kampf immer nur ums Überleben, er setzte sich um in Nahrungssuche und
Fortpflanzung. Erst als die Landbewirtschaftung mehr Nahrung als
unmittelbar benötigt produzierte, verlagerte sich der Kampf vom
Überlebenskampf zur Selbstbestätigung im Wettkampf. Wettkampf und
Leistungserwartung fielen mit den Anfängen der Schrift zusammen und
wurden dann zunehmend als Teil des kommunalen Lebens begriffen. Jede
weitere Veränderung des menschlichen Daseins führte zu entsprechend
veränderten Erwartungen an die körperliche Leistungskraft, die den
jeweiligen Effizienzerwartungen entsprachen.